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Gyula Trebitsch Schule Tonndorf Offener Ganztag: Am Nachmittag ist alles freiwillig

Für die Gestaltung des Nachmittags hat die Gyula Trebitsch Schule Tonndorf den Arbeiter Samariter Bund (ASB) ins Boot geholt. Das offene Konzept ohne feste Gruppen kommt bei den Kindern gut an.

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Offener Ganztag: Am Nachmittag ist alles freiwillig

Die Gyula Trebitsch Schule Tonndorf im Hamburger Osten gehört mit rund 1.500 Schülerinnen und Schülern nicht nur zu den größten Schulen der Stadt, sondern auch zu den beliebtesten. 2017 war die Stadtteilschule mit gymnasialem Zweig die anmeldestärkste Schule Hamburgs, im vergangenen Jahr die am dritthäufigsten angewählte Schule. „Viele Eltern wählen unsere Schule, obwohl sie gar nicht in unmittelbarer Nähe wohnen“, sagt Oliver Lerch, der am 1. Februar seinen Dienst als neuer Schulleiter antreten wird. Von seinem Vorgänger Freerk Heinrich will er vieles übernehmen und weiterentwickeln, einiges aber auch einfach so belassen, wie es ist. Zum Beispiel die Gestaltung des Ganztags in Kooperation mit dem Arbeiter Samariter Bund (ASB).

Die Zusammenarbeit zwischen der Tonndorfer Stadtteilschule und dem Hamburger Landesverband des ASB begann vor vielen Jahren mit einem gemeinsamen Projekt. Dabei organisierte das örtliche Jugend- und Stadtteilzentrum des ASB an der Schule verschiedene Aktivitäten wie eine Aktive Pause, eine Mädchengruppe und gelegentliche Schülerdiscos. Später wurde die Zusammenarbeit intensiviert. „Seit dem Schuljahr 2013/14 gestaltet der ASB als Schulkooperationspartner das Ganztagsangebot an der Gyula Trebitsch Schule Tonndorf“, sagt Tatjana Thiering. Die Sozialpädagogin ist seit knapp fünf Jahren für den Arbeiter Samariter Bund als Leitung des Ganztags an der Gyula Trebitsch Schule Tonndorf tätig. Darüber hinaus betreut sie als Fachberatung die drei weiteren Schulkooperationen des ASB an den Grundschulen Iserbrook, Redderbarg und Eichtalpark. 

Für die ganztägige Bildung und Betreuung an der Gyula Trebitsch Schule Tonndorf wurde ein pädagogisches Konzept erarbeitet, das die speziellen Gegebenheiten und Anforderungen einer Anschlussbetreuung im Rahmen der offenen Ganztagsschule berücksichtigt. Dazu gehört eine verlässliche und kostenlose Betreuung innerhalb der Schulzeit (montags bis freitags bis 16 Uhr) mit offenen Angeboten, Projekten und Hausaufgabenhilfe sowie bei ausreichenden Anmeldungen eine gebührenpflichtige Spätbetreuung (nach 18 Uhr) und eine Ferienbetreuung. „Derzeit wird der Nachmittag von sieben festangestellten pädagogischen Mitarbeitern gestaltet, die auch im Vormittag in der Unterrichtsbegleitung oder im Beratungsdienst tätig sind“, erläutert Tatjana Thiering. „Diese Verzahnung ist uns wichtig.“

Die Nachmittagsbetreuung des ASB unterscheidet sich von anderen Ganztagsangeboten vor allem dadurch, dass auf feste Kurse verzichtet wird. Stattdessen gibt es impulsgebende Angebote. Gearbeitet wird nach einem offenen Lernwerkstattkonzept, wobei die vorhandenen Räumlichkeiten, die zum Teil  in Doppelfunktion für den Unterricht und den Nachmittagsbereich genutzt werden, eine besondere Rolle spielen. Das Motto lautet: Themenräume statt Gruppenräume. Thiering: „Ziel ist es, über Raum und Material Bildungsprozesse anzuregen.“ So gibt es beispielsweise einen Clubraum (wie in einem Jugendzentrum) sowie unterschiedliche Spieleräume, in denen die Schülerinnen und Schüler bauen und konstruieren, Gesellschaftsspiele spielen oder sich einfach zurückziehen können. Darüber hinaus gibt es eine Lernwerkstatt zum Forschen und Experimentieren sowie einen Bewegungsraum. Trotz des offenen Konzepts ohne feste Gruppen haben alle Kinder feste Bezugsbetreuer, die sie zum Teil schon aus dem Vormittag kennen und bei denen sie sich bis spätestens 14 Uhr anmelden müssen. So wird eine lückenlose Anwesenheit dokumentiert.  

Ein wichtiger Fokus der ASB-Nachmittagsbetreuung liegt auf der Qualitätsentwicklung. Dazu zählt das Recht der Kinder auf eine freie Zeitgestaltung am Nachmittag und die Möglichkeit der Partizipation. Thiering: „Wir möchten den Kindern und Jugendlichen einen bedürfnisorientierten Nachmittag bieten, an dem sie Ruhe, Spiel, Kontakt und Gemeinschaft erleben können. Dabei können sie jeden Morgen selbst entscheiden, was sie am Nachmittag machen möchten und ob sie an einem der Angebote teilnehmen wollen.“ Durch Gesprächsrunden und Umfragen wird darüber hinaus regelmäßig ermittelt, welche Bedürfnisse die Schüler haben. Das Konzept kommt offenbar gut an: Rund die Hälfte aller Fünftklässler sind für den Ganztag angemeldet – und zwar ganz ohne Zwang. Denn die Stadtteilschule ist eine offene Ganztagsschule, das heißt: Vormittags findet der Unterricht nach Stundentafel statt, danach gibt es ein kostenpflichtiges Mittagessen, dann folgt das Freizeit- und Förderangebot der Schule – die Teilnahme ist freiwillig.

