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18. Januar 2020 Neujahrsempfang 100 Jahre Steenkampsiedlung

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Rede der Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt

Neujahrsempfang: 100 Jahre Steenkampsiedlung - Rede der Senatorin Dr. Dorothee Stapelfeldt

Liebe Steenkamperinnen und Steenkamper,
sehr geehrte Frau Bezirksamts­leiterin,
sehr geehrte Frau Wolpert,
sehr geehrter Herr Hahn,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

wie soll man die Steenkampsiedlung anlässlich dieses beeindruckenden Jubiläums bezeichnen? Vielleicht in Anlehnung an einen bekannten Best­seller als „Die Hundertjährige, die nie verschwand“? Allein schon die lange Geschichte der Siedlung nötigt uns Respekt ab, und ich danke Ihnen sehr für die Einladung, dies gemeinsam mit Ihnen feiern zu dürfen.

Zu feiern gibt es heute vieles, und auf einiges davon komme ich gleich noch zu sprechen. Am treffendsten finde ich, was eine Zeitungs­überschrift vor einigen Jahren so griffig auf den Punkt brachte mit dem Satz: „Steenkamp – freiwillig zieht hier niemand weg“. – Das sagt eigentlich schon alles.

Ein paar mehr Worte gestatte ich mir aber doch, wenn Sie erlauben. Es ist nämlich schon sehr außer­gewöhnlich, dass und wie Sie, die „Steen­kamper“, es über all die Jahre vermochten, nicht nur das architektonische Gesicht ihres Quartiers zu bewahren – beziehungs­weise wiederherzustellen –, sondern vor allem das Gemein­schafts­gefühl zu erhalten, an dem es in unserer Zeit vielfach mangelt, wie viele zu Recht beklagen.

Die starke Verwurzelung der Steenkamperinnen und Steenkamper mit ihrem Quartier lässt sich bereits an den Zahlen ablesen: In den 760 Mietwohnungen und -häusern leben rund 2.500 Bewohnerinnen und Bewohner.

Rund 500 von ihnen sind Mitglied in der Heim­stätter­vereinigung Steenkamp e.V. – wohl kaum ein anderer Verein erreicht eine solche Quote, noch dazu auf völlig freiwilliger Basis.

„Eine lebendige Nachbarschaft lebt von dem Engagement ihrer Bewohner“, heißt es auf der Vereins-Webseite zutreffend. Mehr als ein Dutzend regel­mäßig aktiver Freizeitgruppen werden dort genannt, von Gymnastik über Theater, Skat und Boule bis hin zum Kinder- und Familienkino und dem Gospel­chor, dessen Mitglieder heute Kostproben ihres Könnens zum Besten geben.

Aber auch zahlreiche Ausschüsse wie etwa der zur Baukultur und der zur Flüchtlingsunterstützung leisten wertvolle Arbeit. Daneben machen die Nachbarschaftsfeste, der Nachbar­schaftschor, das Public Viewing bei großen Fußball­turnieren oder die „Salons“ zu den unter­schied­lichsten Themen die Qualität der Siedlung und des Zusammen­lebens hier aus – um nur einige der Aktivitäten zu nennen. „Steen­kamperin“ und „Steenkamper“ zu sein, steht für ein explizit gemeinschaftliches Lebensgefühl – eines mit langer Tradition.

Als die Gartenstadt vor einem Jahrhundert gegründet wurde, war der Gedanke an bewusste Stadtplanung in Gestalt bezahlbarer Häuser und Wohnungen noch nicht sehr alt. Das macht im Rückblick diese Zeit so aufregend: Es entstanden die Grundlagen des sozialen Wohnungsbaus, damit einhergehend eine erhebliche Verbesserung der Lebens­bedingungen für viele Tausend Menschen.

An dieser Stelle muss man innehalten: Die Steenkamp-Siedlung gäbe es nicht ohne die damals preußische Stadt Altona und ihren Bürgermeister Max Brauer. Vor 100 Jahren, vor dem Ersten Weltkrieg, zu Beginn der Weimarer Republik herrschten unzumutbare Wohnverhältnisse. Mit dem Ziel, menschenwürdige Wohnbedingunen zu schaffen, entwickelte sich eine städtische Wohnungspolitik. Die Stadt stellte Bauland - 220.000 Quadratmeter. Über den Gemeinnützigen Bauverein Altona-Ottensen, die Gagfah, die Heimag ist es aber ein langer Weg zur Gründung der SAGA, die dann am 23.4.1923 die Aufgabe übernahm, die Steenkamp-Siedlung fertigzustellen.

Auch wenn der Weg am Anfang steinig war, so ist die Entwicklung der Steenkamp-Siedlung der konsequenten Haltung und Perspektive Max Brauers zu evrdanken, der später sagte, "dass die Lösung des Wohnungsproblems bedingt, es als eine soziale, als eine gesellschaftliche Aufgabe anzugreifen, die anders überhaupt gar nicht zu lösen ist".

Meine Damen und Herren,
die geradezu revolutionäre Idee der Baugenossen­­schaften und das ursprünglich in England Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Konzept der Gartenstadt mündete in Häuser und Wohnungen mit Tageslicht und in anständigem Standard – das kannten bis dahin nur wenige Begüterte.

Die von vornherein abwechslungsreich geplante Steenkampsiedlung sollte Familien mit wenig Geld und Kriegsheimkehrern ein Zuhause geben und eine eigenständige Versorgung ermöglichen.

