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Ausstellungseröffnung „Kanzlers Kunst“ im Ernst Barlach Haus

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung „Kanzlers Kunst“ im Ernst Barlach Haus

Meine Damen, meine Herren,

Hermann-Hinrich Reemtsma war ein Mensch, dessen Präsenz einen Raum vereinnahmen konnte, ohne dass er auch nur ein Wort sagen musste. Er machte kein Aufhebens um seine Person. Nicht der große Auftritt, sondern die bedachte Geste war seine Sprache.

Ich denke zurück an die feierliche Einweihung des Max-Brauers-Foyers in der Elbphilharmonie an seinem 82. Geburtstag im Jahr 2017.

Nicht sich selbst, nicht seinem so überaus großzügigen mäzenatischen Wirken für die Kultur in Hamburg, ließ er damals mit der Benennung des Foyers ein Denkmal setzen; sondern dem von ihm so verehrten Bürgermeister Max Brauer, dem großen Altonaer Bürgermeister, wie er stets augenzwinkernd betonte.

Hermann-Hinrich Reemtsma war dankbar für die Anerkennung durch den Ersten Bürgermeister Olaf Scholz, die Wertschätzung der eigens aus USA angereisten Nachfahren Brauers. Aber als er anschließend im Großen Saal, im Kreise seiner Familie, einem Bach-Konzert von Organistin Iveta Apkalna lauschen durfte: das bereitete ihm wirkliche Freude.

Und mit dieser Freude an den Künsten hat Hermann-Hinrich Reemtsma in Hamburg – und darüber hinaus – so vieles bewegt. Dafür sind wir ihm dankbar.

Hermann-Hinrich Reemtsma und Kanzler Helmut Schmidt schätzten einander. Sie sind sich vielfach begegnet, auch hier, im Ernst Barlach Haus.

Mit Hermann-Hinrich Reemtsma ist nun eine weitere Persönlichkeit gegangen, die das Hamburg des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt hat.

Er wird uns fehlen.

 

Sehr geehrter Herr Giesen,
sehr geehrter Herr Dr. Woyke,
sehr geehrter Herr Herms,
sehr geehrter Herr Dr. Müller,
sehr geehrte Damen und Herren,

der Zeitpunkt für die erste Ausstellung der privaten Sammlung von Loki und Helmut Schmidt in einem Museum, hier im Barlach Haus, ist gut gewählt – denn wir feiern morgen, am 3. Oktober, 30 Jahre Wiedereinigung.

Was hat das eine mit dem anderen zu tun, werden Sie vielleicht fragen…

Dass Helmut Schmidt einen sehr persönlichen Bezug zur Kunst hatte, insbesondere der Bildenden Kunst und der Musik, das ist bekannt. Darüber wird Herr Dr. Müller anschließend sicher noch berichten, wenn er eine kurze Einführung in die Ausstellung und die Sammlung des Ehepaars Schmidt geben wird. Deswegen konzentriere ich mich auf die Wechselwirkungen von Kunst und Politik und wie Helmut Schmidt diese gezielt einzusetzen wusste.

Auch wenn die für Willy Brandt entflammten Künstlerinnen und Künstler mit Schmidt zunächst ein wenig fremdelten, merkten sie schnell: Schmidt war es in seiner Kanzlerschaft ein großes Anliegen, die Freiheit der Kunst zu stärken und ihre Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft deutlicher ins Bewusstsein zu rücken.

Dafür war der Regierungssitz, damals noch in Bonn angesiedelt, als repräsentatives Zentrum der Demokratie der perfekte Ort – und zwar gleich mehrfach.

Schmidt sorgte erstens dafür, dass die Expressionisten, die von der Nazis als „entartet“ diffamiert wurden, im Bonner Kanzleramt zu sehen waren. Er verband damit verschiedene Absichten: eine Art Wiedergutmachung an den Künstlerinnen und Künstlern, ein Zeichen gegen Geschichtsvergessenheit und ein Statement für verantwortungsvolle, humane Politik.

