12. Juni 2019 Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren Michel Foucaults

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren Michel Foucaults

Sehr geehrte Frau Briat, 
sehr geehrter Herr Generalkonsul,
sehr geehrter Herr Hess, 
sehr geehrter Herr Professor Nicolaysen,
sehr geehrter Herr von Dohnanyi, 
meine sehr verehrten Damen und Herren,

„Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und auch anders wahrnehmen kann als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist.“ Ein typischer Michel Foucault-Satz, dessen Denken uneinheitlich und unruhig war, Widersprüche und Veränderungen zuließ. 

In unserer Gegenwart mit ihren medialen Innovationen und politischen Herausforderungen, von denen Foucault noch nichts wissen konnte, stellt sich die Frage: Wie können wir heute mit seinem Werk umgehen?

Die Antwort liegt in der Offenheit seiner Denkweise und seines Werks. Das Hinterfragen des als selbstverständlich Angenommenen und die Fähigkeit zum Kompromiss, sind damals wie heute Grundlage für eine gelingende Debattenkultur. 

Für den Diskursanalytiker Foucault ging es immer darum, erklären zu können, wieso Aussage X zum Zeitpunkt Y auftritt. Und auch darum, den Blick darauf zu richten, was und aus welchen Gründen zum Zeitpunkt Y nicht gesagt wurde. Diese Grenzen des Sagbaren prägen den Diskurs für ihn ebenso wie das Gesagte selbst. 

Ich bin wahrlich kein Foucault-Experte und war intellektuell immer eher Jürgen Habermas zugeneigt, doch den Ansatz, Kommunikation als niemals freie, sondern vielmehr von Machtstrukturen durchzogene Praxis zu betrachten, finde ich nachvollziehbar. Wer die Freiheit gesellschaftlicher Kommunikation stärken will, muss deshalb Macht analysieren und das kritische Potenzial von Kommunikation für das Gelingen sozialer Beziehungen nutzen.

Meine Damen und Herren,
seit vielen Jahren verbindet Hamburg und Frankreich eine enge Freundschaft. 
Schon 1947 war auf Initiative von Erich Lüth, dem Pressesprecher des Hamburgischen Senats, die deutsch-französische Gesellschaft Cluny gegründet worden. 

Dass auch der französische Staat die Verbindung zu Hamburg in besonderer Weise anerkennt, zeigte André François-Poncet 1951 mit der Stiftung für ein Institut Français. Noch im selben Jahr wurde das gleichnamige Institut in der Heimhuder Straße 55 feierlich eröffnet.

Von 1959 bis 1960 leitete Michel Foucault das Hamburger Institut. Im Gepäck hatte er zwei unfertige Manuskripte, die er in dem Hamburger Jahr weitgehend beendete: Die Einführung in Kants Anthropologie (Paris 2008, dt. Berlin 2010), die er zusammen mit einer Übersetzung von Kants Schrift als akademische Qualifikationsarbeit einreichte sowie 
sein erstes Hauptwerk, ´Wahnsinn und Gesellschaft`, dessen abschließende Überarbeitung ebenfalls in Hamburg stattfand. Als Foucault im Oktober 1959 als neuer Direktor des Instituts vorgestellt wurde, ahnte noch niemand, welche intellektuelle Sprengkraft sein Werk bis heute entfalten würde.

Mit der Gründung des Institut français 1951 wurde ein neues Kapitel in den hamburgisch-französischen Beziehungen aufgeschlagen. Die offizielle Kulturvertretung machte schon damals unsere Stadt zu einem Standort französischer Kultur und Sprache. Das „Institut francais“ repräsentiert nun seit fast 70 Jahren die französische Welt in der Hansestadt.
Es hat das Frankreichbild unzähliger Hamburgerinnen und Hamburger geprägt. Durch vielfältige sprachliche und interkulturelle Programm- und Projektangebote trägt es zur Förderung der partnerschaftlichen Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland bei. 

