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Grußwort von Senator Dr. Carsten Brosda anlässlich der Verleihung des Aby Warburg-Preises an Georges Didi-Hubermann

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Verleihung des Aby Warburg-Preises 2020

Sehr geehrter Herr Professor Didi-Huberman,
sehr geehrte Frau Dr. Rottmann,
sehr geehrte Frau Professorin Kern,
sehr geehrter Herr Professor Sherman,
sehr geehrter Herr Professor Falckenberg,
sehr geehrter Herr Professor Luckow,
sehr geehrter Herr Dr. Ohrt,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Damen und Herren,

“Rose is a rose is a rose is a rose” hat die „Mutter der Moderne“ Gertrude Stein in ihrem Gedicht „Sacred Emily“ (1913) einst geschrieben. Ein avantgardistisches Experiment ohne Punkt und Komma, das auch über hundert Jahre später nicht an enigmatischem Esprit verloren hat. Syntaktisch simpel, auf den Ebenen der Semantik und Pragmatik jedoch komplex. Wir entdecken einmal mehr: die Kunst ist immer ein Abgesang auf positivistische Schlüsse.

Aby Warburg hätte hinter den zitieren Vers vielleicht einen bezeichnenden Kommentar notiert: „AT!“ – „Achtung Tiefsinn“. So hat er es bei dem Zusammenstellen seiner Bilder getan, um darauf hinzuweisen, dass Verbindungen zwischen den Bildern immer weiter fortgeführt werden konnten und eben erst die Relationen Auskunft über das Ganze geben konnten. Es ist das „Lesenlernen“ der Bilder, das wir Betrachterinnen und Betrachter üben müssen. Die Ausstellung Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne zeigt: das ist nicht immer ganz so leicht. Denn ein solches Lesenlernen verlangt, auch das Unsichtbare mitzudenken.

Aby Warburg suchte keine Erkenntnis im einzelnen Bild, er suchte sie in Beziehungen, in „bewegtem Beiwerk“ und löste sich dabei von „grenzpolizeilichen Befangenheiten“, wie er es nannte. Er wetterte gegen klar voneinander abgrenzbare Disziplinen, in denen die Wissenschaften von einst noch dachten. Meisterwerke der Epochen neben Münzen oder Werbeplakaten, das ging doch nicht!

Es ging doch. Und erst durch derartige Trouvaillen und ihre Verflechtungen wird offenkundig, dass unsere Gegenwart immer auch Geschichte in sich trägt. Warburg zeigt, dass Zeit nicht verloren geht, sondern angesammelt wird und subkutan in anderen Dingen mitschwingt. Er zeigt, dass es kein abgeschlossenes Wissen geben kann, weil es kein abgeschlossenes Werk gibt, sondern immer neue Verbindungen, die die Einzelteile neu rahmen.

Hier, umgeben von Pathosformeln, zeichnen wir nun heute zwei Menschen aus, die ihrerseits um die Komplexität der Dinge wissen und sie selbst immer wieder suchen.

Das sind zum einen Sie, liebe Frau Rottmann. Sie zeichnen wir heute mit dem Förderpreis aus. Ihre Monographie „Ästhetik von unten“ schult uns im Sehen dessen, was wir sonst leicht übersehen: Pflaster und Asphalt. Wir erkennen einmal mehr, dass nicht nur das, was wir sehen, sondern auch wie wir sehen, zum Verständnis dessen, was ist, beiträgt. Mit Ihrem Augenmerk auf Themen, die wir sonst eher an der Peripherie der Kunstgeschichte verorten würden, öffnen Sie der Disziplin neue Türen.

Zum anderen zeichnen wir heute Sie, lieber Herr Didi-Huberman, mit dem „Aby Warburg Preis 2020“ aus.

