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9. September 2020 Eröffnung des 12. Harbour Front Literaturfestivals

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung des 12. Harbour Front Literaturfestivals

Liebes Team des Harbour Front Literaturfestivals,
sehr verehrte Gäste:

„Eine Rede, die nur das enthält, was der Zuhörer ohnehin schon weiß, kann man sich sparen. Das Moment der Überraschung, der Reibung, der präzisen Provokation gehört zu einer Rede dazu“, hat unser heutiger Ehrengast und soeben ernannter Hölderlin-Preisträger Navid Kermani einmal in einem Interview gesagt.

Präzise Provokation – das ist eine ambitionierte Messlatte. Heute gleichen Provokationen oftmals eher dem ungerichteten Schießen mit der Schrotflinte in einen Wald. Dahinter stehen die Hoffnung, dass man schon irgendwie irgendwas treffen werde, und das Wissen, dass sich irgendjemand empören wird.
Die Provokation ist der Treibstoff des perpetuum mobiles der social media-Kommunikation. In ihr geht es nicht ums Verstehen und Verständigen, sondern vor allem darum, vibrierende Erregungsfähigkeit zur Schau zu stellen.

Ein Politiker-Grußwort kann und will das nicht heilen. Es kann auch kaum den hohen Ansprüchen Kermanis gerecht werden. Schließlich sind weder Grußworte noch Politikerreden sui generis als präzise provokatives Genre zu begreifen.
Das einzig Anstößige an ihnen ist entweder, dass sie als retardierendes Moment den eigentlichen Auftritt verzögern, weil sie zu viele Worte brauchen, um Hallo und Danke zu sagen. Oder dass sie vom eigentlichen Thema ablenken, weil sie allzu umständlich allen im Saal erklären wollen, zu welchem Anlass man zusammengekommen ist.

Und auch ich will heute nicht provozieren. Aber ich will auch nicht langweilen, sondern gemeinsam mit Ihnen darüber nachdenken, warum wir uns alle so leicht provozieren lassen. Warum uns die öffentliche Debatte so regelmäßig entgleitet. Und warum wir so viel Energie aufbringen, um diskursiv auf der Stelle zu treten.
Als ich eine befreundete Schriftstellerin gefragt habe, was ich denn heute zu der Causa sagen soll, die alle Welt in diesem Jahr mit dem Harbour Front Festival verbindet, gab sie mir einen Rat: „Du hast doch mal erklärt, dass wir als Gesellschaft zunehmend autoaggressiv würden und dass dadurch vieles von der Freiheit und dem Zusammenhalt kaputt ginge, die wir so dringend brauchen. Darüber möchte ich eine Rede hören.“

Das klang gut. Denn, wenn wir davon ausgehen, dass  moderne Gesellschaften  immer noch auf den gleichen Mechanismen beruhen wie die Stammestreffen am Lagerfeuer  in der Steinzeit, dann braucht eine Gemeinschaft keine Aggression gegen sich selbst, sondern Zugewandtheit und Zusammenhalt. Sie braucht die empathische Fähigkeit, miteinander im Gespräch zu klären, in welcher Lage sie sich befindet und was sie gemeinsam in dieser Lage machen will.
Dass das unter 82 Millionen etwas schwieriger ist als unter zwei Dutzend ist klar. Aber wir haben viele zusätzliche Hilfsmittel von Druckerpressen und Radiowellen bis hin zu Glasfasernetzwerken und Computern in jeder Hosentasche.
Wenn wir also nur wollen, dann würde es gehen. Dann könnten wir – nach einer Zwischenphase, in der wenige gesendet und alle anderen bloß empfangen haben – eine Gesellschaft bauen, in der wir wieder im Gespräch zueinander finden könnten. In der aus den medialen Distributionsapparaten, wie Bertolt Brecht sie genannt hat, tatsächlich Kommunikationsapparate werden könnten.

