3. Mai 2016 Eröffnung Ruhrfestspiele

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Eröffnung Ruhrfestspiele

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,
sehr geehrter Herr Tesche,
sehr geehrter Herr Körzel,
meine sehr geehrten Damen und Herren, 

es gibt Geschichten, die muss man den Kindern immer wieder erzählen, obwohl sie diese schon so oft gehört haben, dass sie die Worte mitsprechen können. In der Regel sind dies ziemlich gute und spannende Geschichten, mit einem sympathischen Helden und einem glücklichen Ende.

Die Ruhrfestspiele haben auch so eine Geschichte, in diesem Fall für Erwachsene, die man immer wieder erzählen muss: Wie da mitten im kalten Nachkriegswinter ein paar Theaterverrückte aus Hamburg mit zwei holzgasbetriebenen LKW über die A2 ins Ruhrgebiet fuhren, trotz Strafandrohung sämtliche Kontrollen der Besatzungsmächte umgingen und in der Zeche Ludwig 4/5 um Kohle für ihre frierenden Schauspieler und Zuschauer baten – und sie bekamen! – das ist eine starke Story. Mit hungrigen und großherzigen Helden auf beiden Seiten, dem Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einem guten Ende.

Das gute Ende besteht aus heutiger Sicht vor allem darin, dass die Geschichte bislang kein Ende hat, dass sie eben nicht mit dem Schließen so vieler Zechen verschwand, sondern an diesem Abend das 70. Kapitel fortgeschrieben wird.

Die Zeiten sind andere, aber die Idee des Anfangs lebt fort. Wäre in Recklinghausen in diesem Jahr denn ein anderes Schwerpunktthema als „Mare Nostrum“ überhaupt denkbar gewesen?

Undenkbar ist es jedenfalls, bei „Mare Nostrum“ zurzeit nicht an Flucht und Vertreibung zu denken.
In der Hafenstadt Hamburg hat das Meer für Schutzsuchende auch in früheren Zeiten oft eine Rolle gespielt. Denn „Tor zur Welt“ war Hamburg nicht nur für die Kaufleute. Zwischen 1850 und 1939 brachen mehr als fünf Millionen europäische Wirtschaftsflüchtlinge und Verfolgte von der Ballinstadt aus Richtung Amerika auf. Auch damals lagen Hoffnung und extremes Leid nah beieinander. Mangelernährung und ansteckende Krankheiten waren an der Tagesordnung, die Situation in den Unterkünften und in der dritten Schiffsklasse war großenteils erbärmlich. Doch was sich derzeit auf dem Mittelmeer abspielt, scheut jeden Vergleich.

Die Theater haben sich das Thema früh zu Eigen gemacht. Viele von ihnen haben Hilfe organisiert und Kontakt zu den Ankommenden aufgenommen. Vor allem aber findet auf den Bühnen die künstlerische und politische Auseinandersetzung mit Flucht, Ankunft, Fremdheit, Humanität in all ihren Facetten statt.

Meine Damen und Herren,

ich bin wirklich froh und auch ein wenig stolz, dass Hamburg gleich mit vier spannenden Inszenierungen eingeladen ist.

  • Das St. Pauli Theater nimmt die Zuschauer mit in die 50er Jahre, als die erste große Welle der Einwanderer nach Deutschland kam – „Mein bitteres Land“ ist eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen.
  • Mit denen haben sich auch die Kammerspiele zusammengetan, um eine Geschichte von Heimat- und Rechtlosigkeit zu erzählen: Der frühere Festivalchef Hansgünther Heyme, der den Ruhrfestspielen nach der Wiedervereinigung sehr vorausschauend ihre europäische Ausrichtung gab, inszeniert das Stück der türkisch-französischen Dramatikerin Sedef Ecer.
  • Das Schauspielhaus reist mit Karin Beiers Bühnenadaption des Houellebecq-Romans „Unterwerfung“ und einem umwerfenden Edgar Selge an. Karten für die Aufführung sind in Hamburg immer noch schwer zu bekommen – ich hoffe, Sie haben Ihren Platz bei der Festspiel-Aufführung schon reserviert.
  • Turbulent und sehr vergnüglich ist der „Don Giovianni“, den Antú Romero Nunes am Thalia Theater herausgebracht hat. Da wird getrunken, gesungen, geprügelt, geliebt, dass es eine Freude ist.

Diese Mischung scheint mir für das Programm der Festspiele bezeichnend zu sein. Das Thema „Mare Nostrum“ spiegelt sich auf unterschiedliche Art in vielen Stücken. Aber es beschränkt sich nicht auf das Thema der Flucht allein. Die Ruhrfestspiele zeigen, dass wir das „Mare Nostrum“ nicht den Tragödien, die sich derzeit auf dem und um das Mittelmeer abspielen, preisgeben dürfen. Der wunderbar irrwitzige Goldoni, den wir heute Abend gesehen haben, gehört genauso zur Kultur an „unserem Meer“ wie der vergnügliche „Don Giovianni“ aus Hamburg oder der Liederabend mit Joachim Król und der sizilianischen Sängerin Etta Scolo: „Parlami d´amore“ – erzähl mir von der Liebe.

Die Ruhrfestspiele mit ihrer konsequent europäischen und politischen Ausrichtung erinnern uns an die lebensbejahende und humane Tradition des Mittelmeerraumes und Europas. In gewisser Weise spornen sie uns auch an, auf allen Ebenen weiter nach humanitären Lösungen zu suchen. Für die Politik heißt das unter anderem: nach gemeinsamen, fairen Regelungen mit allen EU-Staaten. Das ist keine Frage der europäischen Solidarität, sondern der europäischen Identität.

Meine Damen und Herren,
6 Wochen Ruhrfestspiele mit 300 Vorstellungen und mehr als 100 Produktionen, darunter viele Uraufführungen, liegen vor uns. Ich freue mich sehr, dass so viele Theater zu Gast sind und wir die Tradition, die im Winter 1946 ihren Anfang nahm, fortführen.

„Eine andere, eine neue Art der Festspiele“ hat der Hamburger Bürgermeister Max Brauer sich in jenem legendären Nachkriegsjahr gewünscht, und eben kein „Salzburg des kleinen Mannes“, als welches die Festspiele immer wieder missverstanden wurden. Wer sich das 70. Programm der Ruhrfestspiele anschaut, stellt fest: Sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

Das sollten wir gemeinsam feiern. Meinen Glückwunsch zu 70 Jahren Ruhrfestspiele.
Danke für die Einladung und die lange Freundschaft zwischen Recklinghausen und Hamburg. Und alles Gute für die Zukunft.
Vielen Dank.

Danke für Ihr Interesse!

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