Wie gelingt es, ein Bild zu lesen? Wie können wir einerseits schauen, ohne zu glauben und andererseits schauen, ohne dabei das, was wir objektiv sehen, nur auf genau dies zu reduzieren? Das sind Fragen, die ihr Werk durchziehen. Antworten auf Ihre Fragen finden auch Sie, als Forscher über Warburg und als Anwender seiner Methode, in Symbolen und ihren Referenzsystemen. Sie denken Warburgs Schaffen weiter, fügen ihm neue Dimensionen – wie den Film – hinzu, suchen neue Linien, neue Lesarten. Wie Warburg liegt für Sie die Erkenntnis nicht allein im sichtbaren Bild, sondern ebenso dem „Abbild“, dem „Nachleben der Bilder“, wie Sie es nennen – in den Bildern, die in anderen wieder zum Vorschein kommen.

Sie, lieber Herr Didi-Huberman, stellen „die Befassung mit Warburg auf neue und zeitgemäße Grundlagen“ und tragen zur Internationalisierung von Warburgs Schaffen bei. Sie eignen sich sein Verfahren an, um „daraus einen eigenen, unverwechselbaren Zugriff auf die Bildkultur insgesamt zu entwickeln“, heißt es im Votum der Jury. Und in der Laudatio von Professor Bill Sherman werden wir später sicher noch weit mehr hören.

Noch aber möchte ich bei eben dieser letztgenannten Form sinnlicher Erkenntnis verharren: dem kundigen Hören. Denn was für das Lesen und das Sehen gilt, gilt ebenso für das Hören.

Das Gesagte ist nicht immer auch das Gehörte. Aber wir neigen manchmal dazu, das zu ignorieren. Manchmal scheint das Gehörte viel mehr zu beinhalten als das Gesagte, weil wir unsere eigenen Gedanken in einen Satz hineininterpretieren. Manch anderer Satz klingt wiederum nur dann beeindruckend, „bevor man die Farbe abkratzt“, wie Gabriele von Arnim es formuliert hat. Wir verstehen umso besser und umso mehr, wenn wir bereit sind, die Bedingungen mitzudenken, unter denen gesprochen und gehört wird.

Es geht auch hier darum, auch das Nichtgesagte mitzudenken, stets wissend, dass die Erkenntnis, die wir daraus ziehen, auch immer ein Stück weit unsere eigene Erfindung ist.

Es war der Soziologe Erving Goffman, der forderte, wir bräuchten eine Begriffssprache der Relationen und nicht der Eigenschaften. Wir brauchen sie, um uns ein Bild des Ganzen machen zu können. Denn Eigenschaften an sich sind starr. Sehen wir nur sie, entsteht daraus der Eindruck betonierter Identitäten, die jeden Austausch verhärten.

Und auch jede Position wird dann zur Pose, wenn sie es nicht schafft, Verbindungen zu anderen Positionen herzustellen, wenn sie es verneint, sich immer weiter entwickeln zu wollen, wenn sie es verneint, auch anderen Recht geben zu wollen. Denn auch das ist ja wichtig. Dafür müssen wir bereit sein, nicht nur zu hören, sondern zuzuhören. Die Vernunft liegt immer in der Vielfalt ihrer Stimmen (Jürgen Habermas) und nie in einer bloßen Eigenschaft oder einem Erkenntnismoment. Sie ist nicht gefangen in einem Bild, in einer Figur oder einer Person, sondern sie entsteht erst durch Beziehungen und damit der Berücksichtigung von Zeit und Raum. Sie kann nur zwischen uns – gemeinsam! – entdeckt werden. Dieses Aufeinanderbezogensein ist die Grundlage unserer Gesellschaftlichkeit.