Zweitens ließ er die große Henri-Moore-Plastik „Two large forms“ aufstellen, die noch heute vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt zu sehen ist. Bei der Übergabe im Jahr 1979 sagte Schmidt:

„Für mich ist dieses Kunstwerk auf dem neuen Grün des Vorplatzes ein Zeichen für Leben, ein Symbol für menschliche Verbundenheit, auch ein Ausdruck für Menschlichkeit. Und diese Wirkung teilt sich – so meine ich – dem ganzen Platz mit.“

Gegenwind kam natürlich sofort, ein Kritikpunkt betraf die Tatsache, dass es die Arbeit eines britischen Künstlers war. Ursprünglich hatte Schmidt wohl an Ernst Barlach gedacht – den er verehrte – aber von ihm gab es keine passende Skulptur. Für Helmut Schmidt war deshalb die Moore-Plastik ein Bekenntnis zu Europa als Wirtschaftsgemeinschaft, aber auch als Solidaritätsgemeinschaft.

Aber es ging nicht bloß um große politische Symbolik, sondern auch um typisch Schmidtschen Pragmatismus: Der Kanzler mochte die Ästhetik der Architektur des damaligen Bundeskanzleramtes nicht, sie erinnerte ihn an eine „rheinische Sparkasse“. Die fast vier Meter hohe Skulptur verdeckt diese nun gnädig… Was also in der Idee womöglich dem persönlichen ästhetischen Empfinden geschuldet war, wurde später zu einem Symbol der Bonner Republik.

Die dritte Besonderheit, die wir Helmut Schmidt zu verdanken haben, war die Einführung der Kanzlergalerie. Auch bei dieser Idee war Schmidt von Geschichtsbewusstsein geleitet – und nicht von der Repräsentanz von Macht, wie wir es von Herrschaftsbildern sonst kennen. Die Bonner Republik, die als geschichtslos galt, bekam eine eigene Genealogie, als Schmidt die Portraits seiner Vorgänger, von denen er einige eigens anfertigen ließ, zu einer Galerie zusammenfügte.

Mitte der 1980er Jahre beauftragte Helmut Schmidt den DDR-Künstler Bernhard Heisig für sein eigenes Portrait. Auch das war mehr als ungewöhnlich.
Denn Heisig war im Westen als Staatskünstler verschrien.
Schmidt galt nicht als Freund des real existierenden Sozialismus.
Und die deutsch-deutsche Beziehung war nach wie vor angespannt.
Und dann also ein Kanzlerbild von Bernhard Heisig. Gewagt.

Das war bemerkenswert, weil Schmidt damit nicht nur ein Zeichen der Verbundenheit der beiden deutschen Staaten setzte. Sondern es war vor allem auch deswegen bemerkenswert, weil er damit ganz praktisch umsetzte, was theoretisch alle gern einfordern: die Freiheit der Kunst.

Angezogen von der Formsprache des Expressionismus, die er bei Heisig wiederfand, entschied er sich für das künstlerische und gegen das politische Argument.
Dass diese Entscheidung wiederum ein Politikum war, war ihm natürlich klar. Denn auch, wenn sich der Kalte Krieg dem Ende neigte und der Geist der Perestroika und Glasnost spürbar wurde: Der Kampf der Systeme dauerte an. Auch in der Kunst.

Und teilweise tut er das bis heute. In der Kunst gerinnen schließlich die symbolischen Sinnressourcen einer Gesellschaft. Im Umgang damit werden Unterschiede und Widersprüche nur allzu deutlich. Und zwar nicht erst dann, wenn die Kunst in die Finger der politischen Instrumentalisierung gerät…

Dass wir damit niemals fertig sein werden, zeigen die hart geführten Debatten zum Beispiel anlässlich der Neuhängung der vereinigten Bestände aus Ost und West in der Neuen Nationalgalerie im Jahr 1994 oder 2018 anlässlich einer Ausstellung von ostdeutscher Malerei und Skulptur im Albertinum Dresden mehr als eindringlich.

