7. September 2016 Körberpreis für Europäische Wissenschaft

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Laudatio des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Körberpreis für Europäische Wissenschaft

Sehr geehrter Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Dr. Dittmer,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Clevers,
sehr geehrte Frau Doyenne,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

eine Eins mit 14 Nullen. Man könnte auch sagen: 100 Billionen oder 10 hoch 14. So viele Zellen etwa hat ein erwachsener Mensch. Populäre Wissenschaftsmagazine rechnen dem Laien gerne in anschaulichen Vergleichen vor, wie er sich eine so große Zahl vorzustellen hat. Zum Beispiel als eine Kette, die etwa 60 Mal um die Erde reicht. Einen Kilometer lang wäre hingegen die Aneinanderreihung jener 50.000 Zellen, die beim Menschen pro Sekunde absterben – und die, was noch wichtiger ist, in derselben Zeit neu entstehen. 

Was den Bogen zur heutigen Preisverleihung schlägt und zu Ihnen, verehrter Herr Professor Clevers: Willkommen in unserem Hamburger Rathaus. Ich gratuliere Ihnen herzlich zum Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft, den wir auch gerne und nicht ganz unberechtigt als Hamburger Nobelpreis bezeichnen.

Sehr geehrter Herr Professor Clevers,

auf Ihren Forschungen liegen große Hoffnungen. Der Kampf gegen Krebs oder schwerwiegende genetische Erkrankungen gehört zu den besonders drängenden Aufgaben der Medizin und der gesamten Lebenswissenschaften. Teilerfolge Ihrer Forschung, etwa Fortschritte bei der Heilung von Mukoviszidose, dürfen uns inzwischen etwas zuversichtlicher stimmen. Auch bei der Entwicklung individuell angepasster Therapien gegen Krebs gibt es Fortschritte – dank Ihrer Erkenntnisse.

Meine Damen und Herren,

es ist faszinierend, wie sich der Körper mithilfe adulter Stammzellen regenerieren kann: Haut wächst nach, neue Muskeln bilden sich, nach dem Blutspenden sorgen Stammzellen im roten Knochenmark für Ersatz. Aber diese besonderen Fähigkeiten der adulten Stammzellen haben eben auch eine Schattenseite. Und damit meine ich nicht die unterm Strich letztlich doch unausgeglichene Bilanz von Werden und Vergehen.

Sie, Herr Professor Clevers, haben herausgefunden, dass Stamm- und Krebszellen ähnlich funktionieren. Diese Ähnlichkeit zwischen der gesunden Erneuerung von Darmgewebe und der Entwicklung von Darmkrebs war die Grundlage einer ganzen Reihe von bahnbrechenden Arbeiten, durch die Sie die universelle Zell-Kommunikation und die Rolle der sogenannten wnt-Signale besser verstehen konnten.

Was regt die adulten Stammzellen zur Teilung an? Diese Frage führte Sie auf die Spur eines bestimmten Rezeptors – Ihren ersten Heureka-Moment haben Sie dessen Entdeckung einmal genannt. 2009 gelang es Ihnen dann, zusammen mit Ihrem Postdoc Toshiro Sato, aus einer einzelnen Darm-Stammzelle ein Darm-Organoid zu erzeugen, das viele Monate in der Petrischale überlebte – ein Durchbruch für die internationale Stammzellforschung.

Inzwischen werden nach Ihrer Methode in weltweit über 200 Laboren kleine, rudimentäre Organe gezüchtet. Der Weg, bis kranke Lebern oder Mägen durch Organoide geheilt oder gar ersetzt werden können, mag zwar noch lang sein. Aber um Science Fiction handelt es sich längst nicht mehr. Und bereits jetzt bringen die Organoide in der Forschung praktischen Nutzen, etwa beim Testen neuer Medikamente und bei der Entwicklung individuell zugeschnittener Chemotherapien. An Mäusen haben Sie im Labor sogar nachgewiesen, dass reimplantierte Leber-Organoide tatsächlich Leberfunktionen übernehmen können.

Sehr geehrter Herr Professor Clevers,

es ist unübersehbar: Sie haben uns in Hamburg mit Ihrer Forschung nicht nur beeindruckt, Sie haben uns begeistert. Begeisterung ist ein wichtiger Motor, das wusste auch der Stifter dieses Preises, der Hamburger Ehrenbürger Kurt A. Körber. Man unterstütze Menschen, die „nicht alles so lassen wollen, wie es ist“, sagt die Körber-Stiftung heute über ihre Aufgabe, und dieses Credo bezieht sie auch auf das eigene Tun.

Der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft entstand in einer Zeit, nämlich 1984, als Europa nicht nur politisch, sondern auch in Bezug auf die Wissenschaft geteilt war. Dass Russland sich zusammen mit vielen anderen Ländern an einem Projekt wie dem European XFEL, der 2017 in Hamburg in Betrieb gehen wird, beteiligt, wäre damals undenkbar gewesen. Erst durch die Einigung Europas haben wir ein so großes Maß an Freiheit und Kooperation gewonnen. Fest eingebunden in die europäische Gemeinschaft konnte Hamburg sich zu einem bedeutenden Zentrum für Innovation und Wissenschaft entwickeln. So hat sich etwa rund um das DESY internationale Spitzenforschung in der Material- und in den Lebenswissenschaften angesiedelt.

Hamburg ist ein guter Ort für die Europäische Wissenschaft. Dazu trägt auch das Engagement der Körber-Stiftung bei, für das ich, pars pro toto, noch zwei weitere Beispiele geben möchte:

  • Im Juni 2017 werden auf Initiative der Körber-Stiftung in Hamburg zum zweiten Mal Hochschulpräsidentinnen und -präsidenten aus aller Welt zusammenkommen, um über die Zukunft der Universitäten nachzudenken. Deren Aufgabe, so das Hamburg Protocol des ersten Treffens 2015, sei eine doppelte: die Generierung neuen Wissens für die Menschheit und die Bildung verantwortungsvoller Weltbürger.
  • Wie aber entsteht neues Wissen für die Menschheit? Wie wachsen verantwortungsvolle Weltbürger heran? Wir sind in Hamburg überzeugt, dass Spitzenforschung eine breite Basis braucht. Wissenschafts- und Bildungspolitik müssen Hand in Hand gehen. Deshalb entsteht, auch dies mit Unterstützung der Körber-Stiftung, an der Universität Hamburg ein einzigartiges Schülerforschungszentrum: 500 Quadratmeter Labore, Werkstätten und Arbeitsräume, in denen Jugendliche eigenen Forschungsfragen nachgehen können. Wir sind sehr gespannt auf die Eröffnung im Sommer 2017.

Lieber Herr Professor Clevers,

für Ihre weiteren Forschungen, insbesondere auf dem Gebiet der Gentherapie, für die Sie das Preisgeld einsetzen wollen, wünsche ich Ihnen aufschlussreiche Ergebnisse – ob nun mit oder ohne Heureka-Moment. Viel Erfolg auch am Utrechter Princess Máxima Center, dem neu eingerichteten pädiatrischen Krebskrankenhaus, an dem Sie seit kurzem tätig sind.

Herzlichen Glückwunsch zum Preis und alles Gute für die Zukunft!

Vielen Dank.
 

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