27. Juni 2016 Übergabe Unesco-Urkunde Speicherstadt

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Übergabe Unesco-Urkunde Speicherstadt

Sehr geehrter Herr Bundesminister Dr. Steinmeier,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

seit fast einem Jahr beherbergt unsere Stadt ein Weltkulturerbe, und die Freude darüber ist immer noch frisch. Das mag auch daran liegen, dass Speicherstadt und Kontorhausviertel zwar als zusammenhängende Denkmäler hervorragend erhalten, aber keineswegs museal entrückt sind. An unserem Welterbe kann man nicht nur die Geschichte der Industrialisierung, der Globalisierung und der Citybildung studieren, man kann dort auch arbeiten, gut essen oder Galerien besuchen. Kurzum: Unser Welterbe ist ein selbstverständlicher Teil des städtischen Lebens.

Der Flaneur kann die architektonischen Zeitzeugen in etwa einer halben Stunde abschreiten: Vom Rathaus aus geht es zu Fuß zum Burchardplatz mit dem angrenzenden Sprinkenhof und dem Chilehaus, dem dahinterliegenden, recht sachlichen Mohlenhof und danach über den Wandrahmstieg in die Speicherstadt. Wer sich dann noch die Zeit nimmt, um von der früheren Kaffeebörse, wo wir uns jetzt befinden, zur Elbphilharmonie zu laufen, der kann den Bogen sogar ins 21. Jahrhundert erweitern.

Denn in Hamburg wuchs parallel zur Bewerbung um den UNESCO-Welterbe-Titel das größte europäische Stadtentwicklungsprojekt der Gegenwart heran. 1998, als das Chilehaus auf Platz 22 der deutschen Vorschlagsliste kam, begann die Planung der Hafencity. 2006, als die Liste um die Speicherstadt und das übrige Kontorhausviertel erweitert wurde, waren die Magellan-Terrassen bereits angelegt, das Ocean´s End war bezugsfertig, und die Elbphilharmonie stand kurz vor Baubeginn. 2014, als Hamburg den Antrag beim Weltkulturerbe-Zentrum in Paris vorlegte, war die gute Nachbarschaft zwischen alten Speichern und neuer Gegenwartsarchitektur bereits ein Hamburger Markenzeichen.

Meine Damen und Herren,

der UNESCO-Welterbe-Titel hat international ein starkes Echo hervorgerufen. Viele Medien und Hamburg-Reisende aus aller Welt sind auf die historischen Ensembles der Kontor- und Speicherhäuser aufmerksam geworden und interessieren sich für diese Architektur der Zeitenwende. Die Veränderungen der Arbeitswelt und des Alltags waren damals nicht weniger grundlegend als jene Umbrüche, die wir heute im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung erleben.

Die Industrialisierung, der Beitritt Hamburgs zum Deutschen Zollverein, die massive Erweiterung des Hafens und die Einrichtung des Freihafens hatten damals einen beispiellosen Aufschwung nach sich gezogen. Zwischen 1888 und 1913 vervierfachte sich im Hafen die Menge der verladenen und gelöschten Güter. Hamburg wuchs zum drittgrößten Hafen der Welt nach London und New York heran und benötigte entsprechende Lagerkapazitäten. Mit der Speicherstadt, zwischen 1885 und 1927 in drei Abschnitten gebaut, entstand ein supermodernes Logistikzentrum mit wohltemperierten Speichern für empfindliche Waren wie Tee, Gewürze und Kaffee, mit hydraulisch angetriebenen Winden und einem eigenen Kraftwerk, das Druckwasser und Strom bereitstellte.

Auch die benachbarten Büros – in Hamburg Kontor genannt – waren bestens mit Paternoster, Zentralheizung und elektrischer Beleuchtung ausgestattet, die Geschossflächen flexibel aufteilbar, um sie wechselnden Mietern anzupassen.

Die Ikone dieser neuen Offenheit und Liberalität ist zweifellos das Chilehaus, das Fritz Höger nach dem Ersten Weltkrieg in atemberaubender Geschwindigkeit baute: In nur zweieinhalb Jahren wurden ab 1922 „750 Güterwagen Zement angeliefert, 30.000 cbm Kies verbraucht, 1.600 Tonnen Rundeisen und 900.000 Deckenhohlsteine vermauert“, wie man nachlesen kann. [„Hamburg und seine Bauten“, Ausgabe 1918 bis 1929] Dabei war das Grundstück – durch die Fischertwiete in ungleiche Teile zerlegt und in einem stumpfen Dreieck endend –, für den Architekten im Grunde eine Zumutung. Höger machte das Beste daraus: Die schiffsbugartig zulaufende Gebäudespitze gehört seither zu den Wahrzeichen der Stadt.

