Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Förderbedarf Zwei von drei Inklusionskindern waren schon immer an den allgemeinen Schulen

Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Wissenschaftler untersuchen Anstieg sonderpädagogisch förderbedürftiger Kinder

Seit 2010 kann kein Kind mehr gegen den Willen der Eltern zur Sonderschule geschickt werden, immer mehr besuchen allgemeine Schulen. Zuletzt meldeten Hamburgs staatliche allgemeine Schulen 5.652 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache oder emotionale Entwicklung (LSE). Ein Gutachten der Wissenschaftler Prof. Dr. Karl-Dieter Schuck und Prof. Dr. Wulf Rauer bestätigt jetzt, dass der größte Teil dieser Kinder schon immer an den allgemeinen Schulen war, aber erst im Zusammenhang mit der Inklusion entdeckt und gefördert wird. Auch diese Kinder seien im Grundsatz förderbedürftig, so die Wissenschaftler. Schulsenator Ties Rabe: „Damit steht fest: Viele Herausforderungen mit förderbedürftigen Kindern haben mit der Inklusion ehemaliger Sonderschüler wenig zu tun. Wir nehmen diese Probleme trotzdem ernst und lassen die Schulen nicht allein. Wir haben bundesweit hervorragende Rahmenbedingungen für die Inklusion geschaffen. Weitere Verbesserungen treten jetzt in Kraft. Ein neues Diagnostikverfahren wird die Schulen entlasten und klarere Maßstäbe für die Zuweisung zusätzlicher Lehrer einführen. Und für besonders verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler werden weitere, sehr kleine Lerngruppen eingerichtet.“

Kostenlose Lernförderung, Mathematik, Deutsch, Englisch

Tatsächlich ist die Zahl von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf LSE an den staatlichen allgemeinen Schulen von 2009 bis 2013 um 5.323 gestiegen, obwohl an den Sonderschulen die Zahl nur um 1.630 gesunken ist. In  einzelnen Regionen und Schuljahren differieren diese Werte sehr stark. Schulsenator Rabe: „Das zeigt: Nur ein Drittel der heute von den allgemeinen Schulen gemeldeten LSE-Kinder wäre früher zur Sonderschule geschickt worden. Zwei Drittel waren schon immer an den allgemeine Schulen, wurden dort bisher aber nicht erkannt und gefördert. Erst im Zuge der Umsetzung der inklusiven Bildung wurden diese Kinder als förderbedürftig entdeckt.“

Prof. Dr. Schuck und Prof. Dr. Rauer bestätigen in ihrer Untersuchung der Schuljahre 2011/12 bis 2013/14, dass von der großen Zahl der heute als sonderpädagogisch förderbedürftig gemeldeten Kinder vor Einführung der Inklusion nur ein Teil wirklich an die Sonderschulen geschickt worden wäre: „In den allgemeinen Schulen kam es vom Schuljahr 2011/12 (Jahrgang 1) zum Schuljahr 2012/13 (Jahrgang 2) zu einem Anstieg von 2.519 Kindern mit ausgewiesen LSE-Förderbedar­fen, der keinesfalls allein erklärlich ist durch die Verringerung der Zahl der Schülerinnen und Schüler in den Sondersystemen um 418.“

Gründe für den Anstieg der als sonderpädagogisch förderbedürftig gemeldeten Kinder seien:

  • In Schulen mit integrativen Regelklassen wird sonderpädagogischer Förderbedarf LSE erst seit 2012 diagnostiziert. Diese Schülerinnen und Schüler besuchten schon immer die integrativen Regelklassen, wurden dort aber vorher nicht diagnostiziert.
  • Im Rahmen der Inklusion wechselten zahlreiche Sonderpädagogen an die allgemeinen Schulen. Sie diagnostizieren offensichtlich häufiger als die bisherigen Lehrkräfte einen sonderpädagogischen Förderbedarf.
  • Vor Einführung der Inklusion mussten förderbedürftige Kinder auf die Sonderschule wechseln. Heute werden die Kinder an ihrer Schule zusätzlich gefördert. Offensichtlich erhöht das die Bereitschaft der Lehrkräfte, Schüler als förderbedürftig einzustufen.
  • Bereits in ihrem Zwischenbericht 2013 verwiesen Schuck und Rauer auch auf Ungenauigkeiten der Diagnosen und Eingabefehler in der Schulverwaltungssoftware als weiteren Grund für den massiven Anstieg an gemeldeten sonderpädagogischen Förderbedarfen.

