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9. Dezember 2019 Boy-Gobert-Preisverleihung 2019

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Boy-Gobert-Preisverleihung 2019

Lieber Merlin Sandmeyer,
lieber Herr Lux,
lieber Herr Dittmer,
lieber Herr Klaußner,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte direkt an meinen Vorredner Joachim Lux anschließen, der in seiner Rede die Hoffnung äußerte, in der Naturwissenschaft Antworten zu finden, die wir nirgends sonst finden.
Dieser Gedanke ist insofern spannend, da wir bereits vor Jahrzehnten eine solche Diskussion geführt haben. Damals glaubten wir, die Naturwissenschaft liefere uns ein eindeutigeres, wahreres und wichtigeres Wissen als die sozialen Konstruktionen, die wir uns zurechtlegen, wenn wir die Fundamente unserer Gesellschaft verhandeln.
Wir hielten daran fest, bis uns die Physiker darüber aufklärten, dass diese Annahme so nicht stimme. So würden Messergebnisse bereits durch die bloße Anwesenheit der Physiker verfälscht werden. Noch dazu kommt: Die Hypothesen und die Theorien, die sie aufstellen, bedingen immer auch die Antworten auf gestellte Fragen.

Fest steht: Es ist enorm wichtig, dass wir uns mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auseinandersetzen. Aber sie werden uns nicht davon entlasten, uns als Gesellschaft darüber zu verständigen, erstens, welche Fragen wir stellen, zweitens, auf welche Antworten wir spekulieren und drittens, wie wir mit den Antworten interpretativ umgehen.
Ich sehe unseren ehemaligen Chef der Senatskanzlei, Christoph Krupp, von dem ich gelernt habe, dass die Physik, heute das sei, was früher einmal die Philosophie gewesen sei: das Stellen der grundlegenden Fragen. Aber, dass die Physik uns eine Eindeutigkeit liefere, die wir an anderer Stelle verlieren, ist lediglich ein Wunsch. Er wird sich nicht erfüllen - wir werden diese Eindeutigkeit nicht bekommen.
Für unsere Gesellschaft bedeutet das aber keinen Verlust, sondern eine große Chance: Die Chance, selbst in der Lage zu sein, Dinge in die Hand zu nehmen, sie zu gestalten und tatsächlich zu verbessern. Es gibt nichts, das kurzerhand so ist, sondern es steht zu unserer Disposition, Dinge zu verändern. Gerade angesichts der großen Katastrophen, die wir jetzt abwenden müssen, sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir es in der Hand haben, indem wir die richtigen Fragen stellen, denn damit stellen wir die Weichen, auch die richtigen Antworten zu bekommen.

Da ich die Philosophie nun schon erwähnt habe, gehe ich gleich noch einen Schritt weiter zurück: zur Metaphysik. Dann bin ich bei Merlin Sandmeyer.
Auf der Bühne habe ich ihn zuletzt in dieser wunderschönen metaphysischen Spekulation darüber erlebt, wie es denn eigentlich wäre, wenn man Gott durch Musik ersetzen würde – oder vielmehr durch Neil Young oder noch genauer, durch Neil Youngs Gitarrenspielen.
Die Frage hatte sich auch Navid Kermani in seinem „Buch der von Neil Young Getöteten“ gestellt; auf der Bühne ist sie nun noch einmal wunderbar szenisch adaptiert worden. Für mich war sie beantwortet, als ich das erste Mal „Cortez the Killer“ gehört habe. Man kann! Und zwar so gut, dass sich das Ensemble das gar nicht getraut hat, sondern das Gitarrenspiel Neil Youngs mit einem Cello nachgespielt hat, weil man an den heiligen Charakter des Originals gar nicht heranreichen würde.

Ein anderer Song Neil Youngs ist „Only Love Can Break Your Heart“, den Merlin Sandmeyer zum Schluss des Stücks singt. Meiner Ansicht nach steht er exemplarisch für das, was im Schauspiel und im Theater möglich ist. „Only Love Can Break Your Heart“ – das bedeutet, zu lieben, sich verletzlich zu machen. Mit Versen wie „Try to be sure. Right from the start“ oder „What if your world should fall apart“ – macht Neil Young uns darauf aufmerksam, dass man zwar durchaus die Möglichkeit hat, sich Sicherheitszonen zu errichten, dann aber die Liebe nicht so stark spürt, wie man sie spüren muss, um eine Sache gut zu machen.  
Das bereitwillige Investieren in eine Emotion ist Risiko und Wagnis zugleich. Öffnet man sich, birgt es die Chance auf großartige Erlebnisse – sowohl für einen selbst in der Selbsterkenntnis des Spiels, als auch für diejenigen, die dabei zusehen dürfen. Für die Spieler besteht die feine Gratwanderung darin, genau zu wissen, dass man abstürzen kann und mitunter auch da landen kann, wo man nicht landen möchte und Kritik erhält, die man nicht hören möchte.

