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2. September 2020 Eröffnung des Kongresses "Solutions"

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung des Kongresses "Solutions"

Lieber Patrick Postel,
lieber Oliver Hammerstein,
sehr geehrte Damen und Herren des Deutschen IT-Leiter-Kongresses,
liebes Publikum,

ich möchte Ihnen zuerst die besten Grüße von unserem Erstem Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher übermitteln, der bedauert, heute nicht hier sein zu können.

Ich freue mich aber sehr, für ihn einzuspringen zu dürfen. Ich weiß, wie voll dieser Saal sonst bei der „Solutions“ aussieht und weiß auch, wie großartig die Party ist, die heute in der uns bekannten Form leider nicht stattfinden kann. Unser gemeinsames Incentive könnte also lauten, bis zum nächsten Jahr dafür gesorgt zu haben, dass wir hier wieder in der Art und Weise zusammen feiern können, wie wir es in den Vorjahren getan haben.


Meine Damen und Herren,

wir alle haben in den letzten Wochen und Monaten gemerkt, dass das Gerede von der „Disruption“ – das seit Jahren zu jedem Kongress über Digitalisierung gehört – auf einmal eine völlig neue Füllung bekommen hat. Wir haben immer erwartet, die Disruption käme aus technologischen, globalen oder auch demographischen Veränderungen. Dass aber, überspitzt formuliert, irgendwann einmal einer eine Fledermaussuppe auf einem Markt in China isst und drei Monate später die gesamte Welt ins Wanken gerät und das dann die Disruption ist, hätten wir uns wahrscheinlich noch im letzten Jahr nicht träumen lassen.

Wir haben aber sehr wohl erlebt, welche Kraft dann eben doch auch in der Gesellschaft steckt. Insofern sollten wir nicht wehmütig auf die Dinge blicken, die gerade alle nicht möglich sind. Die letzten Monate haben schließlich gezeigt, was alles möglich ist, wenn wir miteinander die Einsicht in die Veränderungsnotwendigkeit der Dinge entwickeln.   
Was wir zum einen gesellschaftlich und zum anderen in Hinblick auf die Implementierung neuer Haltungen und neuer Technologien geschafft haben, wäre für uns wahrscheinlich vor einem Jahr auch undenkbar gewesen.

Ein amerikanisches Motto lautet „Never waste a good crisis“. Das klingt erst einmal zynisch, aber wir sollten es als Anlass verstehen, uns Fragen über unsere gemeinsame Zukunft zu stellen. Uns allen sollte klar sein, dass es eine Rückkehr zum Status quo ante nicht geben wird. Wir müssen uns also fragen: Was können wir aus den Lerneffekten jetzt gemeinsam entwickeln? Wie können wir vor dem Hintergrund der durch äußere Rahmenbedingungen erzwungenen Veränderungen am Ende vielleicht sogar mit klügeren Mechanismen, Institutionen und Settings aus dieser Situation herauskommen?

Wir dürfen uns dabei nichts vormachen: Dieses Virus stellt uns vor enorme ökonomische Herausforderungen. Und jeder, der beispielsweise ein Geschäftsmodell betreibt, das etwas mit der Begegnung von Menschen zu tun hat, stellt fest, dass das gerade sehr schwer umzusetzen ist. Wenn ich mich in diesem Saal umsehe, ist das deutlich zu erkennen. Aber auch in vielen anderen Bereichen unserer Volkswirtschaften sind die Schwierigkeiten offensichtlich: So erleben wir, wie schwierig es momentan ist, das Konsumentenvertrauen wieder zu stärken. Und wir erleben, wie schwierig es ist, die Liefer-, Logistik- und Produktionsketten aufrecht zu erhalten.

Seit Mitte März haben wir alle erfahren müssen, wie unglaublich verletzlich manche Strukturen sind, auf die wir unsere Wertschöpfung und Wohlstandsprozesse gegründet haben.
Unsere Aufgabe ist also erstens, gemeinsam darüber nachzudenken, wie es gelingen kann, in einer global vernetzten Wirtschaft, die auf die Begegnung von Menschen angewiesen ist, trotzdem Wertschöpfungsprozesse und Wohlstand organisieren zu können.

