Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

8. Januar 2018 Senatsempfang zum 80. Geburtstag von Roland Issen

Rede der Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt

Senatsempfang zum 80. Geburtstag von Roland Issen

Sehr geehrter, lieber Roland Issen,
lieber Frank Bsirske,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Damen und Herren,

„Solidarity forever“, so beginnt das alte Gewerkschaftslied, das Ralph Chaplin 1915 geschrieben hat und vielen durch den US-amerikanischen Protestsänger Pete Seeger bekannt ist. Wir haben die Prärie in Äcker verwandelt, wir haben die Städte geschaffen und wir haben die Fabriken gebaut, heißt es im Text.

Der Song erinnert an die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit und macht klar: Wer arbeitet, hat ein Recht auf Beteiligung am gesellschaftlichen Reichtum.

Aber haben die, die schuften, überhaupt die Macht, dafür zu sorgen, dass sie vernünftige Arbeitsbedingungen bekommen? Der Refrain lässt keinen Zweifel daran, wie es geht. Sie kennen das Motto: „Solidarity forever. For the union makes us strong.“ Solidarität und das Engagement in der Gewerkschaft machen stark.

Nach dem Krieg gelang in der Bundesrepublik Deutschland die Neuausrichtung nach dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft – nur einmal nicht.

Besonders zwischen der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen und der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft wurden erbitterte Fehden ausgefochten. Als Bundeskanzler Helmut Kohl im Sommer 1985 die Gewerkschaften und Arbeitgeber zum Gespräch lud, verweigerte der DGB die Teilnahme, weil auch die DAG dabei sein sollte.

Zweimal scheiterte der DAG-Antrag auf Beitritt zum Europäischen Gewerkschaftsbund am Widerstand des DGB. Einzelne Gruppen im DGB hatten die DAG sogar zur „gegnerischen Organisation“ erklärt.

Kaum zu fassen, oder? Wer war denn diese angeblich „gegnerische“ Gewerkschaft?

Sie, meine Damen und Herren, wissen das natürlich. Viele von Ihnen waren Mitglieder der DAG, andere erinnern sich aus der Perspektive der ÖTV, der HBV oder einer anderen Gewerkschaft an die Zeit. Aber für alle, die nicht dabei waren, sei noch einmal gesagt: Die DAG war die größte Einzelgewerkschaft in Deutschland mit Sitz in Hamburg.

Als sehr einflussreiche und fortschrittliche politische Spitzenorganisation erreichte die DAG die Wiedereinführung der Selbstverwaltung der Sozialversicherten. Sie hatte ein starkes frauenpolitisches Profil und legte mit der Deutschen Angestellten Akademie und dem Bildungswerk der DAG wichtige Grundlagen der beruflichen Weiterbildung.

Ihren Ursprung hat die DAG in Hamburg. Direkt nach dem Krieg, im Juni 1945, begannen Angestellte, die schon in der Weimarer Zeit gewerkschaftlich aktiv waren, mit dem Aufbau einer Nachfolgeorganisation für die von den Nationalsozialisten zerschlagenen Angestellten-Gewerkschaften. Zum 1. Juli 1945 wurde die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft offiziell gegründet, das heißt, sie bekam von der Britischen Besatzungsmacht die Lizenz, im Raum Hamburg die Angestellten zu organisieren. Auch wenn viele Sozialdemokraten zu den Gründern gehörten – gearbeitet wurde nach dem Konzept der Einheitsgewerkschaft, also parteiübergreifend und neutral in Fragen der Weltanschauung.

Von Hamburg aus weitete die DAG allmählich ihr Organisationsgebiet auf die gesamte Britische Besatzungszone aus. Sie stieß dabei auf erbitterten Widerstand der Industrie­gewerkschaften. Trotzdem entstanden fünf Angestelltenverbände, die sich im April 1949 zusammenschlossen und als DAG bundesweit tätig wurden.

Die Industriegewerkschaften hatten sich parallel dazu ebenfalls direkt nach dem Krieg in den Betrieben der westlichen Besatzungszonen gegründet. Auch sie arbeiteten nach dem Prinzip der Einheitsgewerkschaft. Sie schlossen sich 1949 im DGB, im Deutschen Gewerkschaftsbund zusammen.

