29. Juli 2019 Senatsempfang aus Anlass des 300. Todestages von Arp Schnitger und der Internationalen Jahrestagung der Gesellschaft der Orgelfreunde e.V.

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Senatsempfang aus Anlass des 300. Todestages von Arp Schnitger und der Internationalen Jahrestagung der Gesellschaft der Orgelfreunde e.V.

Sehr geehrte Mitglieder des Bundestages, lieber Johannes Kahrs,
sehr geehrte Frau Vize-Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, liebe Frau Duden,
sehr geehrter Herr Professor Schneider,
sehr geehrter Herr Landeskirchenmusikdirektor Wulf,
sehr geehrte Mitglieder der Gesellschaft der Orgelfreunde,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

da viele von Ihnen nicht aus Hamburg kommen, möchte ich etwas ortsspezifisch beginnen. In Hamburg tun wir uns immer ein wenig schwer mit dem Adel. Hamburg war immer eine Bürgerrepublik, hatte nie einen adeligen Regenten, auch wenn das prächtige Hamburger Rathaus manch hochadeliger Residenz in Nichts nachsteht. Und gerade hier im Festsaal wird diese urhamburgische Haltung ganz besonders augenfällig:

Die Wandgemälde von Hugo Vogel zeigen die Geschichte unserer Stadt von der Urlandschaft bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Spannend ist vor allem die Geschichte der Darstellung der Christianisierung: Hugo Vogel musste dort die erste Fassung überarbeiten, da vor dem segnenden Bischof Ansgar zunächst ein kniender Mann dargestellt war. Aber: ein stolzer Hamburger Bürger kniet vor niemandem, weder vor Klerus noch vor Adel. Vogel musste auf Geheiß der Senatoren den Hamburger entsprechend wegretuschieren.  

Gleichwohl bietet unsere Stadt seit nunmehr über 700 Jahren „einer Angehörigen des Hochadels“ sehr gerne und an vielen Orten eine Heimstatt – der Orgel, die Wolfgang Amadeus Mozart einst als „Königin unter den Instrumenten“ bezeichnete.

Insgesamt sind es heute mehr als 320 standortgebundene Instrumente, die in Hamburg erklingen und Hamburg zu einer Orgelstadt par excellence machen.

Seit mehr als 700 Jahren können Orgeln in Hamburg nachgewiesen werden und der ortsansässige Orgelbau hat eine mehr als 500jährige durchgängige Tradition.

Dabei war Hamburg für den Orgelbau zunächst eigentlich gar kein idealer Standort:

Fast alle für den Orgelbau benötigten Materialen sind regional nicht verfügbar.

Jedoch bot der Hamburger Hafen früher wie heute als internationaler Umschlagplatz ideale Voraussetzungen für die Beschaffung der Werkstoffe und Werkzeuge.

Dadurch konnte Hamburg bereits früh eine führende Stellung im Orgelbau des Nordseeraums einnehmen, diese ausbauen und weit in den norddeutschen Kulturraum hineinwirken.

Einer, der sich diese Konstellation in besonderer Weise nutzbar machte und sich neben seiner handwerklichen Brillanz zudem als besonders erfolgreicher Kaufmann erwies, war der Orgelbauer Arp Schnitger. Gestern vor 300 Jahren wurde mit Arp Schnitger der wirkmächtigste und bis in unsere Tage maßstabsetzende Orgelbauer Norddeutschlands in der Kirchengruft in Neuenfelde bestattet.

Er hatte seine Werkstatt unweit von hier und betrieb seinen Orgelbauerhof in Neuenfelde, einem der süd-westlichsten Stadtteile des heutigen Hamburg. Rund 170 Orgeln entstanden in seiner Werkstatt, allein 23 davon befanden sich auf Hamburger Stadtgebiet.

Er war für seine Zeit so etwas wie ein „Globalplayer“, der traditionelles Handwerk auf nachgerade kongeniale Weise mit modernen unternehmerischen Ansätzen des Vertriebs und der arbeitsteiligen Produktion verband. Mit den Instrumenten in der Hauptkirche St. Jacobi und in St. Pankratius in Neuenfelde finden sich heute zwei der wichtigsten seiner noch 20 substantiell erhaltenen Orgeln in Hamburg.

In Zusammenarbeit mit dem Verein „Orgelstadt Hamburg“ haben wir Schnitgers 300. Todestag zum Anlass genommen, um unter dem Motto „Hamburg zieht alle Register“ die großartige Kulturtradition rund um die Orgel mit dem Orgeljahr 2019 zu feiern.

Dabei steht nicht nur das Schaffen Schnitgers, sondern die gesamte Orgellandschaft Hamburgs im Blick.

Es geht uns darum, das faszinierende Instrument Orgel einer breiten und zunehmend säkularen Öffentlichkeit einmal mehr ins Bewusstsein zu rücken und buchstäblich näher zu bringen. Als ein Instrument, das eben nicht weit entrückt in einem Winkel auf einer dunklen Kirchenempore steht und dessen Image mitunter zwischen „Folterinstrument und Himmelsmacht“ oszilliert, wie der Schauspieler und Künstler Hanns Zischler einmal schrieb, sondern nahbar und im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar ist und nicht unabdingbar – auch nicht örtlich – in einen sakralen Kontext gebunden ist.

