Zeitzeugenbericht von Senatorin Jutta Blankau

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Ich lebte 1962 in Altenwerder, besuchte dort die erste Schulklasse. Ich erinnere mich, dass es am 16. Februar kalt war und ein heftiger Sturm wehte.

Zeitzeugenbericht von Senatorin Jutta Blankau


Gegen Abend liefen Männer der Freiwilligen Feuerwehr und andere Freiwillige in Altenwerder von Tür zu Tür und warnten, dass möglicherweise die Deiche nicht halten würden und  wir unsere Sachen sichern sollten. Deichverantwortliche und andere freiwillige Helfer haben die „Schotten“ (Schleusen) geschlossen, u. a. auch mein Vater. Mein Cousin kam und half meiner Mutter und meiner älteren Schwester, Stühle, Geschirr und leichte Gegenstände nach oben zu bringen. Die gerettete MIELE-Schleuder existiert heute noch!. Irgendwann kam mein Vater zurück, an einzelnen Stellen waren die Deiche schon am Brechen. Mein Vater sicherte die Schlitze an der Haustür noch mit Handtüchern ab, die konnten das Wasser aber später nicht abhalten. Der Strom fiel aus, die Deiche brachen und ich als Kind bin doch tatsächlich darüber eingeschlafen.

Am nächsten Morgen stand das Wasser bei uns im Haus bis 2 Treppenstufen vor dem 1. Stock. Wir hatten keinen Strom, die sanitären Anlagen im Erdgeschoss standen unter Wasser. Uns war nicht klar, wie schwer die Katastrophe war. Die tödliche Bedrohung ist mir erst später bewusst geworden. Feuerwehr und Bundeswehr kamen mit Rettungs- und Sturmbooten, um zu klären, wie die Situation vor Ort ist, brachten Lebensmittel und evakuierten erste Nachbarn. In Altenwerder gab es zum Glück keine Toten.

Wir wurden am 17. Februar mittags von der Bundeswehr im Sturmboot evakuiert und bei unseren Großeltern mütterlicherseits am Deich untergebracht. Meine Schwester und ich lebten dort mit Großeltern, Onkel, Tante und 5 Cousinen mehr als 2 Wochen lang. Unsere Eltern kehrten, nachdem das Wasser abgelaufen war, in unser Elternhaus zurück, das eine reine Baustelle war. Zerstört waren die Küche, zwei Wohnzimmer, das Badezimmer, die Fenster, Möbel. Anschließend wurden große Rohre zum Trocknen des Hauses verlegt. Wir lebten wochenlang in einer Baustelle.

Bis heute habe ich noch eine Bundeswehr-Wolldecke. Viele Kinder wurden nach der Flut „verschickt“ (u. a. nach Wien, Bad Salzuflen und Bayern), aber ich wollte das nicht.
Mindestens 1 Jahr lang war in Altenwerder mehr oder minder Ausnahmezustand. Wegen der Zerstörungen gab es viele Baustellen, die Deiche mussten repariert werden und viele Bombenblindgänger, die freigelegt worden waren, mussten entschärft werden. Die Straßen und Häuser wurden repariert und saniert, unsere Schule hatte ebenfalls gelitten, so dass wir 1 Jahr lang Schichtunterricht hatten, also  ein halbes Jahr vormittags, ein halbes Jahr nachmittags Schule.

Die Sturmflut von 1962 blieb auch später immer ein Thema in unserer Familie und ich selbst habe großen Respekt vor Wasser. Nie werde ich die Zerstörungen vor Ort und die vielen toten Tiere im Wasser vergessen. Die Sturmflut mit all ihren Auswirkungen ist für mich nach wie vor präsent, als eine Naturgewalt, die nicht steuerbar ist, für die aber dennoch Sicherheits- und Rettungsmaßnahmen ergriffen werden können.

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