Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Verleihung der Plakette der Freien Akademie der Künste

Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Plakette der Freien Akademie der Künste 2020 und 2021

Verleihung der Plakette der Freien Akademie der Künste
an Jan Meyer-Rogge (2020) und Klaus Hinrich Stahmer (2021)
15.11.2021, Freie Akademie der Künste


Sehr geehrte Frau Schwitter,
sehr geehrter Herr Meyer-Rogge,
sehr geehrter Herr Stahmer,
verehrte Mitglieder der Akademie,

Ob er ihn geliebt habe? „Das hat er nicht getan, o nein. In der Verschreibung der nachgelassenen Kompositionsskizzen und Tagebuchblätter drückt sich ein freundlich-sachliches, fast möchte ich sagen: gnädiges und sicherlich mich ehrendes Vertrauen in meine Gewissenhaftigkeit, Pietät und Korrektheit aus. Aber lieben? Wen hätte dieser Mann geliebt?“. Das sagt der Altphilologe Serenus Zeitblom über seinen Jugendfreund und lebenslanges Objekt der Faszination, den Komponisten Adrian Leverkühn in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“.

Das 750-Seiten-Werk, in dem Zeitblom von Leverkühns Schaffen und Sterben erzählt, ist ein Künstlerroman und ein abgründiger Blick in die  deutsche Befindlichkeit, die seit dem Mittelalter mutmaßt, Kreativität und Schöpfertum könnten nur entstehen, wenn man sich mit dem Bösen einließe.

Der Roman ist auch ein filigran gearbeitetes Zeitdokument: „Beide, Autor und fiktiver Erzähler, blickten ängstlich-gespannt in die Zukunft, in eine Zeit, da Deutschland zerstört und zum Wiederaufbau bereit sein würde, eine Zeit, in der ein Buch wie dieses im Werden begriffene vielleicht einen Platz in der Welt haben würde“. Das schreibt der große irische Autor Colm Tóibín in seinem jüngst erschienen Thomas-Mann-Roman „Der Zauberer“, in dem er einen der größten deutschen Schriftsteller zur Hauptfigur macht.

Auch wenn die enge Freundschaft zwischen Serenus Zeitblom und Adrian Leverkühn eher im Kopf des Biografen existiert, sind Künstlerfreundschaften außerhalb der Fiktion Katalysatoren für die Kunst: Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, Mary Shelley und Lord Byron, Franz Marc und Else Lasker-Schüler, Paul Wunderlich und Fritz J. Raddatz: Alle haben sie aus dem Miteinander, aus dem Austausch Inspiration und Kraft für ihre Arbeit geschöpft. 

Einer, den man als literarischen Experten für „Künstlerfreundschaften“ bezeichnen kann, ist der Schriftsteller und das Akademie-Mitglied Klaus Modick, der just heute Vormittag im Hamburger Rathaus mit dem „Hannelore-Greve-Literaturpreis“ geehrt wurde. In seinem enorm erfolgreichen Roman „Konzert ohne Dichter“ versetzt er die Leserinnen und Leser auf den Barkenhoff nach Worpswede, zu Heinrich Vogeler, Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn und zu Clara Westhoff, deren Ehe mit Rainer Maria Rilke tief in der Krise steckt. Rilke hinterlässt eine der berühmtesten Leerstellen der Kunstgeschichte auf Vogelers Gemälde, das die Männer musizierend zeigt und die Frauen verträumt in die Ferne blickend. Ein weiterer Roman von Klaus Modick befasst sich mit Eduard von Keyserling und dem wenig schmeichelhaften Porträt, das Lovis Corinth von ihm schuf und das das Bild des Dichters bis heute prägt.

Die Wechselwirkungen zwischen den Künsten sind allgegenwärtig in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Auch heute Abend werden wir davon hören, in Form einer Uraufführung. So erfahren wir endlich wie eine Skulptur klingt.

„Die Freie Akademie der Künste“ ermöglicht und befördert solche Künstlerfreundschaften und Kollaborationen. Bestes Beispiel ist die neue Reihe „Treffen sich zwei“, die die künstlerische Symbiose auf die Bühne holt. Erst vergangene Woche sprachen der Literaturwissenschaftler Jan Bürger und der Komponist Detlev Glanert über prägende Persönlichkeiten des musikalischen Lebens in Hamburg. Im Dezember trifft die Filmemacherin Maike Mia Höhne auf den Komponisten Gordon Kampe. 

