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Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages des Beginns der Deportationen über den Hannoverschen Bahnhof

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

80. Jahrestag des Beginns der Deportationen

Denk.mal Hannoverscher Bahnhof, Lohsepark

Sehr geehrter Herr von Wrochem, 
sehr geehrter Herr Rubinstein, 
sehr geehrte Frau Jarkova,
sehr geehrter Herr Heimann,
sehr geehrter Herr Havlin,
sehr geehrter Herr Rosenberg, 
sehr geehrter Frau Elkmann,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Senat und Bürgerschaft,
sehr geehrte Damen und Herren, 

eigentlich hätte der Erste Bürgermeister, Dr. Peter Tschentscher, heute zu Ihnen sprechen sollen und hätte damit für die angemessene Begrüßung gesorgt. Ich freue mich aber, als Vertreter des Hamburger Senats für ihn einspringen zu dürfen. 

Meine Damen und Herren, 
in diesem Jahr feiern wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Wir feiern die Vielfalt des heutigen Judentums mit jeder Menge Filme, Musik und Tanz. Ein ganzes Jahr lang. Das ist die Gegenwart, die wir sichtbar machen und stärken wollen. 

Wie besonders diese Gegenwart ist, vermag nur zu ermessen, wer sich zugleich auch der Geschichte unseres Landes stellt. Und deshalb erinnern wir heute insbesondere an jenes Kapitel unserer Geschichte, in dem Respekt, Mitmenschlichkeit und gesellschaftliche Vielfalt ihren Nullpunkt erreichten und es zu einem Zivilisationsbruch kam. 

Heute begehen wir den 80. Jahrestag der ersten Deportationen der Jüdinnen und Juden aus Hamburg und Norddeutschland vom Hannoverschen Bahnhof. 
Acht Dekaden umfasst heutzutage durchschnittlich ein Menschenleben. 
Eine solche Zeitspanne ist mit Veränderungs- und Wandlungsprozessen verbunden – auch mit Blick auf unsere gemeinsame Erinnerungskultur. 

Wir sind eine gute Strecke gegangen – auf einem Weg, der kein Ende kennt, sondern jeden Tag aufs Neue von uns verlangt, uns anzustrengen. Um Umwege oder gar Irrwege zu vermeiden.

In der Adenauerzeit galt nicht wenigen das „Beschweigen“ der NS - Verbrechen als notwendige Grundlage des vermeintlichen Neuanfangs in der Bundesrepublik. 
Diese kollektive Verdrängungsstrategie hat Ralph Giordano zu Recht als „zweite Schuld“ kritisiert. Es ist dem Engagement vieler einzelner mutiger Bürgerinnen und Bürger zu verdanken, die wichtigen und notwendigen Debatten mittlerweile erzwungen zu haben. 
Heute ist das Miteinander-Sprechen an die Stelle der geteilten Stille getreten. 
Auch das Miteinander-Streiten um den richtigen Umgang mit der Vergangenheit. Damit diese Auseinandersetzungen möglich sind, müssen wir die historischen Tatsachen erzählen. Auch dieser Ort zwingt uns förmlich dazu. 

Er erinnert uns daran, dass nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch vor dem Zweiten Weltkrieg Regime-Gegner und Juden von hier aus in die Lager Esterwegen und Sachsenhausen verschleppt wurden, dass am 20. Mai 1940 mehr als 1.000 Sinti und Roma aus ganz Norddeutschland in das Zwangsarbeitslager Belzec deportiert wurden, dass im Herbst 1941 vor genau 80 Jahren 3.700 Jüdinnen und Juden von Hamburger Ämtern und Behörden, der Geheimen Staatspolizei, der Schutzpolizei und der Reichsbahn von hier aus nach Litzmannstadt, Minsk und Riga deportiert wurden, dass von 1940 bis 1945, insgesamt 20 Sammel- und weitere Einzeltransporte mehrheitlich diesen Bahnhof verließen, um über 8100 Menschen aus ganz Norddeutschland in Arbeitslager, Ghettos und Vernichtungslager in die besetzten Gebiete Mittel- und Osteuropas zu deportieren: nach Belzec, Litzmannstadt, Minsk, Riga, Auschwitz und Theresienstadt. 
Wir müssen von den 6700 Jüdinnen und Juden sowie den 1400 Romnja und Roma, Sintize und Sinti erzählen. Und von den über 1000 Angehörigen des Bewährungsbataillons 999 der Wehrmacht, die vom Hannoverschen Bahnhof in gefährliche Kriegseinsätze transportiert wurden. 
Und wir müssen davon erzählen, dass dieser Ort damals zwar abseits der Innenstadt lag, dass aber die Sammelplätze mitten in unserer Stadt lagen. Viele Hamburgerinnen und Hamburger konnten hinsehen und haben hingesehen, aber keine Konsequenzen für ihr eigenes Handeln aus dem Gesehenen gezogen. 

Hinter diesen abstrakten Umschreibungen stehen schreckliche Schicksale, abgründige Verbrechen und eine gesellschaftliche Gleichgültigkeit, die uns heute unvorstellbar vorkommen muss. Aber gerade deshalb müssen wir von dem erzählen, was passiert ist. 
 
Aber reicht das? Tun wir genug? Zweifel sind mehr als angebracht, denn laut aktuellen Studien lässt die Distanzierung von Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und demokratiefeindlichen Einstellungen in unserer Gesellschaft nach. 

Im politischen Diskurs gewinnen Stimmen an Kraft und Zustimmung, die die Werte unserer offenen Gesellschaft in Frage stellen. Und wir wissen: Wo Sprache gewalttätig wird, da folgen auch Taten. 

