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Eröffnung der Ausstellung "Benin. Geraubte Geschichte" im MARKK

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Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Ausstellungseröffnung "Benin- Geraubte Geschichte"

Ihre Exzellenz, Yusuf Tuggar,
sehr geehrter Andreas Görgen,  
sehr geehrte Frau Professor Plankensteiner,
sehr geehrter Herr Professor Tijani,
sehr geehrter Herr Ekhator-Obogie,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

„a story is true only when it is complete” – so hat es die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie jüngst in ihrer Rede zur Eröffnung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum formuliert.

Mit der Eröffnung der Ausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ geht es nun nicht darum, das letzte Kapitel der Geschichte zu schreiben, sondern vielmehr um die Anerkennung, dass eine Geschichte niemals komplett sein kann, wenn sie aus der Perspektive eines vermeintlich allwissenden Erzählers erzählt wird. Wir in Europa haben dieses Missverständnis geschaffen und wir haben es viel zu lange aufrechterhalten.

Insofern freue ich mich, dass wir heute in diesem Haus zusammenkommen können – mit Vertreterinnen und Vertretern aus Nigeria, des Auswärtigen Amtes, Freunden und Förderern, Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt –, um uns mit der Herkunftsgeschichte und der künstlerischen Bedeutung der Benin-Kunstwerke auseinanderzusetzen.

Diese Werke und ihr Weg verweisen auf weltgeschichtliche Zusammenhänge zu denen wir uns nicht erst heute klar hätten verhalten müssen. Da wir es aber bislang nicht ausreichend getan haben, stehen wir erst recht in der Pflicht, unserer Verantwortung gerecht zu werden.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts war das „Deutsche Reich“ die drittgrößte Kolonialmacht Europas. Hamburg hat als Industrie- und Hafenstadt mit seinen internationalen Handelsverbindungen die Idee des "Tors zu Welt" kultiviert. Die Stadt profitierte vom Kolonialhandel und den Strukturen von Unterwerfung und Ausbeutung in den Kolonien. Die Benin-Kunstwerke sind ein Beispiel dafür: im Rahmen einer sogenannten britischen „Strafexpedition“ wurden sie im Jahr 1897 am Königshof von Benin geraubt und danach vornehmlich in Europa gehandelt. Auch davon, dass die Hamburger Museumsdirektoren eine maßgebliche Rolle in der Verteilung der Benin-Werke in die ganze Welt eingenommen haben, erzählt die Ausstellung, die wir heute eröffnen.   

Heute, im 21. Jahrhundert, geht es um ein weltweit geteiltes Wissen um die Kunstwerke. Im Zeitalter der Globalisierung werden Diskussionen über unsere Gesellschaften auf einer globalen Bühne geführt. Ethnologische Museen sind nicht wie einst exklusive Schauplätze des „Anderen“, sondern offene Orte der Begegnung – das ist ihr Anspruch.

Dadurch verändert sich auch die Sichtweise auf die Kunstwerke, die in den Museen zu sehen sind. Die Werke waren schon immer Bedeutungsträger. So erzählen die Benin-Bronzen nicht nur von kolonialer Unterwerfung, Raub und Zerstörung; sie verkörpern auch den Stolz einer Kultur. Sie sind einzigartige Kunstwerke, in denen sich Macht und Bedeutung des Königreichs Benin widerspiegeln. Sie sind von universellem Wert.
Dafür ist es wichtig, dass wir uns in Ausstellungen wie dieser immer auch mit ihrer universellen kunsthandwerklichen und künstlerischen Bedeutung auseinandersetzen.
Denn erst dann gelingt uns der der kulturelle Austausch mittels der Kunst, den wir fördern wollen. Das ist die Geschichte, die wir heute schreiben wollen. Vorausgesetzt aber, wir schließen ein Kapitel ab und übereignen Objekte wieder dorthin, wo sie herkommen: nach Benin City in Nigeria.
Dieses Kapitel dürfen wir nicht überspringen.

