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Stellungnahme zum Thema "Übergang von Klasse 4 auf das Gymnasium"

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Stellungnahme zum Thema "Übergang von Klasse 4 auf das Gymnasium"

verabschiedet am 26.6.2000

Ohne Zweifel ist die Schulform "Gymnasium" - nicht nur in Hamburg - in einer schwierigen Situation.

Einerseits werden dem Gymnasium bzw. den von ihm entlassenen Abiturientinnen und Abiturienten von Seiten der Universitäten und Wirtschaft nicht hinreichende Leistungen vorgeworfen, und in Teilen der Öffentlichkeit wird diese Kritik durch Studien wie TIMSS und LAU als bestätigt gesehen.

Andererseits erfreut sich das Gymnasium einer immer höheren Wertschätzung seitens der Eltern- und Schülerschaft. Lag die Übergangsquote von der Grundschule in Kl. 5 des Gymnasiums in Hamburg vor Abschaffung der Aufnahmeprüfung (1968) bei 24,9 % im Jahr 1967, so stieg sie danach stetig an (1970: 34 %, 1980: 36 %, 1990: 39 %) und liegt heute bei inzwischen 44 %, Tendenz steigend. Hamburg liegt damit an erster Stelle in der Bundesrepublik. So gingen in Klasse 8 1998 in Hamburg 34 % eines Schülerjahrgangs auf ein Gymnasium, in Bremen 30 %, in Bayern 26 %.

Unterstützt wird diese Entwicklung in Hamburg durch den sog. "freien Elternentscheid", d.h. die Möglichkeit, Kinder am Gymnasium anzumelden, obwohl sie keine Empfehlung seitens der Grundschule für diese Schulform haben.

U. a. wohl auch aus diesem Grund hat die Zahl der Schulformwechsler vom Gymnasium in andere Schulformen einen erschreckend hohen Stand: So wechselten von Hamburger Gymnasien der Klassenstufe 5-10 1998 insgesamt 1226 Schülerinnen und Schüler (1997: 1021) an andere Schulformen, vorrangig in R-Klassen (798) und auf Gesamtschulen (318). Konkret bedeutet das, dass hier pro Jahr eine Schülerwanderung in der Größe von 3 mittleren Gymnasien in andere Schulformen stattfindet. Jeder, der sich mit Schule auskennt, weiß welch schwieriger Weg für viele Schülerinnen und Schüler diesem Schulformwechsel vorausgegangen ist, angefüllt mit fortlaufender Demotivierung und Versagenszuschreibungen.

Schon allein diese dramatische Zahl der Schulformwechsler ist daher Anlass, über den zukünftigen Weg des Gymnasiums nachzudenken.

Zwei Wege sind denkbar:

  1. Der Zustrom zum Gymnasium nimmt weiter zu. Das Gymnasium richtet sich in seinen Zielen und in seiner Pädagogik darauf ein, dieser heterogenen Schülerschaft gerecht zu werden.
  2. er Übergang von Klasse 4 auf weiterführende Schulen wird pädagogisch besser begleitet, das Gymnasium kann sich wieder stärker auf eine besondere, d.h. gymnasiale Zielsetzung konzentrieren. Für letzteres gilt, dass eine Diskussion über Ziele und Ansprüche des Gymnasiums neu geführt werden muss; denn es ist offenkundig, dass selbst die Lehrerschaft an dieser Schulform verunsichert ist, das Anspruchsprofil des Gymnasiums in der Beobachtungsstufe konkret zu definieren.

Ein ebenfalls denkbarer dritter Weg, steigenden Schülerzahlen (mit zunehmender Heterogenität) durch eine weitere Erhöhung der Schulformwechsel zu begegnen, muss im Interesse der betreffenden Schülerinnen und Schüler eindeutig abgelehnt werden.

