Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Ausstellungseröffnung „Trias“ von Holger Matthies in der Freien Akademie der Künste

Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung von Holger Matthies 2020

Sehr geehrter Professor Holger Matthies,
sehr geehrter Herr Greiner,
sehr geehrter Herr Schwarz,
sehr geehrter Herr Grohnert
und natürlich sehr geehrte Damen und Herren,

„[Plakate] benötigen keine Museen oder Galerien, keine Ausstellungseröffnungen mit Sektempfängen, weder Kuratoren noch Redner“ schrieb Holger Matthies einst in einem Katalog zu einer seiner früheren Ausstellungen.

Und ich hoffe, er genießt den heutigen Abend trotzdem. Denn schließlich bieten wir doch fast die ganze Palette…

Bei solchen Anlässen stehen die Leute mit dem Rücken zu den Arbeiten und quatschen, kritisiert Matthies. Das haben seine Werke wahrlich nicht verdient.
Ich glaube, wir alle hier wissen: Die Kunst hat wenig davon, wenn man ihr den Rücken zuwendet. Und gerade Plakatmotive lassen das nicht zu: Im öffentlichen Raum platziert, kennen sie keine Zugangsbarrieren, keine Eintrittsgelder oder Corona-Kontaktdatenblätter für die Betrachtenden – Plakate kommunizieren ganz unmittelbar.

Holger Matthies weiß genau, wie er die Blicke auf seine Plakate lenkt, ohne um sie zu buhlen – national und international. Schon 1981 handelten seine Fertigkeiten ihm daher den „Edwin-Scharff-Preis“ der Freien und Hansestadt Hamburg ein. Viele Preise und Auszeichnungen sollten folgen.

Es steht außer Frage: Holger Matthies versteht sich in der hohen Kunst, mit seinen Werken viel zu sagen und sich dabei immer klar und verständlich auszudrücken. Und je genauer wir seine Plakate einzeln oder im Dreierpack, wie hier, inspizieren, desto mehr können wir entdecken. Desto mehr spüren wir auch ihre wohlkalkulierte und doch so gar nicht zweckrational zugerichtete Wirkung.

Bekanntlich mutet Kunst manchmal das Prädikat „zerstreuend“ an und ich muss zugeben, dass auch dies auf Matthies-Plakate zutrifft, zumindest auf eines, das ich in meinem Büro auf einer Kommode stehend an die Wand gelehnt habe: „Unser täglich Brot“ – ein Plakat mit einem fröhlichen und einem traurigen braungebrannten Toastbrot für das Residenztheater München.
Das ist eine willkommene Zerstreuung bei Haushalt und Corona-Hilfen; ein Silberstreif zwischen Ziffern und Zahlen. Und es ist eine Erinnerung daran, dass es in der Kulturpolitik in der Regel nicht um den üppigen Belag, sondern die essentielle Grundlage geht.

Holger Matthies platziert solche Botschaften beiläufig – aber nie, um zu zerstreuen. Seine Sprache ist die Zuspitzung. Matthies geht auf Tuchfühlung mit der Herznote eines Sujets. Und das immer und immer wieder anders und immer wieder genial.

„Ich lese, um überrascht zu werden, um konfrontiert zu werden, um herausgefordert zu werden, um geschockt zu werden" ließ der Schriftsteller Ilija Trojanow einmal in einer Rede verlauten. Ob Holger Matthies genauso liest, das wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass ein Dramaturg, für dessen Inszenierung er mutmaßlich gearbeitet hat, ihm einmal gesagt hat: „Sie haben das Stück wieder mal genauer gelesen als wir“. Das will was heißen und ist nur allzu verständlich, wenn wir uns hier umsehen.

Matthies‘ Plakate überraschen, konfrontieren, fordern heraus und schockieren. Knackig und kokett sind sie; dabei nie aalglatt und antiquiert. Durch seine Kunst hat Holger Matthies viele Kultureinrichtungen und Medienunternehmen dieser Stadt – und weit darüber hinaus – darin unterstützt, die Kraft und Relevanz von Kultur sichtbar und erfahrbar zu machen.
Das Wort „Spätlese“, das den Untertitel dieser Ausstellung ziert, bedeutend also definitiv nicht, dass etwas lange reifen muss, um endlich „das gewisse Etwas“ zu haben.

Nein, Holger Matthies versteht sich seit Jahrzenten im Kombinieren und Neukombinieren.

Das zeigt auch die Ausstellung „Trias“, deren Ordnungsprinzip dem Zufall entsprungen und vielleicht auch unserer ontogenetischen Neigung, Dinge in scheinplausible Zusammenhänge zu stellen und dann an ihren Kontrasten zu verzweifeln. Jedenfalls: Durch die Neukombination von bekannten Plakatmotiven werden frische Perspektiven offenbar.