Die Pandemie hat uns das gerade eindringlich vor Augen geführt. Sowohl unsere soziale Verwobenheit als auch die Dichte der Strukturen unserer symbolischen Ressourcen. Eindrücklich wurde uns die Verwandtschaftsbeziehung von Lesen, Sehen und Hören bewusst. Es waren die Bilder aus Wuhan, aus Bergamo, Serien wie „Lenox Hill“, gedreht in einem New Yorker Krankenhaus, die manchem erst die Existenz des Virus bewusst gemacht haben. Die Bilder waren angstvoll und sie überforderten unsere Diskursfähigkeit. Sie waren nicht kontextualisierbar, zu direkt, zu emotional, sie forcierten einen Ausnahmezustand, dessen Ausnahme wir nicht zu einem Zustand werden lassen wollten. Die unterschiedlichen Systeme der gesellschaftlichen Wissens- und Ordnungsproduktion prallten immer wieder aufeinander und passten selten zusammen. Die nüchternen Laborergebnisse, die markigen politischen Statements, die besorgten Gespräche am Küchentisch. Die Welt wurde und fremd. Vieles mussten wir ganz neu lesen lernen. Bekanntes wie das Händeschütteln als Ausdruck des Willkommens, wurde mit einem Mal verpönt, das Fest der Geselligkeit, Weihnachten, wurde gerade aufgrund der Geselligkeit in ein zwielichtiges Licht gerückt. Wir fingen an, Vergleiche zu ziehen, die nie einwandfrei sein konnten, sondern immer eine Frage der Perspektive blieben. Sind Kulturorte vergleichbar mit Kirchen? Sind Galerien eher vergleichbar mit Museen oder mit dem Einzelhandel? Diese Fragen stellten wir uns. „Der liebe Gott steckt im Detail“, hat Warburg gesagt. Doch manchmal erschien es uns, als wäre es der Teufel. Denn immer wieder mussten wir unsere „Tafeln“ neu sortieren. Das gelang nur mit flexibler Vorstellungskraft und einem dezidierten Augenmerk auf die Verbindungslinien zwischen den einzelnen Erkenntnissen. Weil wir lernten, dass das, was wirtschaftlich gut wäre, nicht auch virologisch gut wäre. Und das, was virologisch gut wäre, nicht unbedingt auch politisch vertretbar wäre. Es kam auf die Verhältnismäßigkeiten an, das In-Beziehung-setzen und das Anerkennen, dass keine Disziplin eine Deutungshoheit besitzt, sondern vielmehr ein Knotenpunkt in einem dichten Beziehungsgefüge ist, aus dem heraus wir etwas über die Konsistenz und die Kohärenz unserer Gesellschaft erfahren können.

Auf diese Gedanken kommt ein Politiker, wenn er durch diese Ausstellung streift. Denn, meine Damen und Herren, diese Ausstellung ist ein Palast der Hermeneutik. Die beiden Wissenschaftler, die wir heute auszeichnen, sind Meister und Meisterin ihrer Entschlüsselung.

Zwei Mal wollten wir die heutige Preisverleihung bereits stattfinden lassen. Die Jury, bestehend aus Andreas Beyer, Margit Kern, Andrea Pinotti, Barbara Plankensteiner, Birgit Recki, Bill Sherman und Sigrid Weigel, hatte entschieden – und ich bedanke mich an dieser Stelle ganz herzlich für Ihr großes Engagement und Ihre gute Entscheidung. Der erste Versuch ist nun bereits punktgenau ein Jahr her. Das bedeutet, die letzte Preisverleihung, an Sie, liebe Frau Weigel, ist nun schon fünf Jahre her.

Aber jetzt gelingt es uns – inmitten von Warburgs Mnemosyne in der wunderbaren Sammlung Falckenberg, in der vor zehn Jahren, die von Ihnen kuratierte Ausstellung „Atlas. How to carry the world on one’s back“ gezeigt wurde, lieber Herr Didi-Huberman. So schließt sich nun also ein Kreis.

Ich freue mich sehr, dass wir heute endlich Sie, lieber Herr Didi-Huberman, und Sie, liebe Frau Rottmann, hier vor Ort auszeichnen können. Und ich freue mich, nun mit letzterem zu beginnen und das Wort an Professorin Margit Kern abzugeben. 

Herzlichen Dank.

 

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