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Ausstellungseröffnung „William Kentridge - Why Should I Hesitate“ in den Deichtorhallen

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung William Kentridge in den Deichtorhallen

Sehr geehrter, lieber Herr Luckow,
sehr geehrte Frau Theunissen,
sehr geehrte Frau von Jenisch,
meine Damen und Herren,

„Einige Leute bezeichnen mich als politischen Künstler, und politische Künstler sagen, ich wäre keiner“ berichtet der südafrikanische Künstler, Performer, Filmemacher, Theater- und Opernregisseur William Kentridge über sich selbst.

Die Entscheidung darüber, was von beidem zutrifft, überlasse ich jedem Besucher, jeder Besucherin dieser Ausstellung selbst.
Als gesichert können wir jedoch behaupten, dass Kentridge zu den vielseitigsten Künstlern der Gegenwart zählt und die Kunstwelt seit vielen Jahren mit seiner visuellen Poesie fasziniert.

Wir hatten sehr gehofft, er könne heute selbst anwesend sein, leider war dies aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen nicht möglich.
Umso mehr freuen wir uns aber, dass seine Arbeiten den weiten Weg aus Kapstadt zu uns gefunden haben, wo ihm das größte Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst der Welt – das 2017 eröffnete „Zeitz Museum of Contemporary Art Africa“ (kurz MOCAA) – 2019 die bislang wohl größte Einzelausstellung in seinem Heimatland gewidmet hat.

Kentridge gehört ohne Frage zu den erfolgreichsten Künstlern des Landes und er hat sich weltweit einen Namen gemacht. Dennoch war die Ausstellung in Südafrika nicht unumstritten.

Kentridge selbst nennt sich „ein weißes Kind der Apartheid“ und war sich der daraus resultierenden privilegierten Position – im Gegensatz zu vielen anderen Weißen in seiner Heimat – stets bewusst.

Seine Eltern kämpften gegen die Apartheid, sein Vater war einer der Hauptverteidiger von Nelson Mandela.
Durch diese Erfahrungen sah er sich schon früh dazu verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen. In seinen Arbeiten setzt er sich immer wieder mit Ungerechtigkeit, Terror und Unterdrückung auseinander.
Sein Geburtsort Johannesburg ist sein Lebensmittelpunkt geblieben. Hier findet er Inspiration. Die Menschen dort sind „seine Verbindung zur Welt“.

Aber ein weißer Künstler im Zeitz MOCAA, das großen Wert auf Themen legt, die Schwarze betreffen? Seine Direktorin, Koyo Kouoh, die zu meiner Freude auch die künstlerische Leitung „8. Triennale der Photographie Hamburg“ übernommen hat, sagt: „Wir wollen allgemein auf afrikanische Identitäten aufmerksam machen und nicht in irgendwelche Schubladen gesteckt werden."

Ich bin der Ausstellung dankbar für diesen Einblick in die Kulturen eines Kontinents, den wir von Europa aus noch viel zu oft allzu homogen wahrnehmen. Seine Vielfalt, seine Brechungen, seine Differenzen und Widersprüche können uns viel lehren.
Wie schon in Kapstadt wurde auch die Hamburger Ausstellung von den Kuratoren in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und seinem Studio realisiert und von der Bühnenbildnerin „Sabine Theunissen“ in besonderer Weise inszeniert.

Mit rund 160 Arbeiten bietet sie einen Überblick über 40 Jahre kreativen Schaffens und lädt uns ein, in das schöpferische Universum von Kentridge einzutauchen.
Ausgangspunkt seiner Arbeit ist sein Atelier, welches wir – in Abwesenheit des Künstlers – in der Ausstellung betreten dürfen. Dieses bildet als experimenteller Denkraum das Zentrum seiner künstlerischen Tätigkeit, hier werden Weltpolitik und Autobiografisches miteinander verschmolzen und Bilder, Gedanken, Assoziationen verbunden.
Hier entstehen seine einzigartigen Zeichnungen, auf die sein gesamtes Werk aufbaut. Kentridge selbst formulierte es einmal so: „Zeichnen ist eine Art zu denken. In der Zeichnung füge ich die Gedanken zusammen und verleihe ihnen Kohärenz.“
Es geht ihm um einen schöpferischen Prozess, bei dem „ein Gefühl von der Welt als Prozess“ entsteht.

Im Rahmen seiner performativen Vorträge „Drawing Lessons“ lässt er das Publikum miterleben, wie sich die gezeichnete Linie über Animation und weitere mediale Mittel zu einem Film entwickelt und eine neue Welt sichtbar und erlebbar wird.

Dieses konnte das Publikum des „Hamburger Schauspielhauses“ im Januar 2014 erleben, das er auf diese Weise auf eine poetische Reise zum Mond entführte.
Mit jedem Medienwechsel werden die Bilder transformiert und es entsteht eine komplexe Schichtung von Medien und Bedeutungen.
Dabei arbeitet Kentridge grundlegend interdisziplinär und nutzt fast alle künstlerischen Techniken und Genres.

