18. Juli 2016 Senatsfrühstück für Fotograf F.C. Gundlach

Symbol für Leichte Sprache
Leichte Sprache
Symbol für Gebärdensprache
Gebärdensprache
Vorlesen
Symbol für Drucken
Drucken
Artikel teilen
Danke für Ihr Interesse!

Ich wünsche eine Übersetzung in:

Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Senatsfrühstück für Fotograf F.C. Gundlach

Sehr geehrter Herr Professor Gundlach,
sehr geehrter Herr Dr. Otto,
sehr geehrte Damen und Herren,

was sieht der Fotograf, wenn er auf die Alster oder zu den Gästen schaut? Was würde Ihr Interesse finden, wenn Sie, Herr Professor Gundlach, jetzt eine Kamera zur Hand nähmen? Und was hätte das, was auf Ihren Fotos zu sehen wäre, mit dem zu tun, was jeder einzelne hier im Raum gerade wahrnimmt?

Die Fotografie ist eine Möglichkeit, den Augenblick festzuhalten und sichtbar zu machen.
Den Augenblick des anderen, wie er sich im Bruchteil einer Sekunde manifestiert.

Den Augenblick, wie er gesehen werden kann. Denn dass das Dokumentarische auch etwas Subjektives ist und das Authentische möglicherweise eine Fiktion, darauf haben Sie immer wieder hingewiesen.

Und vor allem darauf, dass Fotografie Kunst ist. Kunst nicht nur in Bezug auf das Handwerk, sondern auf das geschaffene Werk, das künstlerisch ein Werk an sich ist.

Was der Fotograf F.C. Gundlach an diesem Vormittag sieht? Wir werden es wohl nicht erfahren, denn heute sind Sie unser Gast, und wir stellen unsere Fragen gerne zurück.

Verehrter Herr Professor Gundlach,
willkommen im Gästehaus des Senats an der Alster. Willkommen zur Feier Ihres 90. Geburtstages. Wir freuen uns sehr, Sie aus diesem Anlass hier begrüßen zu dürfen.

Zugegeben: Ein wenig feiern wir uns an diesem Tag auch selbst. Hamburg ist heute anerkannt als Stadt der internationalen Fotografie, und dieser Erfolg ist eng an Ihren Namen, verehrter Herr Gundlach, geknüpft:
• an zahllose Modestrecken in Magazinen – etwa 5.000 Seiten sollen es allein für die „Brigitte“ gewesen sein;
• an virulente Ausstellungen in Ihrer PPS- Galerie, in der Sie sehr früh Fotokünstler wie Robert Mapplethorpe, Martin Kippenberger oder Nan Goldin vorgestellt und jungen Künstlern wie Wolfgang Tillmans ein Forum gegeben haben, als noch kaum jemand etwas mit diesen – heute berühmten – Namen verband; dies hat Sie, quasi nebenbei, auch zu einem großen Kurator gemacht;
• an die Triennalen der Photographie Hamburg, die sich seit 1999 zu einem aufregenden Fotofestival entwickelt haben – wie ich mich im vergangenen Jahr selbst habe überzeugen können;
• an unser schönes Haus der Photographie in den Deichtorhallen, dem Sie als sein Gründungsdirektor in einer sehr besonderen Weise verbunden sind und dem Sie den zentralen Teil Ihrer Sammlung – denn ein bedeutender Sammler von Fotografie sind Sie ja auch – als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt haben.

90 Jahre. Das ist ein Zeitraum, der bis in die Weimarer Republik zurückreicht. Damals prägte das Bauhaus eine neue Generation von Fotografen, und Martin Munkásci, Modefotograf der „Berliner Illustrierten“, ließ die Models nicht mehr nur stehen oder sitzen, sondern auch laufen. Sie, Herr Professor Gundlach, haben Munkásci, der 1934 nach New York ins Exil ging und nach seinem Tod 1963 in Vergessenheit geriet, 2005 anlässlich der Eröffnung des Hauses der Photographie mit einer gefeierten Schau wiederentdeckt. Auch das gehört zu Ihren großen Leistungen: etwas und jemanden zu entdecken und international bekannt zu machen.