Beide Seiten, die Industriegewerkschaften im DGB und die DAG zogen die Lehren aus der Nazi-Schreckensherrschaft und wurden zu freien und demokratischen Gewerkschaften. Aber sie schafften es nicht, eine gemeinsame Interessen­vertretung aller Angestellten und Arbeiter aufzubauen. Roland Issen hat das als „historischen Irrtum“ bezeichnet.

In Büchern und Online-Artikeln über die DAG oder die Geschichte von ver.di findet man immer einen Hinweis, der etwa so lautet: „2001 verschmolz die DAG mit vier DGB-Gewerkschaften, der DPG, HBV, ÖTV und IG Medien zu der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di).“

Was so beiläufig klingt, steht für eine große Wende in der Gewerkschaftsgeschichte. Die Fusion war von enormer Bedeutung für die Gewerkschafts­bewegung, für die Arbeitnehmerrechte und für den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Dieser großartige historische Schritt ist das Lebenswerk von Roland Issen.

Mit 18 Jahren, im März 1956, trat Roland Issen in die DAG ein. 1978 wurde er Mitglied im Bundes­vorstand, zuständig für das Ressort Tarif- und Betriebspolitik Industrie. 1983 gewann er die Abstimmung zum stellvertretenden Bundes­vorsitzenden, und am 22. September 1987 wurde er zum DAG-Vorsitzenden gewählt. Die Wahl 1987 war ein Generationswechsel: Der neue Vorstand bestand aus fünf Männern, die unter fünfzig Jahre alt waren, die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ sprach von „vier Youngsters neben Issen“.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Roland Issen den „historischen Irrtum“ der Spaltung der Gewerkschaftsbewegung beseitigen will. Er wolle „konsequente Angestelltenpolitik betreiben“ und dafür sorgen, dass die DAG nicht zum Anti-DGB wird, sagte er in seiner Grundsatzrede.

Henning Voscherau, langjähriger SPD-Fraktionsvorsitzender und natürlich Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, gratuliert ihm am Tag danach mit den Worten: „Du weißt, dass ich deine Perspektiven für möglicherweise historisch halte. Du bist der richtige Mann dafür: Auf gute Zusammenarbeit!“

Nur – es gab damals kaum Anlass dafür, anzunehmen, dass die Perspektive von Roland Issen realistisch sein könnte.

In den Industriebetrieben wurde den DAG-Leuten kein Fußbreit Raum gegönnt. „Die Zeit“ schrieb, ihre Funktionäre würden von den DGB-Gewerkschaften „rücksichtlos unterdrückt“. Man arbeitete gegeneinander, nicht miteinander: So forderte die HBV ebenso wie die IG Metall – beide Organisationen als DGB-Mitglieder – eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit, während zeitgleich die DAG erfolgreich für die Vorruhestandsregelung stritt.

Immer wieder gab es auch scharfe Konflikte mit der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr. Schon 1967 hatte es die ÖTV abgelehnt, gemeinsame Tarifverhandlungen mit der DAG zu führen. Die DAG arbeitete stattdessen mit dem Marburger Bund und dem Beamtenbund zusammen.

Das Verhältnis war nach Jahrzehnten der Gegnerschaft zerrüttet und durch zahllose Verletzungen gekennzeichnet. Und in dieser Situation sagte Roland Issen: „Wir bieten den anderen Gewerkschaften in unserem Land die Kooperation ausdrücklich an.“ Für den kooperativen Kurs stand Roland Issen mit seiner Persönlichkeit und seiner klaren Überzeugung: „Unsere Gegner sind nicht andere Gewerkschaften, sondern nur die Arbeitgeberseite.“

Gefragt, wie er es denn machen wolle, verwies er auf die berühmte Formel „Wandel durch Annäherung“, die Willy Brandt einst für ein neues Verhältnis gegenüber der DDR prägte. Roland Issen war überzeugt, diese Haltung lasse sich auch auf andere Bereiche übertragen.

Mit Erfolg: Roland Issen redete mit allen, machte unbeirrt seine Position deutlich und schloss bilaterale Abkommen.

Zehn Jahre nach seiner Wahl zum DAG-Vorsitzenden gelangt der Durchbruch: Am 4. Oktober 1997 unterzeichneten DPG, ÖTV, IG Metall, HBV, GEW und die DAG die Hamburger Erklärung zur „Kooperation der deutschen Gewerkschaften im Dienstleistungsbereich“. Es war das erste Papier mit einer gemeinsamen Problemanalyse.

