22. Juni 2016 Sommerempfang des Anglo-German Club - Geburtstag Queen Elisabeth II

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz

Sommerempfang des Anglo-German Club - Geburtstag Queen Elisabeth II

Exzellenz,
sehr geehrter Herr Budelmann,
sehr geehrter Herr Honorarkonsul Teller,
sehr geehrte Mitglieder des konsularischen Korps,
sehr geehrte Damen und Herren,

heute ist so ein Tag, an dem wir sehr deutlich merken, dass die Gegenwart zwischen der Vergangenheit und der Zukunft aufgespannt ist. Wir alle sind sehr gespannt, wie es in der nächsten Zeit weiter geht. Wäre es nicht schön, wenn wir in unserem deutsch-britischen Geschichtsbuch mal kurz vorblättern könnten? Manche versuchen es und sagen dann Sätze wie diesen:

„England ist spielerisch stark, hat Erfahrung und gute Kondition. Ich bin mir sicher, dass England nicht ausscheidet – auch wenn manche mit dem Gegenteil rechnen.“

Das betrifft auf jeden Fall die Europameisterschaft – oder wie es jetzt so schön heißt: Die Euro.

Mir gefällt auch der folgende Satz: „Auch übermorgen wird Großbritannien noch in der EU sein“. Das ist ermunternd und juristisch wasserfest. Denn die Basis sind Verträge, die noch lange laufen.

Aber wenn es um die konkreten Ergebnisse der Abstimmung und der Spiele geht, müssen wir trotzdem abwarten: Es ist alles offen. Wir sprechen über die Zukunft, aber wir kennen sie nicht.

Nur die Vergangenheit ist bekannt. Aber auch die Vergangenheit ist dennoch nicht automatisch klar, denn Fakten müssen ja immer noch interpretiert werden.

Zum Beispiel haben britische Wissenschaftler festgestellt, dass es eine eiszeitliche Flut war, die das Gebiet der britischen Inseln vom Festland abtrennte. Vorher war das Gebiet eine Halbinsel im Nord-Westen des Kontinents. So weit so gut, aber wie ist das denn nun zu deuten? Als Beweis, dass Großbritannien zum europäischen Kontinent gehört? Oder als Beleg, dass das Meer uns getrennt hat?

Wie gut, dass wir uns in Hamburg mit Meeren auskennen. In Deutschland sind wir berühmt dafür. Ich treffe immer wieder Leute, denen ich sagen muss, dass Hamburg gar nicht am Meer liegt – ebenso wenig wie London. Und doch ist es das Meer, das Hamburg und London seit vielen Jahrhunderten verbindet.

1266 verlieh der englische König Heinrich III. den Hamburger Kaufleuten das Recht, in London Handel zu treiben. Im 15. Jahrhundert erwarben die geschäftstüchtigen Hamburger sogar ein Stück an der Themse, den Stalhof. Spätestens als im 16. Jahrhundert die britischen „Merchant Adventurers“ eine Handelsniederlassung an der Elbe errichteten, waren Hamburg und London für einander die wichtigsten Partner.

Aus der Geschichte weiß Hamburg auch sehr genau, was es heißt, wenn die Verbindungen gekappt werden. Am 21. November 1806 erreichte die Hansestadt ein Dekret [von Napoleon], in dem es hieß: „Der Handel mit englischen Waren ist verboten. (…) Kein direkt aus England oder aus den Kolonien kommendes Schiff wird in einem unserer Häfen aufgenommen". Die Wirtschaftsblockade schadete dem britischen Königreich aber sie traf vor allem Hamburg, den wichtigsten Importhafen für englische Waren. Zahllose Schiffe lagen abgetakelt im Hafen, die Wirtschaft lahmte, die Steuereinnahmen sanken rapide, die Armen wurden noch ärmer.

Viel lieber erinnern wir uns an die guten Verbindungen und die positiven Effekte britischen Engagements auf dem Kontinent. Zum Beispiel daran, dass Europa das Fußballspielen von den Briten gelernt hat. Es waren Engländer, die den Deutschen beibrachten, wie es geht und die Gründung der deutschen Fußballclubs unterstützten.
Und erinnern Sie sich noch an „Mighty Mouse“? Das ist der Spitzname von Kevin Keegan, einem der besten Fußballspieler Englands in den 1970er Jahren. Nach dem er mit dem FC Liverpool zwei Mal den UEFA-Pokal und einmal den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatte, wechselte er zu uns nach Hamburg. Mit ihm wurde der HSV Deutscher Meister und Kevin zu einem der beliebtesten Vornamen für Jungs in Deutschland.

Einem Briten verdanken wir auch, dass Hamburg als erste Stadt auf dem europäischen Kontinent Abwasser und Trinkwasser trennen konnte. Der Londoner Ingenieur William Lindley kam zu uns, um die erste Hamburger Eisenbahn, die Strecke nach Bergedorf zu realisieren, die später bis Berlin ausgebaut wurde. Er sorgte auch für die Beleuchtung der Straßen und Haushalte durch ein modernes Gaswerk. Aber seine größte Leistung war der Bau einer Kanalisation und die Versorgung der Haushalte mit Frischwasser. Er entwickelte normierte Sielrohre, zeigte den Hamburgern, wie das Brauchwasser abfließen konnte und spülte damit nicht nur den mittelalterlichen Mief, sondern auch Typhus und Cholera weg.

