28. Juni 2016 Feier 65 Jahre Institut français

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Feier 65 Jahre Institut français


Sehr geehrter Herr Botschafter,
sehr geehrter Herr Generalkonsul,
sehr geehrter Herr Puginier,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Jahr 1951, das Gründungjahr des Institut français, war für Hamburg ein Jahr des Aufbruchs. Zwar waren die Belastungen für die Bürger und die Stadt enorm und man sah noch überall die Kriegsschäden. Auch fehlten 225.000 Wohnungen, denn die Einwohnerzahl hatte sich nach Kriegsende von 800.000 auf 1,6 Millionen verdoppelt. Aber die U-Bahn fuhr wieder flüssig und überall wurden neue Wohnungen, öffentliche Gebäude und Fabriken aufgebaut.

Besonders wichtig aber war für Hamburg, dass Deutschland und Frankreich sich vorsichtig annäherten. Denn nur auf dieser Grundlage konnte die Bundesrepublik Stück für Stück als Mitglied der demokratischen Staaten in Europa anerkannt werden. Dieser großartige Schritt zeigt sich für Hamburg an zwei historischen Ereignissen: Im Januar 1951 wurde der Schiffbau freigegeben, endlich konnten die Werften wieder arbeiten. Und im April 1951 stiftete der Französische Staat das „Institut français de Hambourg“.

Beide Ereignisse verbinden auch den Hamburger Bürgermeister Max Brauer und André François-Poncet, der bis 1949 französischer Hoher Kommissar der Alliierten und dann der erste Botschafter Frankreichs in Deutschland war.

Über Jahre hatte Max Brauer bei den Besatzungsmächten für die Freigabe des deutschen Schiffsbaus geworben. „Gebt uns die Hochseeschifffahrt frei!“, hatte der Hamburger Bürgermeister auch anlässlich des Besuchs von André François-Poncet auf dem Hamburger Überseetag 1950 betont.

Man kannte Max Brauer in Paris als glaubwürdigen Vertreter des demokratischen Deutschlands, er war ein Vordenker der europäischen Integration. Sein Wort hatte Gewicht, und er wurde nicht müde, in seinen Reden immer wieder die Bedeutung der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zu betonen:

„denn das freiheitsliebende demokratische Frankreich hat ebenso wie mir persönlich vielen Deutschen, die vor dem Regime des Nationalsozialismus fliehen mussten und außer Landes gezwungen wurden, so bereitwillig und gastfreundlich ein Asyl gewährt wie nur wenige andere Länder Europas. Das werden wir dem ritterlichen französischen Volke nie vergessen.“ [Rede Überseetag 1950]

Max Brauer glaubte an die europäische Idee als Verwirklichung der Werte der französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Er bekannte sich zur deutsch-französischen Verständigung und formulierte die Hoffnung: „vielleicht ist gerade das weltoffene Hamburg der Ort an dem diese Meinung innerhalb Deutschlands am nachdrücklichsten ausgesprochen werden kann, auch und gerade Frankreich gegenüber, für dessen Geist Hamburg eine so große Empfindlichkeit besitzt.“

In Hamburg war das Bedürfnis besonders groß, die seit 1933 bestehende Abschottung gegenüber Frankreich zu überwinden. Schon 1947 war auf Initiative von Erich Lüth, dem Pressesprecher des Hamburgischen Senats, die deutsch-französische Gesellschaft Cluny gegründet worden. Dass auch der französische Staat die Verbindung zu Hamburg in besonderer Weise anerkennt, zeigte André François-Poncet 1951 mit der Stiftung für ein Institut francais. Noch im selben Jahr konnte Max Brauer das gleichnamige Institut in der Heimhuder Straße 55 feierlich eröffnen.