Über Angebote zum Erlernen der französischen Sprache durch Kurse und Bildungsarbeit oder die Sichtbarmachung der Werke von französischen, in Deutschland lebenden Künstlerinnen und Künstler, entwickelt das „Institut francais“ den interkulturellen Austausch weiter. Die Arbeit lokal wie international vernetzter Institutionen ist für Hamburg von enormer Bedeutung, sind sie doch maßgeblich beteiligt an der Vielfalt und Entwicklung der Stadtgesellschaft, in der ganz unterschiedliche Lebenswelten und –wahrheiten aufeinandertreffen. 

Foucault erkannte diese Vielfalt immer an. Er verneinte letztgültige Wahrheiten und war stets auf der Suche nach komplexen Ursache-Wirkungsbeziehungen. 
Warum denken wir, wie wir denken? Diese Frage leitete ihn zu der These, dass unser Denken immer das Ergebnis vorstrukturierter Wissensproduktion sei. 

In diesem Supermarkt voller Wahrheiten versuchte er, sich zurecht zu finden und überprüfte seine Vorgehensweise immer wieder aufs Neue. 

Das Überprüfen komplexester Theorien sowie einfacher Beobachtungsaussagen, samt der ihnen innewohnenden subjektiven Wissensproduktion, ist Grundlage seiner Philosophie. 

Mindestens so spannend – auch vor dem Hintergrund der aktuellen Situation – finde ich den intersubjektiven Aspekt der Kommunikation. Die Möglichkeit zur Verständigung durch menschliche Sprache ist, meiner Ansicht nach, die Basis für Vernunft. 

Wenn wir miteinander reden, tauschen wir nicht nur Informationen aus, sondern bilden auch soziale Beziehungen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir das gesellschaftliche Gespräch führen – und seine Vielfalt und Widersprüche aushalten. Es ist wichtig, dass wir gerade in Europa zeigen, welche Kraft in dieser Vielfalt liegt. 

So geschieht es durch die Sichtbarkeit der französischen Kultur und Sprache in Hamburg. Durch die Arbeit des „Institut francais“ - auch über die Stadtgrenzen hinaus - wirkt diese in die Gesellschaft und leistet einen wichtigen Beitrag zur Verständigung über gemeinsame Werte und Grundlagen des Zusammenlebens.

Foucault erkundete in seinem Werk, bis zu welchem Punkt es möglich ist, anders zu denken. Das Ausloten der eigenen Grenzen und der Anspruch, das eigene Denken immer weiter zu entwickeln, sind wichtige Voraussetzung für interkulturellen Austausch und Begegnungen, wie das „Institut francais“ sie hier in Hamburg und darüber hinaus fördert.Hier wird das moderne Frankreich, ob durch Sprachkurse oder die Förderung von in Deutschland lebender französischer Künstlerinnen und Künstler, sichtbar. Die Idee für die Gedenktafel zu Ehren Foucaults an genau diesem Ort ging von Peter Hess, dem Initiator von „Gedenktafeln in Hamburg“ aus. 

Im Jahr 2016 erschien der Aufsatz „Foucault in Hamburg“ von Prof. Rainer Nicolaysen – Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg – in der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte (ZHG, Bd. 102). 
In diesem Text schreibt Prof. Nicolaysen – hierzu wird er später noch berichten – über Michel Foucaults einjährigen Aufenthalt in Hamburg 1959/60: über Foucaults Direktorenzeit am „Institut Français“, den Abschluss seines ersten großen Werkes „Wahnsinn und Gesellschaft“ und über seine Streifzüge durch das schwule (queere) St. Pauli. 

Herrn Hess, der hier in der Nähe des „Instituts Français“ lebt, fiel dieser Artikel in die Hände und so war die Idee geboren.

Ich freue mich über die Symbolkraft der Gedenktafel zu Ehren Foucaults als bestehendes sowie in die Zukunft gerichtetes Versprechen, die bestehende Partnerschaft und den Austausch zwischen Frankreich und Deutschland zu fördern.

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