20. September 2016 Senatsempfang anlässlich des Historikertages

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Rede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Senatsempfang anlässlich des Historikertages

Exzellenz,
sehr geehrter Herr Bundesminister,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Prof. Schulze Wessel,
sehr geehrter Herr Bongertmann,
sehr geehrter Herr Prof. Lenzen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zum Senatsempfang anlässlich des 51. Historikertags. Zum zweiten Mal findet der Historikertag in Hamburg statt. 1978 waren Sie schon mal da. Die Anzahl der Teilnehmer hat sich seither exakt verdoppelt, ebenso übrigens wie die Bevölkerungszahl unseres diesjährigen Gastlandes Indien. Nun, ich bin mir nicht sicher ob es einen direkten Zusammenhang gibt, der historisch bedeutsam wäre. Aber bemerkenswert ist es schon.

Meine Damen und Herren,
als Politiker ist einem klar, dass die eigenen Handlungen - und Unterlassungen - in nicht allzu ferner Zeit dem historischen Urteil anheimfallen. Ein Urteil, das sehr unterschiedlich ausfallen kann. Aber genau davon profitieren wir, von eben dieser Kompetenz der historischen Zunft, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, sie in immer andere Zusammenhänge zu rücken, heute würde man sagen: immer neue Narrative zu entwickeln. 

So gehört die Skepsis gegenüber sicher geglaubten Wahrheiten, der Mut zur kritischen Auseinandersetzung mit vorgefassten Meinungen, das Misstrauen gegenüber festgefügten Welt- und Menschenbildern zur Motivation und zum Handwerkszeug Ihrer Disziplin.

Insofern haben Sie sich mit dem diesjährigen Motto „Glaubensfragen“ einen Gegenstand zum Thema gemacht, der Sie auf direkte Weise herausfordert. Denn Dogmen, Ideologien oder unverrückbare Überzeugungen, seien sie religiöser Prägung oder nicht, gehören zwar zu den politischen und gesellschaftlichen Triebkräften. Und sie zu untersuchen und historisch einzuordnen, ist das Eine. Doch dabei die gebotene Distanz zu wahren und nicht selbst dogmatisch oder ideologisch zu verfahren, ist das Andere.
Diese Gefahr sehe ich freilich weniger bei Ihnen, den Fachhistorikern, denn Sie wissen, historische Forschung braucht Diskussion und Irrtum als konstituierende Elemente. Erst wenn die Souveränität da ist, zu sagen, dass die eigene Erkenntnis nicht vollkommen und sogar fehlbar ist, bekommt historische Forschung einen Sinn. So reifte der Gedanke eines Forschungsgegenstands, den wir Geschichte nennen, zusammen mit dem der Aufklärung. Und deshalb ist die historische Disziplin heute mit der Demokratie so eng verbunden und verkümmert in Diktaturen und Ideologien.
Aber es gibt eben auch die Amateure historischer Bildung, die sich geschichtlicher Rückblicke selektiv bedienen, um dadurch gegenwärtige Ansichten oder fragwürdige Absichten zu legitimieren. Glaubensfragen dienen dann Machtfragen.

Und als einer, der sich sehr für Geschichte interessiert, frage ich mich, ob wir uns wirklich freuen würden, wenn historische Ereignisse im politischen Alltag im Vordergrund stehen. Man stelle sich mal vor, was geschieht, wenn Bürger aktuelle Herausforderungen vor dem Hintergrund des Wissens über die Belagerung von Wien, die Eroberung von Cordoba oder die Invasion in Grenada beantworten würden.

Vergangenheit ist gegen eine Indienstnahme durch aktuelle Interessen nicht gefeit. Aber man kann sich dagegen wappnen. Zum einen durch das Bewusstsein davon, dass Geschichte zwar vom Wandel der Welt erzählt, aber diese Erzählung selbst dem Wandel unterworfen ist.

Zum anderen kann sich die Geschichtswissenschaft dadurch vor plumper Instrumentalisierung schützen, dass sie erklärt, mit welchen Vorannahmen sie arbeitet.

Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles bewegt. Ich denke etwa an die wichtigen Impulse der Transfer-, Verflechtungs- und Globalgeschichte, an transnationale und transterritoriale Zugänge, die gerade auch im diesjährigen Programm zur Geltung kommen. All diese Ansätze betrachten die ökonomischen, kulturellen und gesellschaftlichen grenzüberschreitenden Beziehungen auf eine systematischere Art und Weise und stärker vergleichend als herkömmliche Nationalgeschichten es tun. Wobei es besonders der Globalgeschichte darum geht, die historische Analyse aus dem nationalstaatlichen Korsett zu befreien, bzw. präziser: es als solches erst sichtbar zu machen. Sie will historischen Fragestellungen nachgehen, ohne sich von vorne herein durch die Grenzen politischer Einheiten wie Nationalstaaten oder Imperien einengen zu lassen.

Diesen heuristischen Zugriff brauchen wir heute mehr denn je, denn er entspricht unserer unmittelbaren Lebenswirklichkeit. Wer hat in den letzten Jahren nicht gesehen, wie sich in Finanz- und Flüchtlingskrisen globale Ursachen lokal auswirken?

