12. September 2019 Ausstellungseröffnung in den Deichtorhallen Hamburg „Baselitz, Richter, Polke, Kiefer. Die jungen Jahre der alten Meister“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung in den Deichtorhallen Hamburg „Baselitz, Richter, Polke, Kiefer. Die jungen Jahre der alten Meister“

Lieber Herr Luckow,
sehr geehrter Herr Adriani,
sehr verehrte Gäste,

die jungen Jahre der alten Meister – ich liebe diesen Untertitel, weil er daran erinnert, dass diese Säulenheiligen auch mal klein angefangen haben, als sie begannen Großes zu schaffen. Diese formativen Perioden zu beschreiben, hilft sehr beim Verständnis der prägenden Werke. Umso spannender wird es wenn der Rückblick mitten hineinführt in bis heute relevante Diskurse. Es geht also heute auch um Erinnerung und darum, was sie uns im Jetzt bedeutet.

Freiwillig erinnern wir uns zunächst natürlich lieber an die schönen Dinge. Die Kunst hingegen erinnert uns auch an die weniger schönen und wirkt so unserer Geschichtsvergessenheit entgegen. Diesen Zwiespalt zwischen Vergessen-wollen und Erinnern-müssen thematisiert die Ausstellung, die wir heute eröffnen.

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann schreibt: 

„Dem Impuls, sich belastenden Ereignissen in der Vergangenheit wieder zu stellen, gehen oft lange Phasen des Vergessens, der Abwehr (…) voran.“ 

Und erst, „wenn sich von der Gegenwart aus ein Druck aufbaut, der es dringlich und unerlässlich macht, dieses Thema wieder aufzunehmen“, findet das Vergessen ein Ende.

Sie trifft mit dieser Aussage das Gefühl der 1960er Jahre in der noch jungen Bundesrepublik, die einerseits durch ein Beschweigen der erlebten Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus und andererseits durch lauter werdende Forderungen der Nachkriegsgeneration nach Aufklärung geprägt waren. 

Dem individuellen wie gesamtgesellschaftlichen Traumata wurde damals noch kein angemessener Platz eingeräumt. Dieses Dilemma haben Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 in ihrem Essayband „Die Unfähigkeit zu trauern“ präzise beschrieben. 

Erst mit den Ausschwitzprozessen Mitte der 1960er Jahre folgte auf die Jahre des großen Schweigens und der privaten Genügsamkeit eine Zeit des Umbruchs. 

Die Nachkriegsgeneration versuchte dringlich, einen geeigneten Umgang mit der noch spürbaren Vergangenheit zu finden und Antworten auf jene Fragen zu formulieren, auf die die Kriegsgeneration keine Antworten, geschweige denn ein befriedigendes Vokabular oder adäquate Handlungsideen besaß. 

In diese Zeit des Umbruchs fällt das Frühwerk jener vier Künstler, denen diese Ausstellung gewidmet ist. Es handelt sich um vier Künstler, die mit ihren Werken das Bedrückende, das Gebrochene thematisieren und die Ordnung hinterfragen, die eine noch junge, pathetisch ernüchterte Bundesrepublik geprägt hat.

Jeweils auf ganz eigene Art setzten die vier neue Impulse und nahmen Anteil. 

Geprägt wurde ihr Schaffen von einem gesellschaftspolitischen Umfeld, das sich zunächst nur in Spurenelementen durch Kritik und Rebellion an unterschiedlichen Formen der Vergangenheitsbewältigung versuchte. Hier zeigt sich die seismographische Kraft der Kunst.

Anders als die Mehrheit der Bevölkerung, die immer noch einen Schlussstrich unter die jüngste Vergangenheit ziehen wollte, begannen viele Künstlerinnen und Intellektuelle der 1960er Jahre endlich, sich der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu stellen. 

Ausgehend von ihren Forderungen und von der Debatte über die Verjährung der Schuld, baute sich ein gesellschaftlicher Druck auf, der die Flucht Westdeutschlands in Wirtschaftswachstum und Konsum hinterfragte und immer energischer nach Positionierung verlangte. Die Forderungen nach einer gesellschaftspolitischen Erinnerungskultur und der Übernahme von Verantwortung wurden lauter. 

Baselitz, Richter, Polke und der etwas jüngere Kiefer schufen damals ihre ersten wichtigen Werke und Werkreihen. 

