14. Juni 2019 Kongress „Mind the Progress” 

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Kongress „Mind the Progress” 

Lieber Egbert Rühl, 
lieber Professor Nassehi, 
meine sehr geehrten Damen und Herren, 

Alan Kay, ein Vordenker der Informatik, hat einmal gesagt: “Simple things should be simple and complex things should be possible.”

Komplizierte Dinge sollten möglich sein. Das ist ein wirklich gutes Credo, wenn ich mir unsere aktuelle gesellschaftliche, ökonomische und auch politische Lage anschaue. Es lohnt sich, diese positive Idee von Komplexität genauer zu untersuchen. 

Ich bin dem Kongress sehr dankbar, dass er sich dieser Aufgabe stellt, weil wir allerorten das Gefühl haben, die Komplexität und damit Unübersichtlichkeit nähmen zu, und wir nach Mechanismen der Reduktion von Komplexität suchen, die wir im Alltag anwenden können. Mechanismen, die es uns erleichtern, wieder zu den durch die Digitalisierung nach vorne gedrängten binären Entscheidungsmöglichkeiten durchzudringen. 

Das Paradoxe an unserer Zeit ist ja gerade, dass wir eine Komplexität wahrnehmen, die eine Multiperspektivität von Möglichkeiten und Optionen vor uns ausbreitet, gleichzeitig aber eine Logik dahintersteht, die eigentlich nur die Entscheidung zwischen 0 und 1 in jeder Codezeile kennt. Das heißt, die totale Reduktion auf eine binäre Logik führt trotzdem zu einem System überbordender Komplexität, die uns dann in unserem Alltag manchmal überfordert. 

Die Fragen, die die Hamburg Kreativ Gesellschaft bei diesem Kongress mit verschiedenen, spannenden Speakern ins Visier nimmt, sind drängend: Wie fügen sich unsere Kreativität, unser Denken und Handeln in diese von technologischer Transformation geprägte Entwicklung? Wie können wir Komplexität annehmen und ihr zugleich mit Gestaltungsanspruch entgegentreten? Was gibt in den unübersichtlichen Zeiten, in denen wir uns bewegen, noch Orientierung? 
Laut Richard Florida sind auch Politiker Teil der Creative Class; ich werde daher einen kurzen Seitenblick auf den Bereich werfen, in dem ich mich bewege, denn auch wir sind natürlich mit diesen Komplexitätsfragen befasst. 

Politik gilt gemeinhin als der Mechanismus, der Allgemeinverbindlichkeit und gemeinwohlorientierte Entscheidungen produzieren soll. Nun stellen wir von Umbrüchen betroffen fest, dass etwas gar nicht mehr so funktioniert, wie es noch vor wenigen Jahren konzipiert und gedacht und von uns allen regulativ ideal unterstellt worden ist. Annahmen verändern sich in einer Rasanz, die auch uns Politiker unter Stress setzt. 

Ganz offensichtlich entsteht ein neuer Konflikt darüber, was eigentlich eine gemeinwohlorientierte Perspektive in unserer Gesellschaft sein könnte. Das hat wiederum mit der Komplexität der Fragen um uns herum zu tun und mit der Frage nach der Essenz eines „Frames“, durch den hindurch ich diese Komplexität so reduzieren kann, dass er plausibel ist. 

Momentan gibt es zwei Interpretationsmechanismen, die besonders wirkmächtig sind. Der eine kommt von ganz rechts und kristallisiert sich an der AfD. Im Kern lautet ihre These, wir hätten es mit der Vielfalt, der Offenheit und der Komplexität unserer Gesellschaft viel zu weit getrieben. Wir müssten drei Schritte zurück gehen in eine wieder wohlgeordnete und zwar tradiert vorformierte Ordnung einer Gesellschaft, die weniger heterogen, weniger komplex und klarer überschaubar sei für diejenigen, die sich darin bewegen. 

