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Verleihung des Siegfried Landshut Preises

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort Senator Brosda Siegfried Landshut Preis 2021

Sehr geehrter Herr Reemtsma,
sehr geehrter Herr Knöbl,
sehr geehrte Frau Habermas,
und insbesondere sehr geehrte Frau Hull!

wir leben in Zeiten, in denen sich die Aufgeregtheit auch daran messen lässt, nach wie vielen Minuten in den Hauptnachrichten die erste nicht Corona-bezogene Meldung verlesen wird. Die Pandemie überwölbt alles, drängt vieles beiseite und lässt etliches in einem anderen Licht erscheinen.

Eine derart holistische Herausforderung unserer gesellschaftlichen Systeme lässt natürlich auch die Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zwischen Wissenschaft und Politik nicht unberührt. Und gerade die Verleihung des Siegfried-Landshut-Preises – benannt nach einem Menschen, der in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg die Politik-Wissenschaft (wieder) begründete – bietet der Erörterung dieser prekären Beziehung wohl den adäquaten Rahmen.

Dass das durchaus notwendig ist, zeigt eine Schlagzeile auf spiegel.de vom vergangenen Wochenende: „Wie bringt man Politiker dazu, auf seriöse Wissenschaftler zu hören?“

Und in der Tat: Unser Umgang mit dem noch vor anderthalb Jahren unbekannten Erreger ist einerseits in hohem Maße wissenschaftlich informiert, andererseits aber keineswegs immer nur wissenschaftlich geleitet. Politische Entscheidungsträger lassen sich von Virologinnen und Epidemiologen (und manchmal auch von Ethikerinnen oder Soziologen) beraten, um wirksame Strategien zur Eindämmung des Virus zu entwickeln.

Auch in der allgemeinen Öffentlichkeit wandte sich unsere Gesellschaft denen zu, von denen sie sich Aufklärung und Orientierung erhoffte. In der Anfangsphase der Pandemie fanden sich einige Professorinnen und Professoren daher fast im Status von Popstars oder Heilsbringern wieder. Die Stammplätze in den Medien waren ihnen sicher – als Mahnerinnen, Ratgeber und Welterklärer. Als kompetente und kommunikative Personen, die den aktuellen Stand der Forschung auf den Punkt bringen – und damit Sicherheit geben, wo vieles unklar war.

Und genau da fangen die Probleme an. Die wissenschaftliche und mediale Logik geraten hier regelmäßig in einen Konflikt. Medien führen Wissenschaftler häufig als Protagonisten der Wahrheit ein. Ihre Aussagen sollen Gültigkeit beanspruchen, Klarheit schaffen und zudem noch eine wahre Prognose stellen. In der medialen Vermittlung ist dabei oftmals nicht erkennbar, dass Wissenschaft zunächst auch nur Zwischenergebnisse auf dem Weg hin zu einer gesicherten Erkenntnis anzubieten hat. Denn auch Wissenschaft ist Entdeckung, deren Mittel keine bloßen Tatsachen sind, sondern widerlegbare Hypothesen.

Auch in der Wissenschaft gibt und braucht es unterschiedliche Perspektiven und Annahmen, die im Widerspruch zueinander stehen und dann debattiert werden müssen.

Wenn aber dieser notwendige wissenschaftliche Disput einsetzt, drohen die eingeführten wissenschaftlichen Autoritäten in der öffentlichen Arena zu weiteren beliebigen Sprecherinnen und Sprechern mit einer bloßen Meinung zu werden. Sie geraten ins diskursive Handgemenge und verlieren die ihnen zugewiesene Rolle des über den Dingen stehenden Schiedsrichters.

Dann zeigen sich die Schwierigkeiten, die wir Laien im Umgang mit wissenschaftlichen Aussagen haben: Diese werden entweder als wahre und eindeutige Aussagen verstanden oder aber die einschränkenden methodischen oder gar erkenntnistheoretischen Hinweise erzeugen einen Eindruck von nicht belastbarer Beliebigkeit. Beides sind Fehldeutungen des wissenschaftlichen Diskurses in der öffentlichen Arena – mit problematischen Folgen.

Im ersten Fall, in dem wissenschaftliche Annahmen zu leicht und voraussetzungslos für bare Münze genommen werden, wächst schnell die Enttäuschung, wenn andere Forscherinnen widersprechen oder sich derselbe Wissenschaftler auf Grundlage erweiterter Daten später mit einer veränderten Aussage erneut zu Wort meldet.