Wir haben zweitens erlebt, mit welcher Rasanz sich betriebliche Prozesse verändern können. Über viele Jahre haben wir uns miteinander über die Gestaltung der digitalen Arbeitswelt ausgetauscht. Jetzt haben wir über Nacht erlebt, dass ganze Unternehmen ihre Rechner in den Büros abgebaut und sie den Mitarbeitenden mit nach Hause gegeben haben, damit sie von dort arbeiten können. Wir haben global aufgestellte Unternehmen, mit einer Policy für die ganze Welt, die ihren Mitarbeitenden jetzt schon mitgeteilt haben, dass sie vor Sommer 2021 nicht mehr in die Büros zurückkehren werden.
Gleichzeitig haben wir viele Unternehmen – wie auch unsere eigene Behörde – die ein hybrides Modell entworfen haben. Die einen, die zum Beispiel Kinder hatten, die nicht in die Schule konnten, oder auch diejenigen, die Quarantänebedingungen erfüllen mussten, arbeiteten von zuhause und andere vor Ort im Büro. Solche Umstrukturierungen gab es in vielen Betrieben. Und ich bin sicher, dass das, was an Veränderung in der Arbeitswelt entstanden ist, in guten Teilen bleiben wird. Dazu zählt auch der Verzicht darauf, immer durch die Republik zu reisen. Wir haben alle gesehen, dass es dafür gute Alternativen gibt.

Wir erleben drittens eine enorme Veränderung in den Märkten und im Marktverhalten. Unternehmen treten jetzt in Kooperationsbeziehungen ein, die noch vor zwei oder drei Jahren undenkbar gewesen wären. Produkte verändern sich. Das Desintegrieren eines Produktes und seines Distributionsweges durch digitale Verbreitungsmöglichkeiten hat sich noch einmal unglaublich beschleunigt.
Diese Entwicklungen gehen weit über das hinaus, was schon vorher schlicht durch die Kommodifizierung im digitalen Produktmanagement möglich gewesen ist. Und auch das ist etwas, das bleiben wird und aus dem neue Geschäftsmodelle entstehen können.

Gleichzeitig spüren wir aber auch, wie unglaublich dankbar wir sind – jetzt wo es wieder geht – Dinge auch im realen Leben tun zu können. Mancher Mythos der Digitalisierung, dass alles ganz toll wäre, wenn es sich ins Digitale verlagere, ist einem etwas schärferen Bewusstsein dafür gewichen, was digital funktioniert und was nicht. Ein Softwareentwickler hat mir einmal gesagt: „Wenn du einen Scheißprozess analog hast und den digitalisierst, dann hast du einen digitalen Scheißprozess.“ Auch diese Wahrheit haben wir durchaus erleben können. Wir mussten erkennen, dass Prozesse nicht einfach so auch digital funktionieren. Und ob sie denn vielleicht auch schon analog nicht funktioniert haben und wir es uns aus blinder Gewohnheit nur nicht eingestanden haben, ist auch etwas, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Viertens verzeichnen wir eine Veränderung des Verhältnisses von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Wir sehen, dass es möglich und notwendig ist, aufgrund des Infektionsschutzes Märkte sehr robust zu regulieren. Das lässt sich durchaus als Lerneffekt verbuchen. Wir beteuern nicht mehr, dass der Markt einfach so funktioniert, immer so funktioniert hat und wir das nicht ändern können.

Niemand in unserem Land sollte jetzt Sozialismusfantasien entwickeln – aber die Bedeutung staatlichen Handelns für Innovationskontexte ist durchaus etwas, das wir uns genauer ansehen können.  
Insofern bin ich sehr froh, dass die Stadt Hamburg neben dem Buchen eines ganzen Programms in der Halle K1 ein fester Partner dieses Kongresses ist. Damit wird deutlich, dass Kooperations- und Innovationsallianzen zwischen Staat und Wirtschaft entstehen können, die dann gemeinsam im Gestalten der Rahmenbedingungen dann auch die Möglichkeiten der Digitalisierung voranbringen können.
Wir haben noch eine ganze Menge vor uns: Wir müssen uns ansehen, wie Innovationsprozesse eigentlich funktionieren. Was ist die Rolle des Staates durch sein eigenes Investitionsverhalten?