Das ist ein Integrationsmechanismus, der auch in Studien zu der Frage, wie es eigentlich zum Brexit kommen konnte, klar analysiert wurde. Es gibt offensichtlich große Bevölkerungsgruppen, die mit der Offenheit unserer Gesellschaft nicht mehr klarkommen und die das Gefühl haben, über die kulturellen Ressourcen, die notwendig sind, um Teilhabe an Gesellschaft und Bearbeitung von Komplexität zu leisten, nicht mehr selbst zu verfügen. Diesen Menschen machen wir momentan zu wenig Integrationsangebote, diese kommen dann stattdessen leider aus der dumpfen rechten Ecke – hier liegt eine politische Gestaltungsaufgabe. 

Der zweite Zusammenhalts- und Komplexitätsreduktionsmechanismus ist anderer Gestalt und tritt im Gestus anders auf. Es ist ein Mechanismus, der dazu führt, dass man sich solidarisch verhält. Er kreist um die Frage: Wie gehen wir mit dem menschengemachten Klimawandel und der Katastrophe, die uns droht, eigentlich um? Wenn alle gegen den Klimawandel etwas tun müssen, verkörpert dies die globalistisch-universalistische Perspektive der Menschheit und des Planeten Erde. Es geht dabei um ein gemeinsames Problem, das wir nur gemeinsam bewältigen können. Dieses Identifikationsangebot ist ein Angebot, durch eine bestimmte Entscheidungsstruktur hindurch komplizierte Aufgaben auf eine klare Frage hin aufzulösen. 

Ob das dann genau die Frage ist, die auch alle Nebenwidersprüche beseitigt, ist noch offen und wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen. Um deutlich zu machen, was ich meine: Die einstige vermeintlich klare Frage nach dem Verhältnisses von Kapital und Arbeit behauptete, alles andere sei egal und sei nur ein Nebenwiderspruch. Ob das wirklich so war oder ob es auch jetzt beim Klimaschutz so ist oder nur gerade im Moment hilft, wird sich zeigen, aber es ist ein Mechanismus der Reduktion von Komplexität. Am Ende führt es dazu, dass die klassischen Fragen, die wir kennen, in der Politik zwischen diesen neuen Fragen auf einmal hindurchrutschen. 

Hiermit beschäftigt sich meine Zunft gerade. Und auch in Ihrer Branche müssen Sie sich unter Umständen fragen: Wie funktionieren künftig Konstellationen, in denen ich Arbeit organisieren kann, in denen ich Wertschöpfungen organisieren kann, in denen ich Produktentwicklung organisieren kann? Insofern bin ich gespannt, wie das Ergebnis Ihrer Betrachtungen zur Frage, wie wir mit Komplexität umgehen können, ausfallen wird – zumal wir als Gesellschaft trotz steigender Komplexität ja die Fähigkeit Komplexität auszuhalten, ein Stück weit zu verlieren scheinen. 

Helmut Schmidt hat einmal gesagt, das Tempo der Demokratie sei das Schneckentempo. Das stimmt wahrscheinlich auch; wir brauchen oft lange, weil wir alles abwägen müssen, weil wir immer prüfen müssen, ob es für alle passt. Es geht um Kompromisse, die für die Mehrheit günstig und gültig sind. Es geht darum, die verschiedensten Interessen zu einem friedlichen Ausgleich zu bringen. Dies ist in einer Welt, die die Gemächlichkeit, die Bedächtigkeit und die Abwägung scheinbar nicht mehr zuzulassen in der Lage ist, auch eine Ebene der Auseinandersetzung, mit der wir neu umgehen müssen und bei der diejenigen, die mit bewusst vereinfachten Parolen daherkommen, dann scheinplausibler in der Antwort sind. Ob sie auch wirklich rationaler im Ergebnis des Prozesses sind, ist die Frage. 