Aber gehen wir noch einen Schritt zurück. Es lohnt sich, die Höhepunkte Ihres Schaffens, wenn auch nicht alle, so doch wenigstens einen in jedem Jahrzehnt, zu nennen:

1936. Immer mehr Laien fangen an zu fotografieren. Auch der zehnjährige Franz Christian macht seine ersten Fotos – darunter Selfies, wie wir heute sagen würden. Denn das Besondere an seiner Agfa Box, die der Onkel dem Jungen geschenkt hat, ist, dass sie einen Selbstauslöser hat. Hier ist sie schon: die Fotografie als Ausdruck und Medium des Ichs.

1946. Der zwanzigjährige F.C. Gundlach kehrt tuberkulosekrank aus der Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurück. Nach seiner Genesung rettet er sich aus dem großen Schrecken in die Fotografie, weil er in ihr das Leben sieht und darin seine Zukunft. Der junge Mann entscheidet sich, das Fotografenhandwerk von der Pieke auf zu lernen.

1956. F.C. Gundlach macht Hamburg zum Lebensmittelpunkt. Die Stadt wächst als Medienstadt und F.C. Gundlach wächst mit seinem Metier mit. Er arbeitet die nächsten Jahre für „Film und Frau“ „Stern“, „Quick“ und viele andere, und er bereist die Welt. Rio, New York, Paris, Berlin werden zu geografischen Bezugspunkten seines Schaffens. Er fotografiert Mode an der Copa Cabana, den Pyramiden von Gizeh, auf den Dächern von Manhattan – und im Hamburger Hafen, gerne mit seiner Leica. Als einer der ersten nutzt er die Vorteile der Kleinbildkamera.

1966. Romy Schneider, Hildegard Knef, Rainer Werner Fassbinder, Catharina Valente, Jean-Luc Godard – F.C. Gundlach hat sie alle vor der Kamera. Es entstehen Charakterstudien, die in der Inszenierung größte Nähe aufscheinen lassen. Das Publikum hat Romy Schneider mit anderen Augen gesehen, nachdem F.C. Gundlach sie in seinem Hamburger Atelier fotografiert hatte.

In diesem Jahr schließt F.C. Gundlach auch einen Exklusivvertrag mit der „Brigitte“, wo die gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen im Moderessort neue Spielräume eröffnen. „Meiner Meinung nach waren die 60er Jahre die wichtigste Dekade des vergangenen Jahrhunderts“, urteilt er später.

1976. F.C. Gundlach, der Vielseitige, hat sein Startup PPS erfolgreich etabliert. Im Bunker an der Feldstraße befindet sich nun eine erste Adresse für fotografische Dienstleistungen, die Fotografen aus aller Welt anzieht. Auch Irving Penn ließ hier seine rotstichig gewordenen Dias bearbeiten. 1975 kommt eine Galerie hinzu – es ist die erste reine Fotogalerie Deutschlands. Dort zeigt er Anfang der 80er als erster in Europa die Fotografien von Robert Mapplethorpe – nur zwei der Werke konnte er damals verkaufen, 20 übernahm er in seine Sammlung.

1986. Die Künstler entdecken die Fotografie wieder für sich. Für Sigmar Polke, Martin Kippenberger und andere ist sie nun ein Medium von vielen, mit denen künstlerisch gearbeitet wird. Auf Umwegen kehrt die Fotografie so ins Museum zurück. 1986 ist auch der 60. Geburtstag von F.C. Gundlach, der sich aufs Sammeln und Kuratieren konzentriert. Die Arbeit als Autor und das Unterrichten treten in den Vordergrund. In den Folgejahren wird F.C. Gundlach als Professor berufen, erst an die Hochschule der Künste in Berlin, später (2000) dann auch als Ehrenprofessor an die Hochschule für bildende Künste Hamburg.

1996. F.C. Gundlach beginnt, sich mit den digitalen Medien und der Zukunft der Fotografie zu befassen und zugleich wieder mit dem Fotojournalismus seit der Weimarer Republik. Mit der Ausstellung in den Deichtorhallen, „Das deutsche Auge – 33 Blicke auf unser Jahrhundert“ des wegweisenden Arbeitskreises Photographie Hamburg e.V., dem F.C. Gundlach vorsteht, wird – auch mit Hilfe des Senats (der Kulturbehörde) – der Grundstein gelegt für die Triennalen der Photographie Hamburg.

