31. August 2016 Gedenken an Egbert Kossak

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Rede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Gedenken an Egbert Kossak

Sehr geehrte Frau Kossak und Familie,
sehr geehrte Frau Loosen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

in der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen hängt an einer Wand ein Bild, das viel über den Stadtplaner Egbert Kossak aussagt. Es handelt sich um eine schon wegen ihrer Größe von 2,45 Meter mal 1,45 Meter beeindruckende Skizze, die auf einen Holzrahmen gezogen ist und eher an ein Kunstwerk als an eine Architekturzeichnung denken lässt: Zu sehen sind turmhohe Häuser am und auf dem Wasser, die zu schweben scheinen. Sie haben die Form eines Segels und drehen sich mit der Sonne.

Häuser wie Segel – einer von vielen visionären Entwürfen beim 5. Bauforum 1993. Umgesetzt wurde er nicht. Aber die Freiheit des Denkens und Planens, die auf Egbert Kossaks Foren herrschte und die aus der Skizze spricht, wirkt immer noch ansteckend.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wie Egbert Kossak andere und sich selbst begeistern konnte – daran denken wir gerne an diesem Tag, der anders geplant war und an dem wir nun trauern statt zu gratulieren.

Dass der Anlass unserer Begegnung sich auf diese Weise gewandelt hat, erfüllt mich mit großem Bedauern. Was uns nun bleibt, ist die Erinnerung – die Erinnerung an das, was wir Egbert Kossak verdanken.

Hamburg trauert um einen großen Stadtentwickler. Und Hamburg trauert mit Ihnen, verehrte Familie Kossak. Im Namen des Senats und aller Hamburgerinnen und Hamburger möchte ich Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen.

Egbert Kossak war ein bedeutender Oberbaudirektor. Er hinterlässt in Hamburg ein umfangreiches Lebenswerk. Lassen Sie uns, wie es guter Brauch ist, gemeinsam noch einmal die wichtigsten Wegmarken seines Schaffens abschreiten.

Meine Damen und Herren,

mit der Erinnerung an Egbert Kossak gehen wir zurück in die stadtplanerischen Aufbruchsjahre unserer Stadt. Denn dieser Oberbaudirektor hat in Hamburg eine Zeitenwende vollzogen. Er hat die Idee der gegliederten, aufgelockerten und autogerechten Stadt verworfen, den Verbrauch an Flächen eingedämmt und den Stadtraum neu gesehen. Mit ihm wurde endlich auch wieder darüber nachgedacht, was als hässlich und was als schön empfunden wird.

Schaut man sich die Themen der Bauforen an, dann sieht man, wie früh Egbert Kossak die Chancen der Stadt gewittert hat: 1985 die Perlenkette am Elbufer, 1989 das Gebiet der späteren Hafencity, 1993 die stärkere Mischung von Industrie, Gewerbe und Wohnen – das alles wurde damals schon in verschiedensten Entwürfen durchgespielt.

Meine Damen und Herren,

seit Egbert Kossak 1981 das Amt des Oberbaudirektors übernommen hat, ist Hamburg urbaner, lebendiger, architektonisch unverwechselbarer geworden. Die Innenstadt rückt an die Elbe, große Teile der Hafencity sind gebaut. In Altona, Wilhelmsburg oder im Hamburger Osten entstehen neue Quartiere: urban und grün, kinderfreundlich, ökologisch und sozial gemischt. Diese Entwicklung ist das Ergebnis langjähriger Prozesse und wäre ohne den Oberbaudirektor Egbert Kossak in dieser Weise nicht vorstellbar.

Es war Egbert Kossaks Überzeugung, dass man die Stadt als Ganzes sehen und in ihren verschiedenen Dimensionen wahrnehmen müsse: architektonisch, historisch, sozial, wirtschaftlich. Diese Multiperspektivität zog sich durch sein gesamtes stadtplanerisches Schaffen.

