Behörde für Schule und Berufsbildung

Expertenkommission So gelingt besserer Mathematikunterricht

Empfehlungen zur Verbesserung des Mathematikunterrichts vorgestellt

Im Oktober 2017 hatte Schulsenator Ties Rabe eine mit namhaften Bildungsexperten und Mathematik-Didaktikern aus verschiedenen Bundesländern besetzte Kommission unter Leitung von Professor Köller (IPN Kiel) und Staatssekretär a.D. Burghard Jungkamp beauftragt, Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Mathematikunterrichts in Hamburg zu erarbeiten. Nach rund einem Jahr intensiver Arbeit haben die Expertinnen und Experten nun ihren Bericht vorgestellt und an Senator Rabe übergeben. Das Unterrichtsfach Mathematik stellt in Hamburg und in ganz Deutschland eine große Herausforderung dar. Studien zeigten, dass 21 Prozent der Viertklässler und 28 Prozent der Neuntklässler in Hamburg die Mathematik-Mindeststandards nicht erreichen. Immerhin konnten Hamburgs Viertklässler den Abstand zum Bundesdurchschnitt von 2011 bis 2016 dank großer Lernfortschritte halbieren, dennoch lagen sie 2016 noch auf Platz 14 der 16 Bundesländer.

Pressemeldung Experten: So gelingt besserer Mathematikunterricht

Senator Rabe: "Ich bedanke mich für den sehr aufschlussreichen und umfassenden Bericht der Expertenkommission. Der Bericht ist sehr überzeugend, wir werden die vielen Empfehlungen jetzt sorgfältig auswerten und diskutieren. Der Bericht zeigt: Wir sind mit unserer ersten Mathematik-Offensive bereits ein gutes Stück vorangekommen. Aber wir können noch viel mehr tun. Und wir wollen auch mehr tun. Denn trotz erster Erfolge unserer aktuellen Mathematik-Offensive müssen wir noch besser werden. Mathematik ist Grundlage und Schlüssel für viele Bildungsbereiche und damit zugleich Grundlage und Schlüssel für die Zukunft vieler Kinder und Jugendlichen. Da dürfen wir nicht die Hände in den Schoß legen.“ 

Die Kommission hatte die Aufgabe, Vorschläge zur Verbesserung des Mathematikunterrichts zu entwickeln, die zur größeren Lern- und Bildungserfolge der Schülerinnen und Schüler führen. Die Vorschläge sollten zudem jene mathematischen Grundkompetenzen verbessern, die für den erfolgreichen Übergang in berufliche Bildungsgänge erforderlich sind. Außerdem sollten eventuelle Benachteiligungen aufgrund geschlechtsbezogener, sozialer und migrationsbedingter Hintergründe reduziert werden. Unter anderem ging es darum, Didaktik und Methodik des Unterrichts, aber auch die Bildungspläne und das Fortbildungsangebot zu überprüfen. 

Prof. Dr. Olaf Köller, Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor, IPN - Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (Kiel): "Der von der Expertenkommission jetzt vorgelegte Bericht enthält Empfehlungen, die aus der gemeinsamen Arbeit von schulischer Praxis, Bildungsadministration und Wissenschaft entwickelt wurden. So kann ein exzellenter Mathematikunterricht in den unterschiedlichen Schulstufen entstehen, der weit über Hamburg hinaus wirken dürfte." 

Staatssekretär a. D. Burkhard Jungkamp, Moderator der Expertenkommission: "Ich freue mich sehr, dass die Kommission zu gut begründeten, aber auch realisierbaren Empfehlungen gekommen ist. Denn darum geht es im Kern: Den Mathematikunterricht in der Praxis weiterzuentwickeln und den Schulen aufzuzeigen, wie dies konkret möglich ist." 

Die Experten lobten in diesem Zusammenhang auch die von der Schulbehörde bereits eingeleiteten Maßnahmen zur Verbesserung des Mathematikunterrichts in Hamburg. Dazu zählten die Ausweitung der Mathematik-Unterrichtsstunden, die Einführung des Fachlehrkraft-Prinzips, die Einführung und gezielte Schulung von Mathematik-Fachkoordinatoren an jeder Schule und die Verbesserung der Fortbildungsangebote (s.u.). 

Die Expertenkommission schlägt zusätzlich unter anderem vor:

  • Klarere Lehrpläne: Die Bildungspläne für das Fach Mathematik sollten weiterentwickelt werden. Für alle Schulklassen soll zudem ein klar formulierter und verbindlicher Kern-Lehrplan entwickelt werden, der bestimmte Fachinhalte verbindlich stellt. Denkbar wäre es auch, in Anlehnung an Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen sogar die gleichen Schulbücher zu verwenden. 
     
  • Mehr Unterrichtszeit: Die Experten begrüßen die bereits eingeleitete Erhöhung der Zahl der Mathematik-Unterrichtsstunden in den Klassen 5-8 der Stadtteilschulen. Sie regen zudem an, auch in der 11. Jahrgangsstufe der Stadtteilschulen mehr Mathematikunterricht zu erteilen, um den großen Leistungsunterschied zu den Gymnasien auszugleichen. An den Grundschulen müsse verlässlich sichergestellt werden, dass die durchschnittlich 5,25 Unterrichtswochenstunden Mathematik in den Klassenstufen 1 bis 4 auch verlässlich unterrichtet werden.
            
  • Mehr Klassenarbeiten: Die Experten fordern, dass ab Klasse 3 bis zum Abitur in jedem Schuljahr verbindlich vier Klassenarbeiten geschrieben werden. Diese Klassenarbeiten dürfen nicht durch andere Leistungen wie zum Beispiel längere Hausarbeiten oder Referate ersetzt werden. Solche Leistungen sollen künftig dennoch zusätzlich ermöglicht werden. 
          
  • Veränderte Leistungsbewertung: Mündliche und schriftliche Leistungen in Mittel- und Oberstufe sollten künftig in der Benotung gleich gewichtet werden. 
             
  • Die Zeit vor der Schule besser nutzen: Die Experten fordern, bereits vor der Schule in Vorschule oder Kita die Kinder gezielt mathematisch zu fördern. Für die Vorschule sollte ein Kernlehrplan entwickelt werden. Erstmals sollten auch Mathematik-Grundschullehrkräfte in die mathematische Förderung in den Vorschulklassen eingebunden werden.
          
  • Regelmäßige Lernstandsuntersuchungen: Die regelmäßigen KERMIT-Testungen sollen noch stärker für eine gezielte Unterrichtsentwicklung und Förderung  genutzt werden. Darüber hinaus soll ein neuer computer-basierter, online-gestützter „Diagnose-Test“ entwickelt werden, mit dem Lehrkräfte genau erkennen können, welche mathematischen Stärken und Schwächen ein Schüler hat. Der Diagnose-Test soll helfen, individuelle Fördermaßnahmen besser abzustimmen.
       
  • Begabtenförderung: Zur Förderung von leistungsstarken Schülerinnen und Schülern sollten die bestehenden außerunterrichtlichen Förderangebote insbesondere in Mittel- und Oberstufe ausgeweitet und besser mit dem Unterricht verzahnt werden. werden. Zudem sollten mehr Angebote für bislang unterrepräsentierte Gruppen (Mädchen sowie sozial und kulturell benachteiligte Schüler) entwickelt werden. Spätestens ab Klasse 8 sollten Schülerinnen und Schüler an Stadtteilschulen, die in die gymnasiale Oberstufe wechseln werden, speziell gefördert werden.
        
  • Förderung von schwächeren Schülern: Für Schülerinnen und Schüler mit mathematischen Schwierigkeiten sollten die bestehenden außerunterrichtlichen Förderangebote ausgebaut, stärker durch qualifiziertes Personal organisiert  und besser mit dem Regelunterricht verknüpft werden.
        
  • Fortbildungen für Lehrkräfte: Die Fortbildungen sollen insbesondere für Lehrkräfte an weiterführenden Schulen intensiviert werden. Auch bei der Aus- und Fortbildung frühpädagogischer Fachkräfte (Kita, Vorschule) sollten mathematikdidaktische Inhalte gestärkt werden. Es sollte ein umfassendes, zusammenhängendes und langfristig angelegtes Fortbildungskonzept Mathematikunterricht entwickelt werden, bei dem wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gestaltung und Evaluation von Fortbildungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Angesichts des zunehmenden Lehrermangels in Deutschland sollte zudem ein Programm zur Qualifizierung von Quer- und Seiteneinsteigern entwickelt werden. 

Mitglieder der Kommission waren außerdem (in alphabetischer Reihenfolge)

  • Prof. Dr. Regina Bruder, Technische Universität Darmstadt, Arbeitsgruppe Mathematikdidaktik, Fachbereich Mathematik
       
  • Prof. Dr. Hedwig Gasteiger, Universität Osnabrück, Arbeitsgruppe Mathematikdidaktik, Institut für Mathematik
       
  • Prof. Dr. Gabriele Kaiser, Universität Hamburg, Arbeitsgruppe Didaktik der Mathematik, Fakultät für Erziehungswissenschaft
        
  • Prof. Dr. Dominik Leiß, Leuphana Universität Lüneburg, Institut für Mathematik und ihre Didaktik
        
  • Prof. Dr. Frank Lipowsky, Universität Kassel, Empirische Schul- und Unterrichtsforschung
        
  • Prof. Dr. Susanne Prediger, Technische Universität Dortmund, Institut für Erforschung und Entwicklung des Mathematikunterrichts, Fakultät für Mathematik

Projektgruppe  

Begleitet wurde die Arbeit der wissenschaftlichen Experten durch eine Projektgruppe aus Vertretern der Schulbehörde, des Instituts für Bildungsforschung und Qualitätsentwicklung (IfBQ), des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) sowie von Fachleitungen Mathematik an Stadtteilschule und Gymnasium. 

Bericht der Mathematik-ExpertenkommissionWissenschaftliche Begleitung des Mathematikunterrichts in Hamburg

Maßnahmen der Hamburger Mathematik-Offensive:

  • Mehr Mathematikunterricht: Zum Aufbau mathematischer Fähigkeiten benötigen Schülerinnen und Schüler vor allem eines - Zeit zum Lernen und Üben. Deshalb haben Hamburgs Schülerinnen und Schüler seit dem Schuljahr 2015/16 in jedem Jahrgang der Sekundarstufe I wöchentlich mindestens vier Stunden Mathematikunterricht. An Stadtteilschulen wurde die Anzahl der mindestens zu erteilenden Mathematik-Stunden von 22 auf inzwischen 26 erhöht. 
       
  • Fachlehrer im Mathematikunterricht: Der Mathematikunterricht soll vor allem von Lehrkräften erteilt werden, die das Fach Mathematik auch studiert haben. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler im Fach Mathematik entscheidend von der fachlichen Qualifikation der Lehrkräfte abhängen. Deshalb unterrichten seit dem Schuljahr 2015/16 in den Jahrgangsstufen 7 und höher nur noch studierte Mathematiklehrkräfte Mathematik. Spätestens seit dem Schuljahr 2017/18 gilt gleiches für die Jahrgangsstufen 5 und 6. Im Grundschulbereich soll pro Klassenstufe mindestens eine Fachlehrkraft eingesetzt werden und insgesamt eine Fachlehrerquote von mindestens 50 Prozent in allen Mathematikstunden sichergestellt werden.
        
  • Qualifikation der Lehrkräfte stärken: Die Qualifikationsmaßnahmen für Grundschullehrkräfte ohne zweites Staatsexamen wurden ausgebaut. Für Fachlehrkräfte Mathematik der Sekundarstufen wurde das Fortbildungsangebot im Bereich Mathematik umfangreicher und spezialisierter. Weitere Angebote gibt es für Fachkollegien an einzelnen Schulen mit dem Ziel der systematischen Unterrichtsentwicklung.
       
  • Matheunterricht verbessern – Fachleitungen stärken: Guter Mathematikunterricht braucht eine gute Teamarbeit der Mathematiklehrkräfte an jeder Schule. Deshalb koordiniert an jeder Schule eine Mathematiklehrkraft als Fachleitung diesen Prozess. Zu ihrer Unterstützung werden in jedem Schuljahr zwei Landesfachkonferenzen durchgeführt, in denen wichtige Impulse zur Unterrichtsentwicklung diskutiert werden.

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