Die Ausstellung spannt den Bogen über frühe Zeichnungen und Drucke über Animationsfilme bis zu aufwändigen Installationen und multimedialen Produktionen, mit denen er sein Themen- und Medienspektrum kontinuierlich weiterentwickelt.

Besonders in den frühen Arbeiten wird deutlich, dass Kentridge von den politisch engagierten Kunstformen des frühen 20. Jahrhunderts beeinflusst ist.
So lassen sich Bezüge zum deutschen Expressionismus und Künstlern wie Max Beckmann oder George Grosz finden. Auch gibt es viele Anknüpfungspunkte an die Ausstellung PROOF (2018 in den Deichtorhallen), in der mit Goya, Longo und Eisenstein Aufklärung, Moderne und Postmoderne zusammentrafen, auch hier konsequent auf schwarz-weiß reduziert und höchst politisch.

Allen Ausstellungsbesuchern wird sicherlich die monumentale Filminstallation “More sweetly Play the Dance“ in Erinnerung bleiben, die sich über einen gesamten Raum erstreckt.
Bereits der Titel macht deutlich, dass Kentridge sich intensiv mit Literatur und Musik auseinandersetzt, denn er ist eine Anspielung auf Paul Celans Todesfuge, mit der dieser 1944 der Opfer des Holocaust gedenkt.
Wir erleben eine makabre Prozession von Wesen, die sprachlos einer Brassband folgen, alle sind nur im Schattenriss erkennbar. Kentridge sieht sie als Schatten, wie sie an Platons Höhle vorbeiziehen. Eine mythische Straße, auf der das Leben Afrikas schaurig schön an uns vorbeizieht und uns nicht mehr loslässt.

Im Zentrum der Arbeiten William Kentridges stehen die wechselvolle Geschichte Südafrikas und die Folgen der Kolonisierung, die er präzise analysiert und recherchiert. Seine Aufmerksamkeit gilt sowohl der kolonialen Unterdrückung der indigenen Bevölkerung als auch den sozialen und politischen Verhältnissen der Post-Apartheid, geprägt von sozialen Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Flucht und Vertreibung auf dem afrikanischen Kontinent. Er stellt immer wieder diese „Allegorien der menschlichen Existenz und der Welt an sich“ in persönlichen und historischen Kontext. Und immer wieder stehen dabei die Beziehungen zwischen Europa und Afrika im Mittelpunkt und brechen unsere noch immer allzu eurozentristische Sicht.
Gerade deshalb passt diese Ausstellung so gut nach Hamburg, denn Hamburg spielte als Hafen- und Handelsstadt eine zentrale Rolle für die deutsche Kolonialpolitik zwischen 1884 und 1918.
Während in Berlin die politischen Entscheidungen getroffen wurden, war die Hansestadt - „Deutschlands Tor zur kolonialen Welt“ – eine globale Drehscheibe kolonialer Rohstoffe, Waren und Mobilität von einem lange vor der staatlichen Kolonialzeit beginnenden und bis in die Gegenwart nachwirkenden Austausch mit „Übersee“. Das kann man aktuell in einer sehenswerten Ausstellung im Museum der Arbeit nachvollziehen.

Die kritische Aufarbeitung, Auseinandersetzung und Neubewertung dieser schwierigen kolonialen Geschichte gehört daher zu den wichtigsten erinnerungspolitischen Aufgaben unserer Zeit.
Ich bin froh, dass Hamburg nach langjährigem Engagement zivilgesellschaftlicher Gruppen, insbesondere der Schwarzen Communities und People of Color, bereits 2014 beschlossen hat, sich ihrer kolonialen Vergangenheit zu stellen. Diese hat in vielen Bereichen ihre Spuren hinterlassen und beeinflusst – oft unterschwellig – unser Denken noch immer.

Diese Ausstellung kann hier einen wichtigen und ins Globale weisenden Denkanstoß leisten, denn es gelingt William Kentridge mit seinen teils poetisch-szenischen teils in aufklärerisch scharfen und häufig auch humorvollen Arbeiten, eingeübte Sehgewohnheiten und Denkmuster in Frage zu stellen und sich im Rahmen einer Perspektivumkehr mit Kolonialismus auseinanderzusetzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zur Realisierung eines so anspruchsvollen und aufwändigen Großprojektes bedarf es vieler Partner.

Unser Dank gilt allen voran mit dem südafrikanischen „Zeitz Museum of Contemporary Art Africa“ in Kapstadt, namentlich der Direktorin Koyo Kouoh und ihrem Team, sowie dem Künstler William Kentridge und seinem Studioteam.

Die Budgets der Deichtorhallen wurden nicht nur durch den „Ausstellungsfonds der FHH“ unterstützt, sondern auch das Auswärtige Amt hat eine Förderung zugesagt.
Und last but not least, engagiert sich der „Förderkreis der Deichtorhallen“ in erheblichem Umfang und hat dadurch das Projekt wohl erst möglich gemacht.

Liebe Frau von Jenisch, vielen Dank für dieses tolle Engagement und auch Ihren großen persönlichen Einsatz!

Und nun wünsche ich uns allen einen spannenden Abend.

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