Wir sind Ihnen, lieber Herr Sandmeyer, sowie auch Ihren Kolleginnen und Kollegen dankbar dafür, dass sie dieses Wagnis immer wieder eingehen, sie ihren Beruf lieben und dabei ihr Herz „aufs Spiel setzen“.  Dafür braucht es aber zunächst einmal ein Umfeld, in dem man sich geborgen fühlt. Und eben dieses Umfeld motivierte nicht zuletzt auch Sie, lieber Herr Sandmeyer, zum Wechsel an das Thalia Theater. Sie sagten: „Meine Idee hierhin zu gehen und mich gegen das Burgtheater zu entscheiden, lag daran, dass es hier diesen Ensemblegeist gibt – eine gemeinsame Sprache auf der Bühne. Man spürt die Vertrautheit. Wenn es sowas gibt, sind viel mehr Dinge möglich.“

Und das ist das zweite. Das eine ist die Bereitschaft des einzelnen, zu lieben. Liebe für sich allein genommen ist jedoch ein bloßer Narzissmus. Liebe wird erst in der Gemeinschaft sinnvoll, wenn ich sie nämlich miteinander teile und erlebe.  

Ein Ensemble stellt dabei ein ganz besonderes Beziehungsgeflecht dar. Teil einer Gruppe zu sein, in der man einzigartig sein kann, ist das, was ein Theater ermöglicht und was ein Theater uns angesichts der Herausforderungen, vor denen wir aktuell als Gesellschaft stehen, lehren kann. In einer Gemeinschaft auf Grundlage eines gemeinsamen Verständnisses, aber dennoch in der Vielfalt der einzelnen Mitglieder einzigartig zu sein, und trotzdem Gemeinsamkeit erleben zu können – daran müssen wir auch als Gesellschaft arbeiten.
Wir müssen daran arbeiten, dass wir das Miteinander gesichert als Grundlage unseres Zusammenlebens und nicht nur unseres einzelnen Lebens unterstellen können. Gemeinsamkeit entrinnt uns, wenn wir nur auf das einzelne, nur auf das Individuelle, nur auf die eigene Großartigkeit schauen.

Es reicht aber leider nicht aus, uns den Zusammenhalt in Theatersälen oder wie heute an einem Sonntagvormittag mit wohlfeilen Politikerreden gegenseitig zu versichern. Wir alle müssen an allen Wochentagen nach diesem Prinzip handeln. Nur so zerstören wir nicht die als gesichert geglaubten Errungenschaften, dass wir in Frieden, in Freiheit und in Offenheit miteinander leben können.

Das Ensembletheater ist zweifellos ein wertvolles Experimentierfeld der Möglichkeiten, in Gemeinsamkeit individuell großartig sein zu können und ist ebenso zweifellos eine Besonderheit der deutschen Bühnen. Es ermöglicht, dass feste Gemeinschaften miteinander etwas ausprobieren können. In Bezug auf das Thalia-Ensemble spricht Lisa Hagmeister, ebenfalls Boy Gobert-Preisträgerin, von einem „guten Haufen“. Er ist Voraussetzung für jegliches Gelingen, Lieben und Lernen.
Dass in den Gemeinschaften mal jemand hinzukommt und mal jemand geht, sichert die Dynamik. Davon können wir auch als Gesellschaft lernen: Es kommen Menschen in unsere Gesellschaften hinzu und es gehen Menschen und unsere Gesellschaften bleiben trotzdem im Kern eine Gemeinschaft. Das sollten wir uns immer wieder deutlich vor Augen führen.

Sie, lieber Herr Sandmeyer, sind erst seit kurzem Mitglied dieses guten Haufens und schon haben Sie die Jury und das Publikum durch Ihr schauspielerisches Talent überzeugt. Sie haben dazu beigetragen, dass wir unvergessliche, manchmal irritierende, manchmal komische Abende am Thalia Theater mit Ihnen erleben durften. Und die ganze Vielfalt dessen, was hier möglich ist, zeigen allein schon die fünf Inszenierungen, in denen Sie aktuell am Thalia zu sehen sind und in denen Sie, wie die Jury so schön schrieb, „außergewöhnlichen Einsatz und beglückende Spielfreude“ gezeigt haben: Die performative Installation „Checkpoint Woodstock“, die Bündelung dreier Shakespeare-Stücke in „Rom“, die Inszenierung „Vor dem Fest“ nach Saša Stanišić, die Spielzeiteröffnung „Die Katze und der General“ nach Nino Haratischwili oder eben jenen Trip „Die Nacht der von Neil Young Getöteten“, in der sie völlig zurecht darauf verwiesen haben, dass nur die Liebe unser Herz brechen kann.

