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Wir dürfen einander jetzt nicht verlieren

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Gastbeitrag im Hamburger Abendblatt von Senator Dr. Carsten Brosda

Ein Jahr Pandemie in der Kultur

„Hättest Du geschwiegen, dann wärst Du ein Philosoph geblieben.“ Mit diesem Satz hat meine Großmutter früher meine – aus ihrer Sicht regelmäßig misslingenden – Versuche gemaßregelt, den Lauf der Dinge kräftig zu kritisieren. Natürlich habe ich nicht geschwiegen, sondern weitergemacht, fühlte mich geradezu angespornt. Der Satz kam mir in den letzten Tagen wieder in den Sinn, als einige Videos mit dem Hashtag #allesdichtmachen im Netz auftauchten. Doch der Reihe nach…

Nach über einem Jahr in der Pandemie gehen wir alle auf dem Zahnfleisch. Das offensichtliche Leid, das die Krankheit verursacht, und die Beschränkungen, die der Kampf gegen das Virus erfordert, belasten uns emotional – individuell und kollektiv. In den sozialen Netzwerken wird der Gefühlszustand als #mütend beschrieben – eine Kombination von müde und wütend.

Dafür gibt es Gründe. Denn natürlich müssen wir derzeit vieles vereinbaren und leben, was uns eigentlich zutiefst gegen den Strich geht. Die Schließung von Theatern, Kinos oder Schwimmbädern, den Verzicht auf die Übungsstunden im Chor oder das Training mit der Mannschaft, die geschlossene Stammkneipe, die bisweilen in sehr weite Ferne gerückte Schule – all das fühlt sich so falsch an. Aber es ist zugleich notwendig und richtig. Denn nur so können wir weitere Ansteckungen verhindern.

Dieser Widerspruch, dass sich falsch anfühlt, was richtig ist, lässt sich nicht auflösen. Wir müssen lernen, mit ihm umzugehen, ohne zu frustrieren. Allzu oft gibt es mehrere Wahrheiten, die nicht zu einander passen und doch nebeneinander existieren. Auch jetzt wieder: Die Pandemie hat bereits über 80.000 Menschen alleine in Deutschland das Leben gekostet. Wir müssen Kontakte beschränken, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen – möglichst überall. Das stimmt. Und es stimmt ebenso, dass diese Beschränkungen den kulturellen öffentlichen Raum seit Monaten überproportional treffen, dass wir gegen Grundüberzeugungen unserer offenen Gesellschaft handeln müssen. Und es stimmt auch, dass die Folgen dieses Handelns nicht durch materielle Kompensation allein wettzumachen sind, weil sie so viel tiefer reichen, dass sie viele einfach nur noch mürbe machen und uns als Gesellschaft den notwendigen Raum zur Verständigung nehmen.

Alles das ist richtig, alles das spüren wir und können es nicht harmonisieren. Deshalb ist es so wichtig, dass wir diese Uneindeutigkeiten nicht bloß aushalten, sondern sie aussprechen und darüber debattieren. Dass wir sie als Aufforderung begreifen, gemeinsam abzuwägen zwischen den verschiedenen Wahrheiten und den richtigen Weg durchs gesellschaftliche Dickicht zu suchen. Und eigentlich bräuchten wir dafür gerade jetzt kulturelle Räume und künstlerische Interventionen, die den Blick weiten und die vielen gerade so schmerzlich fehlen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass Kunst und Kultur nicht bloß ein Ornament sind, sondern das Fundament unserer Gesellschaft – und es passiert ja auch vielfach und immer wieder. Dieses Überlebensmittel darf nicht verderben.

Ich kann nur mutmaßen, dass das auch das Anliegen der meisten Teilnehmenden an der Aktion #allesdichtmachen gewesen ist, bei der 53 Schauspielerinnen und Schauspieler Ende letzter Woche kurze Videos ins Netz gestellt haben: das Bewusstsein dafür schärfen, was momentan fehlt. Sie haben sich dabei einer der schärfsten Waffen der öffentlichen Kritik bedient und wollten die Zustände offensichtlich mit den Mitteln der Ironie entlarven. Das kann man machen, das muss man immer wieder auch mal machen. Eine offene Gesellschaft duldet Kritik nicht nur, sie fordert sie ein, sie sichert jeder Bürgerin und jedem Bürger das Recht dazu – in beinahe jeder Form. Aber leider ist die ironische Kritik in diesem konkreten Fall gründlich misslungen.

