11. September 2019 Eröffnung des 11. Harbour Front Literaturfestivals

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung des 11. Harbour Front Literaturfestivals

Sehr geehrter Herr Professor Kühne,
liebe Petra Bamberger,
liebes Team des Harbour Front Literaturfestivals,
sehr verehrte Gäste,

Naphta und Settembrini im „Zauberberg“ tun es. Instetten und Krampas in „Effi Briest“, Valmont und Danceny in „Gefährliche Liebschaften“ und die drei Musketiere sowieso: Sie duellieren sich.

Aber nicht nur literarische Geschöpfe wollen ihre angekratzte Ehre verteidigen, auch ihre Erfinder sind eher schnell mit Pistolen, Degen und Dolchen bei der Hand. Denken Sie an das tragische Schicksal Alexander Puschkins, der mit nur 37 Jahren einem Widersacher beim Duell erlag: Dieser hatte sich auf unbotmäßige Weise an Puschkins Ehefrau Natalja Puschkina heran – und ihr über Monate den Hof gemacht. „Tout Moscou“ sprach darüber.

Wer erwartet, dass die großen Geister der Literatur ihre Aggressionen lediglich auf dem Papier auslebten, liegt falsch: Zu den berühmten Duellanten der Literaturgeschichte gehören Cyrano de Bergerac, Cervantes, Stendhal und auch Marcel Proust. Sogar der 10jährige Johann Wolfgang von Goethe hatte sich in Frankfurt einen kleinen Degen besorgt, um es einem Rivalen heimzuzahlen. Die Sache ging glimpflich aus.

So auch für Heinrich Heine, dessen Herz ja bekanntlich auf der Zunge saß: Er duellierte sich mit einem verbal entwürdigten Ehemann. Heines Reaktion ist überliefert: „Das nennt man gut angelegtes Geld!“ Die Kugel des Gegners war nämlich an Heines Portemonnaie abgeprallt.

Die Literaturgeschichte ist gespickt mit Geschichten des potenziell tödlichen Rituals, die uns heute archaisch und sinnlos anmuten. Erst 1871 wurde es verboten, rein rechtlich allerdings erst seit 1969 nicht mehr als gesonderter Tatbestand definiert, sondern den allgemeinen Strafvorschriften unterworfen.

Heute duelliert man sich daher endlich nicht mehr mit Waffen, sondern mit Worten.

Und so scheint es, als wohne in der Feindschaft eine besonders produktive Kraft inne, als könne das Duell auch Literatur gebären.

„Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Feinde“, hat Oscar Wilde einmal gesagt.

Wenn der „Spiegel“- Autor und Gastgeber des 2015 neu aufgelegten „Literarischen Quartetts“ Volker Weidermann uns heute sein neues Buch „Das Duell“ vorstellt, die „Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“, die ab morgen in den Buchhandlungen liegt, dann haben wir die Gelegenheit, tief in die dramatischen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts einzusteigen.

Die Lebensläufe von (so lautete sein Geburtsname) Marceli Reich – geboren in Włocławek an der Weichsel – und Günter Grass – aufgewachsen gut 200 Kilometer nördlich an der Mündung desselben Flusses in Danzig – entwickeln sich in diametral entgegengesetzte Richtungen und kreuzen einander über mehr als 60 Jahre immer wieder.

Es ist einer der häufigsten Sätze in Literaturkritiken, der stets als Garant für die Welthaltigkeit des Textes herhalten muss: „In der Figur X-Y-Z spiegelt sich das ganze Jahrhundert...“ Auf Volker Weidermanns neues Buch trifft dieser Satz absolut zu, denn seine Doppelbiografie entfaltet eine erzählerische Wucht, die selbst Literatur ist – weswegen vielleicht heute Abend auch nicht ganz zu Unrecht zu einer „Romanlesung“ eingeladen wurde.

Grass, den Dichter, und Reich-Ranicki, den Kritiker, verbindet fast ein Jahrhundert voller Erfolge und Niederlagen: Der eine als Überlebender des Warschauer Ghettos in permanenter Angst um das eigene Leben, der andere gepeinigt von der Sorge, keinen Erfolg zu haben. Beide mit Brüchen in ihren Biografien, die Weidermann emphatisch aufschlüsselt. In ihrem Streben, dazugehören zu wollen, schreiben Grass und Reich-Ranicki die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Immer wieder stoßen sie aufeinander, bei Treffen der „Gruppe 47“, bei Veranstaltungen, aber vor allem in den schonungslosen Besprechungen des MRR. Reich-Ranicki lebte, wie Sie sicher wissen, einige Jahre in Hamburg, wo er für die „ZEIT“ seine ebenso gefürchteten wie gefeierten Rezensionen verfasste, aber dennoch nie zur Redaktionskonferenz geladen wurde. Fürchtete man den Querulanten, den Blitzdenker mit seinem gnadenlosen Urteil, der die Diplomatie stets hinter die Wahrheit stellte?

Volker Weidermann entlarvt in seinem Buch auch den latenten Antisemitismus in den von Männern dominierten Zeitungsredaktionen – nur wenige Jahre nach dem Holocaust.