Einige Jahre später erzählt F.C. Gundlach die politische Geschichte der Bundesrepublik noch einmal im Hühnerposten, wo er übermalte, bekritzelte und besprayte Wahlplakate aus über 30 Jahren präsentiert. Die Schau trägt den schönen Untertitel „Die kleine Rache des Souveräns“.

2006. Der 80. Geburtstag. F.C. Gundlach hat über die Jahrzehnte tausende Werke zum „Bild des Menschen“ in der Fotografie gesammelt und stellt aus diesem Bestand aufregende Ausstellungen zusammen wie „The Heartbeat of Fashion“. Es sind „Herzschläge“ und Impulse auch für das noch junge Haus der Photographie, die den Hamburgerinnen und Hamburgern im Gedächtnis bleiben.

Womit wir zum Jahr 2016 kommen.

Werter Herr Professor Gundlach,
für Ihre Ausstellungen, die immer auch ein internationales Publikum angezogen haben, gebührt Ihnen großer Dank und besonders für die Übergabe eines wichtigen Teils Ihrer seit 1975 aufgebauten Privatsammlung als Dauerleihgabe an die Stadt Hamburg. Seit dem Jahr 2000 trägt auch eine Stiftung Ihren Namen, die sich in vielfältiger Weise um die Fotografie kümmert.

Ich weiß, dass Ihnen trotz allem, was Sie in Ihrem Leben ermöglicht und erreicht haben, doch zunehmend auch noch etwas Anderes sehr am Herzen liegt, etwas, was noch ungelöst ist, etwas, was Sie als unfertig empfinden, ja, was Sie bedrückt: die Frage, wie jetzt und in Zukunft mit den – meist noch analogen – Nachlässen deutscher Fotografinnen und Fotografen sinnvoll und bewahrend umgegangen werden kann.

In Deutschland haben wir gerade begonnen, uns erstmals auch auf nationaler Ebene mit Fragen des deutschen Filmerbes zu befassen; die Bearbeitung des deutschen Foto-Erbes steht hingegen noch am Anfang. Das wird aber kommen, lieber Herr Gundlach! Noch hat der Film einen Vorsprung in der Diskussion, doch das ändert sich allmählich – nicht zuletzt, weil Sie hierzu immer wieder initiativ geworden sind und darauf hinweisen, dass auch das Erbe der Fotografie eine gesicherte Zukunft braucht. Diesem Erbe, zu dem ganz wesentlich F.C. Gundlachs Lebenswerk als Fotograf und Sammler gehört, fühlen wir uns in Hamburg auf besondere Weise verpflichtet.

Wohl niemand hat in Deutschland über Jahrzehnte hinweg so viel für die Fotografie getan wie F.C. Gundlach. Und niemand hat unseren Blick für den Zeitgeist, die Mode und den Menschen, der die Mode trägt, so geprägt wie Sie, werter Herr Gundlach.

„Man muss mit den Menschen Zeit verbringen, über die man berichtet“, haben Sie einmal gesagt. Das lässt sich auf die Bilder – auch auf Ihre Bilder – übertragen. Fotografien bleiben. Man kann sie anschauen, so lange man will. Und man muss sie immer wieder anschauen, damit sich die Inszenierungen und die grafischen Kompositionen erschließen. Durch die Inszenierung und die Komposition haben Sie die jeweilige Zeit genauso wie ihre Menschen nahegebracht. Dies gelingt nur selten, aber Ihnen ist es gelungen, indem sie dem Anderen auf Augenhöhe begegnet sind. So sind Sie zum Kern der Zeit und der Person vorgedrungen.

Sehr geehrter Herr Professor Gundlach,
Ich wünsche Ihnen im Namen des Senats der Hansestadt alles Gute und gratuliere noch einmal herzlich zum Geburtstag.

Vielen Dank!
 

Danke für Ihr Interesse!

Ich wünsche eine Übersetzung in:

Themenübersicht auf hamburg.de

Empfehlungen

Symbol für Schließen Schließen Symbol für Menü üffnen Aktionen