25. Juli 2016 Eröffnung Wanderausstellung zum 50-jährigen Bestehen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

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Rede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Eröffnung Wanderausstellung zum 50-jährigen Bestehen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Sehr geehrter Herr Königshaus,
sehr geehrter Herr Präses,
sehr geehrte Frau Dr. Nocke,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, gemeinsam mit Ihnen die Wanderausstellung "Israelis & Deutsche" der Deutsch-Israelischen Gesellschaft eröffnen zu können. Die Organisatoren haben einen guten Zeitpunkt und mit Hamburg auch einen sehr passenden Ort gewählt. „Wir bitten Israel um Frieden“, so lauteten die ersten öffentlichen Worte für eine Annäherung an den jüdischen Staat, und diese Worte kamen vor 65 Jahren im Sommer 1951 aus Hamburg.

Formuliert hat sie der Hamburger Journalist Erich Lüth, der damals auch Direktor der Senatspressestelle war. Mit zwei Zeitungsartikeln, am 31. August und 1. September 1951, und einem ausführlichen Gespräch im Radio hatte er gemeinsam mit Rodolf Küstermeier, dem späteren Israel-Korrespondenten der dpa-Hamburg, eine Friedensinitiative gestartet. Mit den öffentlichen Stellungnahmen machte Lüth deutlich, was hier auch zu Beginn der Ausstellung zitiert wird: „Alle anständigen Deutschen wünschen den Frieden mit Israel“.

Den Veröffentlichungen vorausgegangen war eine Zeit des politischen Schweigens. David Ben Gurion, Staatsgründer und damaliger Ministerpräsident Israels, hatte deutlich gemacht, dass sein Land für einen Friedensschluss mit Deutschland nicht bereit sei, weil es an konkreten Beweisen für einen Gesinnungswandel fehle. Dass die Adenauer-Regierung darauf nicht reagierte, erlebten die beiden Hamburger als unerträglich. Sie waren sich einig, dass es im Verhältnis zu Israel und Juden (Zitat) „keine weiteren Versäumnisse mehr geben dürfe.“

Die Hamburger Aktion „Wir bitten Israel um Frieden“ wurde von vielen Politikern und Journalisten, darunter Willy Brandt, Adolf Grimme, Carlo Schmid und Axel Eggebrecht, unterstützt. Sie löste in Deutschland und im Ausland enorme Zustimmung aus.

Erich Lüth richtete die Bitte in Briefform zugleich auch an den Präsidenten des Staates Israel, Chaim Weizmann, an David Ben Gurion und Dr. Nahum Goldmann, Präsident des jüdischen Weltkongresses. Am 24. September folgte die Antwort von Gershon Avner (damals Direktor des Israelischen Außenministeriums). Er schrieb an Lüth: „Keine Macht der Erde wird in den Herzen des jüdischen Volkes die Erinnerung an seine Märtyrer, seine Opfer des (Nationalsozialismus), auslöschen. (…) Nur wenn die in Ihrem Artikel und in Ihren Briefen ausgedrückte Haltung von der gesamten deutschen Bevölkerung und ihrer Regierung geteilt wird, könnte es die Möglichkeit einer Versöhnung geben.“

Die Botschaft war klar: Avner erklärte hier so etwas wie das Konzept für die Verhandlungen mit Deutschland. Das aus Hamburg kommende Bekenntnis eines „Anderen Deutschlands“ (Lüth) war gehört worden. Die erste Verlautbarung der israelischen Regierung über die Gestaltung der Beziehungen zu Deutschland nach dem Krieg ging an die Hamburger Adresse Blumenau 27.

Hat die Hamburger Aktion auch Bonn zu einer Stellungnahme motiviert? Oder war es nur eine Koinzidenz? Das mögen historische Studien erforschen. Sicher ist: Wenige Tage später, am 27. September 1951 gab Adenauer im Bundestag eine Regierungserklärung ab. Zitat: „Die Bundesregierung und mit ihr die große Mehrheit des deutschen Volkes sind sich des unermesslichen Leides bewusst, das in der Zeit des Nationalsozialismus über die Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten gebracht wurde. (…) Im Namen des deutschen Volkes sind (…) unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten“, heißt es darin. Alle Fraktionen stimmten zu, der Weg war frei für Verhandlungen.

Dank der wunderbaren Ausstellung können Sie sehen, dass auch damit der Beitrag Hamburgs noch nicht erledigt war. Das liegt unter anderem daran, dass im Luxemburger Abkommen von 1952 auch Erstattungen in Form von Warenlieferungen vereinbart wurden. Der 1923 in Beckum (Deutschland) geborene Journalist und Friedensaktivist Uri Avnery schildert die Begegnungen, die daraus entstanden: „Wenn ein deutsches Schiff im Rahmen der Wiedergutmachung Israel gegeben wurde, musste eine Mannschaft ausgebildet werden. (…) Die Mannschaft musste natürlich nach Hamburg kommen und einige Monate in Hamburg leben, um zu lernen, wie man ein Schiff benutzt. (…) Und langsam, ohne dass jemand es überhaupt merkte, und dass jemand irgendwelche offiziellen Zugeständnisse machte, waren plötzlich Deutsche in Israel, Israelis in Deutschland, hatten menschliche Beziehungen.“

In Hamburg entwickelte sich ein reges zivilgesellschaftliches Engagement. 1952 wurde die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit gegründet. 1966 wurde die Deutsch-Israelische Gesellschaft in Berlin gegründet, seit April 1975 gibt es den Hamburger Landesverband. Gerne erwähne ich auch, dass die Jüdische Gemeinde in Hamburg mit etwa 3.500 Mitgliedern heute eine der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands ist.

