Behörde für Schule und Berufsbildung

Zuwanderung So funktioniert Schule für minderjährige Flüchtlinge

Basisklassen und Internationale Vorbereitungsklassen in Hamburg

So funktioniert Schule für minderjährige Flüchtlinge

Modo (16) aus Gambia wohnt bei seinem Vater in Bahrenfeld. Die Geschwister Julia (15) und Andrii (17) aus der Ukraine leben mit ihren Eltern in Steilshoop. Der 18-jährige Badr, der mutterseelenallein aus seinem Heimatland Syrien nach Deutschland geflohen ist, lebt in einer Wohngemeinschaft in Altona, und David aus Afghanistan (18), auch er ein sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, hat in einer Jugendwohnung in Harburg ein neues Zuhause gefunden. Siya (17) aus Kapstadt wohnt bei seiner Mutter, einer Musicaldarstellerin im „König der Löwen“-Ensemble, die Polin Domenica (17) lebt mit ihren Eltern in Rothenburgsort, und Arjan, ein 16-jähriger Perser, wohnt mit seiner Familie in Volksdorf – noch, denn seine Eltern sind von Abschiebung bedroht. So unterschiedlich die Herkunftsländer, so unterschiedlich die Schicksale – und doch sitzen diese Jugendlichen seit gut einem Jahr alle in derselben Schulklasse. Die jungen Einwanderer - insgesamt 15 - zwischen 14 und 18 Jahren sind Schülerinnen und Schüler einer internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) der Stadtteilschule Barmbek. In ganz Hamburg gibt es zurzeit bereits 153 solcher spezieller Vorbereitungsklassen – und es werden immer mehr.

Die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen und hier Schutz suchen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wurden 2012 noch rund 65.000 Asyl-Erstanträge gestellt, waren es 2013 über 109.000 und 2014 bereits über 173.000 Erstanträge. Nach dem „Königsteiner Schlüssel“ nimmt das Bundesland Hamburg jedes Jahr rund 2,5 Prozent der nach Deutschland einreisenden Asylbewerber auf. 2014 waren das rund 7.000 Flüchtlinge, etwa ein Viertel davon minderjährig. Eine große Herausforderung für die Stadt und damit auch für Hamburgs Schulen, denn laut Hamburgischem Schulgesetz ist jedes Kind unter 18 Jahren schulpflichtig. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche, die gerade erst aus dem Ausland eingereist sind, kein Wort Deutsch sprechen und vielleicht sogar noch nie eine Schule von innen gesehen haben. Bevor diese jungen Zuwanderer jedoch in der jeweiligen Schule ihres Wohnortes in einer Regelklasse aufgenommen werden, führt ihr Weg zunächst in eine der über ganz Hamburg verteilten Vorbereitungsklassen, in denen sie deutsche Sprachkennnisse erwerben und auf das deutsche Schulleben vorbereitet werden. Für einen begrenzten Zeitraum sitzen hier traumatisierte Flüchtlingskinder aus Krisengebieten neben behüteten Kindern aus den Wohlstands-Metropolen der Welt – so wie in der oben beschriebenen internationalen Vorbereitungsklasse 9 aus Barmbek. Für die zuständigen Lehrkräfte keine leichte Aufgabe, müssen diese doch gleich mehrere Rollen miteinander vereinen: vom Deutschlehrer über den Vermittler zwischen den Kulturen bis hin zum Seelentröster. 

IVKLaut einer aktuellen Erhebung der Schulbehörde sind im vergangenen Jahr 1.970 junge Migrantinnen und Migranten in solchen Vorbereitungsklassen beschult worden. Für die Einschulung ist der Grad der schulischen Vorbildung entscheidend: Wer noch nie zur Schule gegangen ist und die lateinische Schrift nicht lesen kann, besucht in der Regel zunächst ein Jahr lang eine sogenannte Basisklasse und wechselt dann für weitere zwölf Monate in eine Internationale Vorbereitungsklasse (IVK). Wer die entsprechende Vorbildung mitbringt, kommt gleich in eine IVK und bleibt dort ein Jahr. Danach erfolgt die Umschulung in eine Regelklasse.