Mit der Gründung des Institut français wurde ein neues Kapitel in den Hamburgisch-französischen Beziehungen aufschlagen. Die offizielle Kulturvertretung machte unsere Stadt zu einem Standort französischer Kultur, endlich konnten die Bürgerinnen und Bürger wieder Französisch lernen und an die Tradition der friedlichen Verbindungen zu Frankreich anknüpfen. Das Institut schickte dann auch gleich die Besten nach Hamburg: Ende der 1950er war es ein damals noch eher unbekannter Franzose, dessen Schriften für viele junge Leute eine Orientierung im Weltverständnis wurden: Von 1959 bis 1960 war Michel Foucault Leiter des Institut français in Hamburg.

Seit 65 Jahren repräsentiert das Institut die französische Welt hier in der Hansestadt. Es hat das Frankreichbild unzähliger Hamburger geprägt. Und der Einfluss geht weit über unsere Stadtgrenzen hinaus. Auch Schleswig-Holsteiner und Niedersachsen berichten, wie wichtig das Institut für ihren Lebensweg war. Sie erinnern sich vielleicht: Vor Erasmus und der Öffnung der Grenzen war die Prüfung hier für junge Leute aus Norddeutschland der einzige Weg, um in Frankreich studieren zu können.

Das Institut français ist eine verlässliche Institution für alle, die Frankreich mögen, die Frankreich kennen lernen oder professionell mit Frankreich zusammen arbeiten wollen. Hier wird das Frankreich von heute gezeigt und Lernen interessant gemacht. Es gibt Angebote für Lehrende, die Filme zeigen wollen ebenso wie für Jugendliche, die sich mehr für die sportliche Wettbewerbe interessieren. Und wer bei französischer Kultur an „Die drei Musketiere“ oder „Die fabelhafte Welt der Amélie“ denkt, dem empfehle ich, sich in der Bibliothek des Instituts die neuen französischen TV-Serien auszuleihen.

Auch mit der Behörde für Schule und Berufsbildung arbeitet das Institut français sehr erfolgreich zusammen. Ich denke zum Beispiel an den Jugend-Literaturwettbewerb, bei dem Schülerinnen und Schüler entscheiden, welchen Autor sie besonders gut finden; der Preisträger wird dann auf der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Immer mehr Fans hat auch Karambolage. Wenn Sie wieder einen der kurzen und ganz besonderen Filme auf Arte sehen, wissen Sie, was ich meine. Die Kurzfilme werden von deutschen und französischen Schülern gedreht, jeder kann sein Video einsenden. Auch im kommenden Jahr gibt es wieder einen Karambolage- Wettbewerb, ich werde als deutsch-französischer Kulturbevollmächtigter die Schirmherrschaft übernehmen.

Mit kontinuierlichem Engagement und immer wieder neuen Angeboten hat sich das Institut français eine wichtige Position im großen Netz der deutsch-französischen Initiativen erarbeitet. Ich gratuliere Ihnen für diese Leistung und möchte Ihnen im Namen der Stadt Hamburg ganz herzlich danken!

Als ich im Jahr 2015 das Amt des Kulturbevollmächtigten für die deutsch-französische Zusammenarbeit übernommen habe, wusste ich, Hamburg ist ein sehr guter Standort für diese Aufgabe. Es gibt diese bemerkenswerte Tradition und ein immer dichteres Netz von sehr aktiven deutsch-französischer Beziehungen. Hamburg kann sehr stolz darauf sein, wie gut wir dieses Erbe weiter geführt haben: Seit Jahren haben wir gute und stabile Französisch-Lerner Zahlen. In Hamburg lernen seit 1992 in jedem Jahr durchschnittlich fast 30.000 Schülerinnen und Schüler Französisch. Manche machen sogar das doppelte Abitur, das für Deutschland und Frankreich gilt, das Abibac. Wir haben mit dem Kulturfestival arabesque ein großes und einmaliges Kulturprogramm. 15.000 Französinnen und Franzosen leben in Hamburg. Wir haben Hamburg Accueil, die Begrüßungsinitiative für die nach Hamburg kommenden Französinnen und Franzosen und die „Amicale de Hambourg“, den deutsch-französischen Geschäftsleutekreis. Viele Museen haben spezifische Angebote und die Kunsthalle hat sich mit der Sonderausstellung zu Manet selbst noch einmal übertroffen. Ich weiß, Sie alle setzen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Kreativität für die deutsch-französische Idee ein.

