Corona Mein Sohn, der Messenger und ich - Unterricht in Zeiten von Corona

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Dank Corona hält die Digitalisierung bei uns zu Hause mit Macht Einzug. Für meinen Sohn werden Messenger-Dienste, Lernplattformen und Mathe-Apps gerade zur Selbstverständlichkeit. Als neue "Teilzeitlehrkraft" darf ich das - Homeoffice sei Dank - voll miterleben. Ein Zwischenbericht.

Mein Sohn, der Messenger und ich - Unterricht in Zeiten von Corona

Signal App zeigt 14 ungelesene Nachrichten Unterricht findet auf einem datenschutzkonformen Messenger-Service statt

„Ping“ – seit der Schulschließung wegen der Corona-Pandemie pingen bei uns zu Hause öfter die Handys. Nicht, weil Freunde andauernd das aktuellste Video zum Virus herumschicken – ok, das auch –, aber am meisten weil der Unterricht meines Sohnes seit gut zwei Wochen fast ausschließlich auf der App „Signal“ stattfindet. Der Messenger-Dienst funktioniert ähnlich wie WhatsApp, soll aber einen besseren Datenschutz haben. Hierüber senden die Lehrkräfte Fotos, Video- und Textnachrichten an ihre Schülerinnen und Schüler. Signal ersetzt so vorübergehend den Klassenraum unseres Erstklässlers. Der erfährt auf diese Weise, welche Aufgaben er wie machen kann und erhält täglich Anregungen und Feedbacks von seinen Lehrern. Die Schüler seiner Klasse tauschen im Chat Ergebnisse aus, zeigen, woran sie gerade arbeiten, und beantworten die Fragen der Lehrkräfte. Das „Ping“ eines jeden Beitrags gehört mittlerweile zum Soundtrack unserer Vormittage.

Mein Sohn bei der Arbeit

Das ermöglicht uns Eltern aber auch ungeahnte Einblicke in den Unterricht unseres Sohnes. Fantasie, Vielseitigkeit und Einfallsreichtum der Lehrkräfte scheinen dabei grenzenlos. So hatte zum Beispiel eine Lehrerin per Messenger eine Schreibaufgabe als „Challenge“ gestartet. Sie forderte die Schüler auf, sich selbst mit einer kreativ gestalteten Sprechblase zu fotografieren. Als Beispiel hielt die Lehrerin eine Socke in der rechten Hand und verdrehte die Augen. Auf ihrer Sprechblase stand: „Wäsche aufhängen mag ich gar nicht!“. Schon wenig später pingt es Sprechblasen-Fotos von allen Seiten. Ein Junge balanciert auf seinem Foto einen Ball, die Sprechblase erklärt, dass er Fußball mag. Die Sprechblase eines anderen sagt, es sei Zeit, im Garten zu spielen. Wir hatten gerade einen Kuchen gebacken. Auf dem Foto meines Sohnes sieht man ihn mit breitem Grinsen. „Wir essen gerAde KUchen“, steht auf seiner Sprechblase. An der Groß- und Kleinschreibung arbeiten wir noch.

App Digitalisierung mit Macht: Deutsch lernen zu Hause per App

Wegen Corona sind Unterricht und Stoffvermittlung inzwischen fast zu 100 Prozent digital. Und so wird der Messenger zum zentralen Bildungsmedium meines Sohnes. Die App ist Klassenraum, Whiteboard, Unterrichtsgespräch alles in einem. Neben der Chat-Gruppe trifft sich die Klasse digital auch auf Padlet, einer internetbasierten Plattform mit Down-und Uploadmöglichkeiten und vielen Instrumenten für die Online-Zusammenarbeit. Auf der Padlet-Pinnwand der Klasse haben die Lehrkräfte diverse Materialien bereitgestellt. Da sind zum Beispiel kleine selbstgedrehte Videos mit Erklärungen und Anleitungen für den Unterricht – Lehrer-Tutorials. Außerdem finden die Schüler hier Links zu Lernportalen und diversen Lern-Apps wie „Anton“ oder „Antolin“. Mein Favorit jedoch ist ein von den Lehrkräften vorgelesenes Buch. Jedes Kapitel eine selbstaufgenommene Audiodatei. Ein dazu passendes Quiz gibt es auch noch. Lediglich der individuelle Wochenplan mit Aufgaben, QR-Codes und Bastelvorlagen ist noch aus Papier, aber auch nur wenn man ihn ausdruckt.

Der tägliche Unterricht in der „Zu-Hause-Grundschule“ geht dementsprechend bunt durcheinander. Zuerst Mathe – aber nur kurz. Es folgt ein Arbeitsblatt zum Körper: Mein Sohn soll sich komplett vermessen – Größe, Länge der Arme und Beine, Gewicht, Schuhgröße, Augen- und Haarfarbe. Dazu immer wieder Schreib- und Leseübungen. Später verfasst mein Sohn einen Comic mit seinen Lego-Lieblingshelden. „HiR stenz!“, lässt er eine der Hauptfiguren sagen. Ich zeige auf die Sprechblase und schaue ihn fragend an. Er schaut mich mit großen Augen an. Ich helfe: „Hat ‚hier‘ ein langes oder ein kurzes ‚i‘?“, frage ich. „Och Mann“, raunzt er, radiert das „HiR“ weg und schreibt dann „Hier“ – diesmal sogar mit einem kleinen „r“. Auch das Verb wird noch berichtigt, dann posten wir das Ergebnis bei Signal. „Ping“ – es ist fast Mittag.

Es macht andauernd "ping!" - Der neue Klassenraum meines Sohnes Es macht andauernd "ping!" - Der neue Klassenraum meines Sohnes

​​​​​​​Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell die Lehrkräfte auf jede einzelne Nachricht der Kinder (oder deren Eltern) reagieren und wie ermunternd und positiv dabei ihr Feedback ist. Teilt man einen Beitrag im Messenger, pingt das Handy innerhalb von Minuten mindestens mit einem „Toll gemacht!“ oder „Sehr schön“ gefolgt von einem Smiley, klatschenden Händen oder einem Raketen-Emoji. Eine Reaktion bleibt niemals aus, darauf kann man sich verlassen. Oft fragen die Lehrkräfte nach, wie es meinem Sohn geht, ob er noch was braucht und wie er mit seinen Aufgaben zurechtkommt. Kurz nachdem wir den Comic posten, erscheinen gleich drei Daumen-hoch-Emojis und ein „Super!“ im Messenger. Der Lehrer fragt, ob der Comic denn auch eine Fortsetzung bekomme. Meinen Sohn kriegen sie damit, er freut sich und ist auf jeden Fall motiviert.

Neulich morgens sitzt mein Sohn sogar schon vor dem Frühstück im Schlafanzug am Küchentisch und schreibt fleißig in seinem Schreibheft. Von ihm unbemerkt sehe ich meine Frau mit einem zum Fragezeichen verzogenen Gesicht an. Sie lächelt und zuckt kurz mit den Schultern. Sie ist selbst Lehrerin, von ihr weiß ich, dass man an solchen Momenten besser nicht rührt. Das Fachwort dafür heißt Intrinsik. Das ist, wenn Kinder von sich aus lernen wollen. Das sei ideal und man soll dann am besten so tun, als wäre das normal und auf keinen Fall loben. Das hat bestimmt auch was mit den Lehrern zu tun, denke ich als ich mir die Milch in den Kaffee gieße. „Da möchte man fast selbst nochmal Schüler sein“, murmele ich, als ich später wenig intrinsisch in mein Homeoffice gehe, wo die erste Videokonferenz des Tages auf mich wartet.

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