Entwicklung Anteile sonderpädagogisch förderbedürftiger Kinder in Hamburg

Ein Vergleich zu den Durchschnittswerten für Deutschland und Berlin zeigt, dass der Anteil sonderpädagogisch förderbedürftiger Kinder in Hamburg lange Zeit leicht unterdurchschnittlich war (2007 Hamburg 3,79%, Deutschland 3,91%), aber mit Einführung der Inklusion deutlich gestiegen ist (2012 Hamburg 6,04%, Deutschland 4,45%). Schuck und Rauer sind überzeugt, dass die zusätzlich gemeldeten Schülerinnen und Schüler förderbedürftig sind. Sie verweisen dazu auf Zahlen aus Essen mit einer LSE-Förderquote von 5,95 % und auch darauf, dass Hamburg 25-30 % so genannter „Risikoschüler“ habe. Dabei bleibe jedoch letztlich offen, ob und welche dieser Kinder eine zusätzliche sonderpädagogische oder eher eine allgemeinpädagogische Förderung brauchen. Denn es gebe keine klare Grenze sondern fließende Übergänge zwischen sonderpädagogischem Förderbedarf, allgemeinem Förderbedarf, teilweisem Förderbedarf und der üblichen Leistungsbandbreite einer Schülerschaft.

Dazu Schuck und Rauer: „Offen ist, ob mit dem kategorialen Begriff des ‚sonderpädagogischen Förderbedarfs‘ eine hinreichend eindeutige und sachgerechte Beschreibung einer nicht kategorialen, sondern kontinuierlich gestuften Realität individueller Fördernotwendigkeiten und -bedürfnisse möglich ist und ob der klassische Ausweis sonderpädagogischen Förderbedarfs einer inklusiven Schule überhaupt gerecht werden kann.“ Trotz dieser Einschränkungen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass eine inklusive Schule alle Schülerinnen und Schüler – auch die, die früher nicht zur Sonderschule geschickt worden wären – fördern muss: „Die inklusive Schule hat sich darin zu bewähren, für alle Formen individueller, sozialer und kultureller Heterogenität optimale schulische Lernbedingungen zu schaffen. Kategoriale Feststellungen, wie z.B. die des sonderpädagogischen Förderbedarfs, können dabei nur begrenzt die differenzierten Fördernotwendigkeiten auf einem Kontinuum individueller Bedürfnisse beschreiben.“

Sonderpädagogische Diagnostik

Aufgrund der unklaren Maßstäbe für den sonderpädagogischen Förderbedarf stellen Schuck und Rauer auch die Frage nach dem Sinn einer rein sonderpädagogischen Diagnostik: „Prinzipiell zu prüfen wäre, ob eine regelmäßige Erfassung der Zahl der Schülerinnen und Schüler mit LSE-Förderbedarfen für interne Steuerungszwecken überhaupt notwendig und kompatibel mit den Leitideen einer inklusiven Schule ist. So hat sich beispielsweise Bremen dafür entschieden, die Förderbedarfe in der Sprache anlässlich der Erhebungen zur KMK-Statistik nicht mehr zu melden. Auch Brandenburg erfasst in den Schulen, die sich an einem Modellversuch zur inklusiven Bildung beteiligen, die LSE-Förderbe­darfe nicht mehr.“

Pauschale Lehrerzuweisung - besondere individuelle Förderung

In ihrem Gutachten raten die Wissenschaftler dazu, an der pauschalen Lehrerzuweisung (systemische Ressource) für LSE-Kinder festzuhalten. Sie verweisen aber darauf, dass an einzelnen Standorten die Höhe der Ressource nicht dem Bedarf entspricht. Schuck und Rauer gehen auch darauf ein, dass Kinder mit einem Förderbedarf im Bereich emotionale und soziale Entwicklung eine besondere individuelle Förderung brauchen, die ihnen möglicher Weise nicht nur mit den systemischen LSE-Ressourcen, die den Schulen zur Verfügung gestellt werden, zu leisten ist.