Eltern, die ihre Kinder am Nachmittag betreuen lassen wollen, können diese im Rahmen der Anmeldewoche für den Ganztag anmelden. Die Anmeldung für die Nachmittagsbetreuung gilt dann – zumindest formal – für ein ganzes Schuljahr verbindlich. „Wenn Erziehungsberechtigte jedoch zu Beginn oder im Laufe des Schuljahres feststellen, dass sie die Betreuungsleistungen nicht mehr in Anspruch nehmen möchten, ist eine Abmeldung des Kindes für den Nachmittag mit Zustimmung des Kooperationspartners natürlich dennoch möglich“, so Thiering. „Spätestens ab Jahrgang 7 sind die Schülerinnen und Schüler häufig auch nicht mehr wirklich an einer Anschlussbetreuung interessiert. Das sind dann meistens nur noch die fürsorglichen Erziehungsberechtigten, die ihre mittlerweile 13- oder 14-Jährigen Sprösslinge betreut wissen wollen“, lächelt Thiering verständnisvoll.

Neben den offenen Angeboten des ASB gibt es zusätzlich noch AG-Angebote der Schule, für die sich die Schülerinnen und Schüler zu Beginn eines Halbjahres anmelden können. Diese Arbeitsgemeinschaften stehen allen offen, auch jenen, die nicht zum Ganztag angemeldet sind. Die Themen sind spannend: So gibt es beispielsweise eine Anti-Rassismus-AG, die den internationalen Tag gegen Rassismus vorbereitet, der in Erinnerung an das Massaker von Sharperville 1960 seit über 50 Jahren jeweils am 21. März veranstaltet wird. Oder die AG Schulgestaltung, in der kreative Schülerinnen und Schüler mit Pinsel und Farbe ihre Räume nach ihren Vorstellungen verschönern können. Biologie-Lehrerin Mariam Shabaz ist zuständig für Umwelt- und Klimaschutz. „Als ich vor acht Jahren an die Schule kam, habe ich mich am Standort umgeschaut und gefragt, was wir als Schule beitragen können.“.

Ihr erstes Projekt war die Wandse, ein Fluss nahe der Schule, den sie mit Schülern unter die Lupe genommen hat. Ein anderes Projekt beinhaltete den Nachbau eines Deiches in der Pausenhalle. „Dafür haben wir uns mit den Themen Sturmflut und Extremwetterlagen beschäftigt“, erinnert sie sich. Aktuell gibt es mehrere Umwelt-AGs gleichzeitig, in denen sich die Schüler beispielsweise mit Mikroplastik beschäftigen, ein Insektenhotel bauen oder PET-Flaschendeckel sammeln, um zum einen pro 500 Deckeln eine Polio-Impfung zu ermöglichen und zum anderen das Hartplastik dem richtigen Recyclingkreislauf zukommen zu lassen. „Unser großer Erfolg liegt im Bereich Müll und Abfallentsorgung“, so Mariam Shabaz. Nicht umsonst wurde Gyula Trebitsch Schule gerade mit dem Siegel „Klimaschule“ 2019/20 ausgezeichnet und trägt außerdem das Siegel Umweltschule.    

„Uns ist wichtig, dass alle Angebote des Nachmittags als offene und damit freiwillige Angebote verstanden werden“, betont der zukünftige Schulleiter Oliver Lerch. Schließlich würden die Kinder und Jugendlichen bereits innerhalb des vormittäglichen Unterrichts eine ausgeprägte inhaltliche wie zeitliche Strukturierung erfahren und hätten, wenn sie in die Nachmittagsbetreuung kämen, bereits einen arbeitsintensiven Vormittag hinter sich gebracht. „Dieser Rahmen soll und muss im Sinne eines ausgewogenen Wechsels von An- und Entspannung, Arbeits- und Ruhephasen, Fremd- und Selbstbestimmung am Nachmittag aufgebrochen werden“, so Lerch.

Der Nachmittag an der Gyula Trebitsch Schule Tonndorf wird ganz bewusst nicht als „Fortführung von Schule“ und des vormittäglichen Unterrichts verstanden. „Es ist unser qualitativer Anspruch, eine Verzahnung von Vor- und Nachmittag herzustellen“, betont Tatjana Thiering. Die Schülerinnen und Schüler sollen selbst darüber entscheiden, wie sie die Zeit nach dem Unterricht gestalten wollen. Etwa, welches AG-Angebot passt oder wie sie sich in die Projektangebote des Ganztags einbringen möchten. Thiering: „Diese Fragen können die Schülerinnen und Schüler als Spezialisten für ihre schulische Umwelt am besten selbst beantworten.“ 

​​​​​​​Links:

Kooperation mit dem ASB
www.arbeitersamariterbund/schulkooperationen
Gyula Trebitsch Schule
www.gyula-trebitsch-schule-tonndorf.de
Ganztagskonzept

www.gyula-trebitsch-schule-ganztagskonzept.pdf

Info Ganztagsschulen allgemein

www.hamburg.de/ganztagsschule/

Schulformen im Ganztag
www.hamburg.ganztaegig-lernen.de

Autorin: Claudia Pittelkow