Wir werden als Freie und Hansestadt Hamburg mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln die Voraussetzungen dafür schaffen, dass alle sich in Hamburg befindenden Benin Objekte nach Benin City restituiert werden – in Hamburg und auf Bundesebene. Wir werden Schrittmacher einer postkolonialen Erinnerungskultur sein. Hamburg hat sich bereits 2014 zu dieser Aufgabe bekannt. Wir haben seitdem viel auf den Weg gebracht:

  • Eine Entschuldigung in Richtung der Nama und Herero für die Rolle dieser Stadt beim damaligen Genozid.
  • Die konzentrierte Arbeit mit Beirat und Rundem Tisch an einem postkolonialen Erinnerungskonzept.
  • Und in den Museen eine konzentrierte Arbeit in den Sammlungen und Ausstellungsprojekte wie die Darstellung dreier Benin-Bronzen vor ein paar Jahren im Museum für Kunst und Gewerbe, „Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand“ im Museum der Arbeit oder „Hey, Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?“ und jetzt „Benin. Geraubte Geschichte“ hier im MARKK boten und bieten Gelegenheit zur notwendigen Auseinandersetzung. Und sie schaffen die Grundlage für weiteres.

Hamburg arbeitet aktiv an der Rückgabe kolonial belasteten Sammlungsgutes. Wir übernehmen Verantwortung. In enger Zusammenarbeit zwischen dem Auswärtigen Amt, den Ländern und ihren ethnologischen Museen und der Nigerianischen National Commission for Museums and Monuments, werden derzeit die notwendigen vertraglichen Schritte vorbereitet.  

Erstens müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Eigentumsrechte der Objekte vollständig und bedingungslos an den nigerianischen Staat übertragen werden. Unser Ziel ist es, diese Aufgabe im Jahr 2022 abzuschließen. Wann genau die ersten Objekte physisch zurückgehen, wird Gegenstand weiterer Gespräche mit unseren nigerianischen Partnern sein. 
Zweitens liegt es in unserer Verantwortung nach der Eigentumsübertragung die Objekte hier, wenn vonseiten der Eigentümer gewünscht, als Leihgaben zu beherbergen und zu schützen, das bedeutet in die Staatshaftung der Freien und Hansestadt zu überführen.
Drittens wird im Einvernehmen mit der National Commission for Museums and Monuments und den einzelnen Museen entschieden, welche Objekte nach Nigeria zurückgehen werden. Dabei soll dafür Sorge getragen werden, dass die Präsenz und das Wissen über die Artefakte vorrangig in ihrem Herkunftsort zur Verfügung stehen und die westlichen Museen ihre konstruierte Deutungshoheit abgeben. Dabei steht fest: Auch die physischen Leerstellen, die dadurch hier im Museum entstehen, haben viel zu erzählen. Wir müssen und wir werden die Geschichte dieser Leerstellen erzählen.
Und letztlich werden wir viertens in enger Abstimmung mit dem Bund, Initiativen zu Kulturaustausch und Wissenstransfer fördern, so dass deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Nigeria und ihre nigerianischen Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und auch hier in Hamburg forschen können.
Dieser Prozess konnte in den letzten Jahren erfreulich beschleunigt und intensiviert werden.

