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75. Jubiläum der Hamburger Kammerspiele

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

75. Jubiläum der Hamburger Kammerspiele

Lieber Axel Schneider,
lieber Herr Wersich,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburger Kammerspiele,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist für uns heute beinahe unvorstellbar, wie es gewesen sein muss, 1945 nach zwölf Jahren NS-Diktatur endlich wieder freies und kritisches Theater zeigen und erleben zu dürfen. Ida Ehre gründete aus diesem Moment der Hoffnung und Sehnsucht heraus vor mehr als 75 Jahren die Hamburger Kammerspiele.

Das war am 10. Dezember 1945 – hier an diesem Ort. In diesem vormaligen jüdischen Gemeinschaftshaus im Hamburger Grindel schuf sie ein einzigartiges Theater.

Um es mit den Worten Helmut Schmidts zu sagen: Ein Theater, „wie wir Hamburger es niemals vorher erlebt hatten“.

Die Hamburger Kammerspiele damals wie heute sind eng verwoben mit dem bewegten Leben ihrer Gründerin und langjährigen Prinzipalin. So möchte auch ich die Gelegenheit nutzen, um an diese beeindruckende Theaterfrau und Ehrenbürgerin unserer Stadt zu erinnern.

Ida Ehre war die Mutter Courage des Hamburger Theaters: Als Jüdin wurde sie während der NS-Diktatur mit einem Berufsverbot belegt. Zeitweise war sie im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert. Die Schrecken der Kriegsjahre hielten sie dennoch nicht davon ab, unmittelbar nach Kriegsende eine Bühnenlizenz zu erwerben. Statt damit Shakespeare oder Goethe zu zeigen, wagte sie den Blick nach vorn. Es war Ida Ehre, die zeitgenössische und internationale Dramatik wieder nach Hamburg brachte.

Ein „Tor zur Welt“ nannte Helmut Schmidt ihr Theater deshalb. Jean-Paul Sartre, Thornton Wilder oder Jean Giraudoux – sie alle holte Ehre mit deutschen Erstaufführungen an die Hamburger Kammerspiele. Allein in den ersten zehn Jahren zeigte sie 50 Ur- und Erstaufführungen – darunter auch Wolfgang Borcherts viel beachtetes Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“. So konnte Ida Ehre die Hamburger Kammerspiele als führende deutsche Schauspielbühne etablieren. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1989 setzte sich Ida Ehre leidenschaftlich für „ihre“ Kammerspiele und ihr Leitbild eines „Theaters der Menschlichkeit“ ein.

Dieses Leitbild war vor allem geprägt durch die Überzeugung, dass „echte Kunst“ keinen anderen Zweck haben dürfe, als „die ewigen Wahrheiten zu suchen und ihnen Ausdruck zu verleihen“ – so schrieb Ehre es auf den Programmzettel zur Eröffnung.
Die ewigen Wahrheiten zu suchen – das ist ein großer Anspruch, den wir heute so nicht mehr formulieren würden. Aber ich bin sicher, dass Ida Ehre es sehr bewusst genau so formuliert hat: Denn vielleicht sind es nicht die Antworten, sondern eben die Suche danach, die uns zu Menschen, die uns menschlich macht.

Das Theater ist genau deswegen so wertvoll. Denn es macht sich immer wieder neu auf die Suche nach den Wahrheiten. Und es ist eine Übung in Empathie. Über die Einfühlung in die auf der Bühne gezeigten Figuren und Geschichten, lernen wir die Welt probehalber mit anderen Augen zu sehen. Das bringt neue Erkenntnisse – und schult uns für das richtige Leben.

„Walk a mile in my shoes“ heißt es in einem bekannten Lied (geschrieben von Joe South). Laufe eine Meile in meinen Schuhen – und Du wirst mich verstehen lernen.
Ich kann verstehen lernen, dass andere Menschen die gleichen Freuden, Sorgen, Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen haben wie ich selbst und dass auch andere Sichtweisen bereichernd sein können. Vielleicht ist auch das gemeint, wenn Ida Ehre von der ewigen Wahrheit sprach: sich gegenseitig als das zu erkennen, was wir alle gemeinsam sind: Menschen.

Meine Damen und Herren,
in der Retrospektive ist die Gründung der Hamburger Kammerspiele vor 75 Jahren ein wichtiger Meilenstein für die heutige Vielfalt der Theatermetropole Hamburg und für ihre einzigartige Privattheaterlandschaft.

In dieser Vielfalt sind die Hamburger Kammerspiele auch heute noch Vorbild für ein Theater, das von der Liebe zu den Menschen und gesellschaftlicher Verantwortung geprägt ist.

Mit ihrer Stückauswahl leisten sie Spielzeit für Spielzeit einen wichtigen Beitrag zur Förderung, zum Erhalt und zur Vermittlung jüdischer Kultur in unserer Stadt.
Dies tun die Hamburger Kammerspiele stets im Gedenken an Ida Ehre, ohne dabei die Gegenwart und die Zukunft aus den Augen zu verlieren.

