13. Mai 2016 Eröffnung der Dauerausstellung "Welt in Bewegung"

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Rede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Eröffnung der Dauerausstellung "Welt in Bewegung"

Sehr geehrte Frau Staatsministerin,
sehr geehrter Herr Nitschke,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

„Nach Amerika“, war das Motto von Millionen europäischen Auswanderern. „Nach Amerika“ heißt auch das kleine Restaurant hier im Auswanderermuseum. Und so beginnt auch die neue Ausstellung „Welt in Bewegung“ mit der Entdeckung von Amerika. Die großen Wanderungsbewegungen zur Kolonialisierung und Besiedlung der Neuen Welt, das sieht man hier in der Ballinstadt ganz wunderbar, waren der Auftakt der Globalisierung.

Allein in den Jahren zwischen 1820 und 1915 zog es 60 Millionen Menschen von Europa weg in die Neue Welt. Sie entflohen Armut, Hoffnungslosigkeit und verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen. Politische und religiöse Minderheiten wurden verfolgt: Juden aus Osteuropa flohen vor Pogromen, Sozialdemokraten aus Deutschland vor der Verfolgung unter Bismarckschen Gesetzen.

„Nach Amerika“ dagegen, war die Chiffre für Hoffnung. Sensationell klangen die Geschichten von Leuten, die sich hochgearbeitet hatten. Bürger, die unabhängig von Standesunterschieden als Gleiche akzeptiert werden, das gab es in Europa nicht. Heimkehrer charakterisierten Amerika als „Schmelztiegel“, der selbst Bürger verfeindeter Nationen zusammen fügte. 100 Millionen Briefe aus den Jahren zwischen 1820 und 1914 berichteten, wie es in der Neuen Welt ist, all das kann man hier erfahren.

Auswanderung zu organisieren war ein Geschäftsmodell. Albert Ballin, den die Hamburger als Reeder kennen, startete als Leiter einer Auswandereragentur, das heißt, er verkaufte Tickets für die Überfahrten.

Fünf Millionen Menschen zogen über Hamburg nach Übersee, lange war die Hansestadt nur eine Zwischenstation, weil viele Linien in anderen europäischen Häfen starteten. Katastrophale Hygienebedingungen waren die Folge. Im Sommer 1892 starben über 8.600 Hamburger und Auswanderungswillige an Cholera, die öffentliche Meinung machte russische Auswanderer für die Epidemie verantwortlich, die Grenze zum Kaiserreich und der Hafen wurden für Osteuropäer gesperrt.

Ballin erreichte, dass medizinische Kontrollen und Desinfektionsmaßnahmen an Durchgangsstationen vorgenommen wurden, finanziert von dem Norddeutschen Lloyd und der Hapag. Eine Kooperation zwischen Wirtschaft und Politik waren auch die Auswandererhallen: Auf öffentlicher Fläche errichtet, wurden sie von HAPAG gebaut und betreut. Mit sanitären Anlagen, Schlaf- und Speisesälen sowie Gebetsräumen für Juden und Christen. Es war ein gut funktionierendes und gewinnbringendes humanitäres – heute würden wir sagen Public-Private-Partnership Projekt.

Meine Damen und Herren,

aus den Passagierlisten der Reedereien entstand eine Datensammlung zur Ahnenforschung, seit 2007 vermittelt das Auswanderermuseum BallinStadt diesen Aspekt Hamburger und Europäischer Geschichte am historischen Ort. 900.000 Besucher waren in den letzten Jahren hier. Mit dem bewährten Konzept des Edutainment, also der Kombination aus Bildung und Erleben, arbeitet auch die neue Ausstellung. In allen drei Häusern geht es nun um Aus- und Einwanderung.

Und so blickt der Besucher nicht nur auf die Geschichte der Auswanderung seit dem 16. Jahrhundert, sondern vergleicht es immer auch mit den Themen von heute. Dabei gibt es viele Parallelen. Wer weiß schon, dass 1895 in der Kaffee-Halle am Amerikakai Kleidungsstücke für Auswanderer gesammelt wurden? Und sind wir nicht gleich in der aktuellen Debatte, wenn wir hören, wie sich Benjamin Franklin über die Deutschen als Integrationsverweigerer beschwerte? Neun Prozent der amerikanischen Bevölkerung waren Ende des 18. Jahrhunderts Deutsche, sie importierten deutsche Bücher, stellten deutschsprachige Schilder auf und redeten mit ihren Kindern nur deutsch. Da machte sich mancher Sorgen, ob die Deutschen denn überhaupt in der Lage seien, gute Amerikaner zu werden.