Für die musikalisch-philosophischen Passagen des „Doktor Faustus“ stand Thomas Mann in intensivem Austausch mit Theodor W. Adorno, das ist Teil der Literaturgeschichte. Thomas Mann war der erste Künstler, der mit der Ehrenplakette der Freien Akademie der Künste ausgezeichnet wurde, wenige Monate nach seinem Tod im Jahr 1955. Dabei gibt sich die „Freie Akademie der Künste Hamburg“ mit ihrer Auszeichnung hanseatisch zurückhaltend. Die Ehrenplakette ist undotiert, ihre Strahlkraft lässt sich am Reigen der Geehrten messen. Und der ist illuster: Uwe Timm, Burkhart Klaußner, Horst von Bassewitz und Hark Bohm haben die Plakette zuletzt erhalten. 

Vor 71 Jahren von den Schriftstellern Hans Erich Nossack und Hans Henny Jahnn gegründet, gibt die „Freie Akademie der Künste“ seither Künstlerinnen und Künstlern ein Forum. Und auch wenn der Senatsempfang vor einem Jahr leider Corona zum Opfer gefallen ist: Hamburg ist sich bewusst, was es an seiner Akademie hat. Wir beobachten mit großem Interesse die programmatischen Entwicklungen und die Wortmeldungen, die hier vom Klosterwall kommen.

„Die Freie Akademie der Künste“ als das kulturelle Gedächtnis Hamburgs vereint die wichtigsten Vertreter und Vertreterinnen ihrer Sparten und ehrt heute zwei ihrer langjährigen Mitglieder: Den Bildhauer Jan Meyer-Rogge und den Komponisten Klaus Hinrich Stahmer. Dazu möchte ich Ihnen die Grüße des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg überbringen.

Sehr geehrter Herr Meyer-Rogge,

als bildender Künstler spielen Sie für Norddeutschland und insbesondere für Hamburg eine herausragende Rolle. Obwohl Sie ursprünglich aus der Malerei kommen, arbeiten Sie seit den 1970er Jahren als Bildhauer – nicht mit Hammer und Meißel, Sie formen auch nichts aus Ton. Sie widmen sich hauptsächlich den Materialien Stahl und Holz und schaffen daraus Konstruktionen, die durch unterschiedliche Anordnung ihrer Einzelteile verschiedene Formen annehmen. Die Formsprache Ihrer Arbeiten ist ebenso schlicht wie bestechend: Geometrische Formen werden auseinandergenommen und neu zusammengeführt. Dabei entsteht die Form in Abhängigkeit zu physikalischen Gesetzen.

Sie haben einmal gesagt: „Wenn ich einen Stahlstab auf meiner Fingerspitze balanciere, ist mein Blick ständig auf die Spitze des Stabes gerichtet. Auf jede Abweichung von der Senkrechten reagiere ich mit einer Gegenbewegung am unteren Ende des Stabes und halte ihn zwischen Stehen und Fallen aufrecht. Wenn ich aber versuche, den Stab mit verbundenen Augen auf meiner Fingerspitze zu balancieren, bricht das labile Gleichgewicht zusammen“. Das empirische Herangehen spielt in der Entstehung Ihrer Werke eine große Rolle: Erfahrungen dieser Art, spürbar am eigenen Körper, sind Ihnen wichtig. Das Zusammenwirken von Gegenkräften wird untersucht und aufeinander abgestimmt. Ihre Arbeiten erzählen von einer Harmonie zwischen Freiheit und Bindung. Mit einer Hingabe und Präzision verhandeln Sie Gewicht, Gegengewicht, Gleichgewicht und Balance in Ihren Arbeiten und führen Sie in einem Gebilde zusammen – Spannung und Entspannung werden für die Betrachtenden spürbar.