Eine Ausnahme bilden die 15- bis 16-jährigen Jugendlichen, die bereits in ihrem Heimatland kurz vor dem 1. Schulabschluss standen oder diesen bereits haben und jetzt den mittleren Schulabschluss anstreben, so wie Modo, Julia und die anderen Schüler, die eingangs genannt wurden. Diese Jugendlichen werden in speziellen zweijährigen Maßnahmen zum Schulabschluss geführt. Anders läuft es auch bei den ganz Kleinen: Kinder aus dem Ausland, die altersgemäß in Klasse 1 oder 2 gehören, werden gleich, ohne spezielle Vorbereitung, in die regional zuständige Grundschule eingeschult und erhalten dort eine zusätzliche Sprachförderung. Die Praxis zeigt, dass sie relativ schnell Deutsch lernen und sich gut in die Klassengemeinschaft integrieren.

Zurzeit gibt es folgende Klassenarten für schulpflichtige Migrantenkinder und -jugendliche: Basisklassen für die Jahrgangsstufen 2 bis 4, 5 bis 9 und 10; Internationale Vorbereitungsklassen mit dem Ziel, den ersten Schulabschluss zu erreichen (IVK ESA 1 + 2), Vorbereitungsklassen mit dem Ziel, den mittleren Schulabschluss zu erreichen oder weiter in die Oberstufe zu kommen (IVK MSA 1, 2, +) sowie nach Jahrgängen aufgeteilte Vorbereitungsklassen (IVK 2-4, 5/6, 7/8 und 9). Von den insgesamt 1.970 schulpflichtigen Jugendlichen, die im letzten Jahr auf die Schulen verteilt wurden, brachte der größte Anteil - 1.654 Schülerinnen und Schüler – grundlegende oder erweiterte Kenntnisse mit, so dass sie in eine internationale Vorbereitungsklasse entsprechend ihres Alters eingeschult werden konnten. 316 Schüler, etwa 16 Prozent, hatten keine oder nur unzureichende Grundkenntnisse und wurden in einer Basisklasse aufgenommen.

Flüchtlingskinder lernen die deutsche Sprache.Betrachtet man die Zahlen der Zuschulungen von Migrantenkindern der letzten Jahre, macht sich – entsprechend den wachsenden Flüchtlingszahlen - ein deutlicher Anstieg bemerkbar: 2010 wurden 610 Aufnahmen in Vorbereitungsklassen verzeichnet, ein Jahr später 1.008, 2013 bereits 1.491, im letzten Jahr 1.970 - Tendenz steigend: Allein im Januar 2015 wurden 321 Aufnahmen registriert. Parallel zu den gestiegenen Flüchtlingszahlen ist auch die Anzahl der Vorbereitungsklassen in Hamburg sprunghaft in die Höhe geschnellt. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 gab es 49 Vorbereitungsklassen, heute sind es bereits dreimal so viele (151), weitere sind in Planung. Für den Unterricht in den unterschiedlichen Vorbereitungsklassen sind hamburgweit knapp 180 Lehrer-Vollzeitstellen zugewiesen. 

Die 15 jungen Einwanderer der internationalen Vorbereitungsklasse 9 in Barmbek sind inzwischen eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie haben sich angefreundet, helfen einander und besuchen sich gegenseitig. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt Klassenlehrerin Susanne Rehse. Der Erfolg ihrer Schülerinnen und Schüler erfüllt die Pädagogin mit Stolz. „Alle sind hochmotiviert, es macht großen Spaß, diese Klasse zu unterrichten“, sagt sie. Vor einem Jahr hatten die jungen Migranten vor allem eines gemeinsam: Sie haben kein Wort Deutsch gesprochen. Inzwischen sprechen sie die Sprache nahezu fließend – und haben alle ein gemeinsames Ziel: weiter zur Schule gehen, Abitur machen und studieren.   

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