Heute ist es selbstverständlich, dass sich Frankreich und Deutschland auch in fachlicher Hinsicht an einander orientieren. So schauen sich unsere Sachverständigen zum Beispiel auch an, wie im Partnerland soziale, wirtschaftliche und bildungspolitische Reformen aussehen. Immer wichtiger werden die Austauschprogramme im Rahmen der beruflichen Ausbildung. In diesem Bereich ist Hamburg für viele ein Vorbild: Als Bevollmächtigter werde ich immer wieder nach dem Konzept der Jugendberufsagentur und nach dem Programm zur Ausbildungsvorbereitung für Migranten AvM Dual gefragt. Wir tauschen eben nicht nur Güter, sondern immer auch Erfahrungen aus.

Die deutsch-französische Freundschaft, trägt, wie Max Brauer sich das gewünscht hat, das Projekt der europäischen Einigung. Frankreich ist Deutschlands engster und wichtigster Partner.

Die stabile und leidenschaftliche Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist ein politisches Wunder. Sie erinnert uns immer wieder daran, dass es unsere Aufgabe als Europäer ist, den Frieden auf dem europäischen Kontinent zu gewährleisten. Wir wissen, dass wir dieses Wunder vielen einzelnen Schritten verdanken: dem Binnenmarkt, den engen wirtschaftlichen Verflechtungen, der Freizügigkeit der europäischen Bürgerinnen und Bürger, den großartigen Programmen wie Erasmus und den nicht nachlassenden Anstrengungen, die Sprachen unserer Nachbarländer zu lernen.

Mit dem Referendum im Vereinigten Königreich ist eine neue Herausforderung auf die Europäische Union zugekommen. Das Ergebnis ist enttäuschend, sollte uns aber nicht entmutigen. Die Bande zwischen Europa und Großbritannien sind nicht abgerissen, wir werden andere Form der Zusammenarbeit finden.

Eine Mehrheit der Briten hat ihre Stimme gegen die Folgen der Globalisierung abgegeben. Das Votum gegen die europäische Integration ist getragen von dem Wunsch, mehr Handlungsmöglichkeiten durch den eigenen Staat zu gewinnen. Der Wunsch nach mehr Gestaltungsmöglichkeiten ist verständlich und richtig. Aber wir dürfen nicht vergessen: Aus der globalisierten Welt kann man nicht austreten. Staaten können den Gang der Dinge und das heißt hier – der Globalisierung – nur im Sinne ihrer Bürgerinnen und Bürger beeinflussen, wenn sie sich zusammentun. Die EU ist ein Kraftverstärker, mit dem die europäischen Nationen überhaupt erst die nötige Handlungsmacht gewinnen.

Dass die Bürgerinnen und Bürgern der EU ihre Institution nicht als Instrument der Einflussnahme in der globalisierten Welt sehen, ist allerdings ein Problem. Das muss sich ändern. Eine veränderte Inszenierung wird nicht reichen, es geht auch um die Politik. Die EU ist stark, wenn sie von ihren Bürgerinnen und Bürgern verstanden und getragen wird.

Mehr Demokratie nach innen und nach außen handlungsfähig, das ist die EU, für die wir uns gemeinsam mit unseren französischen Freunden einsetzen.

Meine Damen und Herren,
die europäische Zusammenarbeit lebt von Persönlichkeiten wie Ihnen, von Ihrem Engagement und Ihren Erfahrungen. Sie tragen die Netzwerke, binden junge Menschen ein und geben die Werte der deutsch-französischen Freundschaft, der Verständigung und der europäischen Zusammenarbeit an die kommenden Generationen weiter.

Menschen wie Sie sind das Herz Europas.

Machen Sie weiter so!

Vielen Dank!
 

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