Senatskanzlei

19. Juli 2016 Trauerfeier für den Ehrenbürger Helmut Greve

Trauerrede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Trauerfeier für den Ehrenbürger Helmut Greve

Sehr geehrte Frau Professor Greve,
sehr geehrte Angehörige und Freunde der Familie,
sehr geehrte Damen und Herren.

Hamburg trauert um Helmut Greve. Wir haben einen vorbildlichen Unternehmer und einen bemerkenswerten Hamburger verloren. Mit großem Respekt denken wir an den Ehrenbürger dieser Stadt, den Ehrensenator der Universität Hamburg und den Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.

Helmut Greve kommt aus einer alten hanseatischen Familie. Zu seinen Vorfahren gehören die van der Smissens, die wie viele Mennoniten (im 17. Jahrhundert) die Spanischen Niederlande verlassen mussten. Norddeutschland und besonders Altona boten hingegen die „Große Freiheit“, das heißt: Rechtssicherheit, Unternehmerfreiheit und religiöse Toleranz. Viele Fachleute wie etwa Schiffbauer und Handwerker kamen hierher. Die van der Smissens hatten später eines der größten Handelshäuser, sie gehörten zu denen, die Altona aufbauten.

Vielleicht war es die Erinnerung an diese niederländische Tradition des Schiffbaus, denn Helmut Greve begann seine berufliche Laufbahn als Ingenieur-Praktikant bei der Hamburger Stülcken-Werft. Die Ausbildung konnte er nicht beenden, denn er wurde zur Kriegsmarine eingezogen. Aber er hatte auch Glück: In Wesel am Niederrhein lernte er eine junge Frau namens Hannelore kennen, 1944 heirateten die beiden.

Sechzig Jahre später, zur Goldenen Hochzeit (1994), waren die beiden immer noch ein Paar, und die Hamburger sprechen anerkennend von „den Greves“, denn sie wissen, alle wichtigen Entscheidungen treffen die beiden gemeinsam. Und noch einmal 10 Jahre später, als Hannelore und Helmut Greve 2004 hier im Michel ihre diamantene Hochzeit feierten, konnte man auch die eine oder andere Geschichte über das Kennenlernen erfahren. Zum Beispiel, dass schon der junge Helmut Greve ein „ausgefallener Typ“ war und wie äußerst schwierig sich die Fahrt zum Hochzeitstermin mitten im Krieg gestaltete. 

Nach dem Krieg begann Helmut Greve noch einmal von vorne: Er holte das Abitur nach, studierte Jura, schloss mit einer Promotion ab und wurde Unternehmer: Zwei Grundstücke hatte ihm sein Vater hinterlassen, Gelände in Altona voller Trümmer, und nichts deutete darauf hin, dass sie das Startkapital für eine der großen Unternehmerkarrieren Hamburgs werden sollten. Weil die Wohnungsnot dramatisch war, begann Helmut Greve damit, Wohnungen zu bauen. Die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs schätzen ihn noch heute dafür: So liest man im Kondolenzbuch, das wir im Rathaus ausgelegt haben, zum Beispiel: „Durch Sie habe ich meine erste Wohnung bekommen. 1964. Vielen Dank.“

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands erweiterte er das Geschäftsfeld, es kamen Büro- und Gewerbeimmobilien, Einkaufszentren und in neuester Zeit Altenresidenzen dazu. Helmut Greve war ein sehr erfolgreicher, aber wahrlich kein typischer Immobilienunternehmer: Er spekulierte nicht. Gefragt, was denn sein Erfolgsrezept sei, antwortete er hanseatisch und klug: eigene Entscheidungen, ein bescheidener Lebensstil und der Leitsatz: Den Grund und Boden kaufen, selbst bauen und die Häuser nie verkaufen.
Sein Fundament war eine sittliche-moralische Haltung. Helmut und Hannelore Greve haben das Erworbene stets als ein anvertrautes Gut betrachtet, das sorgfältig zu verwalten ist und erst in seinem aktiven Bezug auf das Gemeinwohl auch verdientes Eigentum ist.

Die Haltung speist sich auch aus der Familientradition Helmut Greves. Er wirkte im Vorstand der Internationalen Mennonitischen Organisation und gründete gemeinsam mit seiner Frau den Verein „Aus großer Freude“. In Paraguay, wo es ein von Mennoniten gegründetes zweites Hamburg gibt, kaufte er Grundstücke, überließ sie Indigenen und finanzierte medizinische Betreuung und Bildung.