Aber demonstrativ politisch wollten sie nicht sein, wie Hanno Rauterberg in der ZEIT erläuterte. Gerhard Richter sagte: „Kritisch war meine Kunst nie“. Baselitz schloss sich dieser Einordnung des eigenen Schaffens mit der Aussage an: „Die Provokation, die ich meinte, betraf nur die interne kleine Welt des Kunstbetriebs“. Anselm Kiefer plädierte ebenfalls für eine „Trennung von Kunst und Politik“ und auch der verstorbene Sigmar Polke sträubte sich „gegen jede Art von Indienstnahme“.

Und das war auch richtig. Kunst sollte keinem Positionierungszwang unterliegen. Diese Diskussionen führen wir gerade auch aktuell wieder sehr intensiv. Aber gerade eine Kunst, die sich auf ihre unbedingte Freiheit besinnt, kann enorme politische Wirkung entfalten. Gerade weil sie nicht demonstrativ politisch waren, entfaltete die Kunst der jungen alten Meister eine solche Kraft. 

Der Blick zurück zeigt den kritischen und von der deutschen Geschichte nicht zu trennenden Charakter ihrer Werke. Ihre Werke appellieren damals wie heute an die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart.

Die damaligen Künstler übernahmen mit ihrer Kunst Verantwortung und arbeiteten sich an bestehenden Verdrängungsmechanismen ab. Die Forderung, die Aufgabe von Vertrautem und die Entstehung von Veränderung nicht als Gefahr zu sehen, sondern als einzigen Ausweg aus einer Kultur des Schweigens und Vergessens, schwang immer mit. 

Meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, dass die Deichtorhallen Hamburg zu ihrem 30. Jubiläum gerade diese Ausstellung zeigen – eine Ausstellung, die tief in die Geschichte unseres Landes blickt.

Das erscheint mir umso treffender, als auch der Beginn der Deichtorhallen selbst mit einem besonderen historischen Ereignis zusammenfällt. Als die Deichtorhallen im November 1989 ihre Eröffnung feierten, öffnete sich in jener Nacht auch die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Die bis zu diesem Datum vorherrschende, zementierte Teilung Deutschlands, wurde durch die Bürgerinnen und Bürger der DDR zu Fall gebracht. 

Und so geleitet diese Ausstellung nicht nur die Deichtorhallen in ihr 30-jähriges Jubiläum, welches am 9. November gefeiert wird, sondern uns gleichzeitig auch in 30 Jahre deutsche Einheit. Noch ein Grund diesen dezidierten Blick zurück zu wagen. Grenzüberschreitend, im positiven Sinne, haben sich die Deichtorhallen seit dem 9. November 1989 ihre Erfolgsgeschichte mit viel Engagement durch ein großartiges Team erarbeitet.

In diesen 30 Jahren haben sich die Deichtorhallen auch dank der großzügigen Unterstützung ihrer Förderinnen und Förderer nicht nur zu einem der international renommiertesten Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst und Fotografie entwickelt, sondern sind auf ganz vielfältige Art und Weise auch Raum für Austausch geworden. 

Solche Räume des Austauschs zu ermöglichen, zu erhalten und zu sichern, ist eine vorrangige Aufgabe der Kulturpolitik. Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass Zeiten der Nichtgespräche, wie sie in den Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik herrschten, nicht wiederkehren. 

Kunst kann hier besondere Kräfte entfalten.

Sie kann der Gesellschaft auf spielerische Weise 

  • Deutungs- und Orientierungsangebote machen,
  • aktuelle Debatten der Gesellschaft kommentieren und begleiten, 
  • historische Bezugspunkte aufzeigen 
  • und als Transmitter historischer Fakten und Erfahrungen in unsere Gegenwart hineinwirken.

Um diskursfähig zu bleiben, brauchen wir als Gesellschaft Räume, in denen wir uns nicht nur zutiefst kritisch und gleichzeitig höchst optimistisch mit unserer Gegenwart befassen können, sondern uns auch der kritischen Aufarbeitung unserer Vergangenheit stellen. 

Keiner der vier hier ausgestellten Künstler ging der tabuisierten Geschichte aus dem Weg, sondern nutzte sie als Inspiration und Thematisierungsrahmen für künstlerisches Schaffen. Auch als Gegenstand der Provokation. Durch ihre Werke fanden sie eine Form der Auseinandersetzung und der Aneignung des Unbegreiflichen. 

