Symbol

Stellungnahme Zu den Auswirkungen der Migration auf das Hamburger Schulwesen

Symbol für keine Leichte Sprache verfügbar
Leichte Sprache
Symbol für keine Gebärdensprache verfügbar
Gebärdensprache
Vorlesen
Symbol für Drucken
Drucken
Artikel teilen

Zu den Auswirkungen der Migration auf das Hamburger Schulwesen

einstimmig - ohne Gegenstimme - verabschiedet am 10.9.2001

Seit den 1970er Jahren, als in Hamburg die ersten Richtlinien für die Berücksichtigung von Migrantenkindern im Schulwesen erlassen wurden, hat sich sowohl die Zusammensetzung der Hamburger Schülerschaft in kultureller, religiöser bzw. weltanschaulicher und sprachlicher Hinsicht als auch das Muster der Migrationsprozesse stark verändert. Im Schuljahr 1999/2000 besuchten von den rund 160.000 Schülerinnen und Schülern 33.215 ohne deutsche Staatsangehörigkeit die staatlichen allgemeinbildenden Schulen in Hamburg. Dies sind 20,5 % der Schülerschaft. Rechnet man die Schülerinnen und Schüler aus binationalen Ehen, eingebürgerten Familien und Aussiedlerfamilien hinzu, besitzen etwa ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler einen kulturellen Hintergrund, der durch Mehrsprachigkeit und nichtdeutsche Einflüsse geprägt ist. Die europäische Integration, die Erweiterung der EU und der zukünftige weitere Bedarf an Zuwanderung werden die Tendenz der Diversifizierung der Schülerschaft in kultureller und sprachlicher Hinsicht weiter befördern. Das Schulsystem muss sich unter diesen gesellschaftlichen Gegebenheiten als zukunftsfähig erweisen und Maßnahmen treffen, die die Eingliederung von Zuwandererkindern ermöglichen (Integrationsmaßnahmen), ihre angemessene Förderung sichern (Förderung von Deutsch-als-Zweitsprache, von Zweisprachigkeit und Herkunftssprache) und die Schülerschaft insgesamt für den Umgang mit Differenz vorbereiten (Interkulturelle Bildung; vgl. auch die Stellungnahme des LSB zum Religionsunterricht vom 12. 4. 1999).

Vor diesem Hintergrund hat der Landesschulbeirat sich mit dem Auswirkungen der Migration auf das Hamburger Schulwesen in zwei Plenumssitzungen und mehreren Arbeitsgruppensitzungen befasst und die folgenden Positionen formuliert:

In der heutigen durch Migration geprägten Gesellschaft bildet sich ihre heterogene Zusammensetzung in der Schule direkt ab. Erziehung und Bildung für ein friedliches und gewaltfreies Zusammenleben in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft erstrebt zweierlei:

  • die Schaffung von Bildungs- und Entwicklungschancen für alle Teilgruppen, d.h. sowohl für die Zuwanderer als auch für die Einheimischen und
  • das Einüben von Formen des Miteinanderumgehens von Mehrheit und Minderheiten.

Das Hamburger Schulwesen hat sich auf die Entwicklung in der Vergangenheit eingestellt und Maßnahmen zur Integration und interkulturellen Bildung kontinuierlich weiterentwickelt. Den Referenzrahmen für die gegenwärtig umgesetzten Maßnahmen bildet das hamburgische Schulgesetz vom 16. April 1997, in dem in § 3 die Förderung der Zweisprachigkeit als Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags festgelegt wird: "Kinder und Jugendliche, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, sind unter Achtung ihrer ethnischen und kulturellen Identität so zu fördern, dass ihre Zweisprachigkeit sich entwickeln kann und ihnen eine aktive Teilnahme am Unterrichtsgeschehen und am Schulleben ermöglicht wird."

