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Eröffnung des 29. Filmfest Hamburg und Verleihung der Senator-Biermann-Ratjen-Medaille an Albert Wiederspiel

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Filmfest Biermann Ratjen Albert Wiederspiel

Sehr geehrter Herr Wiederspiel,
sehr geehrter Herr Meise,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst darf ich Ihnen die herzlichen Grüße des Ersten Bürgermeisters Dr. Peter Tschentscher übermitteln, der bedauert, heute nicht hier sein zu können und für die angemessene Begrüßung seitens des Hamburger Senats gesorgt hätte. Ich freue mich aber, für ihn einspringen zu dürfen.

Manchmal lernt man vieles ja erst so richtig schätzen, wenn es nicht verfügbar ist. Dass wir auch die Kultur nicht für selbstverständlich nehmen können, haben wir hoffentlich in den zurückliegenden anderthalb Jahren gelernt. Wie großartig, dass wir wieder gemeinsam – live! – in einem Kino sein können. Die Kunst ist wieder da!

Wie wertvoll das ist – und wie gut es uns geht! –, kann ermessen, wer gestern einen Tweet von Sahraa Karimi gelesen hat. Die afghanische Filmemacherin stand bis zur Machtübernahme der Taliban der afghanischen Filmorganisation vor. Gestern schickte Sie ein Bild in die Welt, auf dem acht Männer in Taliban-Outfit rund um einen Schreibtisch standen. Um ihren ehemaligen Schreibtisch. Sie schrieb dazu: „The New Afghan Film Director General. This was my office, that was my flower.“

Ich hatte einen Kloß im Hals. Manchmal begreift man auch erst, wie wertvoll etwas ist, wenn man erkennt, wie erbittert es bekämpft wird. Und die Freiheit der Meinung, des künstlerischen Ausdrucks, des kulturellen Schaffens – sie wird an zu vielen Stellen in unserer Welt derzeit bedroht und bekämpft. Auch in unserem Land. Das dürfen wir nicht hinnehmen.

Denn diese Erfahrungen brechen sich hart an der Zuversicht der Aufklärung, auf die wir unsere Gesellschaft gründen: „Wir leben in der besten aller möglichen Welten“ – von dieser Idee war der Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz bereits im 17. Jahrhundert überzeugt.

Angesichts des Zustands der Welt, ist bei einem derartigen Superlativ der Spott natürlich nicht weit. Schon damals nicht. Als „schreiende Absurdität“ wurde das Postulat von Schopenhauer abgetan und Voltaire ließ seine Figur Candide fragen: „Wenn das hier die beste aller möglichen Welten ist, wie müssen dann erst die anderen sein?“
Vermutlich schlimmer, möchte man antworten. Denn natürlich gibt es keinen perfekten Zustand, auf den die Geschichte zuläuft. Alles ist im Fluss und muss täglich neu errungen werden. Aber wir können lernen. So dass unsere Welt zumindest die beste bisher entworfene ist – und immer noch besser werden kann. Durch uns!

Es sind eben oft die Reibungspunkte, Differenzen und Widersprüche, die Veränderungen und Fortschritt möglich machen. Erkennen kann sie nur, wer bereit ist, die Welt „in den Blick nehmen“ zu wollen, wie wir es auf der Website des Filmfest lesen.

Es ist schön, dass wir diese Blicke und diese Gespräche endlich wieder im Kino erleben können! Denn Sie befinden sich gerade an einem fantastischen Denk-Ort, der von Ihnen maßgeblich eines verlangt: an den Außenmauern des Cinemaxx steht es groß und bunt geschrieben: „Open all senses“!

Nach dem Hamburger Kultursommer, dem Start in die Theater- und Konzertsaison und dem Reeperbahnfestival feiert jetzt auch das Kino in unserer Stadt ein großes Comeback. Es ist Teil des großen Kulturrausches, der uns alle erfreut.

Das Filmfest Hamburg zeigt bis zum 9. Oktober Filme aus aller Welt mit Gästen aus aller Welt. „Schau Wow“ ist das Motto. Mit über 100 Filmen aus über 50 Ländern könnte man auch von einem „Schau Stau“ im positiven Sinne sprechen – und das an unterschiedlichen Orten in unterschiedlichen Kinos. Und allein das ist ein Fest.

Wir alle wissen: Streaming bietet uns neue Optionen und hat uns die Lockdowns besser gestalten lassen. Aber ein Ersatz des Kinos ist es nicht.

Meine Damen und Herren,

den Start des Filmfests macht heute der deutsch-österreichische Film „Große Freiheit“ des Regisseurs Sebastian Meise. Ein Film, der zeigt, wie aus Differenzen Nähe entstehen kann – auch unter Umständen, die alles andere als Freiheit und Möglichkeit vermuten lassen.

Noch bis 1994 stellte der Paragraph 175 Homosexualität unter Strafe. Erst vor wenigen Tagen hat bei einem Volksentscheid in der Schweiz die Mehrheit für die Ehe für alle gestimmt.
Und zu Recht diskutieren wir in Deutschland weiter über den klaren Aufschlag von über 180 queeren Schauspielerinnen und Schauspielern, die unter dem Hashtag #actout mehr Teilhabe und Respekt verlangt haben. Zurecht!