  • Die hiesige Hochschule ist eine Exzellenzuniversität geworden,
  • wir haben es geschafft, die Zahl der Informatikprofessuren und derjenigen, die sich mit Digitalisierungsprozessen dort beschäftigen, zu verbessern,
  • wir verbessern die Transfermöglichkeiten in die Märkte hinein.
  • wir sind dabei, andere Formen und Verständnisse von Innovationen zu entwickeln, um offene Innovationsprozesse zu gestalten,
  • wir vernetzen Kreativwirtschaft und Großindustrien miteinander, um zu untersuchen, wie agile Innovationsprozesse in klassischen industriellen Settings funktionieren.

Das sind alles Themen, die besser gelingen, wenn sich auch der Staat auf Agilität einlässt. Das ist für uns ein genauso weiter Weg wie für die Unternehmen, wenn nicht manchmal sogar ein noch weiterer. Aber er ist notwendig und wir müssen gemeinsam daran arbeiten.
Und am Ende haben wir es mit einer kulturellen Frage zu tun. Kultur hat nämlich etwas damit zu tun, wie wir uns als Gesellschaft neuen Technologien gegenüber öffnen. Dabei steht fest: Nur, wenn wir sie zum selbstverständlichen Bestandteil unseres Alltagshandelns machen, sind wir auch in der Lage, ihre wirtschaftlichen und ihre strukturellen Potenziale zu heben. Es geht dabei um eine Frage der Akzeptanz und der Selbstverständlichkeit der Nutzung und nicht um ein abstraktes „Digitalisierung ist wichtig“. Digitalisierung ist immer nur ein Tool, um etwas anderes zu erreichen.

Um die Integration digitaler Technologien in den Alltag zu fördern, haben wir uns in Hamburg vorgenommen, ein Projekt zu realisieren, das momentan ein wenig technisch unter dem Begriff „Haus der digitalen Welt“ firmiert. Es geht darum – anknüpfend an die gemeinsame Arbeit von Volkshochschulen und öffentlichen Bücherhallen – einen Ort zu schaffen, an dem die digitalen Möglichkeiten der Information, der Kommunikation, des Miteinander-Zusammenarbeitens der Stadtgesellschaft zur Verfügung gestellt werden. So erreichen wir schließlich die Selbstverständlichkeit im Umgang mit digitalen Technologien, die es leichter macht, Innovationsprozesse im betrieblichen Umfeld zu gestalten.  

Sie sehen, Hamburg hat eine ganze Menge vor, was Digitalisierung angeht. Aber am Ende zählt der gemeinsame Prozess. Wir benötigen die Innovationsallianz zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei muss das Ziel sein, eine neue digitale Kultur und ein bisschen Optimismus gegenüber diesen technologischen Möglichkeiten auch im Alltag zu leben.  

Viele Herausforderungen liegen noch vor uns. Wir meistern sie nur dann, wenn wir das Bewusstsein dafür, was wir miteinander schaffen können, aus den letzten Monaten in die Aufgaben mitnehmen, die in den nächsten Jahren vor uns liegen. Ich glaube, dass das unser Ziel sein muss. Und wenn dann der Preis dafür war, dass wir einmal auf das Silpion-Sommerfest verzichten mussten, dann ist der Preis hoch, das will ich ausdrücklich sagen, aber er ist nicht zu hoch. Und da es noch ein Get-Together auf dem Vorplatz geben wird, gibt es zumindest eine kleine Kompensation.   

Insofern: Rollen wir die Ärmel hoch und fangen wir an, diese neue Normalität und das, was hinter dieser Pandemie liegt, gemeinsam miteinander zu gestalten. Ich glaube, dafür bietet dieser Kongress großartige Möglichkeiten. Dabei wünsche ich ganz viel Spaß.

Schönen Dank.

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