Als Leitlinien für den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule allgemein gelten die Wertvorstellungen des Grundgesetzes und der Verfassung der Freien und Hansestadt Hamburg. Diese zu respektieren ist Voraussetzung und Ziel schulischer Erziehung gleichermaßen, die Verpflichtung auf diese Wertvorstellungen werden allen an Schule und Unterricht Beteiligten abverlangt, gleich welcher nationaler Herkunft oder Religionszugehörigkeit.

Für alle Kinder und Jugendlichen, die in diesem Land leben, ist die deutsche Sprache entscheidend für ihre schulische und berufliche Sozialisation. Aufgabe der Gesellschaft und der einzelnen Familien ist es daher, Kinder bereits vor der Einschulung sprachlich soweit zu fördern, dass die Beschulung in deutscher Sprache möglich ist. Aller Unterricht ist auch Unterricht des Deutschen; auch der einsprachige Unterricht der modernen Fremdsprachen (z.B. Englisch) stellt Bezüge zur deutschen Sprache her. Das Bemühen, sowohl im Deutschunterricht als auch im Unterricht anderer Fächer methodisch-didaktisch auf die unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen und Bedarfe der Schülerinnen und Schüler einzugehen, ist daher positiv zu bewerten. Wo zusätzliche Fördermaßnahmen individuell notwendig erscheinen, sind diese - unabhängig von der Schulform - zu gewährleisten. Natürlich gilt dies zunächst für Kinder mit Migrationshintergrund, kann aber auch für deutsche Kinder in Klassenzusammensetzungen gelten, in denen nur wenige Kinder über gute Deutschkenntnisse verfügen. Eine angemessene Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift ist auch für die anschließende Berufswahl und -ausbildung von besonderer Bedeutung. Der LSB betont daher, dass dieses Bildungsziel für Schülerinnen und Schüler aller Schulformen Priorität besitzt.

Die Förderung von Zweisprachigkeit (nach § 3 HmbSG) umfasst Deutsch-als-Zweitsprache, Unterricht in der Herkunftssprache und die Vermittlung zwischen diesen beiden Kompetenzen. Die Situation der Mehrsprachigkeit spielt jedoch nicht nur für zweisprachig aufwachsende Kinder eine Rolle; sie betrifft vielmehr alle Kinder, die in einer Schulklasse oder einer Schule gemeinsam lernen. Es ist daher für den Schulerfolg aller Kinder von entscheidender Bedeutung, dass sie Kompetenzen erwerben, die den Umgang mit mehrsprachigen Situationen und die Gestaltung von Lernprozessen unter mehrsprachigen Bedingungen auf einem qualitativ hochwertigen Stand ermöglichen. Diese Aufgabe der Schule ergibt sich nicht nur aus den realen Verhältnissen, sondern auch aus dem interkulturellen Bildungsauftrag der Schule: Der Unterricht im Aufgabengebiet "Interkulturelle Erziehung" zielt darauf ab, dass in Unterricht und Schulleben alle Kinder und Jugendlichen lernen, sich in einer von Heterogenität geprägten Umgebung zu orientieren und handlungsfähig zu sein.

Unterricht in den Herkunftssprachen zweisprachiger Kinder soll dazu beitragen, dass sie ihre Lebenswirklichkeit bewusst wahrnehmen, reflektieren und eine interkulturelle Handlungsfähigkeit entwickeln können. Vorrangige Aufgabe des Unterrichts ist es, an die lebensweltlich geprägten sprachlichen Fähigkeiten der Kinder anzuknüpfen und ihre Zweisprachigkeit zu fördern. Der Unterricht dient ausdrücklich nicht der Förderung von Nationalbewusstsein (zum Herkunftsstaat) oder der Rückkehrfähigkeit des Kindes. Mit ihm soll vielmehr eine möglichst hohe Entwicklung der mündlichen und schriftlichen Fähigkeiten in der Herkunftssprache erreicht werden, damit diese individuell für berufliche und private Belange genutzt und als gesellschaftliche Ressource und eingesetzt werden kann.