Im zweiten Fall, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von vornherein den relativen Charakter ihrer Aussagen betonen, droht die Gefahr, dass ihre wertvollen Annahmen aufgrund dieser methodischen Einschränkungen gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden.

In diesem Spannungsfeld bewegen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wenn sie ihre Positionen öffentlich vertreten oder politische Entscheider beraten. Ohne Missverständnisse oder Blessuren lässt sich hier kaum navigieren. In der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik spitzen sich diese Schwierigkeiten noch einmal weiter zu, weil die beiden gesellschaftlichen Felder tiefgreifend unterschiedlichen Logiken folgen. Etwas holzschnittartig lässt sich formulieren:

  1. Politik ist auf allgemeinverbindliche Kompromisse aus, während die Wissenschaft organisierte Skepsis ist.
  2. Zur politischen Meinungsbildung gehören Vereinfachungen und Zuspitzungen dazu, diese haben aber in der Wissenschaft nichts zu suchen.
  3. Politik strebt nach Macht und Wissenschaft (im Idealfall) nach Erkenntnis.

Diese Differenzen muss man sich klar machen, damit einerseits der Wissenstransfer gelingt – und andererseits, bei aller gegenseitigen Wertschätzung und allem Austausch, eine gewisse Distanz der beiden Sphären erhalten bleibt. Die direkte Übertragbarkeit wissenschaftlicher Wissensproduktion in die Sphäre von Politik und Gesellschaft ist unter diesen Prämissen kaum möglich.

Die Politik ist gut beraten, dieses Wissen zur Kenntnis zu nehmen und auch den Austausch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu suchen. Zugleich aber brauchen Politikerinnen und Politiker das Bewusstsein dafür, dass wissenschaftliche Expertise politisches Abwägen und Entscheiden nicht ersetzen kann. Selbst dann nicht, wenn die wissenschaftlichen Anregungen nicht aus einer Fachperspektive heraus formuliert worden sind, sondern um interdisziplinäre Breite bemüht sind.

Perspektivenvielfalt ist wichtig. Wer einen Hammer in der Hand hat, sieht überall Nägel, die es in die Wand zu schlagen gilt, und wird mit einer Schraube vermutlich nichts anfangen können. Genauso ist es mit wissenschaftlichen Fachdisziplinen. In unserer hochgradig spezialisierten Welt haben einzelne wissenschaftliche Disziplinen sehr spezifische Blickwinkel auf die vor ihnen liegenden Probleme entwickelt. Die Debatten über das Coronavirus sollten uns aber deutlich gemacht haben, dass wir neben der fachlich präzisen Tiefe in der wissenschaftlichen Debatte immer auch eine praktische Breite brauchen, in der die sozialen und kulturellen Folgen öffentlich reflektiert werden.

Die eine, jeden Diskurs beendende wissenschaftliche Erkenntnis, kann es jedenfalls nicht geben. Erst recht nicht zu Beginn einer neuen Entwicklung, wenn die Datenbasis schmal, die Modelle volatil und die Theorien noch nicht formuliert sind.

Auch Wissenschaftler sind immer nur Suchende. Wir tun gesellschaftlich und politisch gut daran, ihre Impulse und Erkenntnisse in ihrem besonderen Wert aufzunehmen und zur Grundlage unserer eigenen Überlegungen zu machen. Aber wir sollten uns von der Hoffnung verabschieden, dass sie uns die Abwägung und Entscheidung über das richtige Handeln abnehmen können. Immerhin: Sie können unsere Entscheidungen vernünftiger machen – und das ist schon eine ganze Menge. Wenn es uns gelingt, diesen kategorialen Unterschied zu verdeutlichen, dann kann es gelingen, die Relevanz der Wissenschaft zu stärken, gerade weil wir die Erwartungen an sie begrenzen.

Dennoch mag sich die eine oder der andere die immer wieder gleiche, gefährliche Frage stellen: Wozu überhaupt Wissenschaft, wenn sie uns keine allgemeingültigen, verbindlichen Antworten auf Sinnfragen oder nach dem guten Leben und dem richtigen Handeln geben kann? Max Weber löst dieses Dilemma dialektisch: Wenn Wissenschaft dem Gebot der Werturteilsfreiheit folgen soll, dann muss sie sich selbst Rechenschaft ablegen über mögliche weltanschauliche Implikationen. (Ein Gebot, das nach Max Weber übrigens nicht nur für Wissenschaftler, sondern ebenso für alle anderen gilt.) So verschaffen wir uns Klarheit – nicht nur durch Sachkenntnis, sondern ebenso über unsere immer auch weltanschaulich gefärbte Interpretation derselben.

