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Stellungnahme zu den Bildungsplänen

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Stellungnahme zu den Bildungsplänen

einstimmig verabschiedet am 30.11.2000

I. Mit den vorgelegten Bildungsplänen geht das Amt für Schule einen neuen Weg. Anstelle von Lehrplänen, in denen die Vermittlung festgelegter Inhalte im Mittelpunkt standen, soll nun der umfassende Bildungsprozess von Schülerinnen und Schülern das Zentrum bilden. Damit soll die Verantwortung der Schüler für ihren eigenen Lernprozess gestärkt werden, Lehrer schaffen Lernsituationen, in denen den Schülern individuell verantwortliches Lernen möglich wird. Als inhaltlichen Fokus bestimmen die Bildungspläne in den Fächern jeweils ein "Orientierungswissen". Dieses wird als das notwendige Wissen definiert, mit dem Schülerinnen und Schülern eine Orientierung außerhalb der schulischen Welt gelingen soll. Weitgehende Spezifizierungen des Unterrichtsangebots werden den Schulen zugeschrieben, wenn es heißt: "Die Schulen konkretisieren im Rahmen eines schulinternen Verständigungsprozesses die Aufgaben, Ziele, Inhalte, didaktischen Grundsätze und Anforderungen in den Fächern und Aufgabengebieten nach Maßgabe der Bestimmungen dieses Bildungsplans unter Berücksichtigung ihrer im Schulprogramm festgelegten pädagogischen Schwerpunktsetzungen." (Bildungs- und Erziehungsauftrag des Gymnasiums, S. 5). Allerdings wird bei erster Durchsicht der Rahmenpläne deutlich, dass die inhaltlichen Spielräume offenbar von Fach zu Fach unterschiedlich weit ausfallen.

Dass bei dem innovativen Gehalt der vorgelegten Bildungspläne diese für einen Diskussionsprozess - nicht zuletzt mit den Schulen - freigegeben werden, bevor sie in eine Erprobungsphase einmünden sollen, ist eine gute Entscheidung, die vom LSB ausdrücklich unterstützt wird. Der LSB fordert das AfS auf, nach etwa einem halben Jahr dem Gremium Bericht über den Diskussionsstand mit den Schulen zu geben, damit der LSB sich dann noch einmal mit den Bildungsplänen auseinander setzen kann.

In Blick auf den Grundsatz, mit den Bildungs- und Rahmenplänen vielfältige Entscheidungen über die Unterrichtsinhalte in die Schulen zu verlegen, wird in diesem Diskussionsprozess der LSB folgende Fragen stellen:

  • Inwieweit wird von den einzelnen Schulen und Kollegien diese inhaltliche Ausdifferenzierungsaufgabe angenommen und kann sie überhaupt - auch zeitlich - von ihnen bewältigt werden. Allerdings begrüßt der LSB den Grundsatz, dass die Schulen aufgefordert sind, in eine schulinterne Abstimmung über die zu leistende unterrichtliche Arbeit einzutreten.

  • Inwieweit wird durch diese den Schulen übertragene Aufgabe die ohnehin schon - nicht zuletzt durch LAU belegte - unterschiedliche Entwicklung und Heterogenität der einzelnen Schulen in Hamburg weiter verstärkt, oder bieten die vorgesehenen Vergleiche (Standardsicherung) am Ende von Klasse 6 und 10 ein hinlängliches Mittel dieser Heterogenität entgegenzuwirken.

  • Ist die in den Bildungs- und einzelnen Rahmenplänen der Fächer gegebene Prioritätssetzung der Schülerorientierung ein realistisches Mittel der Unterrichtsgestaltung oder aber schlichtweg auch ein Stück Überforderung von Schülern und Lehrern. Dies insbesondere, da nicht durchgehend klar wird, wie Orientierung an Schülerinteressen und Orientierung an Bezugswissenschaften im einzelnen aufeinander zu beziehen sind. Dass mit dieser Frage keineswegs die Notwendigkeit, Unterricht auch an den Interessen der Schüler zu orientieren, in Zweifel gezogen wird, ist evident. In Zweifel gezogen wird allerdings die prioritäre Setzung, da sie den Blick dafür verstellen kann, dass es auch Aufgabe von Schule und Unterricht ist, Schülerinnen und Schülern Dinge zu vermitteln, näher zu bringen und verstehbar zu machen, die ausdrücklich außerhalb deren eigenen Erfahrungshorizonts angesiedelt sind.