Das Triadische kennen wir bereits aus verschiedenen Kontexten – in der Kunst, der Religion, der Geologie und sehr wohl auch aus der Politik: Auch hier gibt es eine bekannte Trias, die meine Zunft zu befolgen hat. Leidenschaft, Vernunft und Augenmaß sind die Qualitäten, die Politiker nach Max Weber an den Tag legen müssen.

Und an eben diese Trias musste ich denken, als ich Bernd Kauffmanns Beitrag im knallpinken Katalog zu dieser Ausstellung las. Darin heißt es, dass Holger Matthies sich von der Trias „Kopf, Herz und Seele“ leiten lasse.

Kopf, Herz, Seele – Vernunft, Leidenschaft und Augenmaß; genau das braucht es bei allen Unterschieden in der Kunst und in der Politik. Fehlt die Balance, entsteht eine Unwucht, der wir mit Argwohn zuhauf begegnen. Wir sehen, was passiert, wenn die Leidenschaft in ungehaltene Emotion umschwenkt und vernünftige Argumente zu Schall und Rauch werden. Wir sehen, wie schwierig es ist, die Notwendigkeit des Diskurses zu verteidigen, wenn Argumentieren erst einmal in Verruf geraten ist. Wenn Impuls und Intuition sich über Ratio und Analyse stülpen, wird das Nachdenken blockiert und heraus kommen häufig falsche Interpretationen.
Ich muss dabei ganz besonders an die Reaktion auf eines von Holger Matthies‘ Plakaten denken: „Türken raus“ (1994).
Auf besagtem Plakat werden Zeile für Zeile einzelne Buchstaben entfernt, bis am Ende nur noch „aus“ steht, mit der kleinen Fußnote, dass, wenn 1.523.678 Türken die Bundesrepublik verließen, hierzulande die Lichter ausgingen.
Im ersten Augenblick möchte man sagen, „wie bitte?“ – und das haben auch einige getan – weil das Fußnotenlesen nicht zu unseren Stärken gehört und der Trugschluss sich wacker hält, Plakate müssten in Sekundenschnelle identifizierbar sein. Müssen sie nicht. Manche Botschaft braucht Zeit. Mancher Groschen fällt pfennigweise. Und manche Erkenntnis muss ein wenig gären. Das gilt erst recht, wenn die Motive ohne erklärenden Text auf ihre visuelle Aussage reduziert werden; wenn die alte Boxerweisheit so richtig Wirkung entfaltet: Einer aufs Auge ist besser als acht aufs Ohr. Hier müssen wir uns doppelt anstrengen, den essentialistischen Trugschluss zu vermeiden und auch das Bild bloß als Bekenntnis zur Welt zu lesen.

Es lohnt, das Buch „Thinking, fast and slow“ zurate zu ziehen, das der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman 2011 veröffentlicht hat. Hierin schildert er, welche Denkfehler uns unser Hirn verpasst, wenn wir nur dem nachgeben, was der erste Eindruck preisgibt. Deswegen differenziert er zwischen schnellem Denken – das zu vorschnellen Handlungen führt – und langsamem Denken, das das nötige Quantum Reflektion und Erkenntnis ermöglicht.

Holger Matthies zeigt uns durch seine Kunst, wie wichtig es ist, ganz nah an eine Sache heranzugehen, um sie ganz verstehen zu können – auch dann, wenn wir uns in der vertrauten Gewohnheit wiegen, das doch sonst auch nie getan zu haben.

Die Ausstellung „Trias“ lehrt uns, dass es immer verschiedene Perspektiven gibt und, dass der Kontext, in dem Handlungen stattfinden oder eben auch Kunst kombiniert wird, immer entscheidend zur Interpretation einer Sache beiträgt.
Insofern: Unterschiedliche Sichtweisen zusammenzubringen, ist immer ein Gewinn. Und vielleicht ist es gerade die Dreiheit, die offenlegt, dass es nie nur die eine oder andere Position gibt, sondern auch immer ein Dazwischen. Alles, was wir als Betrachterinnen und Betrachter tun müssen, ist, uns auf das Unbekannte einzulassen, um Zusammenhänge entdecken zu können.

Lieber Holger Matthies,
der erwähnte Kahneman schrieb in seinem Wälzer auch, Intelligenz bedeute nicht nur die Fähigkeit zu denken, sondern auch die Fähigkeit, relevantes Material im Gedächtnis hervorzukramen und bei Bedarf Aufmerksamkeit einzusetzen. Sie sind Meister darin und ich danke Ihnen für diese fotografische Spätlese hier in der Freien Akademie der Künste.

Ihnen, meine Damen und Herren, wünsche ich gleich einen bedächtigen Streifzug mit Kopf, Herz und Seele durch diese Ausstellung.

Vielen Dank.

Themenübersicht auf hamburg.de

Anzeige
Branchenbuch