Doch leider scheint uns genau zu dieser Kommunikation im Moment die Reife zu fehlen. Wir könnten einander mit der Unterstellung begegnen, an Verständigung interessiert zu sein. Wir könnten uns in andere hineinversetzen und mal eine Meile in ihren Stiefeln gehen. Wir könnten sogar so verwegen sein, davon auszugehen, dass die anderen auch Recht haben könnten.
Wir könnten… Doch was tun wir? Wir graben uns ein. Wir ziehen uns in Echokammern zurück. Wir reden mit denen, die eh so denken wie wir. Und wenn sie uns Recht geben, wähnen wir uns in der Mehrheit.

Wenn wir trotzdem auf andere Meinungen stoßen, auf Dinge, die uns nicht gefallen, die uns aufregen und zum Widerspruch anstacheln, dann reagieren wir leider zunehmend weniger damit, dass wir widersprechen und uns in der Sache auseinandersetzen. Sondern dann beginnen wir, uns zu empören. Dann beginnt ein Spiel, in dem die einen ihre Aussage durch den Rückzug auf die formale Freiheit der Kunst oder der Aussage legitimieren, während die anderen ihr genau diese Rechtfertigung auf der Grundlage verletzter Gefühle, Identitäten oder Interessen absprechen. Empört sind beide Seiten übereinander. Statt uns in der Sache zu streiten, heben wir die Debatte quasi augenblicklich auf die Metaebene und streiten uns über das Ob und das Wie und nicht mehr über das was.
Das ist ein Vorgang, den ich gesellschaftlich tatsächlich als autoaggressiv empfinde, weil wir einander nicht mehr überzeugen wollen, weil wir einander Rechte und Freiheiten absprechen, statt diese zu nutzen, um jenen öffentlichen Debattenraum aufzuspannen, den eine demokratische Gesellschaft braucht. Wir schädigen uns selbst, wenn wir nicht mehr debattieren, wer Recht und wer Unrecht hat, sondern nur noch, wer das Recht besitzt, etwas zu sagen.
Damit verpassen wir Chancen, zu klären, was wir gemeinsam eigentlich wollen. Und wir gefährden allzu nonchalant Freiheiten, für deren Existenz frühere Generationen hart und erbittert gestritten haben.
Deswegen ist es unerträglich, wenn Empörungswellen über unsere Bühnen schwappen und Auftritte verhindert werden sollen. Genauso unerträglich ist es aber auch, wenn vorschnell aus Angst vor solchen Wellen die Programme geändert werden.
Über Bühnenauftritte lässt sich streiten, das sollten wir auch tun – am besten mit den Autoren selbst. Insofern hoffe ich, dass die Hamburger Veranstalter künftig einen kühlen Kopf bewahren und dafür sorgen, dass auf ihren Veranstaltungen statt  Empörung Debatte entstehen kann. Gerade unser heutiger Ehrengast hat wiederholt betont, wie wichtig es ist, auch „mit denen zu sprechen, die nicht der gleichen Meinung sind.“ Ganz ehrlich: Eigentlich haben doch vor allem diese Gespräche einen Sinn. Denn wie langweilig wird es, wenn man sich einig ist. Wie langweilig aber auch, wenn man merkt, dass niemand bereit ist, sich überzeugen zu lassen. Deshalb sind die besten Gespräche die, in denen wir uns offen und frei und unvoreingenommen und uneinig begegnen.
Wer eine vielfältige Gesellschaft will, der muss diese Vielfalt nicht nur aushalten, der muss sie anstreben. Die Freiheit endet erst dann, wenn Positionen formuliert werden, die auf die Verengung der Vielfalt selbst zielen.

Gerade die Kunst ist darauf angewiesen, dass wir es als Gesellschaft nicht zulassen, dass einzelne Gruppen, die Freiheit aller beschränken, dass sie sich Positionen aneignen und frei bearbeiten kann. Sie braucht dazu keine Erlaubnis. Aber sie darf auch nicht immun sein gegenüber der kritischen Debatte, die sie auszulösen vermag.
Provokation gehört zur Kunst wie das Amen in die Kirche. Es wäre falsch, sie so weit zu neutralisieren, dass sie nur noch in den Wohlfühlräumen der jeweiligen Erfahrungszusammenhänge stattfindet. Wir brauchen die Interventionen, Inspirationen und Irritation der Kunst.
Jeder von uns muss das Recht der anderen sichern, etwas öffentlich zu sagen und auf die Bühne zu bringen. Aber jeder von uns darf sich zugleich selbst nicht das Recht nehmen, das Geäußerte auch hart zu kritisieren. Erst dann beginnt doch die gesellschaftliche Debatte, die wir brauchen.