Auch für den Aufstieg Hamburgs als Medienstandort haben Briten die Grundlagen geschaffen. Sir Hugh Carleton Greene baute „Radio Hamburg“ auf, aus dem nach Kriegsende die öffentlichen Rundfunkanstalten in Norddeutschland entstanden. Nach britischen Vorbildern wurden auch die großen Printmedien wie Bild, Der Spiegel und Die Zeit aufgebaut.

In dieser Zeit des demokratischen Neuanfangs entstand [1948] der Anglo-German Club. Wir wissen sehr genau, wie enorm groß die Vorbehalte gegenüber den Deutschen auch noch viele Jahre nach dem Krieg waren. Dem Anglo-German Club ist es gelungen, als Botschafter beider Kulturen an die positiven Erfahrungen anzuknüpfen und die friedliche und vermittelnde Perspektive der zwischen den Nationen pendelnden Kaufleute wieder zu stärken. Heute gehen rund zehn Prozent des Exportes von Hamburger Unternehmen nach Großbritannien. Insgesamt 120 Hamburger Unternehmen sind in Großbritannien vertreten.

Für uns Hamburger ist klar: Großbritannien gehört zu unserer Geschichte, zu unserer Kultur und zu Europa. Dass uns die Briten sehr wichtig sind, habe ich auch mit der Einladung von Premier Cameron und Kanzlerin Merkel zum Matthiae-Mahl deutlich gemacht.
Wir können nicht über Großbritannien sprechen, ohne auch an das zu denken, was in Birstall (West Yorkshire) geschah: Die Politikerin Helena Joanne Cox ist in der Erfüllung ihrer parlamentarischen Aufgabe ermordet worden. Europa hat eine begabte und hoch engagierte, eine brillante Politikerin verloren. Eine Frau, die von parteipolitischen Freunden und Konkurrenten gleichermaßen geschätzt wurde.

Jo Cox war zu Fuß auf dem Weg in die Bibliothek. Sie wollte das tun, was das Herz der parlamentarischen Demokratie ist: als Abgeordnete das Gespräch mit den Wählern suchen. Schwer verletzt wurde auch ein Bürger, der ihr zur Hilfe eilte. Solche Taten sind ein Angriff auf die Demokratie.

Großbritannien hat sehr besonnen und klug reagiert. Drei Tage lang pausierten die zum Teil polarisierten Kampagnen. In die Stille nach dem Mord an Jo Cox trat eine bemerkenswerte Anerkennung gegenüber all denen, die sich für Demokratie, Parlamentarismus und die offene Gesellschaft einsetzen.
Überall in Europa begegnen wir dem Phänomen von sich verbal radikalisierten Debatten. Gewalttätige Metaphern und eine kriegerische Sprache, dazu die Leichtigkeit, mit der Drohungen im Netz verbreitet werden können, tragen zur Verrohung der politischen Auseinandersetzungen bei.

Verachtung oder unversöhnliche Härte sind Gift für jedes Gemeinwesen. Niemand, der so spricht, kann glaubhaft dafür eintreten, das Gute für die eigene Nation zu wollen. Wir müssen zusammenhalten und unsere offenen Gesellschaften gegen Miesmacher und fundamentalistische Tendenzen verteidigen. Unterschiedliche Positionen gehören zur Demokratie dazu, aber die politische Auseinandersetzung muss immer von Respekt und dem Willen zum Kompromiss getragen werden.

Die Europäische Union steht vor großen Herausforderungen. Viele unserer Bürger sind in Sorge vor den Auswirkungen von Globalisierung und immer komplexeren internationalen Finanzsystemen. Sie verlangen zu Recht, dass ihre Regierungen Strategien entwickeln, um Arbeitsplätze zu sichern, die auch den Bürgern mit kleineren Einkommen erlauben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass das ein Staat alleine genauso gut ohne die EU schaffen kann.

Wir wissen, dass die EU nicht perfekt ist. Aber die EU ist ein Kraftverstärker. Sie gibt uns Gewicht in der Welt. Kein europäischer Staat kann sich den globalen Herausforderungen entziehen. Kein europäischer Staat kann im internationalen Kontext auf die Solidarität der anderen verzichten. Für tragfähige Lösungen und wirtschaftliche Stabilität brauchen wir die Zusammenarbeit in der Europäischen Union. Und stark ist die EU vor allem gemeinsam mit den Briten.

Mit Spannung und Zuversicht erwarten wir die Entscheidung unserer Freunde zum Verbleib in der Europäischen Union. Ich setze auf den Pragmatismus, die Klugheit und die internationalen Erfahrungen des Königreichs und bin zuversichtlich, dass sich Großbritannien für Europa entscheiden wird.

Viele Stimmen werden auch aus Hamburg kommen. Über 4.000 Briten leben in unserer Stadt. Sie stützen unseren guten Ruf als britischste Stadt Deutschlands. Manche sagen sogar, Hamburg ist praktisch eine Stadt, die zum Königreich gehört. Wir wissen, das ist eine Metapher für unsere tiefe Verbundenheit.

Als Bürgermeister dieser besonderen Stadt und Ehrenvorsitzender des Anglo-German Club freue ich mich, dass wir hier auch den Geburtstag der Königin des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland Queen Elisabeth II. feiern. Ich gratuliere Ihrer Majestät und Ihrem Land und wünsche eine weiterhin erfolgreiche Regentschaft.

Egal wie es in den kommenden Tagen ausgeht: Unsere Freundschaft bleibt bestehen.

Vielen Dank!

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