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Verleihung der Lichtwark-Förderpreise an Julia Phillips und Karo Akpokiere

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Verleihung der Lichtwark-Förderpreise 2021

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit Etel Adnan haben wir eine Künstlerin mit dem Lichtwark-Preis ausgezeichnet, die ganz im Lichtwark’schen Sinne „der Bildenden Kunst in unserer Zeit neue Aspekte hinzugefügt ha[t]“. Und nicht nur der bildenden Kunst.

Aber was genau verstehen wir unter dem „Lichtwark’schen Sinn“? Lichtwark, der einst, damals noch in Berlin, an seine Familie schrieb, „vielleicht bekomme ich mal die Kunsthalle in Hamburg“, wurde 1886 tatsächlich als Gründungsdirektor an die „Hamburger Kunsthalle“ berufen. Heute ist er uns historische Figur – wir erinnern an den Direktor und ausgebildeten Lehrer, insbesondere im Hinblick auf seine Reformbestrebungen. Lichtwark wollte das Museum modernisieren, was bedeutete, es zu öffnen – „Erhaltung, Vermehrung und ‚Nutzbarmachung‘“, darum ging es ihm.

Heute sprechen wir von Outreach-Strategien, von Prozessen der Demokratisierung. Abgeschlossen sind sie noch immer nicht, sondern werden im Lichte einer sich wandelnden Gesellschaft immer wieder neu auf ihre Bedingungen hin geprüft. Heute sind wir uns jedoch über die Notwendigkeit dieser Öffnungsstrategien einig. Jene Bestrebungen Lichtwarks stießen damals jedoch nicht immer auf Zustimmung. „Alle sehen nur das rote Tuch des Modernismus, das mir aus der Tasche hängt“, klagte er.

Mit dem 1951 vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg gestifteten Lichtwark-Preis heben wir Lichtwarks Ansinnen, neue Kunst zu fördern, alle vier Jahre in unsere Gegenwart. Als Vertreter des Hamburger Senats darf ich zwar die Urkunden verleihen, der Verleihung selbst ging aber natürlich eine intensive Beratung einer vom Senat berufenen Jury voraus.

Für die Verleihung der Lichtwark-Preise 2021 sind das: Elena Conradi, Professor Alexander Klar, Professor Martin Köttering, Professor Dirk Luckow, Professorin Barbara Plankensteiner und Professorin Bettina Steinbrügge. Für Ihr Engagement und Ihre kluge Entscheidung möchte ich Ihnen an dieser Stelle ausdrücklich danken.

Die Jury hat entschieden. Der eine Förderpreis soll an Julia Phillips gehen, der zweite heute und hier an Karo Akpokiere.

Und wenngleich die künstlerische Sprache der beiden sehr verschieden ist, so finden sie doch in einer Frage zusammen, nämlich in der Frage „Wer spricht?“; eine Leitfrage im postkolonialen Kontext, der die Werke der beiden gleichsam umspannt.

Julia Phillips Skulpturen und Installationen spüren ausgehend vom menschlichen Körper der Frage nach Machtstrukturen in unserer Gesellschaft nach und evozieren damit das, was der Schriftsteller Umberto Eco einst als „Elemente von Bruch und Infragestellung“ bezeichnete. Die Grenze zwischen Subjekt und Objekt verschwimmt, gegensätzliche Materialien werden verwendet; die Betrachterinnen und Betrachter werden in einen Diskurs über schwarze feministische, postkoloniale und psychoanalytische Denkstrukturen verwickelt. Was sehen wir und wie sehen wir? Und inwiefern gelingt es uns, die sich Fragmenten des Körpers gegenübersehen, selbst aus unserer Haut auszubrechen? Denn genau das ist das Entscheidende. Entscheidend ist, dass wir uns in Situationen wiederfinden, in denen wir selbst dazu aufgefordert werden, uns zu positionieren. Die Kunst bietet uns hierfür den nötigen Freiraum für die Reflektion und das Nachdenken und weist dabei jeglichen Absolutheitsanspruch stets weit von sich.

Julia Phillips Werke erzählen, ohne zu behaupten. Dieser Limbo aus Fiktion und Realität kennzeichnet aber eben nicht nur ihr Werk, sondern auch das von Karo Akpokiere, der, wie Julia Phillips, unter anderem an der Hamburger Hochschule für bildende Künste studiert hat.

Auch Ihre Arbeiten, lieber Herr Akpokiere, verbinden politische und soziale Realitäten mit persönlichen Geschichten, ohne dabei den Betrachterinnen und Betrachtern einen Raum für eigene Assoziationen zu verwehren. Ihre Werke bewegen sich zwischen Bildender Kunst, Grafikdesign, Zeichnung und Typografie und verbinden urbane Ästhetiken mit Elementen von Streetart, Graffiti- und Schriftkultur. Aus diesen unterschiedlichen Zugängen spricht so zum einen die Frage nach Zugehörigkeit und zum anderen der Appell an unsere Vorstellungs- und Veränderungskraft.

2015 haben Sie als Künstler an der 56. Biennale Venedig in der zentralen Hauptausstellung „All the World’s Futures” teilgenommen. Hier in Hamburg konnten wir 2017 Ihre Einzelausstellung mit verschiedenen Serien von Siebdrucken in der Griffelkunst Vereinigung Hamburg e.V. erleben und aktuell ist die von Ihnen gestaltete Graphic Novel „Die Vergangenheit ist ein Weg“ in der Ausstellung „Hey Hamburg kennst du Duala Manga Bell“ am Museum am Rothenbaum zu sehen.

Sie beschäftigen sich mit der Designgeschichte der bisher nicht dokumentierten vorkolonialen Zeit sowie der 1970er- und 80er Jahre in ihrem Geburtsland Nigeria. Ganz offensichtlich fügen auch Sie also der „Bildenden Kunst in unserer Zeit neue Aspekte hinzu“.

Dafür verleihen wir Ihnen, lieber Karo Akpokiere und Ihnen, liebe Julia Phillips, heute den Lichtwark-Förderpreis.

Meine Damen und Herren,

„Ich glaube“, so schrieb es die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing einmal, „wenn Menschen durch reale Erfahrung gezwungen werden zu erkennen, wozu wir fähig sind, ist diese Erfahrung so schockierend, dass wir sie nicht leicht verarbeiten können. Oder sie überhaupt nicht anerkennen können, wir wollen sie vergessen.“

Allzu oft sehen wir leider noch immer, dass sie mit dieser Aussage recht hat. Aber was folgt aus diesem Wissen? Das Ziel einer aufgeklärten Gesellschaft kann nie das Aufgehen im Vergessen sein, kann keine Zeichnung sein, in der das, was wir nicht sehen wollen, einfach ausradiert wird. Was für uns als Gesellschaft folgen muss, ist die geteilte Erkenntnis, dass es umso wichtiger ist, geeignete Zugänge zu schaffen, um eben nicht zu vergessen, sondern um die Beschäftigung mit dem was war und dem, was ist, zu fördern. Dafür braucht es verschiedene künstlerische Sprachen und verschiedene Stimmen.

Mit dem Lichtwark-Preis zeichnen wir heute einen Künstler und zwei Künstlerinnen aus, die realen Erfahrungen nicht aus dem Weg gehen, sondern über eine eigene künstlerische Sprache von ihnen erzählen. Dafür danke ich Ihnen herzlich und übergebe nun gern das Wort an Martin Köttering.

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