Das Entscheidende im Zusammenhang von Komplexität und Technologie ist die Frage danach, wie wir eigentlich das Vertrauen in Systeme, die uns begegnen, organisieren. Vertrauen ist immer noch der Mechanismus zur Reduktion von Komplexität, der uns im Alltag am nächsten liegt. Es gibt eine sehr lesenswerte Studie von Rachel Botsman in den USA über den sogenannten „Trust Leap“, also über die Tatsache, dass wir immer mehr Vertrauen in immer komplexer funktionierende Systeme investieren müssen, von denen wir immer weniger wissen, wie sie funktionieren. Wenn bald Payment-Lösungen mit dem Smartphone auf uns zukommen und wir nicht einmal mehr auf eine Chipkarte zurückgreifen können, die ein Verhältnis zu unserer Bank bestätigt, sondern alles über das Smartphone abgewickelt wird, brauche ich verdammt viel Vertrauen. Denn ich glaube, so gut wie keiner von uns im Saal kann erklären, was technisch bei solchen Transaktionen eigentlich passiert. Wir gehen aber davon aus, dass das, was da passiert, auch genau das ist, was wir unterstellen. 

Diese Situation haben wir momentan in ganz vielen sozialen Momenten. Wir haben technische Lösungen, die wir überhaupt nicht mehr in der Lage sind, zu rekonstruieren, und wir unterstellen, dass sie stimmen. Auch das Vertrauen in eine bestimmte Herstellermarke ist oftmals hieran gekoppelt. Wo wir künftig die Vertrauensressourcen anlegen, ist also eine zentrale Frage. Liegen sie in der Markenbildung? Liegen sie im Anbieter? Liegen sie in den Prozessen der Erarbeitung des Produktes und somit in Verfahren? Liegen sie in den Regulierungsmechanismen, die wir als Staat schaffen, indem wir sagen: „Du musst dich zertifizieren, wir können da sonst einschreiten, wenn etwas schief geht, oder du kannst dich an eine Ombudsstelle wenden.“ 

All das sind Fragen, mit denen wir uns befassen müssen. Wir müssen einen gangbaren Weg dafür finden, dass wir uns alle in einer Welt bewegen, in der wir – abseits von grundsätzlichen Prinzipien – nicht mehr in der Lage sein werden, genau zu klären, was da eigentlich passiert. 

Eine schöne Metapher dafür ist der Straßenverkehr in Ostasien. Wenn Sie dort vor einer Straße stehen, wissen Sie oft nicht, wie Sie auf die andere Straßenseite gelangen sollen. Für Europäer kann es eine erhellende Erfahrung sein, wenn sie feststellen, dass die Einheimischen einfach losgehen und es irgendwie funktioniert – keiner weiß wie, aber man kommt auf der anderen Seite heil an. Das ist für Deutsche eine nicht aushaltbare Option, in Europa aber schon durchaus bekannt. Es gibt einen bekannten Film von Ulrich Wickert aus seiner Zeit als Korrespondent in Frankreich. Er stellte sich an den Arc de Triomphe, dem Platz, wo die zwölf Avenuen aufeinandertreffen, und fragte sich, wie die Pariser hierüber kommen – sie gehen einfach los. Moderierend und mit dem Kamerateam vorneweg überquerte auch Wickert den Platz und kam heil an. Das verdeutlicht: Die Franzosen haben diese Möglichkeit, Unsicherheit auszuhalten, offensichtlich schon. Wir müssen das noch lernen.

Das führt mich zu meinem letzten Punkt: Komplexität führt dazu, dass ich nicht mehr sagen kann, dass C das Ergebnis sein wird, wenn A und B gegeben sind. Diese schönen linearen Vorstellungen davon, dass wir bestimmte aufeinanderfolgende Logiken haben, funktionieren leider nicht mehr. Unsere Fähigkeit unsichere Ergebnisse auszuhalten – unsere Ambiguitätstoleranz – muss steigen. 

