22. März 2016 Verleihung der Medaille für Treue Arbeit an Shmuel Jossifoff

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Verleihung der Medaille für Treue Arbeit an Shmuel Jossifoff

Sehr geehrter Herr Jossifoff,
sehr geehrte Damen und Herren,

mit der Verleihung der Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes ehren wir heute Shmuel Jossifoff.

Sammy Jossifoff nennen die Hamburger ihn gerne.

Wir würdigen das außergewöhnliche Engagement und die treuen Dienste von Herrn Jossifoff für das Gemeinwohl der Stadt. Und ich möchte gleich ergänzen: Der Geist seines Engagements geht weit über Hamburg hinaus. Seit vielen Jahren und in ganz besonderem Maße engagiert sich Sammy Jossifoff für den interreligiösen Dialog und die Versöhnung des deutschen Volkes mit den Juden. Sein Engagement betrifft das Gemeinwohl des Erdkreises, wie die Welt auch im Talmud heißt.

Die Freie- und Hansestadt Hamburg verleiht heute die Medaille für treue Arbeit an den engagierten Hamburger Weltbürger Shmuel Sammy Jossifoff.

Meine Damen und Herren,

Antisemitismus, Judenverfolgung und religiöse Konflikte haben die Biografie von Sammy Jossifoff geprägt. Sein Vater kam aus Bulgarien, war Zahnarzt in Leipzig und Hamburg. Der drohenden Deportation konnte er durch die Flucht nach Sofia entgehen. In Bulgarien gab es eine sehr aktive Koalition aus christlichen Kreisen, die Juden aufnahmen und vor der Verfolgung schützten. Auch die Jossifoffs gehörten zu den Juden, die so gerettet wurden. Im September 1935 wurde Shmuel Jossifoff in Sofia geboren. Nach der Staatsgründung Israels wandert die Familie dorthin aus.

Jeder Israeli muss zum Militärdienst. Auch der junge Shmuel Jossifoff wird eingezogen, kämpft gemeinsam mit Drusen, Christen und Muslimen, wird verletzt. Ein Druse rettet ihm das Leben, er wiederum rettet einen Muslim.

1961 kommt er zum Studium in die Hansestadt. Den Sechs-Tage-Krieg erlebt er im hamburgischen Studentenwohnheim. Israels Politik ist dort ein großes Streitthema, scharf sind die Auseinandersetzungen mit Muslimen und Christen. Shmuel Jossifoff geht durch alle Konflikte hindurch, erklärt sich und gewinnt Freunde aus allen Religionen. „Die Voraussetzung dafür war, dass alle gesehen haben, dass keiner und keine Religion perfekt ist“, sagt er heute.

Sie, Herr Josifoff, haben Ihr Herz, Ihren Geist und all Ihre Erfahrungen genutzt, um zu zeigen: Dialog ist möglich. Versöhnung ist möglich. Unterschiede kann man akzeptieren.

Über viele Jahre und in vielerlei Weise engagiert sich Sammy Jossifoff im interreligiösen Dialog. Neben seiner Berufstätigkeit als Kaufmann ist er in Gremien aktiv, diskutiert auf Veranstaltungen und in Vorträgen, erklärt seine Sicht als Jude in Hamburg.

Zum Beispiel an der Universität: Seit über 30 Jahren arbeitet er kontinuierlich in interreligiösen Seminaren. Herr Jossifoff gehört auch zu den ersten, die die Akademie der Weltreligionen unterstützen. Mitglied im interreligiösen Expertenkreis ist er seit 15 Jahren.

Seit Mitte der 1990er Jahre widmet sich Herr Jossifoff dem Dialog auch im „Gesprächskreis interreligiöser Religionsunterricht“. Er gehört zu den Gründern des „Interreligiösen Forums Hamburg“, und er ist bis heute Mitglied. Und man kennt ihn auch als jüdischen Vorsitzenden der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Was für eine Leistung! Interreligiöser Dialog ist keine Selbstverständlichkeit. Wie oft mussten Sie Großmut und Beharrlichkeit zeigen? Wie oft verzeihen? Wie oft jungen oder unbedachten Leuten immer wieder die gleichen Dinge erklären?