Der LSB spricht sich für den oben benannten zweiten Weg aus. Da das Hamburger Schulwesen mit seinem dichten Netz an Gesamtschulen ein integriertes System anbietet, das nicht nur für eine heterogene Schülerschaft ausgestattet ist, ja vom System her auf heterogene Schülerschaft setzt und alle Möglichkeiten des Schulabschlusses (vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur) anbietet, wäre es wenig sinnvoll, das Gymnasium zu einer Art zweitem Gesamtschulsystem weiterzuentwickeln. Der LSB ist sich allerdings auch im klaren darüber, dass eine solcher Weg nur durch eine Steigerung der Attraktivität der Gesamtschulen und der HR-Schulen zu erreichen ist.

Für den Übergang von Klasse 4 der Grundschule auf weiterführende Schulen fordert der LSB folgende dringende pädagogische Verbesserungen:

  • Die Optimierung der Grundschulgutachten: Sie müssen in den Kriterien transparent und in der Anwendung der Kriterien vergleichbar sein.
  • Eine Verbesserung des Informationsaustausches von GrundschullehrerInnen und LehrerInnen der weiterführenden Schulen durch Hospitationen, gemeinsame Besprechungen u.a.m.
  • Eine Stärkung und Verbesserung der Beratungs- und Diagnosekompetenz der Lehrerschaft insgesamt. Dies beginnt mit der Ausbildung, in der diese Fertigkeiten bis heute keinen gewichtigen Raum einnehmen, und reicht bis zu einer systematischen Fortbildung und kontinuierlichen Begleitung der infrage kommenden GrundschullehrerInnen. Dabei ist in Zukunft auch auf eine bessere Diagnose und Beratung von Kindern mit anderer Erstsprache als Deutsch sowie von Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern zu achten; denn es gibt nach wie vor starke Hinweise darauf, dass es bei den Grundschulempfehlungen hier zu nicht legitimierbaren Benachteiligungen kommt.
  • Eine verbesserte, individuellere Beratung der Eltern der betreffenden Grundschulschülerschaft. Darüber hinaus sollte die Beratung nicht erst in Klasse 4, sondern bereits im 2. Halbjahr der Klasse 3 beginnen. Nicht zuletzt sollten die verschiedenen Wege, die das Hamburger Schulwesen zum Abitur bietet sowie die vielfältige Durchlässigkeit des Systems nach Klasse 6, deutlicher benannt werden. Erfahrungsgemäß sind solche Beratungen immer dann effektiv, wenn Eltern und Schülern Schulangebote in erreichbarer Nähe konkret benannt und nicht nur als Systemangebot vorgestellt werden.
  • Bei Elternentscheidungen für die Schulform Gymnasium, die konträr zum Grundschulgutachten liegen, sollte eine unabhängige pädagogische Instanz die Eltern noch einmal beraten. Diese Beratung sollte eine Pflichtberatung sein. Die hier entstehenden zusätzlichen Kosten dürften durch Einsparungen bei "Fehlleitungen" von Schülerinnen und Schülern (Klassenwiederholungen, nachträgliche Diagnose- und Beratungsverfahren, Umschulungen) mehr als kompensiert werden.

Nicht zuletzt sollte es den Gymnasien möglich sein, bei Kindern, die entgegen dem Grundschulgutachten auf dem Gymnasium angemeldet wurden, und die im ersten Schuljahr deutlich erkennbar den Anforderungen dieser Schulform nicht gewachsen sind, eine Abschulung bereits am Ende von Klasse 5 vorzunehmen. Eine solche Entscheidung liegt im Interesse der betreffenden Schülerinnen und Schüler. Eine Verlängerung demotivierender Schulerfahrungen bis Ende Klasse 6, oft noch verlängert durch eine Wiederholung von Klasse 6, ist einer gedeihlichen und erfolgreichen weiteren Schullaufbahn nicht dienlich und pädagogisch nicht zu verantworten. Darüber hinaus gilt es, eine bessere Kommunikation zwischen den beteiligten Schulen herzustellen.

Der LSB rät daher dringend zu einer Änderung der für diese Regelung notwendigen gesetzlichen Bedingungen, d.h. in diesem Punkt zu einer Novellierung des Schulgesetzes.

Ich wünsche eine Übersetzung in:
Danke für Ihr Interesse!

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