Diese Aneignung erfolgte nicht durch Reproduktion von falschem Heldentum, sondern durch eine gleichermaßen codierte wie auch konkrete Darstellung jener gesellschaftlichen Verblendung, die zur zerstörerischen Vergangenheit Deutschlands führte.

Um dieser Verblendung zukünftig entgegenwirken zu können, bedarf es in einer komplexen Gesellschaft Räume, in denen die Vielzahl an vorherrschenden Meinungen sichtbar gemacht und kanalisiert werden können. Nur so ist die Entstehung demokratiefördernder Diskurse überhaupt möglich. 

Kunst und der Wille zum Gespräch sind eine immense produktive Kraft, wenn wir die offene Gesellschaft und ihre Diskursbereitschaft sichern wollen. Sie sichern die Demokratie und das Versprechen der Freiheit. Wir dürfen nicht verharren in bloßen Statements, sondern müssen Debatten fordern. Das setzt Austausch, Zuhören und gegenseitige Anerkennung voraus. Um das anzuregen – auch das lernen wir hier – darf Kunst auch verletzen. Ja, sie muss es manchmal sogar. 

Die Aufarbeitung unserer Geschichte ist niemals erledigt. Vor allem auch deshalb, weil – wie Jan Philipp Reemtsma es mal formulierte – das „Bewusstsein einer Gefährdung“ lebendig gehalten werden müsse.

Es gilt daher Räume zu schaffen, in denen vielfältige Fragen gestellt und unterschiedliche Meinungen geäußert werden können. Mit der heutigen Ausstellungseröffnung in den Deichtorhallen Hamburg wurde hier erneut so ein Raum für Austausch geschaffen. 

Gerhard Richter sagte im Gespräch mit Herrn Adriani, er glaube, dass „jede Künstlergeneration die Befürchtung befällt, dass alles schon gemacht und nichts mehr zu tun ist“. Er plädierte dafür, diese Bedenken zu überwinden und einfach anzufangen. So sollten wir es immer halten: uns nicht einschüchtern lassen und die Probleme angehen.

Und ebenso wie es die Alten Meister in ihren jungen Jahren mit ihrer Kunst machten, hat jede Generation die Möglichkeit, auch die erinnerungspolitische Komfortzone zu erweitern.

Ihre Fortentwicklung zuversichtlich zu gestalten, Debatten nicht im Keim von Alternativlosigkeit zu ersticken und sich den auch heute existierenden Forderungen nach einem Schlussstrich entgegenzustellen, ist Aufgabe von uns allen. Hierbei kann Kunst unterstützen. 

Mit der Kooperation zwischen der Staatsgalerie Stuttgart und den Deichtorhallen Hamburg ist es gelungen, ein Ausstellungsprojekt nach Hamburg zu holen, das durch die gezeigten Werke Fragen danach aufkommen lässt:

Wer sind wir als Gesellschaft? 

Was muss sich verändern? 

Wo wollen wir hin? 

Diese lassen sich vielleicht nirgends besser verhandeln als vor den, die Gedanken auf den Kopf stellenden Werke der vier international renommierten Künstler und dem Einbezug eines historischen Datums wie den 9. November 1989.

Und so danke ich den „vier jungen alten Meistern“ für ihre provokanten und die Grenzen der Gesellschaft auslotenden Werke. 

Besonders danke ich auch Herrn Adriani, der den Vieren freundschaftlich verbunden ist und ihre Werke, welche die Irrwege der Gesellschaft in der Nachkriegszeit aufzeigen und in denen sich der Wille zum Widerstand erkennen lässt, erstmalig kuratorisch zusammengeführt hat. 

Als Betrachterinnen und Betrachter haben wir die Möglichkeit, sie einfach nur als Kunst zu sichten und uns in Erstaunen versetzen zu lassen. 

Aber auch, sie in ihrer doppelten Funktion als wichtige Erinnerung an die Gräueltaten des Nationalsozialismus sowie an den Akt der Rebellion und die Forderung nach Aufklärung in den 1960er Jahren durch die Nachkriegsgeneration zu sehen.

In jedem Fall mahnt uns die Kunst, die Freiheiten zu verteidigen, die an der Wiege ihres Entstehens standen.

Vielen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

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