Sich Klarheit verschaffen – das könnte man also mit Max Weber den Sinn der Wissenschaft nennen. Und das treibt auch gesellschaftliche und politische Handlungsfähigkeit voran. Um uns Klarheit zu verschaffen, brauchen wir nicht nur die hochspezialisierte Tiefenschärfe, sondern immer auch einen Überblick und die Einordnung ist einen Gesamtzusammenhang.

Unsere heutige Preisträgerin, die Historikerin Isabel Hull, versucht genau das zu erreichen. Sie verbindet in ihrer Forschung höchst unterschiedliche Teildisziplinen wie

Militärgeschichte, die Geschichte der Sexualität und der Geschlechter sowie Verwaltungs- und Rechtsgeschichte miteinander. Sie forscht intensiv an den Originalquellen in Archiven. Und ich bin mir sicher, dass Max Weber ihr einen „inneren Beruf“ zur Wissenschaft bescheinigt hätte.

In der Laudatio zum Max-Weber-Preis, den sie 2014 erhielt, heißt es, Isabel Hull habe ein „eigenständiges, sehr individuelles Forschungsprofil. Ihre Arbeiten orientieren sich nicht an Modeströmungen, sondern erwachsen ausschließlich aus der wissenschaftlichen Logik ihrer Themen“.

Eines ihrer Themen, die Beschäftigung mit der Kolonialgeschichte, hat in Hamburg eine besondere Bedeutung. Die Geschichte unserer Stadt ist tief verstrickt in die Verbrechen der Kolonialzeit. Über Jahrhunderte profitierte Hamburg als Hafen- und Handelsstadt von der europäischen Expansion und entwickelte sich schließlich zur Kolonialmetropole des Kaiserreichs. Der Genozid an den Nama und Herero im heutigen Namibia ist hier in Hamburg geplant und die beteiligten Truppen sind von hier aus verschifft worden.

Lange, zu lange haben wir uns dieser Vergangenheit nicht gestellt. Das ändert sich gerade.

Nach langjährigem Engagement durch zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure, ist Hamburg seit 2014 dabei, das koloniale Erbe der Stadt systematisch aufzuarbeiten.

Hierfür wurde 2017 von der Behörde für Kultur und Medien der „Runde Tisch Koloniales Erbe“ als Plattform des Dialogs geschaffen und 2019 wurde der „Beirat zur Dekolonialisierung Hamburgs“ gegründet. Erste Eckpunkte für ein postkoloniales Erinnerungskonzept liegen vor und werden derzeit mit den Behörden diskutiert.

Diese aktivistische Perspektive wird um ein zweites akademisches Standbein ergänzt, dass die wissenschaftliche Expertise für den Aufarbeitungsprozess beisteuert. Erst in dieser stereoskopen Optik sind wir fähig, das historische Feld zu betrachten und seine bis heute wirksamen Konsequenzen zu erkennen. Die Forschung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen wie Isabel Hull trägt auch dabei – um es mit Max Weber zu sagen – zur Klarheit bei. Das ist dringend notwendig.

Es ist ihr Wissen, dass uns – bei aller Vorläufigkeit und Fehlbarkeit – überhaupt erst gesellschaftlich handlungsfähig macht. Wir brauchen gerade in so unsicheren Zeiten wie den jetzigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich gleichermaßen der wissenschaftlichen und der öffentlichen Debatte stellen. Denn es muss uns gelingen, dass sich Politik und Wissenschaft aufeinander beziehen, ohne einander zu kompromittieren.

Wenn Politik die jeder wissenschaftlichen Arbeit immanente Relevanz anerkennt, dann braucht sie keine hektischen Transferstrategien für wissenschaftliche Ergebnisse. Und wenn Wissenschaft im Umkehrschluss den Wert praxis- und erfahrungsbezogener Erkenntnisse respektiert, dann kann auch in Zukunft gesellschaftliche Selbstaufklärung gelingen. Zu der hat Isabel Hull in ihrem Werk und Wirken viel beigetragen. Ich freue mich daher auf die ausführlichen, würdigen Worte zu ihrem wissenschaftlichen Oeuvre aus kundigerem und berufenerem Mund (Rebecca Habermas).

Liebe Frau Hull, herzlichen Glückwunsch zum Siegfried-Landshut-Preis 2020!


Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist unter folgendem Link abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=dcUFkQ5XgCs. Der Beitrag von Senator Dr. Brosda beginnt bei Minute 9:34.

 

 

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