Sie, lieber Herr Jossifoff haben sich mit Ihrer ganzen Person und auf vielen verschiedenen Ebenen eingesetzt. Sie haben einen ganz wesentlichen Anteil daran, dass der interreligiöse Dialog ein fester Bestandteil des Hamburger Gemeinwesens geworden ist.

Meine Damen und Herren,

die Fähigkeit zum interreligiösen Dialog ist eine zentrale Fähigkeit zum Frieden. Um sie zu erhalten braucht es einen Austausch, der nicht nur die Gemeinsamkeiten sucht, sondern auch die Differenzen benennen kann.

Die größte Differenz ist häufig die Religion selber, die Antwort auf die Frage nach dem einen, dem richtigen Glauben. Da hilft es auch nicht, gemeinsame Ursprünge zu haben. Da wo Geschichte und Orte auf Gemeinsamkeiten von Religionen verweisen, gibt es häufig die größten Konflikte. Das zeigen gerade die sogenannten abrahamitischen Religionen im Nahen Osten.

Unsere Verfassung fordert die Pluralität von Religionen. Dem Staat obliegt es, für das friedliche Miteinander religiöser und nicht-religiöser Bürger zu sorgen. Aber gelebte Religionsfreiheit braucht den interreligiösen Dialog.

Hat die Religion einen Ort für den echten Dialog mit den anderen? Wer sind die, die nicht oder anders glauben? Das Grundgesetz gibt eine klare und einfache Antwort: Es sind Mitbürger, die ihre Religionsfreiheit in Anspruch nehmen.

Aber aus der Sicht mancher Religionen und übrigens auch so mancher atheistischen Ideologie ist das schwieriger. Wer sind diese Anderen? Ungläubige, Häretiker oder Heiden? Welche Aufgabe sieht die eigene Religion für sie vor? Gibt es Alternativen zum Missionieren, Bekehren oder gar Töten – wie es in Europa das ganze Mittelalter über üblich war?

Es gibt eine ganze Reihe positiver Antworten. Die wichtigste lautet: Religiöse Toleranz, die von Religionen getragen wird, ist die Grundlage für Frieden.

Herr Jossifoff wird sicherlich auch den Shabbesgoi kennen. Shabbesgoi, so wird ein nicht-jüdischer Helfer genannt, dem als hausnahen Bediensteten oder Freund die wichtige Aufgabe zufällt, am Shabatt die Dinge zu erledigen, die untersagt sind.

Helfer aus der anderen Religion, die Andersgläubigen, die den Weg begleiten, vielleicht sogar mancher Pflicht die Schwere nehmen, die braucht auch der interreligiöse Dialog.

Die Praxis zeigt: Religionen haben das Potential, eine liberale Haltung als Teil ihres Glaubens zu tradieren. Einer, der das hier in Hamburg möglich gemacht und immer wieder befördert hat, ist Shmuel Sammy Jossifoff.

Wie groß die Anerkennung ist, die ihm dafür gebührt, zeigt allein die Koalition derer, die die Bitte um die Ausrichtung eines Senatsempfangs und die Ehrung unterstützen: Angeregt von Bischöfin Kirsten Fehrs und Professor Wolfram Weiße für die Akademie der Weltreligionen, wird die Ehrung ausdrücklich auch von der Jüdischen Gemeinde, der Evangelischen und Katholischen Kirche und der Schura als größter und gemeinsamer islamischer Religionsgemeinschaft in Hamburg mitgetragen.

Lieber Herr Jossifoff, wir feiern heute Ihr jahrelanges Engagements. Sie haben andere gewonnen, die die Aufgaben übernehmen und weiter führen.

Aber wir werden Sie nicht in Ruhe lassen: Wir wollen Sie auch weiterhin hören: Als Stimme des jüdischen Weltbürgers in Hamburg.

Vielen Dank!

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