15. Juli 2016 Einbürgerungsfeier

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

35. Einbürgerungsfeier

Einbürgerungsfeier

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren

Willkommen im Hamburger Rathaus, willkommen im prächtigsten Saal unserer Stadt! 

Wenn Sie sich umschauen – was Sie vermutlich längst getan haben –, dann sehen Sie, dass der Große Festsaal mit den wandfüllenden Gemälden und beeindruckenden Kronleuchtern seinem Namen alle Ehre macht. Aber nach meiner Erfahrung wird der Festsaal erst so richtig schön, wenn die Gäste hinzukommen, feierlich gestimmt und meist ebenso gekleidet. Und – ich verrate mal ein kleines Geheimnis – am allerschönsten finde ich es hier, wenn auch Kinder und Jugendliche anwesend sind. Deshalb geht an Euch ein besonderes Willkommen. Schön, dass Ihr heute dabei seid!

Der große Festsaal ist für die wichtigen Anlässe im Rathaus reserviert, für Staatsempfänge zum Beispiel oder für die traditionelle Matthiae-Mahlzeit, das älteste Gastmahl der Welt. Und für unsere Einbürgerungsfeiern. Daran sieht man schon, wie wichtig die Stadt ihre Bürgerinnen und Bürger nimmt – die eingebürgerten wie übrigens auch die eingeborenen.

Wenn man sich die Hamburger Geschichte anschaut, ist das nicht sonderlich überraschend. Denn in Hamburg gaben schon zu Zeiten der Hanse die Bürgerinnen und Bürger und nicht Adelige oder Monarchen, wie woanders üblich, den Ton an. Bereits 1410 wurden die politischen Rechte der Bürgerschaft schriftlich festgelegt. Deshalb werden in der Außenfassade des Rathauses auch die bürgerlichen Tugenden dargestellt – und zwar über den Kaisern. Und deshalb heißt das Hamburger Landesparlament bis heute Bürgerschaft.

Die Hamburgische Bürgerschaft hat zurzeit 121 Abgeordnete, die in der Mehrzahl, was viele nicht wissen, neben ihrer Tätigkeit als Volksvertreter einem erlernten Beruf nachgehen. Unsere Parlamentarier sind Kaufmann oder Ingenieur, Buchhändlerin oder Steuergehilfin, Jurist oder Lehrer, Rentnerin oder Möbeltischlerin und manches andere. Viele heißen typisch deutsch Schneider oder Meyer, Müller oder Möller, Schmidt mit -dt oder Schmitt mit doppel-t. Es gibt aber auch zahlreiche Namen wie Abaci, Bekeris oder Ilkhanipour, die auf familiäre Wurzeln außerhalb Deutschlands hindeuten.

Woran man Zweierlei sieht:

  • Erstens: Sie alle, deren Einbürgerung wir heute feiern, sind mit Ihrer Migrationserfahrung in guter Gesellschaft. In Hamburg hat etwa jeder und jede Dritte Wurzeln in einem anderen Land.
  • Und, zweitens: Sie können und sollten sich einbringen. Denn wer für seine Anliegen eintritt, der hat auch Aussicht auf Erfolg. Das gilt nicht nur für politische Ämter, sondern in allen Bereichen des öffentlichen Lebens mit seinen durchgehend demokratischen Strukturen. Ob als Vorstand im Verein, im Betriebsrat oder in der Elternvertretung – man kann wählen, gewählt werden und mitbestimmen, wie die Dinge laufen.

Das ist wichtig zu wissen: dass man bei uns etwas erreichen kann, wenn man sich anstrengt, privat wie gesellschaftlich. Wir unterstützen die, die sich Mühe geben, damit sie einen Schulabschluss machen, eine Wohnung oder einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz finden. Auf der anderen Seite verbindet sich mit der Staatsbürgerschaft auch die Idee, sich für die Angelegenheiten der Gemeinschaft zu interessieren und einzusetzen – ganz unabhängig davon, wann und wie man Deutsche oder Deutscher geworden ist.

Meine Damen und Herren,

wir freuen uns sehr, dass Sie sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben – und ein wenig verstehen wir dies auch als Kompliment an unser Land, an ihr Land. Dass Sie Vertrauen in die deutsche Demokratie setzen, wird diese stärken. Und indem Sie Vertrauen schenken, werden Sie selber an Vertrautheit mit Ihrer neuen oder vielleicht auch gar nicht mehr so neuen Heimat gewinnen. 