Durch den Bau von Speicherstadt und Kontorhausviertel wurden Arbeiten und Wohnen erstmalig konsequent getrennt – mit den bekannten Konsequenzen. In der Innenstadt sank die Einwohnerzahl zwischen 1880 und 1937 von 171.000 auf 68.000. Allein für die Errichtung der neuen Speicher mussten etwa 16.000 Hamburgerinnen und Hamburger ihre Wohnungen verlassen. Dieser Auszug der Bevölkerung aus den Zentren setzte sich mit dem Bau des ersten reinen Büroviertels in Europa fort und hat seither fast alle Städte erfasst. Ein Prozess, den wir erst seit einigen Jahren allmählich wieder umkehren, was man auch in der Hafencity, wo neben den Büros wieder gewohnt wird, gut sehen kann.

Meine Damen und Herren,
lieber Frank-Walter Steinmeier,

die Speicherstadt werde „ein bleibendes Denkmal der vor unseren Augen vollzogenen Umwälzung bilden“, hieß es schon in der Einweihungsurkunde. So ist es gekommen, wie das Welterbe-Komitee in seiner Begründung bestätigt: Speicherstadt und Kontorhausviertel versinnbildlichen „bedeutsame Abschnitte der Menschheitsgeschichte“, heißt es dort – eine Begründung, die wir als Verpflichtung verstehen, diese „Menschheitsgeschichte“ in Hamburg weiterzuerzählen. Wir nehmen die Verantwortung, die mit der Unesco-Urkunde einhergeht, gerne an.

Bei Nutzern und Eigentümern wissen wir die UNESCO-Stätten in guten Händen. Viele haben das Antragsverfahren über Jahre unterstützt. Chilehaus, Sprinkenhof, Meßberghof und Mohlenhof sind sensibel restauriert worden, mit viel Verständnis für die architektonische und historische Bedeutung. Auch die HHLA kümmert sich seit langem intensiv um den Erhalt und die Nutzung der Speicherstadt. Wo keine Waren mehr gelagert werden, ziehen Kultur und Kreativwirtschaft, Büros und Gastronomie ein. So bleibt das Erbe lebendig und der Fortbestand beider Quartiere gesichert.

In wenigen Tagen nimmt unser Welterbe-Koordinator seine Tätigkeit auf. Er wird das Welterbe-Informationszentrum, mit dessen Planung wir gleich nach der Verleihung des Titels begonnen haben, aufbauen. Das Interesse an der Speicherstadt und den Kontorhäusern ist durch den Welterbe-Titel weiter gestiegen, und wir wollen schnell Angebote zur Vermittlung machen, die der erhöhten Aufmerksamkeit entsprechen.

Unseren ersten Welterbe-Titel verstehen wir in Hamburg auch als Ermutigung, uns mit weiteren Kulturdenkmälern zu bewerben. Der jüdische Friedhof Altona steht bereits für eine Nominierung im Jahr 2017 auf der deutschen Vorschlagsliste. An den UNESCO-Antragsunterlagen arbeitet das Denkmalschutzamt derzeit auf Hochtouren. Auch die Hamburger Sternwarte soll bei der nächsten Gelegenheit noch einmal für die deutsche Vorauswahl angemeldet werden.

Wir erleben heute wieder eine Zeit des Umbruchs, was sich bei uns unter anderem in ungewöhnlich vielen Baustellen niederschlägt. Hamburg verändert sich rasant. Es ist wichtig, diese Entwicklung historisch einzuordnen. Wir wollen verstehen, wie wir wurden, was wir heute sind. Und wir wollen dieses Wissen weitergeben. Der UNESCO-Welterbe-Titel bestärkt und unterstützt uns in diesem Anliegen.

Lieber Frank-Walter Steinmeier, wir fühlen uns geehrt durch die UNESCO-Urkunde und freuen uns sehr.

Vielen Dank.

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