Deshalb hat er die herausragenden Gebäude oder natürlichen „Merkpunkte“ in Beziehung zu den Wohnquartieren gesetzt, entlang natürlicher und gewachsener Achsen geplant und sich einzelnen Bauwerken genauso wie dem zusammenhängenden Raumgefüge gewidmet. Und er hat eine Vorstellung gehabt, was Stadt, was Hamburg sein sollte: ein bewusst gestalteter Lebensraum, eine Heimat, ein Ort der Kreativität und Innovation, eine – wie er es formulierte – „Stätte der sozialen Sicherheit und der gesellschaftlichen Bindungen“.

Der Oberbaudirektor Egbert Kossak hatte ein wohlbegründetes „ästhetisch-städteräumliches Leitbild“. Dieses sei – so formulierte er es 1985 – „klar bezogen auf eine räumliche Dimension, die sich an Raumqualitäten orientiert, die aus der Gründerzeit kommen und die in den gedanklichen und auch städtebaulichen Ansätzen Schumachers vorhanden waren. Die auch Orientierungsmöglichkeiten schafft auf Plätze und Wasserzonen, also auf Alster, Kanäle und Elbe.“

Die Hinwendung zum Wasser, die Entdeckung der „amphibischen Stadt“, wie er es nannte, kann denn auch als das wichtigste Vermächtnis des Stadtentwicklers Egbert Kossak gelten. 

Ich kann mich noch gut daran erinnern: an die Waterkant ohne Promenade, den Fischmarkt ohne restaurierte Fischauktionshalle, den Baumwall ohne das Gruner + Jahr-Gebäude, das unbebaute Gebiet der Hafencity. Doch man möchte sich Hamburg ohne die städtebaulichen Erneuerungen durch den Oberbaudirektor Egbert Kossak nicht mehr vorstellen.

Als Egbert Kossak 1981 sein Amt antrat, hieß es, die City sei tot. Als er 1999 in den Ruhestand ging, hinterließ er eine unter anderem durch das Passagenviertel lebendigere Innenstadt, die angelegte Perlenkette entlang des Elbufers, eine attraktive Fleetinsel, auf der Arbeiten und Wohnen nebeneinander Platz fanden. St. Georg, St. Pauli, Ottensen und das Schanzenviertel waren zu begehrten Wohngegenden geworden. Und in Allermöhe war ein neuer Stadtteil entstanden, der in vielem als vorbildlich gelten darf.

Egbert Kossak war tief in Hamburg verwurzelt. Nur wenige kennen die Stadt, wie er sie kannte. Wobei sich seine Kenntnis der Details mit einem geradezu haptischen Gespür für Bauten verband, die er auch aus dem Blickwinkel des gelernten Maurers betrachten konnte. Häufig rückte er in der Modellwerkstatt, die es zu seiner Zeit an der Stadthausbrücke gab, die geplanten Gebäude im Maßstab 1:500 hin und her – so berichten es Weggenossen.

Vor allem aber nahm er mithilfe des Modells die Stadt als Ganzes ins Visier. Letzteres tat er auch real. Hamburg aus der Luft: Vom Hubschrauber aus erschloss er sich Flächen, Achsen und Zusammenhänge. Die Fotobände, die nach den Flügen entstanden, bilden heute eine eindrucksvolle visuelle Stadtchronik der 80er und 90er Jahre.

Die Flüge über der Stadt müssen für Egbert Kossak ein großes Vergnügen gewesen sein – so hoffe ich es zumindest. Vor allem aber erlaubten sie es dem Stadtentwickler in vor-digitalen Zeiten, sich ein wirklichkeitsgetreues Bild des vollständigen Stadtkörpers zu machen.

Egbert Kossak entwickelte einen ausgeprägten Sinn für gewachsene Strukturen. Keine Stadtplanung ohne Stadtgeschichte. Kossak wollte, wie er es ausdrückte, dass „die Jahresringe der Entwicklung ablesbar bleiben und jeder Bürger die Möglichkeit hat, sich mit dem zu identifizieren, was ihm ans Herz gewachsen ist“. Heimat verstand er als „gefühlsmäßige Sicherheit“, die aus der erlebten baulichen Kontinuität entsteht. Jeder neue Planungsschritt musste sich deshalb im historischen Kontext bewähren.