Und so trifft es sich gut, dass wir den Festakt zum Jubiläum – wenn auch etwas verspätet – jetzt im Jahr 2021 begehen. Denn schon das ganze Jahr wird anlässlich des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ bundesweit – und selbstverständlich auch in den „Hamburger Kammerspielen“ – in zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen an jüdische Geschichte erinnert und Raum für Dialog geschaffen.

Dass dies auch auf komische Weise erfolgen kann, dürfen wir heute Abend bei der Premiere von „Der koschere Himmel“ erleben. Mit Humor und Witz öffnet die Komödie Räume für interreligiösen Dialog.

Die offene, zugewandte Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur ist notwendig, um Antisemitismus und Holocaust-Relativierungen den Boden zu entziehen. Insbesondere sollte uns wachsam werden lassen, dass antisemitische Straftaten in Deutschland weiter zunehmen. Auch in Hamburg. Es reicht nicht, dass wir fassungslos „Nie wieder“ rufen, wenn solche Übergriffe stattfinden. Wenn Antisemitismus gegenwärtig ist, dann geht es praktisch darum, dem etwas entgegenzusetzen. Zivilcourage zu zeigen und Antisemitismus und Rassismus zu ächten.

Es sind diese Ereignisse, die uns zeigen, dass die Kammerspiele für Hamburg gleichzeitig Mahnmal und lebendiger Diskursraum sein müssen, den es zu fördern und zu erhalten gilt. Als vielfältige Stadtgesellschaft brauchen wir diese kulturellen Räume, die uns in der künstlerischen Auseinandersetzung neue Perspektiven eröffnen. Wir brauchen kulturelle Räume, die die Stimmen hörbar machen, die auf der Bühne des Alltags häufig zu kurz kommen. Denn das Theater ist zentraler Schauplatz des Politischen – nicht, weil hier Tagespolitik verhandelt wird, sondern viel grundlegender: weil im Theater, das seit jeher Raum der Imagination und Repräsentation ist, Handlungsmöglichkeiten entworfen und erprobt werden können.

In ihren Memoiren schreibt Ida Ehre: „Ich wollte [die Menschen] zum Denken bringen, zur Überlegung: Wie war diese Zeit hinter uns, welche Verantwortung tragen wir dafür, was werden wir tun, um die Zukunft zu formen.“

Auch heute noch sind es die kulturellen Räume, und insbesondere das Theater, wo wir durch gemeinsames Erleben und im lebendigen Austausch miteinander immer wieder neu verhandeln können, wie wir zusammen leben wollen. Das ist ein besonderes Privileg.

Vor 75 Jahren war dem Publikum kein Preis zu hoch, um wieder in diesen besonderen Genuss einer freien Kunst zu kommen. Es zahlte bei der Eröffnung der Hamburger Kammerspiele mit Briketts und Kartoffeln. So kurz nach dem Krieg war das für die Menschen ein hoher Preis. Das zeigt uns einmal mehr, dass die Kunst gerade in Krisenzeiten ein wichtiger Anker der Hoffnung und Zuversicht für uns Menschen ist.

Zwei Jahre nach der Eröffnung der Kammerspiele hat Kurt Hiller in seinem Vortrag über die „Geistigen Grundlagen eines schöpferischen Deutschlands der Zukunft“ vor dem Kulturrat in Hamburg gesagt: „Soweit die Kultur selber Glückswerte, Positivitäten schafft, etwa in der Kunst, wird sie aber selber zu einem Stück Leben und Selbstsinn. Die Politik hat auch diesen Lebensbereich vor Eingriffen zu schützen; wo er der Knechtschaft anheimfiel, ihn zu befreien.“

Zwei Jahre nach der menschlichen und auch geistigen Katastrophe des Nationalsozialismus ist dieses Bekenntnis zur Freiheit der Kunst und zu ihrer Kraft das Leben von seinen Fesseln zu befreien immer noch ein Fanal gewesen, das auch das Programm der „Kammerspiele“ mit zu umfassen vermag.

Im heutigen Kontext, in einer nicht vergleichbaren und doch aktuell schwierigen Situation für Künstlerinnen und Künstler, Kultureinrichtungen und Theater, ist es uns eine Bestätigung darin, keine Anstrengung unversucht zu lassen, um Kultur auch unter herausfordernden Bedingungen zu ermöglichen.

Lieber Axel Schneider, liebes Team der Hamburger Kammerspiele,

ich wünsche Ihnen weiterhin den Mut, die Kraft und die Offenheit für diese großartige Theaterarbeit, die zu einem wertschätzenden, aufgeklärten und angstfreien kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenleben in unserer Stadt beiträgt.

 "Leuchtfeuer“ – so hieß das Stück, mit dem die „Hamburger Kammerspiele“ vor 75 Jahren eröffneten. Es schaut optimistisch auf die Gegenwart und verheißt eine noch bessere Zukunft. Möge das „Leuchtfeuer“ die Hamburger Kammerspiele auch weiterhin in ihrer Theaterarbeit begleiten. Auf dass sie sich stets ihre besondere Verschmelzung von Zukunftsgewandtheit und Traditionsbewusstsein bewahren werden.

Vielen Dank.

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