Gleichzeitig müssen wir deswegen wahrscheinlich kürzere Zieldimensionen annehmen. Dass ich etwas Bestimmtes in zwanzig Jahren erreichen werde, ist nicht garantiert, weil die Unsicherheiten schon morgen beginnen. Die Mechanismen aus der agilen Entwicklung sind letztlich nichts anderes, als die ökonomische und organisationssoziologische Übersetzung des Umgehens sowohl mit Ambiguitäten als auch mit Unsicherheiten und mit der Frage, wie ich trotzdem noch ungefähr das Ziel erreiche, von dem ich einmal angegeben habe, dass ich es erreichen will. 

Eine Situation hingegen, in der Sie in ein Flugzeug einsteigen, und der Pilot durchsagt: „Ich weiß, wo Sie hinwollen, ich verspreche Ihnen, irgendwie kommen wir da an, aber ich kann ihnen nicht sagen, ob wir nicht zwischendurch auch rudern müssen“ würde uns alle beunruhigen, ist aber ein Aspekt, mit dem wir auch werden umgehen müssen… 

Meine Damen und Herren,

das waren einige eher schlaglichtartige Beobachtungen zu dem Thema, die Sie in den nächsten zwei Tagen sicherlich viel systematischer und kongruenter vertiefen werden. 

Ich bin der Kreativ Gesellschaft sehr dankbar, dass sie dieses so wichtige Thema – und zwar nicht nur für die Kreativwirtschaft, sondern für unsere Gesellschaft insgesamt – auf die Tagesordnung gesetzt hat und sich durch Projekte wie das Cross Innovation Hub sowie den Teilmarktinitiativen wie nextMedia, Designxport oder gamecity immer wieder fragt, wie das eigentlich funktioniert. Wie kommen wir mit Unsicherheiten und Komplexitäten klar? Wie vernetzen wir auch unterschiedliche Branchen, die vor den gleichen Fragestellungen stehen? Und wie gelingt es uns, nicht mehr in diesen klassischen „Cluster-Silos“ zu denken, sondern Fragestellungen zu identifizieren, die wir auf der Tagesordnung haben, wenn wir wirtschaftspolitisch an Standortbedingungen und an ökonomische Systembedingungen denken? Vielen Dank für diese wirklich facettenreiche Gestaltung des Kongresses und einen ganz besonderen Dank an Egbert Rühl und sein Team.

Ihnen allen wünsche ich viel Spaß damit, das hier theoretisch Diskutierte dann auch in die Praxis umzusetzen – denn über Komplexität zu reden ist nur das eine, da lassen sich auch ungezwungen die Paradoxien benennen, aber im Alltag vor den Entscheidungssituationen zu stehen und zu überlegen, wie ich praktisch damit umgehe, ist das andere und darauf kommt es letztlich an. Als Junge aus dem Ruhrgebiet weiß ich von Adi Preißler aus dem Fußball: „Grau ist alle Theorie, entscheidend ist auf‘m Platz“. 

Das gilt im Umgang mit der Komplexität auch: Entscheidend ist „auf dem Platz“. Und dieser Platz ist verdammt kompliziert – vergleichbar mit einem Pokalspiel bei Dauerregen in der 89. Minute, wenn der schöne Rasen zu einem vollständigen Acker geworden ist und ich nicht mehr weiß, ob der Ball nach dem Aufprall liegenbleibt, nach links oder rechts fliegt oder in der intendierten Bahn bleibt. Das macht das Leben aber auch spannend. 

Die Chinesen sagen: „May you live in interesting times“. Das ist ausdrücklich freundlich und positiv gemeint und dieses Jahr auch das Motto bei der Kunstbiennale in Venedig. Insofern: „May you live in interesting times“. Wenn wir das positiv nehmen, haben wir sehr viel Spaß miteinander, und den wünsche ich Ihnen jetzt bei diesem wunderbaren Kongress.

Schönen Dank



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