Auch heutzutage gibt es Risse und Spannungen – in der Politik, wie im Alltag und natürlich auch im kulturellen Leben.

Das ist normal. Gerecht geht es nicht einmal im Märchen zu.

Meine Damen und Herren,

wir alle lieben das Lesen, kennen seine vereinende Kraft und wissen, dass die Fantasie und der Einfallsreichtum der Schriftsteller und Schriftstellerinnen unsere Welt reicher und verständiger macht.

Lassen Sie uns deshalb gemeinsam dafür einstehen, dass unsere kulturellen Errungenschaften so vielfältig, anregend und offen bleiben wie bisher – ja, dass sie noch vielfältiger und offener werden – und dass alle Menschen dazu Zugang erhalten:

Wir brauchen neue Geschichten.

Internationale Literaturfestivals, wie das „Harbour Front Literaturfestival“, haben die Chance und auch die Aufgabe, für diese neuen Geschichten zu sorgen.

Apropos Geschichten: Die Hamburger Autorin Karen Köhler hat vor kurzem bei der Feier zum „100. Jubiläum der Stiftung Hamburger Bücherhallen“ eine ebenso persönliche wie hoch politische Rede gehalten:

„Ein Leben ohne Bücher, ein Leben ohne Geschichten, ein Leben ohne Bildung kann ich mir nicht denken. Wer privilegiert ist und uneingeschränkten Zugang zu Bildung hat, kann sich vielleicht kaum vorstellen, wie wichtig es gerade in prekären Lebensumständen ist, dass es öffentliche Bibliotheken gibt. Und öffentliche Parks, in denen man lesen kann.“

Karen Köhler ist auch beim „Harbour Front Literaturfestival“ aktiv, zum einen als Moderatorin ihrer Kollegin und Freundin Simone Buchholz, zum anderen als eine Lesende der vier Debütantensalons, die das Festival seit Anbeginn ausrichtet und aus deren Reihen der Preisträger oder die Preisträgerin des „Klaus-Michael-Kühne-Preises“ bestimmt wird.

Ich habe Köhlers kunstvoll gearbeiteten und inhaltlich verstörenden Roman in den Sommerferien gelesen: „Miroloi“ ist ein großer Wurf und für mich gehört er auf die „Shortlist für den Deutschen Buchpreis“. Mindestens. Auch in „Miroloi“ geschieht Emanzipation durch das Lesen, dazu noch einmal Karen Köhler in ihrer Rede:

„Ich hatte das wichtigste Werkzeug zu benutzen gelernt, das mir zur Verfügung stand und das mir immer weiter half, empathisch zu sein, die Welt zu verstehen und mich ins Verhältnis zu ihr zu setzen.“

Auf Twitter macht derzeit der Hashtag #dichterdran Furore. Ich zitiere die einzigartige Sibylle Berg:

„Walser, der heute als Erfinder der Statement-Braue bekannt ist, verfasste nach der Geburt seiner 5 Kinder erotische Werke, in denen er vornehmlich den Verlust seiner jugendlichen Libido betrauerte und mit denen er dem einfachen Mann seiner Generation eine Stimme gab.“

Generationen von Autorinnen, Sibylle Berg und, ganz aktuell, auch Karen Köhler, können ein Klagelied über den Sexismus im Literaturbetrieb singen, vor allem seitens der Literaturkritik. Dabei scheinen diese Kritiker nicht einmal zu bemerken, wie unzeitgemäß ihre patriarchalen Urteile daherkommen. Und deshalb freue ich mich an den kleinen, subversiven Spitzen, die in die Verkrustungen getrieben werden: Sie wirken.

Ein ganzer Monat Literatur am Hafen: Wir freuen uns auf 84 Veranstaltungen an 28 Orten – von der Buchhandlung Lesesaal über die Luken der Cap San Diego bis hierher in die Elbphilharmonie.

Literaturstars wie Isabel Allende, Cornelia Funke, Richard David Precht und Martin Suter kommen nach Hamburg.

Norwegen, das Gastland der diesjährigen Buchmesse wird mit vielfältigen Veranstaltungen vertreten sein.

Die neuen Geschichten wollen entdeckt werden – im vergangenen Jahr sind mehr als 20.000 Gäste aus Hamburg und anderswo dieser Einladung gefolgt.

Das Harbour Front Literaturfestival, ein Unterfangen von dieser Größe und diesem Rang kann nur gestemmt werden, wenn Stadt und Wirtschaft sich die Hand reichen:

Ich möchte mich bei der Klaus-Michael-Kühne-Stiftung und ihrem Präsidenten, Professor Klaus-Michael Kühne bedanken, die das „Harbour Front Literaturfestival“ vom ersten Stapellauf an sicher durch manch stürmische See gesteuert haben.

Bedanken möchte ich mich auch bei der bewährten und bei der neuen Programmleitung des Festivals für ihr literarisches Gespür und für die gute Mischung, die sie uns präsentieren.

Wir brauchen neue Geschichten: Beim „Harbour Front Literaturfestival“ können Sie, liebes Publikum, diese bis Mitte Oktober entdecken – jedenfalls eine ganze Menge davon.

Vielen Dank.

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