23. August 2019 30. Jubiläum Künstlerhaus Wendenstraße

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

30. Jubiläum Künstlerhaus Wendenstraße

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

liebe Gäste,

in einem Beitrag für das Fernsehen hat Felix Kubin gesagt, das Künstlerhaus Wendenstraße sei so etwas wie das kleine gallische Dorf in Hammerbrook.

Ich weiß ja nicht, welchen Zaubertrank Sie sich hier mixen – aber er scheint zu funktionieren! Seit 30 Jahren gibt es nun das Künstlerhaus in diesem Viertel, dass vor allem mit den Attributen Business und Funktionalität assoziiert wird.
Rund 800 Unternehmen haben in der City Süd ihren Standort – und das Künstlerhaus Wendenstraße. Das kleine widerständige Künstlerdorf.

Wenn ich es richtig verstanden habe, erleben Sie, liebe Künstlerinnen und Künstler der Wendenstraße, diese geographische Lage aber durchaus als wechselseitig inspirierend. Sie beleben den Stadtteil und bringen einen leicht anarchischen Funken in die Zweckrationalität der Geschäftswelt. Und Sie lassen sich von dem Stadtteil zu Kunstwerken anregen.

Diese Wechselwirkungen aus dem Raum heraus und in den Raum hinein finden wir häufig dort, wie viele Künstler an einem Ort arbeiten. Und das ist kein Zufall. Denn Kunstschaffende sind Raumpioniere. Das ist eine inzwischen lange bekannte Tatsache. Sie entdecken das Potential von Teils vergessenen Orten und tragen mit ihrer Arbeit zum Beleben von Quartieren und zur Steigerung der Lebensqualität bei. In verlassenen Hinterhöfen, leerstehenden Lagerhäusern oder alten Fabriken, lassen sie neue Orte der Kreativität und Innovation entstehen und fördern mit ihrem Pioniergeist urbanes Leben.
Das kann man geradezu beispielhaft auch an diesem Ort sehen: Hätten die Künstlerinnen und Künstler der Wendenstraße in den 1990er Jahren die alte Fabrik der ehemaligen Carl Lippmann und Co.KG nicht in ein Atelierhaus verwandelt, dann wäre eines der wenigen Gebäude in Hammerbrook, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, längst abgerissen worden. Statt einer „kreativen Brutstätte“ würde hier nun mit großer Sicherheit „nur“ ein weiteres Bürogebäude – eines unter vielen anderen – stehen. Ein so schön buntes 30-jähriges Jubiläum würden wir heute dann kaum feiern können – und Hamburg wäre um einen wichtigen Kulturort ärmer.

Dank starker Unterstützung aus dem Bezirksamt Mitte und der Hilfe der damaligen Präsidentin der HfBK – Adrienne Göhler – konnte der Abriss damals verhindert werden und so ist im Zentrum der City Süd über die Jahre eines der größten Künstlerhäuser Hamburgs gewachsen.

Kunstschaffende sind mit ihrer Arbeit also nicht nur Entdecker, sondern auch Bewahrer, denn sie nisten sich an Orten ein, deren Potential nicht für alle sofort sichtbar ist und legen so Möglichkeitsräume frei. So werden nicht nur neue Orte für Kunst und Kultur geschaffen, sondern auch historische Gebäude vor dem Abriss bewahrt. Im besten Fall profitiert die Stadt in solchen Fällen also doppelt.

Nun könnte man hier einen Punkt machen und die Geschichte des Hauses als einen einzigen großen Erfolg feiern. Das wäre verdient zum 30-jährigen Jubiläum. Es wäre aber nur die halbe Geschichte, denn seit dem Erscheinen von Richard Floridas „Creative Class“ (2002) sind inzwischen 17 Jahre vergangen. Und so ist eine weitere längst bekannte Tatsache, dass trotz oder gerade durch diese Pionierarbeit die Raumpioniere selbst meist mit zu den Ersten gehören, die wieder vertrieben werden. Die Aufwertungsprozesse der aus dem Dornröschenschlaf erweckten Orte weckt zu viele Begehrlichkeiten, als dass die Mieten bezahlbar blieben.

Dieser Kreislauf der Gentrifizierung ist unerbittlich und in einer wachsenden Stadt wie Hamburg ist die Verdrängung von Kunstschaffenden an vielen Orten leider traurige Realität.