Deutschlands Verhältnis zu Israel ist immer etwas Besonderes. Unsere Freundschaft zu Israel – die Beziehungen auf höchster Ebene ebenso wie die Begegnungen der Bürgerinnen und Bürger – kann nie ohne die Verbrechen des Nationalsozialismus verstanden werden. Deshalb legen wir in Hamburg großen Wert auf das Besuchsprogramm des Senats für jüdische ehemalige Bürgerinnen und Bürger sowie ihre Kinder.

Wir müssen heute mehr und mehr auf die unmittelbare Zeugenschaft derer, die den Holocaust überlebt haben, verzichten. In Israel, Deutschland, den USA, den Niederlanden und vielen anderen Ländern wird fieberhaft daran gearbeitet, die Geschichten der Zeitzeugen in Wort, Ton und Bild zu dokumentieren. Der Publizist Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der leider kürzlich verstorben ist, hat gesagt: „Wer einmal einem Zeitzeugen zugehört hat, der wird selbst zum Zeitzeugen“. Er konnte das beurteilen, wir müssen uns darauf verlassen.

Die zweite Generation trägt die Erinnerungen weiter, es wird nun immer mehr auch Aufgabe der dritten Generation. Auch die Erinnerungen an die Zeit der Annäherung müssen wir bewahren, der Ausstellung "Israelis & Deutsche" gelingt das in ganz hervorragender Weise. Mit einem Blick hinter die Kulissen und einem großartigen Gespür für die zwischenmenschliche Seite haben die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die Kuratorin Dr. Alexandra Nocke eine neue Perspektive eröffnet. Diese bemerkenswerte Dokumentation baut eine Brücke für die Zukunft ohne die Vergangenheit zu vernachlässigen, zu verdrehen oder zu verleugnen.

Es gehört zu den tiefen moralischen Verpflichtungen deutscher Politik ein verlässlicher Partner für Israel zu sein. Diese besondere Verantwortung Deutschlands betrifft den Respekt für den Staat Israel, für seine demokratischen Entscheidungen und das nationale Interesse an der gesicherten Existenz des jüdischen Staates. Rudolf Dreßler, der von 2000 bis 2005 deutscher Botschafter in Israel war, hat das, wie später auch Bundeskanzlerin Merkel, als „Teil unserer Staatsräson“ bezeichnet. 

Verbunden damit ist ein Bildungsauftrag, der beide Aspekte unserer Beziehung umfassen muss: Die Erinnerungen an das Unrecht wach zu halten und zugleich einen interessiert-realistischen Blick auf das heutige Israel zu ermöglichen.

Israel ist die einzige echte Demokratie in der ganzen Region. Freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und die Akzeptanz von Homosexualität gehören zur offenen Gesellschaft Israels dazu. Zu den Realitäten Israels gehört immer auch die besondere Sicherheitslage. Wir sind es als EU-Bürger gewohnt, unsere Nachbarn ohne Grenzkontrolle besuchen zu können. Grenznahe Städte wie Flensburg oder Konstanz sind bei uns Ferienorte. Israel und seine Bürger dagegen leben seit der Staatsgründung in einem Zustand permanenter Bedrohung. Auch der Pazifist Erich Lüth wurde schon bei seiner ersten Reise durch Israel ein Anhänger der Verteidigungsbereitschaft.

Die Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), deren Gründung sich in diesem Jahr zum 50ten Mal jährt, hat außerordentlich dazu beigetragen, die Beziehungen unserer Länder zu festigen und zu intensivieren. Sie ist eine freundliche und beharrliche Stimme für die Verbundenheit zu Israel, für Toleranz und Verständigung.

Auch in Hamburg ist die DIG sehr aktiv. Ihre Arbeit wird unterstützt und ergänzt durch vielfältige deutsch-israelische Kulturkooperationen, Austauschprogramme für Jugendliche und Geschichtswerkstätten auf staatlicher Ebene und von NGOs. Das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung arbeitet zusammen mit der International School for Holocaust Studies (ISHS) Yad Vashem und es gibt intensive fachliche Zusammenarbeit in fast allen Hamburger Hochschulen.

Hamburg gehört zu den europäischen Erstunterzeichnern der internationalen Kampagne „Bürgermeister gemeinsam gegen Antisemitismus.“ Wir betonen damit, dass Antisemitismus unter keinen Umständen mit den fundamentalen Werten einer Demokratie kompatibel ist. Angesichts der großen Tradition und der Bedeutung Hamburgs als Weltstadt habe ich auch sehr gerne das Angebot angenommen, Ehrenmitglied der International Raoul Wallenberg Foundation (IRWF) zu werden.

Ganz besonders aber freut mich zu lesen, dass der israelische Schriftsteller Etgar Keret in der Ausstellung mit den Worten zitiert wird: „Außerhalb Israels gehört Deutschland – oder genauer Berlin oder Hamburg – zu den Orten, an denen ich mich am wohlsten fühle.“ Das ist ein schönes Lob für unsere Städte und ein großer Auftrag so weiter zu machen.

Vielen Dank!
 

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