Ich halte es da mit der PEN-Präsidentin Regula Venske, die kürzlich sagte: „Gerade am Umgang mit ,trivialeren’ Kunsterzeugnissen zeigt sich, wie es um Demokratie und Meinungsfreiheit steht. Sie sind der Testfall, und das Publikum braucht auch sie, um sich in Kritik zu üben und Kategorien der Beurteilung auszubilden.“

Wir brauchen den Diskurs und die Debatte in der Sache. Wir brauchen die Lust darauf, unterschiedliche Meinungen zusammenzubringen und ihre Überzeugungskraft zu testen. Wir brauchen den Mut, uns in ungewisse Situationen zu begeben.

Wie man sich in gesellschaftliche Debatten einbringt, ohne auszurutschen…
Wie man Widerspruch erzeugt, um eine Debatte zu führen…
Wie man den zwanglosen Zwang des besseren Arguments zur Strategie der Erkenntnis macht. All das kann man von  Navid Kermani  lernen. Deshalb sollten wir ihm gleich genau zuhören.

Aber man kann noch etwas von ihm lernen – und das ist in diesem der Musik geweihten Haus fast genauso wichtig. Man kann von ihm lernen, welche Bedeutung die Musik für den intellektuellen Schaffensprozess und das soziale Überleben hat.
Ich muss zugeben, dass ich mich sehr abgeholt fühle, wenn unser heutiger Ehrengast schreibt: „Früher glaubte ich, dass man Neil Young immer braucht, aber inzwischen denke ich, man kommt die ersten paar Tage auch ohne ihn über die Runden.“

Geschrieben hat Navid Kermani diesen fakultativen Satz in seinem „Buch der von Neil Young Getöteten“, mit dem er vor knapp 20 Jahren die kulturelle Bühne dieses Landes betrat. Darin beschreibt er, wie sich seine von Dreimonatskoliken gepeinigte Tochter ausschließlich, wirklich ausschließlich von Neil-Young-Songs besänftigen ließ. Das Buch weitet sich zu einer Reflexion über das In-die-Welt-geworfen-Werden und das In-der-Welt-Sein. Sehr zur „Freude“ der Umwelt der Kermanis waren es übrigens die feedbackschwangeren und ausufernden Songs, die Babys Bauchweh am wirkungsvollsten besänftigten.
Schon hier zeigt sich: Navid Kermani weiß die Register von Poesie, Politik und Profanem auf schwindelerregende Weise zu spielen. Für seine Bücher und seine Humanität wurde er zu Recht vielfach geehrt. Bei jedem Anlass, den er mit einer Rede krönt, gelingt es ihm, die Gehirne seines Publikums zum Funkeln zu bringen.

Als er vor vier Jahren im Deutschen Schauspielhaus den Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung entgegennahm, erzählte er von seinem ersten Roadtrip durch die USA, mit Frau und Töchtern nahezu allein auf abseitigen Straßen im ländlichen, einsamen Neu-England: „Ich bin im Westen Deutschlands aufgewachsen mit der amerikanischen Musik, mit Neil Young und Bob Dylan zumal, die ebenfalls von den Landstraßen im Norden Amerikas sangen, der Weite der Landschaften wie der Herzen.“

Und diese amerikanische Musik ist bis heute präsent: Neil Young und Bob Dylan zeigen noch immer, was Kunst kann, wenn sie präzise Provokation verbindet mit klarem, humanistischem Verstand, wenn sie aufrütteln und aufklären und verändern will. Wenn es ihr nicht reicht, sich am eigenen Fabulieren und Formulieren zu berauschen.
Neil Young steht seit fast 60 Jahren auf der Bühne und betreibt derzeit Wahlkampf gegen Donald Trump. “Yeah we had Barack Obama / And we really need him now / The man who stood behind him / Has to take his place somehow / America has a leader / Buildin' walls around our house / Who don't know black lives matter / And we got to vote him out”, singt er in einer aktualisierten Version von „Lookin‘ for a leader“.