Deshalb ist es ein Fanal, wenn ein 16-jähriger, der gerade erst in einem Film über und gegen Antisemitismus mitgespielt hat – und dort einen jüdischen Schüler angreift – einen Mann jüdischen Glaubens bei einer friedlichen Demonstration brutal attackiert – und eben nicht nur so tut. So wie vor einem Monat hier in unserer Stadt. Ich schäme mich, dass solche Taten in unserem Land überhaupt möglich sind.

Wie kann das passieren, was in einer offenen Gesellschaft nicht passieren darf? 
Wir wissen, dass „[d]er freiheitliche, säkularisierte Staat […] von Voraussetzungen [lebt], die er selbst nicht garantieren kann.“ (Böckenförde) Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir es endlich schaffen, diese Voraussetzungen gesellschaftlich und politisch und kulturell besser zu gewährleisten. Aber wie kann das gelingen? 
Der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff hat in der letzten Woche in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ gesagt: „Ja. Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, dass jeder involviert ist. Nicht nur die Polizei und Justiz sollte sich engagieren, auch Schulen, Universitäten, Museen, religiöse Institutionen, Kulturinstitutionen. Sie alle sollten über die Notwendigkeit von Toleranz sprechen. Antisemitismus bedroht nicht nur Juden und Israelis. Die wirkliche Gefahr von Antisemitismus richtet sich gegen die deutsche Gesellschaft, Demokratie und Toleranz. Ich denke, keine Demokratie darf Antisemitismus tolerieren. Antisemitismus ist eine große Bedrohung für die Stabilität und Sicherheit dieses Landes.“

Und er hat Recht! Wir brauchen das Streben nach dem Konsens über das Nie wieder! Wir stehen in der Verantwortung dafür, die Vielfältigkeit in unserer Gesellschaft zu stärken. Auf xxx Ebenen.

Deshalb ist es so wichtig, dass sich die deutsche Politik um Freundschaft zu Israel bemüht und das Existenzrecht Israels – wie jüngst von der Kanzlerin betont – Teil unserer Staatsräson ist. Weil auch dadurch die Sicherheit von Jüdinnen und Juden gewährleistet sein muss.

Deshalb ist es wichtig, dass wir die Vielfalt jüdischen Lebens inmitten einer freiheitlichen und offenen Gesellschaft gemeinsam feiern. Viele aktuelle Projekte in der Stadt von der Bornplatzsynagoge bis zur Rettung der Überreste des Tempels in der Poolstraße weisen weit über das aktuelle Festjahr hinaus. Und deshalb ist es wichtig, dass wir die Anerkennung von Verschiedenheit und den Respekt vor Anderen als Grundlage unseres Miteinanders verstehen.

Denn wie die Debatten aktuell in der Öffentlichkeit verlaufen, muss uns mit Sorge erfüllen. Zu oft verdrängt das bloße Meinen die gemeinsame Suche nach dem Richtigen. 
Aber um eine Meinung vertreten zu können, muss man die Tatsachen nicht nur kennen, sondern auch verstehen können. 

Hannah Arendt hat geschrieben, Meinungen seien dann – und nur dann – legitim, „solange sie die Integrität der Tatbestände, auf die sie sich beziehen, respektieren.“
Daran sollten wir uns gerade in Zeiten erinnern, in denen der Firnis zwischen robuster Tatsachen-Wahrheit und individuellen Behauptungen dünner wird und die Neigung einiger wieder zunimmt, abstrakte Schuldige zu suchen, weil sie einem die Verantwortung für das eigene Tun abnehmen. 

Deshalb geht es auch darum, wie wir unsere Wahrheiten erzählen. Deshalb ist auch die Geschichte dieses Gedenkortes so bedeutsam, weil die verschiedenen beteiligten Gruppen – die jüdischen Gemeinden, die Verbände der Roma und Sinti, die Stadt und die Zivilgesellschaft – hier schon lange vertrauensvoll zusammenarbeiten. 
Orte wie dieser schaffen Zugänge für Begegnungen mit der Geschichte und mit Anderen. 
Noch 2013 stand auf dem Vorplatz, den wir passiert haben, lediglich der schmale Container, der Besucherinnen und Besucher offen steht, um sich über die Geschichte des Ortes zu informieren. 

Am 9. Juli 2016 feierten wir die Einweihung des Lohseparks und die Einweihung der „Fuge“, als markanter Riss. Am 10. Mai 2017 folgte die Einweihung des Gedenkorts denk.mal Hannoverscher Bahnhof. In einem Dokumentationszentrum, über dessen Rahmen wir derzeit noch intensiv sprechen, sollen die Geschichten der verfolgten Gruppen erzählt werden. Der Ausstellungstitel steht bereits: „In aller Öffentlichkeit“. 
Er zeigt, was passieren kann, wenn das wichtigste Instrument einer Gesellschaft versagt: ihre Stimme.
Heute gedenken wir der Opfer, die vor 80 Jahren von diesem Bahnhof aus deportiert worden sind. Und in diesem Gedenken steckt gleichwohl ein Denken an all diejenigen, die noch heute aufgrund von religiöser Überzeugungen, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung oder Behinderung verbal oder sogar tätlich angegriffen werden. 

Ohne dieses Denken aneinander, ohne den Einsatz füreinander und ohne die Frage beantworten zu können „Was haben wir getan?“ kann keine demokratische Gesellschaft bestehen. 

Diese Verantwortung gemeinsam anzunehmen und daraus eine Zukunft in Vielfalt zu entwickeln, ist unser aller Aufgabe. 

Herzlichen Dank. 

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