Das Filmfest Hamburg setzt mit diesem Eröffnungsfilm also ein gesellschaftliches und politisches Zeichen: unsere Welt ist veränderbar. Eine bessere Welt ist dann möglich, wenn wir bereit sind, unsere über die Zeit gewachsenen gesellschaftlichen Normen als menschengemachte Konstrukte anzuerkennen und immer wieder gemeinsam auf ihre Gültigkeit hin zu befragen – und zu verändern, wo sie nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind. Es gibt keine traditional gültigen Normen mehr. Wir können täglich neu verhandeln, wie wir leben wollen.

Und wir müssen das auch tun. Und dabei klar die Regeln des Respekts und der Mitmenschlichkeit benennen, die unseren Alltag prägen. Das Filmfest ist erschüttert von der Nachricht, dass einer der Schauspieler des Films „Evolution“ , der morgen hier Premiere feiert, vorletzte Woche Samstag einen jüdischen Mitbürger in der Hamburger Innenstadt brutal angegriffen hat.

Der Film richtet sich gegen den Antisemitismus und verhandelt die Gegenwart von Traumata über Generationen hinweg. Die Tat ist abscheulich. Und ich stimme den Macherinnen und Machern des Films zu, die heute erklärt haben, „dass der Film eine neue Hoffnung aufzeigt und unterstreicht, dass es noch viel zu besprechen gibt“.

Diese Gespräche dürfen wir aber nicht nur beschwören, sondern wir müssen sie führen. Und wir müssen Konsequenzen ziehen. Hart und klar! Wir müssen uns den besseren Zustand der Gesellschaft als den denken, in dem wir „ohne Angst verschieden sein können“, wie es Adorno beschrieben hat. Es bleibt ein weiter Weg dahin. Ein steiniger Weg. Ein notwendiger Weg. Erst irgendwo dahinter kann dann tatsächlich auch die beste aller Welten liegen.

In Hamburg leben Menschen aus über 180 Staaten. Mit weit mehr verschiedenen Interessen und individuellen Haltungen. Ihnen Gehör und Gesicht zu verschaffen, ist immer auch eine politische Aufgabe.

Denn Politik ist ja viel mehr als die Verabschiedung von Gesetzen. Sie meint in erster Linie das Handeln unter Abwägung von unterschiedlichen Interessen. Gerade in einer Zeit der Vorschriften, Verordnungen und Verbote ist es wichtig, daran ausdrücklich zu erinnern.

Denn natürlich kommt in unserer offenen Gesellschaft alles auf den Tisch. Auch wenn einige gerade auf YouTube wieder einmal so tun, als ob es anders wäre.

Denn es ist weder eine Kommunikation der Angst, noch die Kontrolle, die uns zu einer besseren Gesellschaft macht, sondern das begründete Vertrauen in vernunftbegabte Bürgerinnen und Bürger.

„Große Freiheit“ bedeutet eben nie Gleichgültigkeit, sondern, dass alle Meinungen gleich gültig sind. Und dass wir auch die Freiheit der anderen achten.

Einer, der sich seit 17 Jahren genau dafür einsetzt, ist der Leiter des Filmfests, Albert Wiederspiel. Sein Leben gehört der Leinwand, seine Liebe gilt der Vielfalt des Mediums Film, vielfältigen Meinungen und vielfältigen Menschen.

Albert Wiederspiel vermittelt zwischen Kulturen und Welten. Er setzt Statements gegen Unterdrückung von Künstlerinnen und Künstlern und für die Freiheit der Kunst – sein engagierter Einsatz für politisch verfolgte Filmemacherinnen und Filmemacher, unter ihnen Jafar Panahi, Mohammad Rassoulof oder Oleg Sentschow, bekräftigt dies.

Albert Wiederspiel bezieht Position für demokratische Grundwerte, die Sicherung von Meinungsvielfalt und das Leben von und in Vielfalt.

Mit dem Filmfest Hamburg als Treffpunkt der Weltkinematographie sowie begeisterten Cineastinnen und Cineasten, hat Albert Wiederspiel viel dazu beigetragen, Hamburg als Filmstandort auch international bekannt zu machen. Festivals wie das Filmfest Hamburg sind wichtige Branchentreffen und gleichzeitig Publikumsereignisse, die viele Menschen fürs Kino begeistern und einen Beitrag zur Stärkung der Kinokultur leisten. Wie ein Spotlight lenkt das Filmfest Hamburg die Aufmerksamkeit auf neue Produktionen, darunter auch solche, die es auf dem Markt zunächst schwer haben, für die Kinokunst und die gesellschaftliche Verständigung aber von Bedeutung sind.

Das Filmfest Hamburg gibt dem Nachwuchs eine Plattform und unterstützt heimische Produktionen dabei, international wahrgenommen zu werden. Zugleich holt es das Kino der Welt in unsere Stadt und bietet zahlreiche Möglichkeiten des internationalen Austauschs.

Ihnen, liebes Publikum, wünsche ich bei diesem Austausch mit Menschen und mit Filmen die kommenden zehn Tage ganz viel Vergnügen.

Doch bevor ich wieder von der Bühne verschwinde, freue mich ungemein, heute – endlich! – Albert Wiederspiel für seine „künstlerischen und kulturellen Leistungen um Hamburg“ mit der Biermann Ratjen Medaille auszeichnen zu dürfen; einer Ehrung in Gedenken an die Verdienste des Kultursenators Hans-Harder Biermann-Ratjen.

Ich darf Sie, lieber Herr Wiederspiel, herzlich zur feierlichen Verleihung zu mir auf die Bühne bitten.

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