Helmut Greve hat immer wieder betont, dass er weiß, was es bedeutet, die große Chance zu haben, in einem demokratischen Gemeinwesen zu leben, das Eigentum und Unternehmertum ermöglicht. Von diesem Lebensglück wollte er so viel wie möglich zurückgeben. Man könnte auch sagen, der Jurist Greve wusste, dass „Eigentum verpflichtet“, und der Unternehmer Greve zeigte, was das bedeutet.

Hamburg kennt Hannelore und Helmut Greve vor allem als große und großzügige Förderer von Wissenschaft, Kunst und Kultur.

Ihr Engagement begann in den 1980er-Jahren mit der Gründung der „Dr. Helmut und Hannelore Greve-Stiftung für Wissenschaften und Kultur“. Die 1994 gegründete Hamburgische „Stiftung für Wissenschaften, Entwicklung und Kultur, Helmut und Hannelore Greve“ unterstützt exzellente Forschung. Alle zwei Jahre wird der Hamburger Wissenschaftspreis durch die Akademie der Wissenschaften in Hamburg verliehen. Der Preis wurde 2009 erstmals vergeben und ist der höchstdotierte einer deutschen Wissenschaftsakademie.

Die Greves ermöglichten die Gründung der Akademie der Wissenschaften in Hamburg durch die Anschubfinanzierung des Grundhaushaltes in den ersten drei Jahren. Das Universitätsklinikum Eppendorf erhielt eine Stiftungsprofessur zur Erforschung seltener Erkrankungen. Greve förderte die Arbeit der Joachim Jungius-Gesellschaft, finanzierte Stipendien für Studierende aus Ungarn, das Bibliotheks- und Verwaltungsgebäude für die Hochschule für Musik und Theater, eine Stiftungsprofessur für die Arbeitsstelle zur Theologie der Friedenskirchen ebenso wie den Ausbau onkologischer Stationen am UKE.

Kaum jemand weiß, wie umfangreich und generös Helmut Greves Engagement für die Wissenschaft gewesen ist. Seit 1995 ist Helmut Greve Ehrensenator der Universität, 2000 erhielt er den Ehrentitel „Professor“. Er hat das stets mit der Hoffnung und Zuversicht auf die Weiterentwicklung von Forschung und Lehre verbunden. Er wusste, dass die Universität, stetig weit über ihre finanziellen Möglichkeiten hinaus gefordert ist.

Weit über die Stadtgrenzen der Freien und Hansestadt hinaus bekannt wurde die Schenkung der beiden Flügelbauten für die Universität Hamburg. Die Entscheidung fiel 1994, damals standen rechts und links des Hauptgebäudes Holzbaracken, die in den 1970er Jahren provisorisch errichtet wurden, um Platz für Jurastudierende eines reformierten Studiengangs zu schaffen. Dank der Schenkung Greves konnten 2002 die uns heute so vertrauten Flügelbauten fertig gestellt werden.

In dieser Zeit begannen auch die Planungen zur Elbphilharmonie, und wenn Sie die Chronologie lesen, wissen Sie, wie viel Musik wir in Hamburg den Greves verdanken. Schon die ersten Entwürfe für das Konzerthaus begeisterten das Ehepaar Greve, das mit einer sehr großzügigen Spendenzusage den Bau des Konzerthauses vorangebracht hat. Das Hauptfoyer im 13. Stock wird deshalb den Namen „Helmut und Hannelore Greve Foyer“ tragen. Wir haben uns alle gewünscht, dass Helmut Greve an ihrer Eröffnung teilhaben kann.

Der Verdienst eines Menschen, so hat es Helmut Greve anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde einmal gesagt, müsse an dem gemessen werden, was er an Gutem getan hat. Und hat auch relativiert: Das Messen an den Werten bringe (Zitat) „die Gefahr der hybriden Überschätzung der eigenen Leistung und könnte verdrängen, wie unser Schicksal und unser Glück abhängig sind vom Wohlwollen anderer Menschen und von Umständen, auf die wir keinen Einfluss haben.“ Und er zitiert aus dem Lukas-Evangelium: „Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

Helmut Greve ist ein bedeutender Sohn der Stadt. Überall in Hamburg sieht man sein Lebenswerk, denn sein Leben bestand aus Taten.

Vielen Dank!