Und die Ausstellung erinnert auch daran, wie bitter die Ausreise ist, wenn sie nicht freiwillig geschieht. Kalt und karg ist der Raum, der von Vertreibung, Krieg und Verfolgung berichtet.

Der historische Abstand und das gute Konzept der Ausstellung machen die großen Linien deutlich, die sich durch alle Zeiten ziehen. Und doch hat sich auch sehr viel verändert. Zwar sagen immer noch Leute „Goodbye Deutschland“, aber meistens geht die Reise in die andere Richtung. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Hamburg wächst und das nicht nur, aber auch substantiell, durch Migration von außerhalb Deutschlands. Die Anwerbeabkommen der 50er und 60er Jahre sind Geschichte. Griechenland, Italien, Portugal und Spanien gehören zur EU. Für 500 Millionen EU-Bürger gilt das Recht auf Freizügigkeit. Europa bietet Rechtsstaatlichkeit, Religionsfreiheit und eine funktionierende Wirtschaft, das ist höchst attraktiv. Männer und Frauen von Staaten außerhalb der EU studieren hier und können - was sich leider nicht herumgesprochen hat und deshalb auch keiner weiß - relativ einfach einwandern, wenn sie einen Arbeitsplatz nachweisen, der ein gutes Einkommen erwarten lässt.

Auch Flucht und Asyl sind Themen, die die EU seit Jahrzehnten begleiten. Aber mit der millionenfachen Flucht aus den Kriegs- und Krisengebieten ist eine vollkommen neue Situation entstanden. Deutschland hat in den letzten drei Jahren etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Im letzten Jahr wurden 1,1 Millionen in Deutschland registriert. Wir sind damit für Europa in die Bresche gesprungen. Das ist auch für ein wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland sehr fordernd. Verteilt auf 28 Nationen wäre hingegen die Aufgabe deutlich leichter. Deutschland wird mit aller Macht darauf drängen, dass Europa eine gemeinsame Lösung findet. Im Rahmen einer gemeinsamen europäischen Lösung, wird Deutschland auch weiterhin Flüchtlinge aufnehmen. Die Zahlen sind etwas rückläufig, aber wir sollten uns nicht täuschen: Die Flucht nach Deutschland ist eine Realität. Wir werden auch weiterhin mit Flüchtlingen rechnen müssen.

Diese Situation verlangt von denen, die an einer stabilen, demokratischen und offenen Gesellschaft interessiert sind, ein konstruktives politisches Handeln. Wer sich zur Verantwortung Deutschlands gegenüber Flüchtlingen bekennt, muss eine realistische Politik vertreten. Wir müssen gemeinsam an tragfähigen Lösungen arbeiten. Es reicht nicht, das Gute nur zu wollen, es muss ja auch gehen.

Wir können hier, gerade auch mit Blick auf den Reeder Ballin sagen, Humanität braucht Kraft und Sachverstand und kann dabei ruhig auch wirtschaftliche Interessen berücksichtigen.

Meine Damen und Herren,

das Auswanderermuseum BallinStadt hat mit „Welt in Bewegung“ ein kluges und mutiges Konzept gewählt. Ich danke den Sponsoren Hapag Lloyd, der Aurubis, der Hamburger Feuerkasse und dem Flughafen Hamburg.

Orte, wie die BallinStadt sind wichtig für das Verständnis von Geschichte, Identitäten und dem, was Heimat genannt wird. Es waren die Generationen der Ur-Großmütter und Großtanten, die nach USA oder Australien ausgewandert sind. Es war die Generation der Väter und Großväter, die Krieg und Flucht erlebt haben. Es sind die Kinder und Enkelkinder, die Flüchtlingen helfen hier in Deutschland anzukommen. Die Geschichte der Nationen besteht aus Millionen Geschichten von Aus- und Zuwanderung. Die Welt ist in Bewegung.

Ich wünsche Ihnen, dass sehr viele Hamburger, Europäer und andere Weltbürger den Weg in die BallinStadt finden.
Vielen Dank!

Danke für Ihr Interesse!

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