Im Rahmen der interkulturellen Erziehung sollen alle Schülerinnen und Schüler (einheimische ebenso wie eingewanderte) Kenntnisse und Einstellungen erwerben, die ihre Handlungskompetenz in einer sprachlich, religiös bzw. weltanschaulich und kulturell vielfältigen Gesellschaft stärken. Der Stand der interkulturell orientierten Didaktik ist in den einzelnen Fächern unterschiedlich entwickelt. Während schulpolitisch weitgehend akzeptiert ist, dass Interkulturalität nicht zu übergehen ist, bleibt ihre Verankerung in der Praxis weitgehend ein Desiderat. Mit Ausnahme des religionspädagogischen Ansatzes, der in Hamburg mit Erfolg entwickelt und umgesetzt wurde, müssen weitere Umsetzungen noch konzeptionell gefördert werden. Hier besteht sowohl ein allgemeindidaktisches, wie ein fachdidaktisches Desiderat, das in Zusammenarbeit mit der Universität und der Lehrerfortbildung angegangen werden sollte. Auch bedarf es der Koordination und Abstimmung zwischen den einzelnen Fächern, Lernbereichen und Aufgabengebieten.

Grundsätzlich befürwortet der LSB die genannten konzeptionellen Ansätze und die Handlungsansätze der BSJB, nämlich

  • Deutsch als Zweitsprache
  • herkunftssprachlicher Unterricht und
  • interkulturelle Erziehung

und unterstützt sie, einschließlich der dafür bereitgestellten Ressourcen, ausdrücklich.

Dennoch bietet die schulische Praxis Kindern und Jugendlichen aus Einwandererfamilien nach wie vor noch nicht genügend Hilfe:

  • Sie vermittelt oft nur unzureichend Fähigkeiten und Fertigkeiten, die einen beruflichen Ein- und sozialen Aufstieg ermöglichen. Mangelnde Deutschkenntnisse sind dabei besonders problematisch, nicht zuletzt wegen der dann besonders schwierigen Vermittlung auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt.
  • Sie hat nicht verhindern können, dass Migrantenkinder an Gymnasien deutlich unterrepräsentiert sind, weniger hohe Schulabschlüsse erreichen und zu einem unverhältnismäßig hohen Anteil die Förderschulen besuchen.
  • Sie trägt immer noch nicht ausreichend bei zu einer Identitäts- und Persönlichkeitsbildung, die notwendig ist für ein befriedigendes Leben in einer Einwanderungssituation mit (mindestens) zwei Kulturen und Sprachen. Die bisher umgesetzten pädagogischen Konzepte und Maßnahmen haben die Distanz zwischen deutschen Kindern und Jugendlichen und Zuwanderern noch nicht entscheidend verringert.

Der LSB empfiehlt angesichts dieses Befundes:

a.) die Anstrengungen mit dem Ziel, dass alle Schülerinnen und Schüler die deutsche Sprache beherrschen, sind zu erhöhen. Es müssen Mindeststandards gesetzt werden, die Förderungsmaßnahmen verstetigt und eine Kontrolle der zweckgebundenen Verwendung von Ressourcen gewährleistet werden.

b.) eine Erweiterung der konzeptionellen Ansätze zur Erhöhung und Sicherung der Professionalität der Lehrer in allen Fragen der interkulturellen Erziehung und der Förderung der Kinder und Jugendlichen aus Einwandererfamilien sollten eingeleitet werden.

c.) die gezielte Einstellung von Lehrkräften mit bikulturellem und bilingualem Hintergrund in den hamburgischen Schuldienst und der Ausbau des Studienangebots der Universität für das Lehramt in den Sprachen der großen Migrantengruppen, insbesondere im Fach Türkisch, sollten betrieben werden,

d.) eine Überprüfung der Lehrbücher darauf hin, dass interkulturelle Fragen angemessen berücksichtigt werden, sollte eingeleitet werden,

e.) eine beständige Ermutigung aller Eltern zur Beteiligung am schulischen Geschehen und die Förderung interkultureller Elternarbeit und Fortbildungsangebote für Eltern durch die Schulen sollte gefördert werden.

Ich wünsche eine Übersetzung in:
Danke für Ihr Interesse!

Empfehlungen