Aufgewachsen zwischen Jarrestadt, Johanneum und Grindel wurde diese Sensibilität für die geschichtlichen Zusammenhänge schon früh angelegt. Die Schumacher´sche Backsteintradition und die Gründerzeit wurden wichtige Orientierungsmarken. Manches Schmuckstück aus jenen Jahren, wie den Marinehof auf der Fleetinsel oder das ehemalige Straßenbahndepot am Eppendorfer Falkenried, hat Egbert Kossak vor dem Abriss bewahrt. Vor allem aber hat er die Gründerzeitviertel in ihrem Zusammenhang saniert und erneuert. Heute gehören sie zu den besonders schönen und lebendigen Gegenden Hamburgs.

Man darf diese Bezogenheit auf die Geschichte nicht missverstehen. Egbert Kossak war kein Nostalgiker. Er hat Hamburg für die moderne Architektur geöffnet.

Als Oberbaudirektor ließ er Massimilio Fuksas am Herrengraben, Hadi Teherani in der ABC-Straße und Norman Foster am Rothenbaum bauen, um nur einige Beispiele zu nennen. Über Wettbewerbe sprach er gezielt die internationale Architektenszene an. In Hamburg gefiel das damals nicht jedem, aber der Stadt hat es gutgetan. Denn immer setzte Egbert Kossak die aus den Wettbewerben heraus entstandenen modernen Bauten in Beziehung zu ihrem historischen Umfeld. Strikt achtete er darauf, dass sie sich im Material oder im Volumen in die bestehenden Ensembles einfügten.

Diese Sensibilität zieht sich wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk. Bereits 1961 – damals studierte er noch an der TU Berlin – wandte Egbert Kossak sich an die Hamburger Bürgerschaft, um den Bau eines hohen Gartenschau-Turmes am Millerntor zu verhindern. „Der Charakter der hamburger Stadtsilhouette würde durch diesen Bau zerstört und der vorhandenen wie zukünftigen Bebauung des Millerntores jeder Maßstab genommen“, schrieb der Student damals. Der Turm wurde dann mangels Finanzierbarkeit verworfen.

In die frühen Jahre fiel auch seine erste Beschäftigung mit Allermöhe. Wie kann man einen neuen Stadtteil bauen, ohne die Fehler der Großsiedlungen aus den 60er und 70er Jahren zu wiederholen? Bereits 1973 gab Egbert Kossak, der gerade in Stuttgart einen Lehrstuhl übernommen hatte, zusammen mit der Freien Planungsgruppe Berlin einen Wettbewerbsentwurf ab für ein Quartier mit Grachten und Grün, Hafen und Höfen. Heute stellt sich für uns die gleiche Frage neu, weil wir gelernt haben, dass wir die wachsende Wohnungsnachfrage nicht nur durch Verdichtung als Stadt in der Stadt entwickeln können, sondern die Stadt auch an neuen Orten werden bauen müssen.

Meine Damen und Herren,

Egbert Kossak war ein großer Stadtentwickler. Und er hat die Stadtentwicklung zum Stadtgespräch gemacht. Dieser Oberbaudirektor hat die Öffentlichkeit nicht nur gesucht, er hat sie oft überhaupt erst hergestellt.

Die Grundlagen seiner Arbeit hat er auch in zahlreichen Büchern beschrieben und erklärt. Egbert Kossak ist ein bedeutender Architekturhistoriker und Chronist Hamburgs – ein Stadtschreiber, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Liebe Familie Kossak,
sehr geehrte Damen und Herren,

Hamburg schaut voller Anerkennung auf das Lebenswerk von Egbert Kossak. Seine Vorstellung einer gerechten, urbanen, geschichtsbewussten und zukunftsgewandten Stadt soll uns auch weiterhin leiten.
Wir sind sehr traurig, dass Egbert Kossak die Feier der Architektenkammer zu seinem 80. Geburtstag nicht mehr erleben konnte. Aber in unseren Gedanken sind wir heute bei ihm. Und wir sind bei Ihnen, verehrte Familie Kossak.

Vielen Dank.

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