Denn Ironie und Sarkasmus lösen die aktuell besonders drastischen Widersprüche in die falsche Richtung auf und drohen zynisch zu wirken. Sie sind nur um den Preis der Empathielosigkeit zu haben. Und der ist angesichts voller Intensivstationen und bereits jetzt an den Rand gedrängter Existenzen auch in der Kunst einfach viel zu hoch. Bei allem Frust erweist sich Zynismus nicht als die richtige Haltung. Er ist keine Gesprächseröffnung, keine Kritik mit dem Ziel der Verbesserung der Verhältnisse, sondern er wirkt verbittert, verzweifelt und verletzend. Entsprechend war das Echo auf die Videos weit überwiegend verheerend. Viele, die seit mehr als einem Jahr hart von den Konsequenzen der Pandemie getroffen  sind oder sich unermüdlich einsetzen für die Belange von Kunst und Kultur, konnten nur irritiert den Kopf schütteln. Mich jedenfalls haben die Statements nicht überzeugt.

Einige Videos sind aus dem Netz mittlerweile wieder verschwunden, manche Schauspielerinnen und Schauspieler haben sich entschuldigt. Meret Becker zum Beispiel distanziert sich klar und eindeutig: „Wir hätten vielleicht mehr das sagen sollen, was gemeint ist.“ Sie hat Recht. Und darauf sollten wir alle jetzt fokussieren. Wir sollten sagen, was ist. Und dann darüber streiten, wie wir es verbessern können. Im Kampf gegen die Pandemie. Aber auch im Interesse der Kunst. Manchmal birgt schließlich gerade die Kontroverse die Chance, Klärungen herbeizuführen. Die heftigen Reaktionen auf die Videos sind ja auch Ausdruck der Enttäuschung, dass die künstlerische Intervention hier keine Orientierung gebracht hat. Das zeigt, welche Kraft sich viele von der Kunst erhoffen. Diese Chance sollten wir  konstruktiv nutzen – auch wenn es aktuell nicht so aussieht, als könnte das gelingen.

Was es jedenfalls nicht braucht, sind persönliche Angriffe. Sonst droht wieder eine jener fruchtlosen Debatten, die sich nicht mit der Kritik einzelner Positionen aufhalten, sondern sofort auf Person und Charakter zielen. Davon hätte niemand etwas. Verständigung wird möglich, wenn wir einander zugestehen, dass der andere auch Recht haben könnte. Wer auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments setzt, kann Aussagen in der Sache hart kritisieren und die Debatte beleben. Wer aber direkt den Sprechenden persönlich angreift, verhindert die nötige Verständigung.

Denn die gesellschaftliche Lage ist fragil. Es sollte uns beschäftigen, warum eine Aktion wie #allesdichtmachen eigentlich entstehen kann. Für mich ist sie ein sehr grundsätzliches Warnsignal. Die Beschränkungen zerren an den Nerven und lassen Blick und Bewertung bisweilen verrutschen. Wir sollten daher aufeinander Acht geben und uns dabei helfen, nicht vom Pfad abzukommen. Wer kritische Fragen stellt, wer sich im Ton vergreift und wer das falsche Stilmittel wählt, der sollte dennoch ein Gesprächspartner bleiben. Machen wir uns bewusst: Die Flut im Herzen kann zu einer Ebbe im Kopf führen. Hättest Du geschwiegen, dann wärst Du ein Philosoph geblieben. Hättest Du anders gesprochen, dann vielleicht auch. Wer kennt das nicht selbst? Und wer war nicht selbst schon einmal auf ein verständnisvolles Umfeld angewiesen, das geholfen hat, einen im Nachhinein offensichtlichen Fehler zu korrigieren. Dieses Angebot sollten wir einander immer wieder machen.

Genauso sollten wir uns dabei helfen, die Zuversicht zu wahren. Selbst wenn sie aktuell dialektisch daher kommt, weil der Widerspruch bleibt: Wir müssen jetzt klar und wirklich konsequent gegen die Ausbreitung des Virus handeln, damit wir die Beschränkungen, die sich so falsch anfühlen, hinter uns lassen können und auch eine klare Perspektive für den Neustart der Kultur entstehen kann. So muss das gehen. Und zwar am besten solidarisch. Wir dürfen einander jetzt nicht verlieren.

Deswegen sollten wir gemeinsam an Perspektiven für die Zukunft arbeiten – für eine bessere soziale Absicherung von Künstlerinnen und Kreativen, für eine möglichst beschränkungsfreie nächste Spielzeit, für einen Sommer voller kultureller Angebote im öffentlichen Raum und für künstlerische Interventionen zu jeder Zeit. All die aufgestaute Kreativität der letzten Monate muss irgendwann raus. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es uns gelingen kann, den kulturellen Neustart derart überwältigend zu gestalten, dass auch dem Letzten klar wird, wie wichtig und wertvoll Kunst und Kultur für unser Leben sind. Erst durch sie hat alles einen Sinn.

 

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