Wir sind nun mitten in diesem Orgeljahr 2019 mit seinen rund 900 Hamburger Einzelveranstaltungen rund um die Orgel angekommen. Vieles hat bereits erfolgreich stattgefunden, manches wurde begonnen oder steht unmittelbar vor der Durchführung.

Doch was man bereits jetzt schon sagen kann: Das Interesse, die öffentliche und mediale Resonanz und die Wirksamkeit übertreffen alle unsere Erwartungen, sowohl im Kleinen wie im Großen: Das verdeutlichen mitunter die Konzerte, die durch die Aktivitäten des Orgeljahrs zwischenzeitlich einen nennenswert besseren Publikumszuspruch erfahren sowie auch die interaktive und wortwörtlich „pfiffige“ Website orgelstadt-hamburg.de, die einen umfassenden Zugang zur Orgelstadt bietet. Sie ist zugleich kommunikativer Motor für das ganze Orgeljahr. Dort fin­det sich ein Kalendarium mit allen Hamburger Veranstaltungen, ein virtueller Stadtrundgang zu allen Hamburger Instrumenten und zudem werden Informationen, Geschichten und Anekdoten rund um die Hamburger Orgellandschaft bereitgehalten und erzählt, auch zu Arp Schnitger.

Begleitet wird der Webauftritt durch intensive social media-Aktivitäten auf Instagram und Facebook, wo neben regelmäßigen Postings vom „Orgelstadtverein“ zwischenzeitlich ein reger Austausch unter über 1.300 Neugierigen und Spezialisten zu Hamburger Orgelthemen stattfindet.

Vor wenigen Tagen hat zudem im Museum für Kunst und Gewerbe mit der „Manufaktur des Klanges“ eine Ausstellung eröffnet, die der 2017 durch die UNESCO erfolgten Ernennung von Orgelbau und Orgelmusik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit Rechnung trägt.

Neben vielen weiteren Aktivitäten sind es natürlich die Orgelmusiken und ‑konzerte, die durch das Wirken der zahlreichen Organistinnen und Organisten an allen 365 Tagen des Jahres hier in Hamburg erlebbar und die beste Werbung für das Instrument sind.

Das Orgeljahr 2019, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im gleichen Umfang wie von meinem Haus gefördert wird, und in Kooperation mit dem Musikfest Bremen stattfindet, ist eine beeindruckende Gemeinschaftsleistung, die besondere Würdigung verdient. Ich danke allen, die durch ihr Engagement dazu beigetragen haben, dass das Orgeljahr schon jetzt – sozusagen beim Bergfest – ein voller Erfolg ist. Stellvertretend für alle Mitwirkenden im Verein „Orgelstadt Hamburg“ danke ich an dieser Stelle Herrn Landeskirchenmusikdirektor Hans-Jürgen Wulf und dem Orgelbeauftragten der Stadt, Herrn Dr. Alexander Steinhilber, die mit unermüdlichem Engagement eine besondere Rolle im Hamburger Orgeljahr 2019 spielen.

Eine der herausragenden Veranstaltungen dieses Orgeljahres ist die 67. Internationale Orgeltagung der Gesellschaft der Orgelfreunde.

Die Liste der bisherigen Tagungsorte der GdO ist beeindruckend und so ist es umso erfreulicher, dass sich die GdO – nach 1965 – bereits zum zweiten Mal für Hamburg entschieden hat. Denn Hamburger Orgeltagungen haben durchaus das Potenzial, eine enorme Wirkung zu entfalten: Die 1925 auf Initiative des Hamburger Schriftstellers Hans Henny Jahnn durchgeführte Hamburg-Lübecker Organistentagung beispielsweise war Ausgangspunkt einer Erneuerungsbewegung, deren Prinzipien als sogenannte deutsche Orgelbewegung den Orgelbau weltweit grundlegend reformiert haben und die bis in die Gegenwart hineinwirken. Hamburg setzte erneut Maßstäbe.

Die rund 300 Tagungsteilnehmer aus Nah und Fern heiße ich an dieser Stelle herzlich willkommen in der Orgelstadt Hamburg. Sie werden in den kommenden fünf Tagen in 50 Veranstaltungen mit Besichtigungen, Exkursionen nach Lüneburg und ins Alte Land, mit einem Symposium und mit zahlreichen hochkarätigen Konzerten ein enorm dicht gedrängtes Programm absolvieren. Dafür wünsche ich Ihnen gutes Gelingen, gute Orgelerlebnisse und gutes Durchhalten – es lohnt sich.

Man sagte mir übrigens, man erkenne die Tagungsteilnehmer daran, dass eine größere Gruppe von Menschen rückwärts in Kirchenräume geht, um so als Allererstes die Orgel sehen zu können – Sie werden also nicht zu verfehlen sein.

Meine Damen und Herren,

Sie alle, die Sie heute zum Senatsempfang gekommen sind, eint auf wunderbare Weise die Passion für die Orgel. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es, dass Sie Ihre Begeisterung für das Instrument weiterhin auch in zukünftige Generationen tragen, so dass die Vielschichtigkeit des Instruments auch in dem Publikum widerhallt,

denn wie schon Honoré de Balzac zu sagen wusste:

„Die Orgel ist ohne Zweifel das größte, das kühnste und das herrlichste aller von menschlichem Geist erschaffenen Instrumente, sie ist ein ganzes Orchester, von dem eine geschickte Hand alles verlangen, auf dem sie alles ausführen kann.“

Vielen Dank!

 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien