Behörde für Schule und Berufsbildung

Fachtagung Orthographie "Wir kennen die Fakten, wir müssen handeln“: Schleswig-Holstein, Hamburg und Baden-Württemberg wollen, dass Kinder und Jugendliche besser Schreiben lernen"

Fachtagung „Orthographie lehren und lernen an Grundschulen“

Nicht alle Grundschülerinnen und Grundschüler können am Ende ihrer Grundschulausbildung richtig lesen und schreiben. Das ist für eine hochentwickelte Industrie- und Wirtschaftsnation ein fast beschämender Befund, stellen Bildungspolitiker fest und betonen, es müsse gehandelt werden. Hamburg, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg handeln gemeinsam: In einer länderübergreifenden Kooperation wollen sie voneinander lernen, miteinander arbeiten, Länderkonzepte entwickeln und dort gemeinsam handeln, wo es zielführend ist. Nach einem Kongress zum Thema Lesen im Sommer in Berlin lud jetzt das Bildungsministerium Schleswig-Holstein gemeinsam mit dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH) zu einer gemeinsamen Fachtagung „Orthographie lehren und lernen an Grundschulen“ ein.

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Fachtagung „Orthographie lehren und lernen an Grundschulen“

„Zu viele Mädchen und Jungen verlassen die Grundschulen nach vier Jahren, ohne richtig schreiben zu können - das können wir nicht länger zulassen. Wir kennen die Fakten, wir müssen handeln“, sagte die schleswig-holsteinische Bildungsstaatssekretärin Dr. Dorit Stenke auf der Fachtagung. Diese Tagung ist nach einer Konferenz zum Thema Lesen in Berlin das erste Fachleute-Treffen im Rahmen einer Kooperation mit den Ländern Hamburg und Baden-Württemberg sowie der Bund-Länder-Initiative Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS). Dafür waren der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe und die baden-württembergische Ministerialdirektorin Gerda Windey nach Norderstedt gekommen. Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, vertrat BiSS. Weitere Kongresse in Hamburg und Baden-Württemberg werden folgen.

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe: „Wer lernen will, muss vor allem Lesen und Schreiben können. Das gilt für das Fach Deutsch genauso wie für Mathematik oder Fremdsprachen. Wenn wir wollen, dass unsere Schülerinnen und Schüler in allen Fächern besser werden, müssen wir gerade bei den Schlüsselkompetenzen Lesen und richtiges Schreiben ansetzen. In Hamburg haben wir deswegen bereits 2014 Maßnahmen wie einen verbindlichen Basiswortschatz und regelmäßige Überprüfungen der Rechtschreibleistungen durch die Hamburger Schreibprobe auf den Weg gebracht. Das hat in den letzten Ländervergleichen schon erste Früchte getragen. Trotzdem können und müssen wir hier noch viel besser werden - gerade auch im internationalen Vergleich. Deswegen ist es klug, wenn wir nicht in jedem Bundesland das Rad neu erfinden, sondern wie heute mit länderübergreifenden Kooperationen Synergien schaffen und nutzen.“

Bildungsstaatssekretärin Stenke (Schleswig-Holstein) betonte, die Befunde der jüngsten IQB-Studie (2016) zur Rechtschreibkompetenz der Grundschülerinnen und Grundschüler seien alarmierend gewesen. 21,8 Prozent der Grundschülerinnen und -schüler in Schleswig-Holstein - in anderen Bundesländern sei das ähnlich - erreichten nicht einmal die Mindeststandards. „Das ist für eine hochentwickelte Industrie- und Wirtschaftsnation ein schon fast beschämender Befund“, sagte Stenke. Die länderübergreifende Kooperation sei daher sehr wertvoll. Denn wenn man weiterkommen wolle, müsse man seine jeweilige Expertise zusammenwerfen: „Unsere Form der Zusammenarbeit bringt vielleicht eine neue Facette in die Föderalismusdebatte. Wir können eigene Länderkonzepte entwickeln, voneinander lernen, uns austauschen, gemeinsam handeln, wo es zielführend ist“, sagte Stenke zu der Kooperation. Zwar liege die grundsätzliche Stärke des föderalen Bildungssystems darin, maßgeschneiderte Antworten auf regionale Erfordernisse zu finden. Aber das müsse nicht heißen, dass jeder für sich allein agierte: „Wir zeigen, dass das auch anders geht“, sagte Stenke und dankte dem Mercator-Institut für die Konzeption und die wissenschaftliche Beratung.

„Korrekte Rechtschreibung ist und bleibt eine grundlegende Kulturtechnik. Auf ihre Vermittlung muss in der Schule ein besonderes, stetiges Augenmerk gelegt werden. In Baden-Württemberg stärken wir die Schulen bei dieser elementaren Aufgabe mit dem Rechtschreibrahmen, der seit diesem Schuljahr die verbindliche Grundlage für den Rechtschreibunterricht bildet“, sagte Gerda Windey, Amtschefin des baden-württembergischen Kultusministeriums. Der Rechtschreibrahmen sei als Orientierung, Hilfestellung und Unterstützung für die Deutschlehrkräfte entwickelt worden und zeige den Lehrerinnen und Lehrern auf, wie sich die Unterrichtsinhalte über die einzelnen Klassenstufen hinweg entwickelten. Strategien, die zum Erwerb der Rechtschreibkompetenz hilfreich sein können, würden  mit geeigneten Aufgabenformaten verknüpft und durch Beispiele verdeutlicht. Windey: „Kultusministerin Susanne Eisenmann hat schon im Dezember 2016 mit einem Schreiben an die Grundschulen in Baden-Württemberg verdeutlicht, dass auf die Vermittlung der Rechtschreibung von Anfang an ein besonderes und kontinuierliches Augenmerk gelegt werden muss. Die Grundschulen wurden dazu aufgefordert, Rechtschreibung vom Anfang bis zum Ende der Grundschulzeit zentral in allen Unterrichtsfächern zu verankern und systematisch zu üben.“ In der gemeinsamen Fortbildungsinitiative mit Schleswig-Holstein und Hamburg sowie dem Mercator-Institut seien die wichtigen Aspekte des Rechtschreibenlernens hervorragend abgebildet und miteinander verbunden. Auch der Rechtschreibrahmen Baden-Württemberg werde hier entsprechend integriert werden.

"Aus der Forschung wissen wir, dass Lehrkräfte den Unterricht auf ihre Schüler abstimmen müssen. Eine Debatte über einzelne Methoden greift zu kurz, denn die Vermittlung von Rechtschreibung erfordert umfassende didaktische Konzepte. Dafür sollten Lehrkräfte aus- und fortgebildet werden“, erläuterte Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und Sprecher des Trägerkonsortiums der Bund-Länder-Initiative Bildung durch Sprache und Schrift (BiSS). 

Der Direktor des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH), Dr. Thomas Riecke-Baulecke, hob hervor, dass mit dieser Kooperation ein Meilenstein zur Nutzung digitaler Medien in der länderübergreifenden Lehrerfortbildung gesetzt werde, weil ein Großteil der Veranstaltungen mit Hilfe von sogenannten Webinaren - webgestützten Fortbildungen - durchgeführt werde. „Damit wird es möglich, hochwertige Lehrerfortbildung in die Fläche zu bringen und für alle Lehrkräfte zu öffnen: Mit Hilfe eines PCs und mit einem Internetanschluss können Lehrkräfte aus allen beteiligten Ländern an den Fortbildungen in einfacher und Fahrzeiten einsparender Weise teilnehmen“, so Riecke-Baulecke.

Rechtschreibung sei neben dem Lesen die Kulturtechnik, ohne die die meisten wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Entwicklungen nahezu undenkbar wären, sagte Staatssekretärin Stenke. Die großen Kulturtechniken machten nicht vor Landesgrenzen halt, daher sei es wichtig, genau hinzuschauen, wie es um die Orthographie-Kenntnisse von Grundschülerinnen und Grundschülern wirklich steht. „Es liegt in unserer Verantwortung, als Lehrkräfte, als Politikerinnen und Politiker, den Weckruf zu hören und in Handeln zu überführen“, hob Stenke hervor. Es müsse gelingen, dass möglichst jedes Kind am Ende der vierten Klasse mindestens einen soliden Regelstandard in Schreiben und Lesen in die weiterführende Schule mitbringe.

Richtiges Schreiben sei eine lebenslange Aufgabe und es erfordere viel Übung - „ein Aspekt, der in den vergangenen Jahren bei all den Dingen, die Grundschule heute leisten soll, vielleicht zu kurz gekommen ist“, so die Staatssekretärin. Die drei kooperierenden Länder wollten besser werden: Sie seien sich einig, dass die Lehrkräfte an Grundschulen noch besser befähigt werden müssten, den Schülerinnen und Schülern die deutsche Orthographie zu vermitteln. Vor diesem Hintergrund haben sie beschlossen, gemeinsam mit der Bund-Länder-Initiative BiSS und dem Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache eine gemeinsame, länderübergreifende Fortbildungsinitiative zum Thema „Orthographie lehren und lernen an Grundschulen“ zu starten.

Hintergrund: Orthografie

Rechtschreibung soll besser werden:

Senator Rabe: „Wir müssen und wir wollen besser werden“

Hamburgs Schülerinnen und Schüler haben sich in den letzten vier Jahren im Bereich der Rechtschreibung verbessert. Doch in keinem anderen Kompetenzbereich ist der Rückstand gegenüber dem Bundesdurchschnitt so groß wie in Orthografie. So bilanziert der bundesweite IQB-Bildungstrend 2016, dass in Hamburg über 27 Prozent der Viertklässler nicht den Mindeststandard in Orthografie erreichen. Schulsenator Ties Rabe hat daher neue Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die Rechtschreibung zu verbessern: "Wir müssen und wir wollen in diesem Bereich mehr tun und besser werden: Rechtschreibung ist eine Schlüsselkompetenz. Wer die Rechtschreibung nicht beherrscht, hat es viel schwerer, sicher zu lesen, Texte richtig zu verstehen und gut zu schreiben. Ich appelliere auch an Hamburgs Lehrkräfte, diesen Bereich mit großem Ernst und Nachdruck zu unterrichten.“

Seit 2014 wird in Hamburg bereits ein erstes Maßnahmenpakt zur Verbesserung der Rechtschreibung umgesetzt: 

  • Alle Schülerinnen und Schüler lernen einen Basiswortschatz mit 785 Modellwörtern.

  • Jährlich wird die Rechtschreibleistung aller Schülerinnen und Schüler mit der Hamburger Schreibprobe (HSP) geprüft.

  • Die Handreichung "Hinweise und Beispiele für den Rechtschreibunterricht" (2014) gibt den Lehrkräften Tipps für den Unterricht.

  • Die Deutsch-Fachleitungen jeder Schule werden in Konferenzen professionalisiert.

  • Der Rechtschreibunterricht wird auf den Landesfachkonferenzen Deutsch aller Schulformen reflektiert.

Ties Rabe: "Die Maßnahmen haben zu Verbesserungen geführt. Beim Vergleich der Schülerleistungen in Klasse 9 verbesserte sich Hamburg im Vergleich der 16 Bundesländer von Platz 15 auf Platz 14. Doch in den Bereichen „richtig Zuhören“ (von Platz 13 auf Platz 9) und „Lesen“ (von Platz 14 auf Platz 9) sind wir deutlich besser vorangekommen. Daher sind weitere Maßnahmen erforderlich, die zügig die vorhandenen Unterrichtsroutinen verändern. Die Schulbehörde hat bei der Erarbeitung zusätzlicher Maßnahmen eng mit Fachlehrkräften zusammengearbeitet und sich zugleich an den Maßnahmen und Regelungen anderer Bundesländer mit besseren Rechtschreibergebnissen orientiert."

Folgende neue Maßnahmen traten zum Schuljahr 2018/19 in Kraft:

Musterlehrplan regelt sehr genau den künftigen Rechtschreibunterricht

Zum Schuljahr 2018/19 wurden ein Musterlehrplan und ein detaillierter didaktischer Plan für den Rechtschreibunterricht in der Grundschule entwickelt. Darin wird erstmals sehr genau beschrieben, welche Rechtschreibphänomene in welchen Klassenstufen und Zeitabschnitten in der Grundschule unterrichtet werden müssen. Für Rechtschreib-Aufgaben werden den Lehrkräften von der Schulbehörde jahrgangsbezogene Beispiele und Anregungen zur Verfügung gestellt.

Festlegung für den Mindestumfang des Rechtschreibunterrichts

Die Schulbehörde legt in einer Empfehlung an alle Grundschulen dar, dass mindestens ein Sechstel aller Deutschstunden für reinen Rechtschreibunterricht eingesetzt werden sollen. Mindestens ein weiteres Sechstel aller Deutschstunden ist für das Schreiben von Texten einzusetzen. Diese Regelung orientiert sich an Beispielen aus anderen Bundesländern mit guten Rechtschreibleistungen wie zum Beispiel Sachsen.

Variable und computergestützte Rechtschreibdiagnose

Zum Schuljahr 2018/19 wird die bisher zur Diagnose eingesetzte „Hamburger Schreibprobe“ durch die verbesserte Version „Schnabel“ ersetzt. Beide Überprüfungen sind „Diagnoseinstrumente“, sie werden also nicht benotet, sondern dienen zur Ermittlung individueller Rechtschreibprobleme. Während allerdings die bisherige Schreibprobe immer dieselben Wörter verwendete und von den Schülern nach kurzer Zeit auswendig gelernt wurde, bietet „Schnabel“ eine große Vielfalt und Varianz von Aufgaben. Zudem übernimmt künftig ein Computerprogramm die Auswertung der jährlich rund 60.000 Tests. Zum kostenlosen Download des Tests und weiterer Unterstützungsmaterialien wird eine eigene „SCHNABEL-Website“ entwickelt.

„6 statt 4“: Zwei zusätzliche Rechtschreibung-Klassenarbeiten in Deutsch pro Jahr

Künftig sollen alle Schülerinnen und Schüler der Klassen 3 bis 8 pro Jahr sechs statt der bisherigen vier Deutsch-Klassenarbeiten schreiben. Die beiden zusätzlichen Klassenarbeiten sollen sich ausschließlich mit dem Thema Rechtschreibung befassen. Eine erste Rechtschreib-Klassenarbeit soll bereits in der zweiten Jahreshälfte von Klasse 2 geschrieben werden. Diese neuen Regelungen sollen dabei helfen, dass der Rechtschreibunterricht künftig einen deutlich höheren Stellenwert im Deutschunterricht erhält. Die Zahl der Klassenarbeiten in Deutsch war 2007 in Hamburg auf vier pro Schuljahr reduziert worden, sie lag vorher bei acht, bis 2003 sogar bei zwölf Klassenarbeiten.

Korrektur von Rechtschreibfehlern

Ab Klasse drei müssen die Schülerinnen und Schüler die Rechtschreibfehler in allen Deutsch-Klassenarbeiten korrigieren. Diese „Korrekturpflicht“ soll dazu beitragen, die Rechtschreibung immer wieder zu üben. Schülerinnen und Schüler, die sehr viele Fehler machen, sollen von der Lehrkraft besondere Schreibübungen übertragen bekommen, damit sie die Rechtschreibung besser lernen.

In allen anderen Fächern erteilt die Lehrkraft einzelnen Schülerinnen und Schülern bei gehäuften Fehlern Aufgaben zur Arbeit an individuellen Fehlerschwerpunkten oder den Auftrag zur Korrektur. Über die erforderlichen Berichtigungen entscheidet die Fachlehrkraft.

Schulungen der Lehrkräfte – künftig auch über „Webinare“

Die neuen Maßnahmen sollen im nächsten Schuljahr auf Fachkonferenzen und Schulungen dargestellt und erläutert werden. Zusätzlich will die Schulbehörde in Zusammenarbeit mit dem Bundesland Schleswig-Holstein so genannte „Webinare“ als Schulungsangebote zum Thema Rechtschreibung entwickeln. „Webinare“ sind interaktive Fortbildungen am Computer, in die sich Lehrkräfte an jedem Ort der Welt über den Computer einloggen können und gemeinsam mit anderen Teilnehmern und einer Fortbildungsleitung wie in einem normalen Fortbildungsseminar kommunizieren und lernen können.