Als Helmut Schmidt vor bald 40 Jahren den Historikertag hier in Hamburg eröffnete, war der Blick der Geschichtswissenschaft überwiegend noch sehr viel stärker nationalstaatlich fokussiert als heute. Auf dem Terrain der damals sogenannten Weltgeschichte bewegten sich vornehmlich ältere, arrivierte Historiker - ganz im Gegensatz zur Selbstverständlichkeit globaler Perspektiven der heutigen Nachwuchsgeneration.
Dem Weitblick des damaligen Bundeskanzlers Schmidt war es jedoch seinerzeit schon zu eng, gerade sozioökonomische Entwicklungen nur national zu betrachten. Deshalb, so sagte er in seiner Eröffnungsrede, spricht er anstelle von Nationalökonomie lieber von „Internationalökonomie“. Sein Begriff mag im heutigen Sprachgebrauch der hypermobilen „historischen flows“ und „Zirkulationen“ etwas sperrig klingen, deutet aber auf das gleiche Phänomen einer dynamischen, grenzüberschreitend geprägten Realität.

Der Blick über die Grenzen hinaus gehört ins Curriculum. Auch das forderte Schmidt damals und bezog sich auf die wechselseitigen Einflüsse in der Geschichte der europäischen Kultur. Eine Geschichte Europas, seiner Sprachen, seiner Literatur, seiner Kirchen und Universitäten sei eine Geschichte, die aus der Vielfalt ihrer Vermischung und aus gegenseitiger Berührung entstanden sei. Es sei eine Geschichte, aus der weder Oxford, Cluny oder Sagorsk weggedacht werden könne, eine Geschichte, die Venedig und Nowgorod, die Prag und Aachen, die Paris und Krakau, die Byzanz und Rom miteinschlösse. Die Historiker sollten uns aus der nationalgeschichtlichen Enge herausführen und unseren Blick öffnen für die Vielfalt der geschichtlichen Konstellationen Europas und seinen Reichtum, der sich wechselseitiger Befruchtung verdanke.

Dieses Anliegen - und ich teile es - mag eurozentrisch erscheinen. Doch ist damit ja nicht gesagt, globale Bezüge auszuklammern, im Gegenteil. Europäische Geschichte ist ohne sie nicht zu denken, ohne die Geschichte der Migration, des Welthandels oder des Kolonialismus und Imperialismus.

In Hinblick auf unser Gastland Indien: Mich hat die Streitschrift des indischen Autors Pankaj Mishra – kein Historiker - gepackt, die nicht unumstritten ist: „Aus den Ruinen des Empires“. Pointiert und nicht übermäßig konziliant gegenüber „dem Westen“, mit zum Teil auch recht einseitiger Wertung und Schuldzuweisung lässt er anti-koloniales Denken und Fühlen in den Ländern Asiens und der arabischen Welt neu aufleben, wie es im 19. Jahrhundert schon existierte und verbreitet wurde. In einer Zeit, als Europa noch keinen Grund sah, an sich selbst als dem Zentrum der bekannten Welt zu zweifeln. Das ist heute anders und wir müssen uns mit dem Thema auseinandersetzen.

Angesichts der nicht einfachen Gegenwart Europas ist es eine historische Aufgabe, die Engführung von Geschichte auf die Geschichte von Nationalstaaten zu vermeiden. Das Erstarken rechtspopulistischer Tendenzen mag auch damit zu tun haben, dass sich durch nationale Geschichtsbilder das Dogma des Nationalismus immer noch relativ leicht wiederbeleben lässt.

Inwieweit sich Geschichte von aktuellen Interessen und Fragestellungen überhaupt leiten lassen darf, ist eine akademische Diskussion, die ich gerne Ihnen überlasse; bei der Frage, welche Rolle Geschichte in modernen, von Zuwanderung geprägten, demokratischen Gesellschaften spielt, sollten Sie jedenfalls mitreden.

Wir müssen uns gemeinsam den Konflikten stellen, die sich aus den Fragen an diese Gegenwart ergeben - den Fragen nach Sicherheit, nach Identität, nach der Wirkungsmacht kontroverser Glaubensfragen, kurz: nach der Zukunft. Denn pseudopolitische, pseudowissenschaftliche oder pseudoreligiöse Aktivitäten blühen dort auf, wo zuvor die verantwortliche Politik, Wissenschaft und Religion das Feld geräumt oder unbestellt gelassen haben.

Aus Geschichte, meine Damen und Herren, lassen sich zwar keine unmittelbaren Handlungsoptionen ableiten; aber sie schärft das Bewusstsein dafür, worauf unser Handeln beruht: auf der Vielfalt von Traditionen und Haltungen einerseits und andererseits auf der Einsicht, wie rasch die Errungenschaften der Demokratie, der Toleranz und des Pluralismus verloren gehen können und wie leicht Freiheit und Humanität zu gefährden sind.

Demokratie ist anstrengend, sie lebt von begrenztem Konflikt und einer beherrschbaren Konfliktregelung. Sie kann kein Garant für Einigkeit sein. Verklärende Reden rächen sich. Es geht darum, die Offenheit der Gesellschaft zu bewahren, ohne die Demokratie nicht gedeiht; denn Demokratie ist mehr als eine Staatsform. Sie ist eine gelebte Ordnung der Toleranz und des Pluralismus, gebunden an einen Bestand gemeinsamer Grundwerte.

Meine Damen und Herren, die historische Zunft hat uns gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Sie wissen – oder glauben zu wissen – wie die Dinge ausgehen, in welcher Weise Konflikte und Gefährdungen Wirkungsmacht entfalten. Das hat Ihnen den Ruf eingebracht, in der Vergangenheit die Zeichen der Zukunft zu erkennen, damit das Problem der Teleologie, aber zugleich den schönen Titel der „rückwärtsgewandten Propheten“, wie es Friedrich Schlegel formulierte.
Mit Blick auf den heutigen Zustand Europas heißt das für mich:

Europa braucht keine Mythen, denn es hat Geschichte. Was es braucht sind gute Historikerinnen und Historiker.

In diesem Sinne wünsche ich Ihrer Tagung den Erfolg, den sie verdient.

Vielen Dank! 

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