Nur dadurch gelang es, den Bedarf an Wohnraum vor allem für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen zu decken. Bis heute werden das städtische Unternehmen SAGA und die Genossenschaften dieser Verantwortung gerecht:

Etwa 270.000 der Hamburger Mietwohnungen stehen unter Verwal­tung der Baugenossenschaften sowie der SAGA. Und der Ursprung der SAGA liegt ja hier!

Seit dieser Zeit hat sich viel getan. Beliebt ist die Steenkampssiedlung bis heute. Viele Mieterinnen und Mieter haben die Option genutzt, als begonnen wurde die Siedlungshäuser zum Kauf anzubieten. Aber auch viele junge Familien sind dort in die Reihen‐ und Doppelhäusern eingezogen. Geschätzt sind seitdem zwei Drittel der Wohnungen in private Hand übergegangen.

Das hat manches verändert, aber die seit 2001 geltende Erhaltungs- und Gestaltungs­verordnung sorgt mit dafür, dass der Charakter des Quartiers erhalten bleibt. Darauf achten alle gemeinsam, und das ist gut so. Im Übrigen ist die Phase der punktuellen Privatisierung von SAGA-Immobilien vorbei. Umwandlungen in Privateigentum wird es nicht mehr geben.

Meine Damen und Herren,
Geschichte wiederholt sich nicht – aber auch heute leben wir in Zeiten starker Nachfrage nach vor allem bezahlbaren Wohn­raum. Erfreulicherweise wächst Hamburg um mehr als 10.000 Menschen jährlich. Deswegen haben wir seit 2011 den Wohnungsbau zum Kernstück der Senatspolitik gemacht.

Unser bundesweit beachtetes und vielfach als Vorbild anerkanntes Wohnungsbauprogramm in enger Kooperation mit der Wohnungswirtschaft im "Bündnis für das Wohnen" und mit den Bezirken umfasst inzwischen mehr als 96.000 genehmigte neue Wohnungen. Mehr als 55.000 wurden allein bis Ende vergangenen Jahres fertiggestellt, rund 14.500 davon öffentlich gefördert.

Mit rund 13.400 genehmigten Wohneinheiten seit 2011 hat der Bezirk Altona dazu einen überdurchschnittlich hohen Beitrag geleistet – wie auch die SAGA in den letzten Jahren mit jährlich allein 2.000 Baubeginnen für bezahlbare Wohnungen.

Bei alldem ist uns die soziale Komponente besonders wichtig: Jedes größere Neubauprojekt in jedem Stadtteil muss mindestens 30 Prozent geförderter Wohnungen enthalten, weil wir wollen, dass Hamburg „Eine Stadt für Alle“ bleibt.

Und der Erfolg gibt uns recht: Laut jüngstem Mieten­spiegel hat sich der Preisanstieg in Hamburg in den vergangenen beiden Jahren im Vergleich zu den vorigen Jahren halbiert und ist mit 2,6 % in zwei Jahren unter die Inflations­rate gefallen.

Das hat zu einer merklichen Entspannung auf dem Wohnungs­markt geführt, auch wenn zweifellos noch viel zu tun bleibt. Deswegen lassen wir auch in unseren Anstrengungen nicht nach, wie an vielen Stellen in der Stadt zu sehen ist.

Es entstehen aber nicht nur Wohnungen. Gleich hier um die Ecke, unweit des DESY und der Universität Hamburg, wächst, wie Sie wissen, die künftige Science City Hamburg-Bahrenfeld – die Steenkamp­siedlung war ja bereits im Wett­bewerbs­verfahren zur Bebauung der benachbarten Trabrennbahn durch ein Mitglied des Baukultur‐Ausschusses vertreten.

Als Wissen­schafts- und Technologiezentrum wird die Science City Hamburg-Bahrenfeld zu einem zentralen Ort für moderne erstklassige Natur­wissen­schaften in Deutschland sein und einen gewaltigen Qualitäts­sprung für DESY, für das Max-Planck-Institut, für die Hamburger Universität und eine Reihe weiterer Einrichtungen ermöglichen.

Ziel ist es, Spitzen­forschung auszubauen, den Strukturwandel zu gestalten und ebenso, bezahl­baren Wohnraum in gemischt genutzten Quartieren zu schaffen. Die Science City Hamburg-Bahrenfeld soll Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft enger miteinander vernetzen, und sie hilft mit, die Zukunft der kommenden Generationen zu sichern.

Meine Damen und Herren,
wo so vieles neu entsteht, wächst auch das Bedürfnis nach Vertrautheit und nach Heimat. In Hamburg ist das überhaupt kein Widerspruch.

Es gehört vielmehr zur hanseatischen Tradition, dass unsere Stadt sich immer geändert hat und positiv weiterentwickeln konnte. Wie gut das Zusammenspiel aus Bewahren und Erneuern funktionieren kann, sehen wir gerade hier in der Steenkampsiedlung.

An diesem Ort wurde vor 100 Jahren Stadt­geschichte geschrieben. Und hier wird jeden Tag aufs Neue Geschichte geschrieben – ganz unspektakulär, aber unverzichtbar für das Zusammenleben, das hier so gut gelingt: eine lebendige Alternative zur Ego-Gesellschaft.

Im Namen des Senats gratuliere ich Ihnen sehr herzlich zum 100-jährigen Bestehen und wünsche Ihnen für die Zukunft alles erdenklich Gute und heute eine schöne Feier!

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