Meine Damen und Herren,

dass wir heute an diesem Punkt angekommen sind, ist vielen Menschen zu verdanken:
Zum einen Ihnen, Ihrer Exzellenz, Herr Tuggar, indem Sie vollkommen zurecht an die Verpflichtung der (deutschen) Museen und der Politik appelliert haben, die Artefakte aus Benin zurückzugeben.
Mein Dank gebührt Andreas Görgen und seiner unermüdlichen Arbeit im Auswärtigen Amt um eine fortschrittliche Agenda der Wiedergutmachung und Zusammenarbeit.
Ich danke Barbara Plankensteiner und der Benin Dialogue Group, die seit zehn Jahren hartnäckig das Ziel verfolgt, das Thema im internationalen Forschungs- und Museumskontext zu platzieren und die Verhandlungen stets konstruktiv begleitet hat.
Es ist den Beiträgen vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler aus Afrika und Europa zu verdanken, dass wir innerhalb einer kurzen Zeit unseren Erkenntnishorizont zum Thema Restitution erheblich erweitern konnten.
Ich möchte hier an die bahnbrechenden Arbeiten von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy erinnern, deren Studien die Grundlage für die Restitutionen des französischen Staates bildeten – und die einen großen Einfluss auch auf die Beschleunigung der Debatte in Deutschland hatte.
Dem Team der hiesigen Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe unter der Leitung von Professor Zimmerer haben wir es zu verdanken, dass wir einen Forschungsstand erreicht haben, der sehr fundiert vermittelt, welche Aspekte der Erinnerungskultur wir in den nächsten Jahren angehen müssen.  
Ohne das jahrzehntelange Engagement der afrikanisch-diasporischen Communities, der Aktivistinnen und Aktivisten, die die De-Kolonisierung auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder thematisiert und eingefordert haben, wäre es nicht gelungen, die blinden Flecke unserer schwierigen Geschichte auszuleuchten.
Ihnen möchte ich ausdrücklich für ihren Langmut, ihre Expertise und die nicht endende Diskursbereitschaft danken.
Wir brauchen Sie in dem Prozess um die Restitution – und wir brauchen Sie in dem Prozess der Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes, der über die Restitutionen hinausgeht.

Gemeinsam mit dem Beirat zur Dekolonisierung haben wir in diesem Zusammenhang bereits ein Eckpunktepapier für die Dekolonisierung Hamburgs entwickelt, das den wichtigsten Baustein hinsichtlich der Aufarbeitung unseres kolonialen Erbes bedeutet. Es identifiziert Aufgaben und Maßnahmen in vielen gesellschaftlichen Bereichen, darunter insbesondere in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Bildung, wie zum Beispiel die Neu-Kontextualisierung kolonialer Denkmäler, die Umbenennung kolonial belasteter Straßennamen und die Änderung von Lehrmaterialien.

Mit der Unterstützung des Bundes wird über das Projekt „TheMuseumsLab“ die Zusammenarbeit zur Erforschung koloniale Objektbestände international weiter ausgebaut. Und bereits heute sehen wir durch internationale Verbundprojekte wie „Digital Benin“, das im MARKK angestoßen wurde, wie Meilensteine der internationalen Forschungskooperation auch hier in Hamburg entstehen können.

Mein Wunsch ist es, dass Projekte dieser Art selbstverständlicher werden und wir im Kontext der kolonialen Aufarbeitung und des Kulturaustausches enger zusammenrücken.
Ideal wäre, wenn es uns gelänge, eine weltweite Zirkulation des Wissens und der Objekte sowie die Möglichkeit der Erforschung über nationale Grenzen hinweg zu erreichen. In diesem Zusammenhang müssen auch Debatten zu einem vereinfachten Leihverkehr und über konservatorische und versicherungstechnische Vorgaben geführt werden.

Meine Vorstellung wäre, dass irgendwann Gemälde wie „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich aus der Hamburger Kunsthalle als Leihgabe den Weg in ein Museum auf dem afrikanischen Kontinent finden und dort zum Erforschen, Erfahren und Bestaunen zur Verfügung stehen. Erst dann haben wir erreicht, was wir erreichen wollten: dass Kunstobjekte von überall her, in ihrer Unterschiedlichkeit gewürdigt, gewertschätzt und als gleichrangig bewertet werden. Erst dann schöpfen wir den Satz von Chimamanda Ngozi Adichie auch vollumfänglich aus: „A story is true only when it is complete”.

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