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Vorlage Stellungnahme zum Religionsunterricht in Hamburg

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Stellungnahme zum Religionsunterricht in Hamburg

einstimmig - mit einer Enthaltung - verabschiedet am 12.4.1999

Der Religionsunterricht ist ordentliches Unterrichtsfach an öffentlichen Schulen, seine Gestaltung erfolgt in Absprache mit den Religionsgemeinschaften, so heißt es in Artikel 7 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Damit kommt dem Religionsunterricht an unseren Schulen eine besondere Bedeutung zu, denn im Kanon möglicher Schulfächer ist dieses Fach als einziges grundgesetzlich garantiert.

Der in Hamburg vor etwa 25 Jahren gefundene Weg eines Religionsunterrichts für alle. d.h. die Aufgabe der in anderen Bundesländern vollzogenen Trennung nach Konfessionen im Religionsunterricht, ist lange nicht in Frage gestellt worden, Gespräche und Diskussionen über die inhaltliche Gestaltung waren eher den inneren Zirkeln der Betroffenen vorbehalten geblieben. Seit einiger Zeit nun steht der Religionsunterricht wieder stärker im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Folgende Gründe sind dafür wohl ausschlaggebend:

  • Die Rückbesinnung auf religiös-weltanschauliche Fragen und auf eine Stärkung des ethisch-moralischen Anteils schulischer Erziehung,
  • die Einführung eines integrativen Fachs parallel zum Religionsunterricht in Brandenburg mit dem Namen Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde (LER);
  • das öffentlichkeitswirksame Urteil des Berliner Oberverwaltungsgerichtes vom November 1998, in welchem der Islamischen Föderation das Recht auf die Erteilung von Islamkunde an den Schulen zuerkannt worden ist.

Auf diesem Hintergrund hat der Landesschulbeirat sich in 3 Plenumssitzungen und in mehreren Arbeitsgruppen-Sitzungen mit dem Thema "Religionsunterricht in Hamburg" befasst und folgende Position bezogen.

In der heutigen, nicht zuletzt durch Multikulturalität und Multireligiosität geprägten Gesellschaft kommen dem Religionsunterricht vor allem drei Aufgaben zu:

  1. Die Vermittlungen von und Auseinandersetzung mit religiös-kulturgeschichtlichen Traditionen;
  2. Die Stärkung der inter-religiösen Dialogbereitschaft und -fähigkeit:
  3. Die Vorbereitung und Begleitung individueller Religiosität und/oder ethisch-moralischer Gesinnung.

1. Zur Vermittlung religiös-kulturgeschichtlicher Traditionen:

Religion ist ein konstitutiver Bestandteil unserer Geschichte und Kultur, unsere Wert- und Moralvorstellungen sind nachhaltig durch Religion beeinflusst. Ohne das Wissen und ohne eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Traditions- und Kulturlinien, d.h. ohne die Vermittlung einer solchen spezifischen kulturellen Kompetenz, bleibt unsern Schülerinnen und Schülern ein gewichtiger Teil unserer Lebenswelt unerklärlich und fremd. Die Aneignung dieser spezifischen Traditionslinien der Gesellschaft muss daher ein Bestandteil schulischer Bildung sein.

Wenn auch dem Christentum, als Mehrheitsreligion in unserer Gesellschaft und dem kulturell wie geschichtlich wohl wirksamsten religiösen Kulturerbe, eine besondere Bedeutung im Religionsunterricht zukommen muss, so ist es selbstverständlich, dass auch andere religiöse und ethische Traditionen Bestandteil dieses Faches sein müssen. In einer pluralistischen Gesellschaft mit wachsenden Mobilitäts- und Migrationsbewegungen gehören die Traditionen und Weltsichten der verschiedenen Religionen und Kulturen zum gemeinsamen Bildungsgut und müssen daher an alle Schülerinnen und Schüler der öffentlichen Schulen vermittelt werden.