Offensichtlich suchen und finden wir in der Formsprache der Künste in Ost und West wechselseitig den Ausdruck von Weltanschauung, ja sogar von Ideologien.
Die Differenzen werden leicht sehr holzschnittartig vergröbert.

Im Westen galt die abstrakte Kunst (nach amerikanischem Vorbild) als modern, freiheitlich und international, die figürliche hingegen als rückschrittlich und propagandistisch.
Im Osten galt die realistische Kunst (nach sowjetischem Vorbild) als volksnah und moralisch hochwertiger und die abstrakte Kunst als bourgeois.
Die eine Kunst war das Feindbild der anderen. Davon blieb Schmidt gänzlich unbeeindruckt.

Der Kunsthistoriker Hanno Rauterberg schrieb 2015 in der ZEIT daher zurecht, der Auftrag an Bernhard Heisig für das Schmidt‘sche Kanzlerbild sei ein „vorweggenommener Akt der Wiedervereinigung“ gewesen.

„Kunst vereint nicht nur verschiedenartige Kunsteinflüsse, sondern sie verbindet auch Völker, sie führt Menschen über Grenzen zusammen“, hat Schmidt einmal selbst gesagt.

Während seiner Kanzlerschaft ließ er über das deutsch-deutsches Kulturabkommen verhandeln lassen (erste Planungen dazu gab es schon vor seiner Kanzlerschaft). Unterzeichnet wurde es dann aber erst zu Kohls Zeiten, am 6. Mai 1986. Möglicherweise war das Portrait von Heisig, das im November desselben Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, die Pointe dazu – von Helmut Schmid lange vorbereitet…

Eine Studie von Heisig für das Kanzlerbild sehen wir in dieser Ausstellung. In der Publikation, die die Ausstellung begleitet, finden Sie außerdem einen ausführlichen Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Bildes von Kristina Volke, der stellvertretenden Leiterin der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages.

Dass der private Helmut Schmidt gemeinsam mit seiner Frau Loki eine große Kunstsammlung anlegte, die er selbst nicht als solche bezeichnen wollte und die keiner konsequenten Systematik folgte, sondern nur dem subjektiven Geschmack, steht dabei nicht im Widerspruch zu der politischen Symbolkraft, mit der er die Kunst in der Öffentlichkeit zu platzieren wusste.

Vielmehr zeigt sich hier jene ganz individuelle Faszination des ästhetisch-expressiven Ausdrucks, die sich schon früh in Sammlungen finden lässt, lange bevor es Museen und ihre kunsthistorisch informierten Sammlungen gab. Der private Blick des Liebhabers ist tolerant und vielseitig, unverbildet und gerade dadurch manchmal hellsichtig.

In diesen an frühe Kunstkammern gemahnenden Sammlungen stehen und hängen Werke nebeneinander, die eigentlich nicht nebeneinander gehören. Gerade das zeigt uns die Widersprüche und die Idiosynkrasien nicht nur unserer Zeit. Die Dinge passen nicht zueinander. Wir Bürgerinnen und Bürger sind es, die sie in Verbindung sehen und in ihren Zwischenräumen Sinn suchen und generieren.

Das galt zeitlebens auch für Helmut und Loki Schmidt. Und es charakterisiert einen großen Politiker, der wie vermutlich kein Zweiter das Pathos der Nüchternheit der BRD verkörperte.

Wie Helmut Schmidt Politik machte, das kann man zusammenfassend so nennen: Das war einfach ganz große Kunst!

Ich danke dem Ernst Barlach Haus, der Bundeskanzler Helmut-Schmidt-Stiftung und der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung für diese schöne Ausstellung.

 

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