II. Jenseits der unter I. aufgeworfenen grundsätzlichen Fragen möchte der LSB im folgenden noch auf folgende Aspekte aufmerksam machen.

  • Begrüßenswert ist die Formulierung schulformübergreifender Ziele, Inhalte und Grundsätze, da damit eine gewisse Form der Durchlässigkeit garantiert bleibt und vor allem auch die gemeinsame Aufgabe aller Schulformen für die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler bestimmt werden. Dem LSB erscheint es dennoch überlegenswert, ob die Besonderheiten der Schulformen nicht stärker konturiert werden könnten: Dies gilt zum einen im Bildungsplan für das Gymnasium, das lediglich mit "dauerhaft hohen Anforderungen" konturiert wird. Dies gilt aber zum anderen auch für die Hauptschule, da hier der besonders schwierigen Lern- und Lehrsituation ("Hauptschulsyndrom") ausgewichen, d.h. diese nicht hinreichend thematisiert wird.

  • Als besonders gelungen erscheint der Rahmenplan "Mathematik", da hier einsichtig die Leitkategorien "Orientierungswissen", "Lebensweltbezug", "Schülerinteressen" und "Orientierung an der Bezugswissenschaft" umgesetzt sind. Eine vergleichbare Konkretisierung wäre für alle Fächer wünschenswert.

  • Die notwendige Vernetzung von Fächern und im Schulgesetz definierten Aufgabengebieten sollte und kann nicht den Lehrern allein überlassen werden, die Rahmenpläne sollten hier stärkere Unterstützung geben.

  • Bei den "Zielen von Unterricht und Erziehung" sollte die Achtung vor "Glaubens- und Gewissensfreiheit" und der "Würde des Menschen" sowie die Fähigkeit, sich mit Schuld und Leid menschlicher Existenz auseinanderzusetzen, aufgenommen werden. Darüber hinaus: Wenn nicht genannt wird, auf welche Freiheitstraditionen die im Text genannten Begriffe wie "Toleranz", "Gerechtigkeit" bezogen werden, fehlt ihnen jeglicher kritischer Gehalt.

  • Die Ausführungen in den Bildungsplänen meiden jeglichen Hinweis auf Religion selbst dort, wo er unserer Meinung unumgänglich ist: Mehrfach wird im Text - zu Recht - auf ethnische, kulturelle und sprachliche Vielfalt hingewiesen; niemals auf die Vielfalt der Religionen. Gerade wenn sich Schule als ein Lebens- und Erfahrungsraum für SchülerInnen versteht, muss sich die Schule der Vielfalt der Religionen (nicht nur der Ethnien und der Sprachen) öffnen und diese in die Gestaltung des Schullebens einbeziehen. Die gleiche "Blindheit" für Religion wird offenbar, wo die Schule auf die Einbeziehung außerschulischer Lernorte hingewiesen wird: Kirche, Moschee, Synagoge und Tempel werden nicht als interessante Lernorte erwähnt. Auch wird nicht hingewiesen auf die Möglichkeit der Einbeziehung von Mitgliedern verschiedener Religionsgemeinschaften als authentische Vertreter.

  • Die vom LSB geforderte stärkere Verankerung des Lehrbuchs in allen Fächern - nicht zuletzt als Bezugspunkt für die schülereigene Vor- und Nachbereitung - sollte im Kapitel "Grundsätze der Gestaltung von Unterricht" Berücksichtigung finden. Der LSB sieht hier ausdrücklich keinen Gegensatz zu der unterstützten Forderung nach "Methodenvielfalt", "Schülerselbsttätigkeit" und "Individualisierung" von Lernprozessen.

III. Aus der Kenntnis, dass die Umsetzung von Lehrplänen in den Schulen in der Vergangenheit nicht immer optimal verlaufen ist, schlägt der LSB vor, den Prozess der Implementierung der neuen Bildungspläne zu planen, durch Expertise von außen begleiten zu lassen und den Schulen Ressourcen für die Aneignung und Ausgestaltung zur Verfügung zu stellen. An diesem Planungs- und Durchführungsprozess sollte die gesamte Schulöffentlichkeit in gegebener Form beteiligt werden.

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Danke für Ihr Interesse!

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