Die meisten Menschen haben nicht nur eine Heimat, sondern verschiedene Bezugspunkte in ihrem Leben. Das gilt auch für jene, die als Deutsche hier geboren wurden. Eine thüringische Großmutter, ein Austauschjahr in Frankreich, eine Vorliebe für orientalisches Essen oder indische Musik können solche Bezugspunkte sein. Die Globalisierung hinterlässt im Leben eines jeden ihre Spuren, so dass die ursprüngliche Herkunft für unser Selbstverständnis ein Merkmal unter mehreren ist.

„Eine Herkunft im klassischen Sinne hat heute niemand mehr, sosehr wir auch daran festhalten – hoffentlich aber eine Zukunft“, sagt der deutsche Soziologe Armin Nassehi. Damit ist keine Abkehr von dem gemeint, was uns vertraut, lieb und teuer ist. Wer zum Beispiel einem beruflichen Angebot in ein anderes Land folgt, in dem er fortan gerne lebt, wird trotzdem weiterhin mit den Geräuschen und Gerüchen seiner Kindheit ein gewisses Gefühl von Heimat verbinden. Und selbstverständlich wird er oder sie vielleicht bestimmte mitgebrachte Traditionen weiter pflegen. Doch es kommen auch neue Gewohnheiten und Überzeugungen hinzu. Wir wissen aus Erfahrung, dass Herkunft und kulturelle Unterschiede an Bedeutung verlieren, sobald jemand in einem anderen Land eine Arbeit und eine Lebensperspektive gefunden hat.

Deshalb wundert sich Armin Nassehi ziemlich darüber, wenn sein Nachname mal wieder Fragen aufwirft. Der Münchner Professor hat nur entfernt eine Migrationsgeschichte. Nassehi hat eine schwäbische Mutter und ist in Tübingen geboren. Lediglich sein Vater ist zugewandert, er kam bereits 1954 zum Studium aus dem Iran nach Deutschland.

So ist es oft: Die Übergänge sind fließend. Das ist die Lebensrealität, auch wenn bestimmte Gruppierungen hartnäckig in einem Entweder-Oder-Schema verharren. Es ist wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, wie Integration tatsächlich funktioniert – so gut funktioniert, dass sich die Frage nach den Namen, deren Aussprache für den ein oder anderen noch einiger Übung bedarf, bald erübrigen wird.

Aber auch wenn die Übergänge fließend sind, bleibt die Einbürgerung ein Einschnitt. Sie ist für beide Seiten eine verbindliche Entscheidung. Als deutscher Staatsbürger, als deutsche Staatsbürgerin haben Sie nun dieselben Rechte wie alle anderen in diesem Land. Sie gehören zu Deutschland und damit auch zu Europa. Mit dem neuen Pass können sie in allen Ländern des sogenannten Schengen-Raumes frei reisen und arbeiten – das ist eine ungeheure Errungenschaft. Es ist wichtig, sich für dieses friedliche und freie Europa stark zu machen. Davon sind wir besonders in Hamburg überzeugt, wo sich mit der Hanse vor mehr als 800 Jahren ein erstes europäisches Bündnis bildete.

Liebe Ehrengäste,

in unserer komplexen, hochtechnisierten Gesellschaft ist die größte Hürde nicht die Herkunft, sondern unzureichende schulische und berufliche Bildung. Deshalb möchte ich es noch einmal betonen: Nutzen Sie Ihre Chancen. Wir haben in Hamburg viele Wege der Förderung eingerichtet: für Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen oder einen erweiterten Abschluss anstreben, für Frauen und Männer, die nach einer Familienphase in den Beruf zurückkehren, für Selbständige, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Ob Handwerksbetrieb oder innovatives Startup – in Hamburg finden Sie Unterstützung und auch viele Gleichgesinnte. 

Aber nun wollen wir erst einmal Ihre Einbürgerung gebührend feiern. Behalten Sie den Tag in guter Erinnerung und erzählen Sie weiter, welche Schritte man gehen muss, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben. Kein anderes Bundesland hat, gemessen an der Gesamtbevölkerung, in den vergangenen Jahren so viele Einbürgerungen gehabt wie Hamburg – aber es können trotzdem gerne noch mehr werden.

Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg gratuliere ich Ihnen herzlich zur Einbürgerung!

Vielen Dank.
 

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