Neben zahlreichen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen seit den siebziger Jahren, sind Ihre Arbeiten im öffentlichen Raum hervorzuheben. Das  „Doppeltor“ im Skulpturenpark Billebogen oder der „Dreiklang“ auf dem Gelände der „Hochschule für Musik und Theater“, aber auch „Der gestürzte Baum“ in der Stabi („Staatsbibliothek Hamburg“) – der leider 1992 zerstört wurde – prägten und prägen das Stadtbild. Sie haben Spuren in unserer Stadt hinterlassen. Dafür wurde Ihnen 1981 der „Edwin-Scharff-Preis“ des Hamburgischen Senats verliehen. Diese Verleihung hat einen zweiten Anlauf gebraucht, nachdem Sie den Preis aus kulturpolitischen Gründen zurückgegeben hatten. 1987 wurden Sie erneut mit dem „Edwin-Scharff-Preis“ ausgezeichnet – dieses Mal nachhaltig. 

Umso mehr freue ich mich, lieber Herr Meyer-Rogge, mit Ihnen heute „die Plakette der Freien Akademie der Künste Hamburg“ feiern zu dürfen. 

Mit Dankbarkeit schaue ich auf viele Jahrzehnte der künstlerischen Produktivität und Kreativität, die Sie in Ihre Arbeiten und in eine vielfältige Kulturlandschaft investieren. 

Meine herzlichsten Glückwünsche zu dieser Auszeichnung!

Sehr geehrter Herr Stahmer,

Sie sind das beste Beispiel eines Grenzgängers zwischen den Künsten, wie ich ihn vorhin zu beschreiben versucht habe. Als Komponist zunächst von Paul Hindemith, Bela Bartók und Alban Berg beeinflusst, suchten und entdeckten Sie durch die Beschäftigung mit der Bildersprache zeitgenössischer Maler und Bildhauer neue kompositorische Wege. Im Wechselspiel zwischen Komposition und Improvisation schlagen Sie Brücken von der westlichen Welt zu anderen Kulturen. Sie haben einmal gesagt: „Wäre ich ein Landwirt, würde ich sagen, ich betreibe ökologische Landwirtschaft und verzichte auf Glyphosat. Mein Ziel ist eine Musik des Einander-Zuhörens und Aufeinander-Zugehens, sei es innerhalb unserer eigenen Tradition, sei es mit dem Blick nach außen“. Ihre Studien und Aufenthalte im Ausland führten eine Beeinflussung durch außereuropäische Musik in ihrem kompositorischen Schaffen herbei. Dabei manifestierten sich Ihre ganz persönlichen Erlebnisse von Krieg und Flucht in einem vom humanitären Gedankengut und Pazifismus geprägten Werken. Ihre Kompositionen sind mit außermusikalischem Sinn aufgeladen und werden erst durch die semantische Entschlüsselung im vollen Umfang verständlich. Meist erschließen sich die Themen und Inhalte durch die vertonten Texte, da viele Ihrer Werke in enger Beziehung zur Sprache, vor allem zur zeitgenössischen Lyrik, stehen. Ihre Arbeiten verbinden Musik und Wortsprache, Akustik und Visualität. Mit der Hinwendung zur Musik Asiens und Afrikas eröffnen Sie der Kompositionskunst Horizonte. Sie engagieren sich für ein tieferes Verständnis außereuropäischer Musik und einen gleichberechtigten Dialog mit Musikern Afrikas und Asiens. 

Ich freue mich außerordentlich, Ihnen zur „Plakette der Freien Akademie der Künste“ gratulieren zu dürfen!

Meine Damen und Herren, 

lassen Sie mich zum Abschluss „dem Zauberer“ Thomas Mann noch einmal das Wort erteilen: „Der Ruhm zu Lebzeiten ist eine fragwürdige Sache; man tut gut, sich nicht davon blenden, sich kaum davon erregen zu lassen“. Da ist es, das Mann’sche Understatement, dem zugleich sein Gegenteil innewohnt.

In diesem Sinne, sehr verehrter Herr Meyer-Rogge, sehr verehrter Herr  Stahmer, gratuliere ich Ihnen beiden im Namen des „Senats der Freien und Hansestadt Hamburg“ zur Plakette der Freien Akademie der Künste, die eine hohe Auszeichnung darstellt, weil sie allein der Kunst gewidmet ist. 

Herzlichen Glückwunsch!

Themenübersicht auf hamburg.de

Anzeige
Branchenbuch