Einschulung 2019/20 Sind wir nicht alle ein bisschen Schule?

Schultüten, Ranzen und Co.: Am Dienstag war der erste Schultag meines Sohnes. Ein Bericht über den Schulanfang aus Elternsicht.​​​​​​​

Sind wir nicht alle ein bisschen Schule?

Junge mit Ranzen von hinten
Dienstagmorgen kurz vor neun: Einschulung. Tausende Kinder strömen gemeinsam mit ihren Eltern, Großeltern und Verwandten und Bekannten in die Grundschulen Hamburgs. Laut offiziellen Zahlen sind in diesem Jahr 15.437 Erstklässler an den Schulen angemeldet. Zählt man die rund 9.100 Vorschulkinder noch hinzu, die auch zum Teil an diesem Morgen eingeschult werden, sind es insgesamt fast 25.000 Schulanfänger – ein neuer Rekord. Inklusive Eltern und Entourage müssten sich demnach am Dienstagmorgen kurz vor neun weit über 100.000 zusätzliche Menschen auf den Straßen und vor den über 200 Hamburger Grundschulen tummeln. Die Berichte von Staus und Verkehrschaos halten sich dennoch in Grenzen. Es läuft alles gesittet ab.  

So auch vor der Schule An der Burgweide in Wilhelmsburg: Aus der kleinen Menschenmenge, die sich vorm Eingang der Pausenhalle gebildet hat, ragen einige überdimensionierte bunte Schultüten mit „Ninjago“-, „Paw-Patrols“- und „Anna und Elsa“-Design. Die Stimmung ist heiter, die Leute herausgeputzt. Weil die Tür noch verschlossen ist, rennen die Kinder herum und spielen fangen. Die noch etwas zu großen Ranzen wackeln dabei übermütig auf den Rücken. Die Erwachsenen ermahnen sie hin und wieder, jetzt doch mal etwas ruhiger zu werden, es gehe schließlich gleich los und überhaupt seien sie doch jetzt Schulkinder. Man merkt: Schulanfang bedeutet auch der „Ernst des Lebens“ beginnt. Was immer das heißen mag.

Auf die Frage, was mein Sohn eigentlich für Erwartungen an die Schule habe, antwortet dieser trocken: „Schreiben und Lesen lernen.“ Dabei frage ich mich, ob er denkt, ich würde eine solch vernünftige Antwort von ihm erwarten, jedenfalls fügt er schnell hinzu: „... und Legospielen.“ Die Antwort ist fundiert. Er weiß, in einer Ecke seines neuen Klassenraums gibt es die bunten Bausteine gleich kistenweise. Davon konnte er sich schon vorab während eines Probeschultages in seiner zukünftigen Klasse überzeugen. Das scheint ihn nachhaltig beeindruckt zu haben. Mich übrigens auch, bedeutet es doch, dass sich seit meiner Schulzeit einiges verändert hat. Lego gehörte jedenfalls nicht zum damaligen Curriculum.

Dann geht es los: Die Menschentraube vor der Tür löst sich wie bei einer Sanduhr in die Pausenhalle hinter der Tür auf. Im Tumult werden Plätze gesucht und deren Fund Angehörigen am anderen Ende des Raumes per Zeichensprache mitgeteilt. Die Spannung steigt. Schließlich sinkt der Geräuschpegel. Regine Seemann, die Schulleiterin hat die Bühne betreten und erzählt vom Konzept der Schule: Dass Kinder hier voneinander lernen, sagt sie, jeder in seinem Tempo, und dass hier ausgiebig gespielt werde, weil man auch dadurch viel lerne. Als Eltern solle man sich nicht sorgen, wenn manche Lernfortschritte etwas länger auf sich warten ließen als andere, das sei normal, lernen brauche seine Zeit. Wahrscheinlich will Frau Seemann damit vor allem die Eltern beruhigen, die sich insgeheime Hoffnung auf eine eloquente Weihnachtskarte vom Sprössling gemacht hatten. Das wird so wohl nicht kommen. Stattdessen führen die älteren Kinder jetzt eine Kurzversion des Dschungelbuches inklusive Gesang auf.