Und auf Bob Dylan, der nächstes Jahr 80 Jahre alt wird, lastet seit 2017 der Ruhm des Literaturnobelpreises. Er hat vor wenigen Wochen ein neues Album veröffentlicht, das nichts weniger ist als ein Cinemascope-Resüme des letzten halben Jahrhunderts US-Geschichte. „I contain multitudes“, singt er da. Und sein Werk tut das auch.

Neil Young und Bob Dylan kamen nicht nur auf Kermanis Plattenspieler zusammen. Sie sind vor vielen Jahren – in dem Jahr, als Navid Kermani als fester Autor bei der F.A.Z. anfing – auf der Bahrenfelder Trabrennbahn aufgetreten. Als ein Konzertticket noch 65,80 Mark kostete und als man sich pausenlos in den Armen lag vor Begeisterung, dabei zu sein. Man stelle sich das vor: Neil Young, der klingen wollte wie „eine Mischung aus Bob Dylan und den Rolling Stones“ und Bob Dylan, der fand, dass „Heart Of Gold“ mal besser hätte von ihm sein sollen, ohne Abstand gemeinsam auf einer Bühne. Hier in Hamburg! Und das Publikum dicht an dicht davor…

Dieses gemeinsame Erleben und Begegnen im Raum, das den künstlerischen Schaffensprozess vollendet, erscheint uns heute so fern. Es ist so kostbar geworden.
Vor wenigen Wochen beschrieb Navid Kermani seine Gedanken nach der ersten Lesung unter Corona-Bedingungen: „Theater, Konzerte, Ballett, Opern, Ausstellungen, auch Lesungen sind nicht einfach nur Deklamationen. (...) Und Kunst (...) ist nicht nur Inhalt, sie ist Aura, Geruch, Publikum, Freiheit des umherschweifenden Blicks, Lichtstimmung, guter Klang, Nähe und Ferne, je nachdem, wo du sitzt, ja, auch Beschaffenheit des Polsters, Haptik der Stuhllehne, die magische Stille vor dem ersten Ton und später wieder vor dem Ausbruch des Applauses. Sie ist Atem, Schweiß, Herzklopfen der Schauspieler, die du nicht nur als Bild siehst, sondern im Parkett spürst. (...) So wenig Plätze es vorläufig gibt, umso kostbarer sind sie auch.“

Das Harbour Front Literaturfestival wird deswegen nicht nur wegen seiner wunderbaren Autorinnen und Autoren ein besonderes Festival sein. Es ist schön, dass wir uns hier Angesicht zu Angesicht sehen und spüren können.

Vielen Dank an alle Beteiligten, dass sie es auf sich genommen haben, das Festival live stattfinden zu lassen. Die Kulturbehörde hat der Festivalleitung dabei unter die Arme gegriffen, denn auch wir haben „Atem, Schweiß und Herzklopfen“ in den letzten Monaten sehr vermisst. Probieren Sie es aus, liebes Publikum, bleiben Sie neugierig, unterstützen Sie die Künstlerinnen und Künstler!

Wie der Literaturnobelpreisträger von 2017 sagte: „As a performer I’ve played for 50.000 people and I’ve played for 50 people and I can tell you that it is harder to play for 50 people. 50.000 people have a singular persona, not so with 50. Each person has an individual, separate identity, a world unto themselves. They can perceive things more clearly.“

Das klingt übrigens auch nach guten Voraussetzungen für eine offene und konzentrierte Debatte.

Ich wünsche Ihnen anregende Abende auf dem Harbour Front Literaturfestival!

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