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Verleihung des Lichtwark-Preises an Etel Adnan

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort zur Verleihung des Lichtwark-Preises an Etel Adnan

Nur wenn er schreibe, könne er darauf hoffen, sein Leben verstehen, sagte der israelische Schriftsteller David Grossman einmal. Grossman verlor seinen Sohn Uri im Libanonkrieg 2006 und schrieb über seine Trauer in seinem Text „Aus der Zeit fallen“.
Ein vielstimmiger Text über Verlust und Hoffnung, changierend zwischen Dunkelheit und Licht – vielleicht ein wenig so wie unsere Gefühle heute auch.

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, liebe Carola Veit,
sehr geehrter Herr Professor Klar,
sehr geehrte Frau Phillips, guten Tag nach Chicago,
sehr geehrter Herr Akpokiere,
sehr geehrte Laudatoren und Mitglieder der Jury,

heute wollen wir nicht nur zwei großartige Künstler, Julia Phillips und Karo Akpokiere mit dem Lichtwark-Förderpreis auszeichnen; wir wollten ebenfalls die Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan mit dem Lichtwark-Preis auszeichnen.

Wir wollten sie zumindest über einen Bildschirm digital bei uns wissen – von zuhause aus, in Paris. Wir wollten ihr, deren Leinwände oft mit einem roten Quadrat begannen, heute eine rote Urkunde verleihen.

Ihr Rot, so verriet Etel Adnan Ihnen, lieber Herr Obrist, war kein Symbol der Revolution. Sie verstand es vielmehr als Verweis auf das gleißende Licht der Sonne, die wir gemeinhin in Gelbtönen abbilden.

Wir wissen aber auch: Frei von einem widerständigen Esprit war Etel Adnans Werk nicht. Vielmehr zog sich dieser wie ein roter Faden durch ihre Werke – Dunkelheit und Licht, Vergänglichkeit und Leben waren zentrale Themen in ihrem künstlerischen Schaffen und ein Versuch, das Leben zu verstehen, es mit Liebe zu umschlingen und ihm Form und Farbe zu geben. In dieser Vielschichtigkeit, der Überlagerung von Orten und Zeitdimensionen in ihren Texten, wirkte auch sie „aus der Zeit gefallen“ – als hätte sie die Zeit einfach aufgelöst.

Am vergangenen Sonntag, am 14. November, ist Etel Adnan in Paris verstorben. 

Die heutige Lichtwark-Preisverleihung findet in Gedenken an sie als inspirierende Künstlerin und beeindruckenden Menschen statt – wir ehren sie, anders als wir es tun wollten, und dennoch mit der gleichen Absicht: für ihr umfangreiches Lebenswerk.

„Mir scheint, dass ich schreibe, was ich sehe, male, was ich bin“, formulierte Etel Adnan einmal. Außenwelt und Innenwelt fanden durch die Kunst eine Sprache. Schreiben wurde zur Weltaneignung und Malen zum reinen Ausdruck dessen, was in ihr vorging – die Momente des Malens waren für sie immer Glücksmomente gewesen, sagte sie und fügte gleichwohl hinzu, dass auch Glück eine Form des Widerstands sein kann; ein Widerstand gegen das Leid und die Gewalt, die in ihren Texten scharf wie Glaskanten zur Sprache kamen.

Versiert wechselte sie zwischen Feder und Pinsel hin und her, changierte zwischen Malerei, meist kleinformatig, Zeichnung, Tapisserie und Film. Etel Adnan war Wort- und Bild-Künstlerin, bei der es unmöglich war, die Worte über die Bilder oder die Bilder über die Worte zu stellen. Sie war keine Schriftstellerin, die auch mal malte – so wie Kafka, Goethe, Sylvia Plath oder Patricia Highsmith – und sie war keine Malerin, die gelegentlich auch mal schrieb. Sie selbst schrieb, sie mache zwischen ihren künstlerischen Formen keinen Unterschied. „Es ist nicht nötig, sich zu entscheiden: Bin ich eher dies oder das. Das Wesentliche ist, was du tust, und dass es die Menschen erreicht, dass es Bedeutung hat“ antwortete sie Ihnen, liebe Frau Ruschkowski, auf die Frage, ob sie sich selbst eher als Dichterin oder als Malerin verstand.

Und von Bedeutung war Etel Adnans Werk allemal. Wir ehren sie heute für ihr großartiges, umfassendes Lebenswerk, das uns mit seiner Intensität und Tiefe gleichermaßen in seinen Bann zieht. Die Art und Weise, wie darin intellektuelle Aufrichtigkeit und Genauigkeit in poetische Formen gegossen wird, sei es mit Worten oder Farben, ist bewegend wie erschütternd.