Dabei sollte der Lehrplan für alle Klassenstufen einen konkret zu benennenden Pflichtkanon benennen. Darüber hinaus sollte der Lehrplan fakultativ auszuweisende Bestandteile enthalten. Damit wird auch für andere Unterrichtsfächer klar ersichtlich, was im Religionsunterricht an Vermittlungsarbeit und Erschließungskompetenz von religionskulturellen Manifestationen und Zusammenhängen geleistet und als "Zuarbeit" erbracht wird.

Der Landesschulbeirat regt in diesem Zusammenhang zu der Überlegung an, ob die in diesem Bereich des Religionsunterrichts erbrachten Schülerleistungen in die ansonsten in allen anderen Unterrichtsfächern üblichen Leistungsbewertungen mit einbezogen werden können.

2. Stärkung der inter-religiösen Dialogbereitschaft und -fähigkeit:

Religiöse und weltanschauliche Überzeugungen prägen moralisch-ethische Vorstellungen und beeinflussen individuelle und gesellschaftlich wirksame Haltungen und Handlungsmuster. In zunehmendem Maße nehmen wir wahr, dass religiöse Gruppen und Institutionen Einfluss nehmen auf politische Kontroversen und politische Entscheidungsfelder. Alle im Rahmen unseres Grundgesetzes sich bewegende Positionen haben dabei in der demokratischen Gesellschaft, die Meinungs- und Religionsfreiheit garantiert, ihren legitimen Ort zu finden. Die Fähigkeit des stetig neuen Aushandelns von Konsens ist dabei - und dies wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen - ein für unser Gemeinwesen zentrales Anliegen.

In der Auseinandersetzung mit verschiedenen religiösen Traditionen und Meinungen kann der Religionsunterricht dazu einen gewichtigen Beitrag leisten. Das Erlernen von Toleranz und Empathie für den Anderen sind für eine solche Dialogfähigkeit eine wichtige Voraussetzung. Genauso wichtig aber ist es, eine eigene Meinungs- und Urteilsfähigkeit zu erlangen, sich seiner eigenen Position in religiösen Fragen zu vergewissern und diese im Dialog vertreten zu können.

3. Vorbereitung und Begleitung individueller Religiosität und/oder ethisch-moralischer Gesinnung:

Alle Kinder und Jugendlichen haben Fragen zu Gut und Böse, zu Glück und Leid, zu Gott und der Welt. Alle Kinder und Jugendlichen brauchen Raum und Zeit für die eigene Sinnsuche,

für Fragen nach Existenz und Transzendenz und Zeit für sinnstiftende Antworten. Und nicht zuletzt: Jede Gesellschaft bedarf der Vergewisserung und Weitergabe ihrer ethisch-moralischen Grundwerte und Werthaltungen an die jeweils nachrückende Generation. Religionen bewahren jahrhundertealte Erkenntnisse und geben ihnen Form und Ritus. Die Befriedigung religiöser Bedürfnisse läuft Gefahr, sich sonst in menschenfeindlichen Kulten und Überzeugungen Befriedigung zu verschaffen.

Für diese Aufgaben kann und muss der Religionsunterricht ein zentraler Ort schulischer Bildung sein. Bei dieser Aufgabenbeschreibung wird deutlich, dass der Religionsunterricht sich nicht auf "neutrale" und "objektive" Wissensvermittlung beschränken kann, sondern eine von den Individuen geprägte und von deren unterschiedlichen Positionen bestimmte Auseinandersetzung mit Themen zu bewerkstelligen hat. In diesem Prozess kann es zu einer Vorbereitung und Begleitung der je individuellen Religiosität, des persönlichen Glaubens bzw. der ethisch-moralischen Vorstellungen der einzelnen Schüler kommen. In einem solchen Lernprozess wird sich auch der Lehrer nicht auf eine "objektive" und "neutrale" Haltung zurückziehen, sondern seine eigenen kulturellen und religiösen Positionen in das Gespräch mit einbringen.