Die Pausenhalle der Burgweide mit Bühne und Dekoratione Die Pausenhalle der Burgweide

Überhaupt ist in der Schule meines Sohnes einiges etwas anders. So kommt er nicht etwa in die Klasse 1a, b oder c, stattdessen heißt seine Klasse „Adler“, wie der Vogel. Außerdem sind dort keinesfalls nur Erstklässler, sondern auch Schüler der zweiten und sogar der dritten Jahrgangsstufe. Was die Schule an der Burgweide seit 2013 in einem Schulversuch praktiziert, nennt sich seltsam weihnachtlich „JüL“. Das Akronym steht für „jahrgangsübergreifendes Lernen“. Auf der Internetseite der Schule heißt es dazu: „Dieses Konzept ermöglicht uns, auf die Verschiedenheit unserer Kinder optimal einzugehen und den unterschiedlichen Bedürfnissen […] gerecht zu werden. Zudem dient es [sic.], miteinander und voneinander zu lernen und respektvoll und verantwortungsbewusst miteinander umzugehen.“ Praktisch heißt es, dass es zwei Formen von Lerngruppen gibt: die mit den Kindern aus den Jahrgangsstufen eins bis drei und die mit den Jahrgangsstufen vier bis sechs. Wie bis sechs? Ja, die Burgweide ist auch noch sechsjährige Grundschule. Die Schüler bleiben sechs Jahre auf der Grundschule und wechseln dann auf die siebte Klasse entweder des Gymnasiums oder der Stadtteilschule. Das nennt man längeres gemeinsames Lernen. Seit 2011 hat die Schule dieses Konzept.

Jedoch sind längst nicht alle Eltern so überzeugt: „Was halten sie denn davon, dass es hier so gar keine Klassen gibt?“, fragt mich eine Mutter später in der Kantine als Eltern und Angehörige die erste Unterrichtsstunde überbrücken müssen. Auf den Tischen stehen Kaffeetassen und Teller mit Keksen. Vorsichtig schenken Schülerinnen und Schüler aus den höheren Jahrgängen Kaffee und Milch nach. Ich sage der Mutter, dass wir die Schule gerade wegen des Konzeptes ausgesucht hätten. Sie ist besorgt: „ Ja, aber kann meine Tochter am Ende der Grundschule dann auch wirklich alles, was sie für die nächste Schule können muss?“ Ich erkläre ihr, dass die Burgweide lediglich eine etwas andere Methode wähle, um den Kindern die erforderlichen Lernziele und Kompetenzen beizubringen: „Wenn unsere Kinder am Ende mit dem Selbstvertrauen und der Sorgfalt auftreten wie die Schüler, die uns hier den Kaffee bringen, dann mache ich mir um die weitere Schullaufbahn keine Sorgen“, sage ich zuversichtlich.

Dass Schulen heute etwas anders als zu meiner Zeit sind, lerne ich spätestens als wir unseren Sohn nach der ersten Unterrichtsstunde aus dem Klassenraum abholen. Wo bei mir noch Bankreihen und eine Tafel standen, gibt es hier bequeme Sitzecken, einzelne Lernbereiche und ja, Kisten mit bunten Bausteinen. Überall hängen, stehen und liegen kleine Kunstobjekte und selbstgemachte Plakate von vergangenen Lernprojekten. Es sieht ein wenig verkramt aber durchaus gemütlich und nahezu wohnlich aus. Ich habe sofort das Gefühl, dass mein Sohn sich hier wohl fühlen wird. Der Lehrer erklärt uns den Stundenplan und dass die Klasse in den nächsten Wochen etwas über die Ureinwohner Amerikas lernen wird und über Mengen in verschiedenen Formen. Am Mittwoch ist Sport und am Freitag Englisch. Vielleicht ist das Ganze ja doch nicht so anders, wie bei uns damals. Ich schaue meinen Sohn an, der über das ganze Gesicht strahlt und stolz ist, jetzt ein Schulkind zu sein. Plötzlich habe ich Lust, auch nochmal in die Schule zu gehen.