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Verleihung des Douglas Sirk Preises 2021 an Leos Carax

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort Senator Brosda Douglas Sirk Preis 2021

Verleihung des Douglas Sirk Preises 2021 an Leos Carax
am Sonnabend, 2. Oktober 2021, im Cinemaxx-Dammtor

Sehr geehrter Herr Carax,
lieber Albert Wiederspiel,
sehr geehrte Frau Roussi, sehr geehrter Herr Neubauer,
liebes Publikum,

„we now ask for your complete attention. If you want to sing, laugh, clap, cry, yawn, boo or fart, please do it in your head, only in your head. (…) Breathing will not be tolerated during the show.  So please take a deep, last breath right now.”

Das, meine Damen und Herren, war kein suspekter Kniff aus einer Corona-Eindämmungsverordnung, obgleich die letzten Monate uns manchmal fiktiver erschienen als jede Fiktion. Mit diesen eindringlichen Worten beginnt der Film, den wir später sehen werden: „Annette“ – eine Ode an Metafiktion und Fantasie.
Ich darf Sie nun hingegen beruhigen: noch geht es hier ganz weltlich zu, noch dürfen und sollen sie atmen und gleich dürfen Sie auch gern mächtig klatschen. 

Denn wir treffen uns heute vor der großen Leinwand mit Gästen aus dem In- und Ausland und einem Preisträger, den ich persönlich vor Ort begrüßen und gleich beglückwünschen darf: Leos Carax, herzlich willkommen in Hamburg! 

Als Sie, lieber Herr Carax, 2012 den „Ehren-Leoparden“ beim Filmfestival in Locarno für Ihr Lebenswerk erhielten, bedankten Sie sich für die Auszeichnung mit der Erinnerung daran, wie Sie als junger Mensch zum Film gekommen sind: „Als Kind wollte ich nichts als reisen. Dann habe ich den Film entdeckt. Ich habe verstanden, dass es genügt, ins Dunkel des Kinos abzutauchen, um die ganze Welt kennenzulernen.“

Das mag sich ein wenig nach Werbeslogan für das Filmfest anhören, das Jahr für Jahr gekonnt die Weltkinematografie nach Hamburg einlädt. Im Kern trifft es aber genau das, was wir in den vergangenen Monaten so schmerzlich vermisst haben: Das gemeinsame einsame Eintauchen in Bilderwelten, die jenseits unseres eigenen Erfahrungshorizonts liegen und das kollektive Erleben von Filmkunst, die Gegenwelten zu unserem Alltag entwirft und immer auch Ausdruck verschütteter Wünsche, Träume, Sehnsüchte und Ängste ist. 

Die Praxis Kino spielt hierbei eine zentrale Rolle, sie kann schließlich beides: menschliche Nähe ermöglichen und individuelles Abtauchen. Aber entscheidend ist, dass wir beim Wieder-An-Die-Luft-Kommen nicht alleine sind. Dass wir die Gemeinschaft spüren. 
Das Kino, die Kathedrale der Filmkunst, in der Jean-Luc Godard Kritiker gern kniend sehen würde, lässt in einer Dimension schwelgen, die uns weder Smartphone noch Streaming bieten. „Die Zeit des Kinos“, so der große Bernardo Bertolucci, „ist keine Echtzeit, sondern Traumzeit“. 

Als Kenner und Könner des großen Kinos und Experte für assoziative Traumreisen gelten Sie, lieber Herr Carax. Ihre Filme sind stets surreale Kunstwerke, die zwischen Wahn und Wirklichkeit, Traum und Realität schwanken; Filme, die sich durch Widersprüchlichkeit und „Weirdness“ auszeichnen. 

„Poet des Kinos“, „rätselhafter Visionär“, „streitbarer Maverick“ und „begnadeter Ausnahmeregisseur“ - die Liste der Zuschreibungen in den internationalen Feuilletons ist lang. Fakt ist, dass Sie einige der bedeutendsten Werke des französischen Kinos geschaffen haben, die vor überbordender Vorstellungskraft strotzen und stets Codes und Genres überschreiten. 

Ihre Filmografie hingegen ist verhältnismäßig kurz: sechs Langfilme in 40 Jahren. 
Diese Filme zeigen aber auch, warum es richtig ist, manchmal zu warten – ja sogar Jahre zu warten. Heraus kommen Erlebnisse erster Güte, die vor allem eins nicht sind: vorhersehbar.
Und genau das macht gutes Kino ja aus: es spielt mit Gewissheiten, es hinterfragt, behauptet, attackiert. Es zeigt uns Welten, in denen wir nicht sind und in denen es doch immer um uns geht. Und gerade bei Ihren Filmen scheinen Sein und Schein zu oszillieren. 

Den Anfang Ihrer filmischen Gezeiten, lieber Herr Carax, machte 1984 „Boy meets Girl“, eine Hommage an den Stummfilm und das Kino von Godard, mit der Sie begannen, die Arthouse-Szene zu erobern. Nur zwei Jahre später folgte „Mauvais Sang“, eine Ode an die Liebe und den Rhythmus, der Sie auf das internationale Parkett heben sollte, inklusive Berlinale Auszeichnung. Dann der Film, der Ihnen einen legendären Platz im französischen Kino verschaffen sollte: „Les Amants du Pont-Neuf“. Ein ehrgeiziges Projekt, das Sie und andere mit rund vier Jahren Produktionszeit an den Rand der Verausgabung bringen sollte. Nach acht Jahren Pause meldeten Sie sich 1999 mit dem kontroversen Film „Pola X“ zurück. Nach Kurzfilmprojekten folgte 2012 „Holy Motors“, eine kryptisch-bizarre Geschichte und weitere Liebeserklärung an das Kino, das den Ich-Verlust in einer sich ständig selbst inszenierenden virtuellen Welt anmahnt.

Nun, rund zehn Jahre später, „Annette“. In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie hofften, eines Tages einen Film machen zu können, der Musik ist. Mit dem lang ersehnten Musical nach einer Geschichte der Rockband Sparks scheint dieser Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen zu sein. „Annette“ ist Ihre erste englischsprachige Produktion, ein durchgeknalltes Feuerwerk und Fest der Künste.

Dass das Festival in Cannes nach all der Zeit der stummen Leinwände im Juli ausgerechnet mit der hemmungslosen „Annette“ eröffnet wurde, kann und sollte man als Chiffre für das Revival des Kinos in sich wandelnden Zeiten werten. 

Meine Damen und Herren,
„All That Heaven Allows“ und „Magnificent Obsession“ sind zwei Titel von Douglas Sirk-Melodramen, dem Namensgeber des Preises, die den Charakter des filmischen Schaffens von Leos Carax nicht treffender beschreiben könnten. 

Mit Ihren Filmen schaffen Sie einzigartige visuelle, energiegeladene Kinoerlebnisse und leisten damit einen ganz eigenen Beitrag zur Filmkunst. Die Möglichkeiten des Kinos immer wieder neu zu imaginieren ist die große Kunst des Carax-Kinos.

Für diese herausragenden Verdienste für die Filmkultur erhalten Sie heute Abend den renommierten Douglas Sirk Preis, zu dem ich Ihnen jetzt schon ausdrücklich gratulieren möchte. 
Bevor ich Ihnen gleich den Preis überreichen darf, jedoch erst noch einmal, dem heutigen Filmprogramm angemessen, etwas Musik. Die Laudatio folgt heute in gesungener Form.

Viel Vergnügen und vielen Dank.    

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