Es formulierte das Bekenntnis zum Einstieg in einen Prozess, der das Konkurrenzdenken unter Gewerkschaftern im Dienstleistungssektor beenden sollte und das Ziel einer Neustrukturierung der gewerkschaftlichen Interessenvertretung setzte. Zu Deutsch: eine neue gemeinsame Gewerkschaft für den Dienstleistungsbereich sollte geschaffen werden.

Es folgte die Gründung des Lenkungsausschusses, die Erarbeitung einer „Politischen Plattform“, das gemeinsame Programm wurde entwickelt, das erste gemeinsame Büro in Berlin eröffnet, und dann traf man sich wieder in Hamburg.

Am 21. Dezember 1999 kamen im Kaisersaal des Hamburger Rathauses die Vertreterinnen und Vertreter der DAG, DPG, HBV, IG Medien und ÖTV zur konstituierenden Versammlung der Gründungsorganisation von ver.di zusammen. „Go-ver.di“ heißt die Organisation zunächst, und es dauert noch einmal mehr als ein Jahr, bis am 19. März 2001 die „Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di“ entstand, die dann vier Monate später auch in den DGB aufgenommen wurde.

Roland Issen hat diesen Prozess vorgedacht, möglich gemacht und in jeder Phase voran­getrieben. Dass es heute mit ver.di einen so starken Interessenverband gibt und nicht etwa fünf naturgemäß schwächere Einzelgewerkschaften, ist maßgeblich sein Verdienst. Die Fusion zur Jahrtausendwende war ein Meilenstein für die gewerkschaftliche Solidarität.

Lieber Roland,
das ist zu wesentlichen Teilen Dein Verdienst, Dein Lebenswerk. Der Bürgermeister – der aktuell gerade in anderer Mission unterwegs ist – hat mich gebeten, seine besten Grüße auszurichten und noch einmal ganz deutlich zu sagen: „Roland Issen ist ein ganz großer Gewerkschafter.“

Meine Damen und Herren,
dass wir heute diesen Senatsempfang hier im Rathaus feiern, hat aber noch einen weiteren Grund: 13 Jahre lang war das Rathaus die Wirkungsstätte von Roland Issen. Von 1978 bis 1991 war er Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft. Über vier Jahre, von 1986 bis 1991, saßen Roland Issen und ich gemeinsam im Parlament.

Sein Herzblut als Parlamentarier und Sozial­demokrat war die Arbeitsmarktpolitik und ganz besonders der Kampf gegen Arbeitslosigkeit. Auch in der Hamburger Bürgerschaft war er als einer bekannt, der Konsens möglich macht. Er hat immer wieder Gespräche mit den verschiedenen Gruppen in der SPD und mit der Christlich-Demokratischen-Arbeitnehmerschaft geführt.

Mit seinem großem politischen Geschick und seinen sehr guten Ideen entwickelte sich Roland Issen hier in Hamburg zudem zu einer bedeutenden Figur der deutschen Arbeiterbildung. Gemeinsam mit Helmuth Frahm, dem kürzlich verstorbenen Erich Rumpel und anderen Gewerkschaftern in der SPD-Fraktion engagierte Roland Issen sich für die berufliche Qualifizierung: Zu seinen Erfolgen gehören die Gründung der Stiftung Berufliche Bildung im Jahr 1982, die der Lawaetz-Stiftung 1986 und später des Zebra e. V., des Zentrums zur beruflichen Qualifizierung und Beratung.

Als in den 80er-Jahren viele Jugendliche keine Ausbildungsplätze fanden, hat Roland Issen gemeinsam mit seinem Kollegen Lutz Freitag aus dem DAG-Bundesvorstand die Bildungs­einrichtungen des DAG-Bildungswerks zu „Übungsfirmen“ umfunktioniert und damit etwa 4.000 Jugendlichen eine solide Duale Berufsausbildung ermöglicht – noch heute lebt das Prinzip in der Hamburger Ausbildungsgarantie fort.

Lieber Roland Issen,
Du kannst auf eine bemerkenswerte Lebensleistung zurückblicken.

Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg wünsche ich Dir von ganzem Herzen alles Gute zum 80. Geburtstag.

Wir haben Dir sehr viel zu verdanken. Du hast den Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern gezeigt, was Solidarität bedeutet.

Vielen Dank!