Ohne Räume, in denen sowohl gearbeitet als auch ausgestellt werden kann, hätten wir aber keine Kultur und damit keine Impulsgeber für andere Perspektiven, für Innovation und Vielfältigkeit mehr. Die Gefahr eines solchen kulturellen Brain-Drains ist in Hamburg leider allgegenwärtig, da sich Kulturschaffende, wenn sie sich keine Arbeitsräume mehr leisten können, in der logischen Konsequenz nach neuen Orten umsehen müssen und im worst case die Stadt verlassen. Dies zu verhindern ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Neue Orte der Produktion schaffen und etablierte Orte schützen, das wird in Zukunft immer wichtiger werden. Gerade darum setzt sich die Behörde seit langem und nachdrücklich für diese Orte ein. Sei es im Gängeviertel, im Speicher M28 in der HafenCity oder im Hochwasserbassin.

Meine Damen und Herren,

das Künstlerhaus Wendenstraße ist nun seit drei Jahrzehnten der Anlaufpunkt für die kulturelle Nahversorgung in Hammerbrook, einem Stadtteil, der hauptsächlich durch Arbeit und Industrie geprägt ist. Umso wichtiger und für das wachsende Hamburg bedeutsamer ist es, dass wir an diesem Standort auch einen Produktionsort für Künstlerinnen und Künstler haben, denn ohne solche Orte verliert eine Stadt ihr so wichtiges kreatives Kapital.

Dass wir heute ein 30-jähriges Jubiläum an einem Ort feiern können, an dem Kulturschaffende nach wie vor zu bezahlbaren Mieten ausstellen und vor allem auch arbeiten können – dass es hier also einen ganz zentralen Ort kultureller Produktion gibt – ist gerade vor diesem Hintergrund ein freudiger Anlass zu feiern!

Das kann nur gelingen, weil es hier eine so gute und produktive Kooperation zwischen den Kulturschaffenden und den Eigentümern gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit und freut mich darum ganz außerordentlich.

Ein solches Jubiläum, gerade an einem Ort wie Hammerbrook, einem Stadtteil, der durch die Entwicklungspläne des Programms „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ ganz besonders im Fokus der Veränderung steht, gibt auch Anlass, auf die Besonderheit eines solchen Ortes und die wichtige Rolle der Künstlerinnen und Künstler zu verweisen. Denn gerade in einer wachsenden Stadt brauchen wir Orte wie diesen: Orte, die Freiräume bieten, ohne die künstlerisches Schaffen nicht möglich ist. Und Orte, die als Labor für Neues fungieren, an dem Menschen ohne kommerziellen Verwertungsdruck Ungewöhnliches und manchmal vielleicht auch Sperriges oder Überraschendes denken und schaffen können. Diese Orte gilt es in ihrer Besonderheit zu erkennen und zu fördern, denn von solchen kreativen Keimzellen profitieren letztlich wir alle.

Heute finden hier in der Wendenstraße nicht nur um die 70 Kunstschaffende einen Arbeitsplatz: Im 2016 gegründeten Kunstraum „Studio45“ finden regelmäßig gut besuchte Ausstellungen, Konzerte, Filmabende und interdisziplinäre Projekte statt. Das Haus öffnet sich so dem Stadtteil und wirkt als Impulsgeber, Labor und Experimentierraum. Die Besuchenden nehmen hier mindestens eine neue Perspektive mit und sehen die Welt hinterher vielleicht anders als vorher.

Die Freiheit der Kunst ist im Grundgesetz verankert, das ist eine der großen Errungenschaften unserer Gesellschaft.

Diese künstlerische Freiheit braucht aber eben auch Raum, um sich entwickeln zu können. In der Wendenstraße steht ein solcher Raum seit 30 Jahren zur Verfügung. Das ist ein guter Grund zum Feiern für uns alle.

Wir schreiben das Jahr 2019 nach Christus. Ein von unbeugsamen Künstlerinnen und Künstlern bevölkertes Haus hört nicht auf, dem zweckorientierten Logos Widerstand zu leisten und auf die sinnliche Vernunft der Kunst zu setzen.

Darauf stoßen wir gleich mit Zaubertrank an – auf mindestens weitere 30 Jahre! 

Vielen Dank.

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