Sie haben selbst einmal gesagt, Theater müsse immer vorneweg gehen und seiner Zeit voraus sein, was bedeute, es wirke durchaus auch mal unbequem. Dem stimme ich zu 100 Prozent zu. Wir brauchen Theater als den irritierenden Stachel, in unserer manchmal zu großen Selbstgewissheit, dass doch alles schon irgendwie vernünftig gut ausgehen wird. Theater kann dahin gehen, wo es wehtut, kann hinterfragen, uns aufrütteln und uns im Hinblick auf unser gesellschaftliches Zusammenleben inspirieren.

In einer Zeit, in der der erste Reflex von Theaterinstitutionen der sein könnte, die Theatergatter hochzuziehen und die Unvernunft vor den Mauern der Theater zu lassen, damit im Inneren weiter vernünftig gearbeitet werden kann, verfolgt das Thalia Theater das Gegenteil: es perforiert quasi seine Außenhäute, macht sie durchlässig  und sucht den internationalen Austausch. Das geschieht durch den neuen Programmfokus „Thalia International“ insbesondere mit Blick auf Europa, aber auch durch viele andere Experimente im Thalia Theater und im Thalia Gaußstraße. Stets versucht das Thalia herauszufinden, was in unserer Gesellschaft gerade vor sich geht, um dann selbst seismographisch gesellschaftliche Strömungen nachzuzeichnen und weiterzuspinnen. Das funktioniert nicht nur spekulativ- theoretisch, sondern letztlich nur, indem auch praktisch der „Weltkontakt“ gesucht wird. Dafür stehen viele Kultureinrichtungen unserer Stadt und so auch das Thalia. Durch den Weltkontakt kommt uns im Spiel die Welt unverstellter entgegen und vermittelt damit Erkenntnisse, die wir sonst im Alltag vielleicht nicht erhielten.

Meine Damen und Herren,

ich möchte mich bei der Körber Stiftung – und stellvertretend bei Herrn Dittmer – dafür bedanken, dass Sie bereits zum 39. Mal diesen Nachwuchspreis vergibt. Der Boy-Gobert-Preis ist eine wichtige Würdigung, der erstens die Preisträgerinnen und Preisträger stärkt, uns zweitens die Gelegenheit bietet, innezuhalten und die Zeitläufte zu analysieren, und drittens immer wieder eine Bereicherung für das kulturelle Leben in unserer Stadt ist.

Wenn wir das Theater als jenen gesellschaftlichen Mikrokosmos begreifen, wie ich ihn gerade beschrieben habe, dann kann daraus eine Vielzahl an Inspirationen erwachsen. Und die Liebe, die man hier spüren kann, ist dann nicht nur auf das Theater beschränkt, sondern trifft ebenso auf die Politik zu.
Die mir liebste Definition von Politik stammt von Hannah Arendt, die ich auch aus dem Grund anführe, um wenigstens eine Frau zu zitieren – im nächsten Jahr möchte ich, dass hier auch Frauen sprechen. Laut Arendt ist Politik die angewandte Liebe zum Leben.
Und eben in dieser angewandten Liebe zum Leben sind sich das Theater und die Politik unfassbar nahe.
Wir sollten allen, die sich gesellschaftlich engagieren, zunächst unterstellen, dass sie angewandt das Leben lieben. Anschließend sollten wir die politische Legitimation ihrer politischen Einlassung daran bemessen, ob sie das Leben lieben. So kann man feststellen, wer nicht Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses ist, denn schließlich gibt es genug Äußerungen, die vom Gegenteil, nämlich vom Hass auf ein bestimmtes Leben, geprägt sind. Diejenigen aber, die das Leben lieben, sollten gemeinsam daran arbeiten, unsere Gesellschaft offen, vielfältig und frei zu halten.

Ich hoffe, dass alle, die das tun, sich regelmäßig von den Spekulationen, den Spielereien, den Metaphysiken, den theoretischen Erörterungen und den praktischen Begeisterungen des Theaters inspirieren lassen – das macht uns als einzigartige Individuen und als Gesellschaft nur reicher.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine wunderbare Matinee und Ihnen, lieber Herr Sandmeyer, großartige weitere Erfolge dabei, das Theater zu lieben, ohne, dass es Ihnen das Herz bricht.

Schönen Dank.

 

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