Senator Rabe kündigte weitere Verbesserungen an:

  • Neues Diagnostikverfahren, um zusätzliche Lehrkräfte zielgenauer einzusetzen
    Um zusätzliche Lehrerstellen passgenau an die Schulen zu geben und klare Standards für die Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf zu schaffen, wird der sonderpädagogische Förderbedarf LSE an den Schulen künftig genauer geprüft. Die bisherigen schulinternen Förderdiagnosen werden durch ein neues Verfahren mit hamburgweit einheitlichen Maßstäben ersetzt: Zunächst nimmt die allgemeine Schule eine umfassende Vorklärung nach einheitlichen Vorgaben vor. Die endgültige Diagnose treffen dann Experten der Regionalen Bildungs- und Beratungszentren mit einheitlichen Testverfahren.
  • Einrichtung von temporären Lerngruppen
    Der Senat hat für 400 Schüler mit extremen Verhaltensauffälligkeiten temporäre Kleinstgruppen eingerichtet. Finanziert durch die Behörde für Schule und Berufsbildung und der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration betreuen Pädagogen diese Kinder in Krisensituationen zum Teil in einem 1:1-Verhältnis solange außerhalb ihrer Klasse, bis sie in ihre Klasse zurückkehren können. 100 Plätze stehen für temporäre Lerngruppen an ReBBZ-Standorten zur Verfügung, 300 für temporäre Lerngruppen in besonders belasteten Stadtteilschulen.
  • Praktische Hinweise und Informationswebsite
    Lehrkräften an allen Hamburger allgemeinen Schulen werden zum neuen Schuljahr praktische Hinweise für den Umgang mit sonderpädagogisch förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern zur Verfügung gestellt. Die auf die Gestaltung des Unterrichts abzielenden Leitfäden finden sich ab August auf einer neu gestalteten Informationswebsite zum Thema Inklusion.

Zusätzliches Personal für Inklusion – neues Förderkonzept

Für das Gelingen der Inklusion hat der Senat 2011 rund 200 zusätzliche Stellen geschaffen und weitere Stellen durch Umverteilung den inklusiv arbeitenden Schulen zur Verfügung gestellt. Im Schuljahr 2013/14 sind an den allgemeinen Schulen bereits 820 Sonderpädagogen tätig. Darüber hinaus hat der Senat 2012 ein neues Förderkonzept eingeführt. Bis dahin gab es vier unterschiedliche Konzepte: Manche Schulen bekamen für die Inklusion sehr viel zusätzliches Personal, andere sehr wenig. Das neue Förderkonzept schaffte für alle Schulen einheitliche Maßstäbe. Zusätzlich umfasste das Konzept Fortbildungen und viele schulische Organisations- und Unterstützungsmaßnahmen. So wurden unter anderem an allen Schulen „Förderkoordinatoren“ zu Experten ausgebildet.

Entwicklung der sonderpädagogischen Förderbedarfe Lernen, emotionale und soziale Entwicklung (LSE):

Hamburg

Schulform

2009/10

2010/11

2011/12

2012/13

2013/14

LSE an Sonderschulen

4.621

4.209

3.721

3.273

2.991

LSE an allgemeinen Schulen

329

1.113

2.328

4.847

5.652

LSE in IR-Klassen

696

744

770

-

-

Gesamt

5.646

6.066

6.819

8.120

8.643

 

Regionale Beispiele:

Harburg

LSE an Sonderschulen

415

415

409

414

393

LSE an allgemeinen Schulen

4

21

84

364

369

LSE in IR-Klassen

28

38

40

-

-

Gesamt

447

474

533

778

762

 

Wilhelms-burg

LSE an Sonderschulen

492

444

422

367

335

LSE an allgemeinen Schulen

1

85

214

448

495

LSE in IR-Klassen

46

54

50

 

 

Gesamt

539

583

686

815

830

 

Weitere Grafiken: siehe Anlage

 

»Zusammenfassung Abschlussbericht

Kontakt

Peter Albrecht

Hamburger Straße 31
22083 Hamburg
Adresse speichern

Themenübersicht auf hamburg.de

Anzeige
Branchenbuch