Zur Organisationsform und Unterrichtswirklichkeit:

Bei der oben vollzogenen inhaltlichen Bestimmung des Religionsunterrichtes ist offensichtlich, dass ein solcher Unterricht nicht als konfessionell getrennter Unterricht zu denken ist. Die angemessene, in Hamburg schon gefundene Organisationsform für einen solchen Unterricht in der pluralistischen, d.h. nicht zuletzt multireligiös und multikulturell geprägten Gesellschaft, ist der gemeinsame Religionsunterricht für alle Schülerinnen und Schüler. Daher begrüßt und unterstützt der Landesschulbeirat auch die nachfolgend zitierten Ziele des "Gesprächskreis Interreligiöser Religionsunterricht in Hamburg", formuliert am 12.11.1998: "Ein Religionsunterricht für alle" ermöglicht den Kindern und Jugendlichen das Kennenlernen, das Verstehenlernen, das Einnehmen eines anderen Standpunkts, das vertiefte Begreifen des eigenen Standpunktes, das Wiedererkennen des "Eigenen" in dem "Anderen". Es ermöglicht, der Vielfalt der Religionen mit Freude und nicht mit Misstrauen zu begegnen. Die Erziehung zur Dialogfähigkeit ist ein wichtiger Pfeiler für die Entfaltung einer Identität, die der Herausforderung einer pluralistischen, multikulturellen Realität gewachsen ist: Sie fördert die Möglichkeit eines friedlichen Miteinanders."

Nicht zuletzt gewährleistet diese Organisationsform auch, dass Schülerinnen und Schüler sich mit Traditionen des Christentums auseinandersetzen können, deren Elternhäuser dazu Distanz wahren, bzw. die einer anderen oder keiner Religion angehören. Allen Schülern hingegen bietet ein solcher Unterricht die Möglichkeit, sich auch intensiv mit dem Islam, dem Judentum, dem Buddhismus und atheistischen Vorstellungen auseinander zusetzen.

Bei der hohen Bedeutung, die dem Religionsunterricht im Kanon schulischer Bildung wie oben beschrieben zukommt, stellen sich dem Landesschulbeirat im Hinblick auf die Vorbereitung und Durchführung des Unterrichtes an den Hamburger Schulen folgende gewichtige Fragen:

  1. Wie muss die Ausbildung der zukünftigen Religionslehrer und die dafür notwendigen Kapazitäten an der Universität Hamburg aussehen, damit die Ausbildung den oben benannten Aufgaben in Zukunft nachkommen kann? Auch stellt sich die Frage, inwieweit die zur Zeit gültige Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu einer protestantischen Kirche für Lehrende und Studierende des Fachs Religion in Hamburg weiter Gültigkeit haben kann?
  2. Wird bei der aktuellen Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern in den Schuldienst der besondere Bedarf an Religionslehrern, d.h. vor allem auch die Schließung von Lücken, angemessen berücksichtigt?
  3. Sind die Begründungen für den Verzicht auf eine Benotung im Religionsunterricht der Klassen 5 und 6 noch gültig?
  4. Ist es gewährleistet, dass der in der Stundentafel vorgesehene Religionsunterricht in allen Schulformen und auf allen Schulstufen tatsächlich auch durchgeführt wird? Diese Frage stellt sich insbesondere deshalb, da in mehreren Berichten für den Landesschulbeirat deutlich geworden ist, dass an vielen Hamburger Schulen aus unterschiedlichen Gründen ganz offensichtlich die vorgegebene Stundentafel für den Religionsunterricht nicht eingehalten wird.
  5. Und nicht zuletzt: inwieweit wird eine Vermittlung religionskundlicher Inhalte für jene Schülerinnen und Schüler sichergestellt, deren Eltern eine Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht ablehnen.

Der Landesschulbeirat sieht in dieser Stellungnahme zum Religionsunterricht insgesamt eine Stärkung des hier in der Stadt vorherrschenden Konzeptes, gleichzeitig aber auch einen Hinweis an die Leitung der BSJB, den am Ende dieses Papiers formulierten Fragen nachzugehen. Der Landesschulbeirat behält es sich daher vor, diese Fragen ggf. noch einmal zum Gegenstand seiner Erörterungen zu machen.

Ich wünsche eine Übersetzung in:
Danke für Ihr Interesse!

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