Etel Adnan, meine Damen und Herren, wurde 1925 in Beirut geboren – als Tochter einer griechisch-orthodoxen Griechin und eines muslimischen Syrers, die beim Niedergang des osmanischen Reiches aus dem heutigen Izmir in den Libanon fliehen mussten.
Hier wuchs sie mit vier höchst unterschiedlichen Sprachen auf: Türkisch und Griechisch wurden zu Hause gesprochen, Französisch in der Schule und Arabisch auf der Straße.

Sie gehörte zu den ersten Frauen in Beirut, die die häusliche Sphäre verließ, um zu studieren. Mit 24 Jahren und mit einem Stipendium für das Studium an der Sorbonne, zog sie nach Paris und studierte Philosophie. Aber mit Beginn des Algerienkriegs 1954, der seine grausamen Schatten auf das Land der Kolonialmacht warf, setzte sie 1955 ihr Studium im kalifornischen Berkeley fort. Hier lernte sie wieder eine neue Sprache kennen, eine völlig neue Kultur, und mit dem Mount Tamalpais eine zutiefst inspirierende Landschaft. Als Etel Adnan in einem Interview einmal gefragt wurde, wer die wichtigste Person sei, die sie je getroffen hatte, antwortete sie: „Ein Berg“ und meinte den Mount Tamalpais. Daneben gab noch eine weitere, tatsächlich menschliche Inspirationsquelle: den Maler Paul Klee. Seine Malerei setzte zentrale Standards für ihre eigene künstlerische Praxis.

Auch Etel Adnans Werke sind weder narrativ noch deskriptiv, sie eröffnen uns eine eigene, besondere Weise des Empfindens und Wahrnehmens. Nie hat sie ein Bild weggeworfen oder korrigiert, nie Farben übermalt. Was geboren wurde, ward geboren und ergab im Zusammenhang mit anderen Farben und Formen erst einen zusammenhängenden Sinn.

Etel Adnan zog nach Europa zurück, später wieder in den Libanon, arbeitete dort von 1972 bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs als Journalistin. Dann wieder Paris und die Veröffentlichung ihres Romans „Sitt Marie-Rose“, mit dem sie sich, wie in vielen ihrer Schriften, für die Rechte arabischer Frauen einsetzte, sich mit den Abgründen von Menschen und Gesellschaften auseinandersetzte, das Fehlen von Humanität in Sprache kleidete – drastisch, unverstellt, scharfsinnig und mit einer unmissverständlich pazifistischen Botschaft. Nach dem Libanon wieder USA. Nach den USA (2012) wieder Europa: Frankreich, Paris – hier blieb sie. Zeitlebens ist Etel Adnan eine Nomadin geblieben, eine Wanderin zwischen den Sprachen der Kunst und der Kulturen.

Ihr Werk wurde häufig als signifikante Stimme der Kunst aus der arabischen Welt gefeiert, „Die Kosmopolitin Etel Adnan gehört zu den wichtigsten Stimmen der arabischen Welt und gilt als Grande Dame der arabischen Literatur“ heißt es über sie. Und das ist zweifelsfrei richtig. Aber auch das ist nur ein Ausschnitt, den wir heute unbedingt erweitern sollten.

Etel Adnan war nicht nur „eine der wichtigsten Stimmen der arabischen Welt“, sondern „eine der wichtigsten Stimmen der Welt“; sie war nicht nur eine „Grande Dame der arabischen Literatur“, sondern eine „Grande Dame der Literatur“. Sie war Poetin, Malerin, Philosophin, Essayistin und eben genau das: eine Kosmopolitin. Es ist der weltumspannende Kontext, der sie ausgezeichnet hat und der ihr Werk auszeichnet.

Und vielleicht ist es eben das, was wir fortan als „adnanesk“ bezeichnen können: diese analytische Weltgewandtheit, die in Form und Farbe ihresgleichen sucht.
Ich bin sehr froh darüber, dass Sie, liebe Andrée Sfeir-Semler, Sie, liebe Klaudia Ruschkowsi, und Sie, lieber Herr Obrist, als enge Vertraute von Etel Adnan heute hier sind und wir gemeinsam Etel Adnan mit dem Lichtwark-Preis für ihr Lebenswerk auszeichnen können – ohne die Preisträgerin selbst - aber in gemeinsamer, farbenfroher Erinnerung. Gerade werden Werke von Etel Adnan im Guggenheim in New York ausgestellt. Hier in Hamburg ist ihr Werk noch bis Ende des Jahres in der Sfeir-Semler Gallery zu sehen. Als Echo erzählen diese Werke von dieser unbändigen Künstlerin.

Zum Schluss aber möchte ich noch einmal Etel Adnan selbst zu Wort kommen lassen: „Und das, was wahrhaft Poesie genannt werden kann, basiert auf Unschuld. Sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein, das ist der Ausgangspunkt. Der Welt freimütig entgegenzutreten, das ist der Ausgangspunkt. Dann wird das Leben Sorge tragen.“

Etel Adnan hat mit ihrer Kunst für unser aller Leben Sorge getragen.

Wir gedenken Ihrer in tiefer Dankbarkeit.

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